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Der Israelit · 1915-03-25 · Heft 13-14 (25.3.1915) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 13-14 (25.3.1915)
Date
1915-03-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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FsiMetoil-Veilage zu Nr. 13 u. 14 des „)sraelit. Feuilleton ■SEE Keine AnlerMhung ... Ein Bild aus de« New Yorker Emigrorrterrle-e» Als die junge Witwe Sarah Schalum alle Stränge reißen und gar keine Aussicht mehr vor sich sah, sich durch Arbeit und Verdienst die Mazzos für das nahende Pessachfest zu besorgen, wies sie immer noch die Versuchung, wie tausend andere das Gemeinde-Komitee um Unterstützung anzugehen, weit von sich. Sie hatte, als sie vor einigen Jahren aus Attauen ihrem Manne in die amerikanische Metropole folgte, alten Familenstolz mitgebracht, und sie legte ihn auch in diesem alles gletchmachendenden Völkerbabel nicht ab. Auch dann nicht, als ihr Mann starb und sie mit ihrem kleinen Kinde ganz allein und auf sich selbst gestellt, blieb . Lieber sollte schon das Kind eintreten und die Mazzos für sie verdienen. Nur keine Unterstützung. Dieses Kind war aber erst drei Jahre alt. Und etwas komisch und eigenartig war der Plan, den die junge Witwe faßte. Aber man war ja in Amerika, wo alles, ja alles, anders, komisch und eigenartig war. Sie hatte nämlich in einer Jargon-Zeitung von einer Kinder-Ausstellung gelesen. Da waren Preise von IM, 80 und 50 Dollar ausgesetzt für das schönste, gesundeste Kind. Ms. Schalum war gewiß, daß ihr Manchen alle drei Preise zugleich erringen würde. Aber einer würde schon für Mazzos und darüber hinaus reichlich langen- Als sie sich anschickte, ihr Söhnchen zu diesem Zwecke ordentlich herauszuputzen, sprach die liebe Nachbarin Ms. Pfeifermann, vor. Sofort entwickelte ihr die Witwe ihren Plan, „Hundert Dollars", meinte sie, „sind nicht zu verachten, und es ist doch gewiß nichts dabei, wenn man an feinem Kinde, das das schönste und liebste der Welt ist, etwas verdient. Warum lachen Sie denn, Ms. Pfeifermann?" „Wo lache ich?" antwortete die liebe Nachbarin und hielt den Atem an, um nicht mit lautem Gelächter herauszuplatzen, als sie sich das aschfahle, ausgemergelte Gesichtchen und die kranken, schwimmenden Augen des Kindes besah, „Ein schöner Träger des Höchstpreises für Kindergesundheit!" dachte sie: „Ich sage Ihnen", ereiferte sich die junge Mutter, „etwas Besseres und Lieberes kennt die Welt Nicht. Liegt stundenlang in seinem Bettchen, ohne einen Laut von sich zu geben. Weiß er doch, daß die Mutter schwer arbeiten muß. Reicht man ihm Nahrung, so verschlingt er sie gierig, verlangt aber nie danach. Ein paar Tropfen halb saurer Milch, ein Stückchen tr.ocknes Schwarzbrot, alles ist ihm recht, macht ihn glücklich und zufrieden. Nicht hundert, sondern tausend Dollars sollte der Preis eines solch geratenen Kindes sein." Ms. Pseifermann getraute kein Wort mehr zu anworten, da ihr das helle Lachen in der Kehle saß und mit jedem Worte in ganz respektloser Weise hervorzustürzen drohte. Da zog sie es lieber vor, das Haus zu verlassen und mit den Nachbarinnen den belustigenden „Fall" eingehend zu besprechen. Indes arbeitete Frau Schalum eifrig an der Ausschmückung des. Kandidaten für den Höchst-! preis der Kinderausstellung. Aus ihrem alten weißen Brautkleid konnte sie mit eigenen Händen ein ganz würdiges Festgewand zurechtfltcken. Spitzen, Schleifchen, Bändchen und alle möglichen Tuch- und Seisenfetzen wurden aus alten Kisten und Kasten herausgekramt und bald war ein seltsames Phantasiekostüm zusammengestellt, würdig des seltenen Kindes und seines Ehrentages. — Etwas beschämt betrat die junge Mutter nkit dem Kinde aus dem Arm das Gentlemen- Haus, in der die Ausstellung untergebracht war. Die Ehrendamen und die Aerzte warfen sich beim Eintreten der Frau und des Kindes vielverstehende Blicke zu. Es ging eine stille Aussprache von Auge zu Auge. Ein Arzt sah sich das Kind an. Das Herz der Mutter pochte in Freude, Erwartung und hohem Mutterstolz. „Ein goldenes Kind", fing sie an, „liegt stundenlang, ohne einen Laut von sich zu geben. Nimmt alle Nahrung gierig zu sich, saure Milch, schwarzes Brot. Er weiß, wie schwer die Mutter arbeitet" usw. usw. Wieder tauschten die Damen und die Aerzte vielsagende Blicke aus. Eine stille Verabredung. „Wirklich ein prachtvolles Kind", sagte der Arzt ernst und gütig. „Nehmt es mit heim, werden schon sehen, was weiter geschehen kann." WaS konnte anders geschehen, als ihm den ersten Preis zusprechen? Ueberglücklich und ganz berauscht, von dem Erfolg ihres Kindes kehrte Ms. Schalum heim. Die Worte des Lobes machten sich schon glücklich genug, den Preis konnte sie nun ruhig abwarten. Dieser kam auch schon nach wenigen Stunden. Zuerst kam eine Lady im Wagen angefahren und brachte ein Bündel voll neuer, schneeweißer Wäsche und schöner Kleidchen. Nach einigen Stunden sprach auch der Arzt von der Ausstellung selbst in der armseligen Behausung der Witwe vor und brachte allerlei Fläschchen voll Medizin und Stärkungen mit. „Ein prachtvolles Kind", beteuerte er, „nur nicht ganz in der Reihe, muß dies und das trinken." Kaum war der Arzt fort, kam auch eine vornehme junge Frau, um sich das Wunderkind anzusehen. Und als sie ging, lag auf dem Tisch ein Hundertdollarschein und allerlei niedliche Spielsachen. „Sagte ich es nicht", triumphierte die glückliche Mutter, als die Nachbarin wieder mit dem Lachen in der Kehle kam. „Der erste Preis, jundert Dollars in einem Stück. Und die Hauptache: Ich habe Mazzos, ohne Untertützung nehmen zu müssen" . . . Treu bis zum rode. Bon Arnold Kisch. Aus dem Ungarischen von M. L. H. Welt an Zahl überlegene russische 2tvoithiijtr bedrohten ein kleines galizifches Städtchen. welches von einigen hundert ungarischen Husaren heldenmütig verteidigt und lange tapfer gehalten wurde. Schließlich mutzten doch die ungarischen Reiter der großen Ueoermacht weichen und das Städtchen räumen. Die armen Juden des Ortes wollten aber diesen durchaus nicht verlassen. Sie hüteten ängstlich ihre geringe Habe, ihre baufälligen Häuschen und die in denselben befindlichen' alten Einrichtungsgegenstnnde. Möglicherweise haben sie auch nicht die genügende Zeit zur Flucht gefunden. Sie vertrauten daher der göttlichen Fürsorge, daß diese ihnen schon ans irgend eine Art den nötigen Schuh bieten wird. Es war Sabbath. Für Bormittag wurde de? Einzug der Russen erwartet. Der greise Rabbiner der Gemeinde erließ den Austrag an seine gläubigen, daß sich Alle, Mann und Frau, Groß und Klein, Jung und Alt im Gotteshause einfinden mögen, um dort das .kommen des Feindes abzuwarten. Die große Synagoge war daher schon am stützen Morgen bis aufs letzte Plätzchen gefüllt. Alle waren sie herbeigeeilt, Männer, Frauen, .minder, Greise und Miaute. War dies ein tiefernster, feierlicher Sabbathgvttesdienft! Die Männer waren alle in ihren Jiuntippur-Zterbekleidern, den Tälis über den Kspi gezogen, und Has Schluchzen und Weinen bei den einzelnen, ergreifenden Gebetstücken wollte kein Ende nehmen. Besonders das versweife vorgetragene „Risch was kvl chaj"-Gebet löste eine Flut von Tränen ans, ui welchem sie beteuerten, das; sie „außer Ihm keinen Retter und Helfer hätten." Rach dem Mvrgengebere hob dann selbst der greise Rabbiner die Dyvrarvlle ans der heiligen Bundeslade, drückte sie an sein Herz und ries von der obersten stufe der znm heiligen Schrein führenden steinernen Treppen, das „Höre Israel!" herab. Aus Hunderten Meinen Widerhall re kräftig das „Schmäh Hisroel'." ' Las Bvrlescn aus der heiligen Schrift nahm nun zelnen Anfang. Gerade wurde jener Awchen abschnttl ans dem heiligen Gvttesworre zur Berlefung gebracht, der da mitteitt, wie Jakov die er -chirarnoe SJ uni) viel) t erhielt, dar, jein lg IN so feind tiel) gesinnter Bruder Efäw mit 4l)O bewaffnete«.' Männern ihm eiugegenzleht. Wie ihn darob Angst itno Jittern ergrafs, er für alle Fritte die notwendiggen Berhaltungsmar,regeln traf, sich schlimmsten Falles, sogar schon für die Flucht vorbereitete, schließ r.'ch noch ein lnorünstiges Geber zu Gott. dem Barer Ab.raham's und Zfiil's richtete und flehte: „Errette iiilch doch ans der Hand niemes Bruders, ans der Hand Efav s, denn ich fürchte ihll, dag er nicht lamme und mich schlage, Mutter samt .tiuiDeui." Diese Erzählung paßte fv recht zu der gedrückiev Stimmung der ganzen Ber,ammttlng. Mit traurigernster Miene gingen die zur Thora gerufenen Männer zum Bvrle,epnll, sagten mit zitternder stimmt die vorgeschriebenen Benedjklionen und liegen unter Tränen für Bseib und Miiiö den üblichen Segen sprachen. Ter süuste Mann wurde schon zur Thora gerufen, lind als dieser anhnb, den ^egensspruch zu jagen, da wurden plvlzttry Trvmpetentöne hörbar, singst er griff die ganze B<r,amintnng. Jetzt dürften die Rn, sen ihren Einzug irr den Ort geyallen haben. Mlt elastischen Schritten trat der greife Ravbi an das Bvrlesepult, mahnte zur Ruhe, mir der Aufforderung, den Gvllesdienp ungestört svrtzufetzeu. Inzwischen harren sich's die eingelirocheneu Ruf fen im Städtchen gemütlich gemacht. Sie brachten ihre Pferde in Stallungen und 'Wohnungen unter, sie selbst aber hielten llmschan nach Speis' und Trant, ivas sie reichlich fanden. Ta erfuhren sie, daß die Bewohner der leeren Att-Huuugrn kn der Synagoge waren. Sofort zog der rnffische .aontutandant mit einer kleinen Truppe vor das Gotteshaus. Die Soldaten postierte er vor der Synagoge, er felbjt, cm russischer Pope und einige Offiziere hingegen betraten den heiligen Raum. Ter Mumunwbant ging direkt auf den greifen Rab hliit'k zu, während die Offiziere und der Pope in den ersten Bankrethen Play nahmen. Mil kräftiger stimme rief der Führer dem Rabbiner zu: „Seyer den Gottesdienst nur fort, es soll Euch nichts geschehen, so Ihr Euch meinen Anordnungen fügen werdet." Mit diesen Worten lies; er sich neben dem greifen Rabbiner nieder und folgte mit Aufmerksamkeit den Gebeten. Als nun nach Schluß des Thvravorlefens die Rolle in die heilige Bundeslade gestellt wurde, und man sich anschickte, diese zu schließen, da trat der Kommandant wieder vor den greisen Rabbiner mit den Worten: „Ich befehle Dir, Var geöffneter Buudeslade ein Gebet für Sr. Majestät unseren Zaren zu verrichten!" Ohne Scheu und Angst antwortete der Rabbi: „Das kann ich nicht, wir dürfen vor Gott nicht l ü g e n „Ich fordere es aber". rief ganz ergrimmt der .nommandank „daß Du für den Zaren betest!" Der Greis in feinem Betmantel und Sterbe kle.dern, stellte sich nun vor die geöffnete Buirdeslade so hm. als würde er dem Befehle des .siuiiiuuutDamcir Folge leisten und fing an: „Der Du Sieg verleihest den .Königen. segne, be schirme, beschütze, kräftige, erhebe und lasse, größer nuiru’ii unseren Herrn und Oändessürsten. den m aise r F r a n z Joses d e u E r st e u ..." Bis zu diesen Worten konnte der Rabbiner flehen, denn schon im nächsten Augenblicke ertönte der Rni des russischen .avmmandnnten. der wütend anfschri-." „Dafür sollt Ihr büßen, meiner von Euch entkommt ans diesem Gebäude, lieber Euern Häuptern lvill ich dieses Hans auzünderr lasse», damit vier ohne Erbarmen Alt und Jung, Männer und Frauen, .minder lllld Greise den Flammentod finden! Doch unter einer Bedingung will ich Euch doch Pardon geben, wenn Ihr Alle hier in dieser Stunde zur russischen .äirche übertretet. Hier ist unser Pope. Er wird sofort die Danse an Euch vollziehen. Ich gebe Ench 3 Minuten Bedenkzeit. Racb Verlauf von 3 Minuten nehmet ■ ■»■»»» lijjr-fiyftiVtf

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