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Der Israelit · 1915-03-25 · Heft 13-14 (25.3.1915) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 13-14 (25.3.1915)
Date
1915-03-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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«eile 2 Rr. 13 u. 14 Die nächste Nummer erscheint Donnerstag, den 8. April. InhattsSverstcht. 1. Aufruf. — 2. Lettarttkel: Famttienflnn und UslKsgeist. — 3. Aufsätze: Rabh. I. Horovicz, Jerusalem: Huu-er. — 4. Krrmißtr jüdische FamUien. 5. Homiletik: Rabb. Dr. M. Lewirr, Wreschen: Das Fest der Defreiimg. K.Kleines Feuilleton: Jakob Knoller: Wer fingt Gurr Lied '? (Gedicht.) — Sabdat-Driefe aus dem Felde. — Der alte Tempel in Prag. — Der Srmagogendiener zu Grodzisk.— 7. Korrespondenzen und Nacbrichten: Berlin (Der Dank der Czenstochauer.) — Wien (Die Russenherrschaft in Galizien.) — Wien (Das Krieghilsswerk der Israelitischen Allianz.) — Aus den Gemeinden: Budapest, Keeskemet, Bag-Ujhely. — Basel (Reges jüdisches Leben in der Schweiz). - Stockholm (Die Vertreibung der Juden.) — 8. Personalien: Freidurg. —8. Vermischtes: Berlin. — Friedrichstadt. — Bad Schwalbach. — Hamburg. — Hamburg. — Gaya. 10. Briefkasten. 11. Be ilagen: Jüdischer Bolksfreunb: Driugrndr Dttte. — Feldpostbrief. — Eine Krldpostkarte. — Spenden. — Willu Wolf, Köln: Der Kabbat und das Prssachwundrr. — Feuilleton-Beilage: Keine Unterstützung. — Arnold Kisch: Treu bis zum Tode. — Kinderecke.— Erziehung und Lehre: Lehrer Wolff, Aurich: Aus -er Praris. — Jugendfürsorge. Familiensinn und VollSgeisi. Das nahende NOS'Feft ist ein doppeltes Fest: es ist Familienfest und ist Volksfest. Familienfest in dem Sinne, daß die Sedertafel im jüdischen Kreise wohl den Höhepunkt innigster Häuslichkeit und friedvollsten, reinsten, weil durch die Weihe d?r Religion geadelten Familienlebens bedeutet, Familienfest,weilseinSedertischvereint die oft im Jahre von einander weit Entfernten und so verbindet und verbrüdert, weil des Sohnes erwartungsfrohes Fragen und des Vaters lieLe Antwort, in die die Tischrunde gehobenen Herzens einstlmml, das Kind dem Vater, dte junge Generation der älteren so besonders nahebringt — und nDB ist auch Volksf eft. Volksfest nicht in dem Smne, den die Gegenwart diesem Begriff gegeben, auch nicht in dem Sinne, daß das völkische, nationale Bewußtsein, dieser dem modernen Juden Tendenz gewordene Begriff, der dem religiösen Bolljuden eine vollkommene Selbstverständlichkeit ist, „fein" Fest feiert, nein, Volksfest im alten, jüdischen Smne, daß die Ereignisse, deren Erinnerung und stetem Gedächtnis NOD. dient, uns die besondere Art unserer Volkswerdung nahebrtngen, eine besondere Art, die besonder« Dank, der in religiöser Tat sich bekundet, von uns erheischt. Das Fest der Sefreimlg. Von Rabbiner Dr M. Letvi« i« Wreschen. Jauchzende frohe Menschenherzen grüßen alljährlich das neuerwachende Leben in der Natur und bejubeln den lachenden Lenz mit seinen reichen Gaben. Nicht nur draußen hat der wärmende Sonnenstrahl das schwere Regt,.,ent des Winters gebrochen, auch die harte Eisrindc, die sich um unser Herz gelagert, lockert er und löst unsere Zunge zum Jubelhymnus: „Siehe, der Winter ist vorüber, die Zeit der Stürme und Wetter ist dahin. Bald werden die Blüten sichtbar auf der Erde, die Zeit des Sanges naht, und der Turtel Stimme wird wieder vernommen in unserem Lande". So senkt der Frühlirg in der Natur den Lenz uns auch in Herz und Seele und wir fühlen uns heiter und wie zu neuem Leben berufen. Und doch, wie sind diesmal die Saiten unserer Herzen so wenig auf diese Töne der Freude und Beseiigung gestimmt Der Lenz bleibt nicht aus. Allein wo die Waffen reden und mit ihren Lärm die ganze Welt erfüllen, da schweigen die Künste, und auch unserm Herzen entsteigen keine Frühlingslieder. Ach, die ver Der JSrarltt. Familiensinn und Bolksgeist, das sind Begriffe, die innig miteinander verwandt sind. Ein starkes, gesundes Volkstum gründet sich auf ein reines, keusches, unverdorbenes Familienleben, und andererseits entfaltet sich dort nur kraftvolles, lebendiges, zukunftssicheres Familienleben, wo ein machtvolles Volkstum den Einzelnen fördert in feiner Entwicklung und in dem Ausbau seines Hanse s. Und doch! Es gibt Verhältnisse — und geüflbe die Gegenwart bringt sie uns —, wo diese fönst so verwandten Begriffe sich fremd einander igegenüberstehen wollen. — Ja, wie vielen Familierr bringt dieser Krieg Leid und Gram, indem er ihnen das Teuerste raubt, den geliebten Gatten, den teuren Sohn oder den guten Bruder, der Familiensinn hüllt sich in Trauer und will bei aller Liebe zum Vater lande dem Bolksgeist das Opfer nicht gewähren, das er fordert. — Das Gefühl der Familienliebe 'ist so stark, so ursprünglich, daß es leicht selbstisch wird und keinen Raum in der Seele gewähren will dem VolkZrmpfinden, das in der Stunde der Not zur starken Tat geworden, Opfer fordert. So ist ein Zwiespalt in der menschlichen Seele, den auszugleichen wir nicht vermöchten, wenn eine in v'.IOL uns seine Lösung nicht nahe» brächte. An diese wollen wir einen Gedanken knüpfen, der uns nach einer vor vielen Jahren gehaltenen Predigt des Hamburger Oberrabbtners Mordechai Amram Hirsch im Gedächtnis liegt. — Dte rwo lautet: 2« 12.': 'KDtP JTQ - «IN p'N Nv vwn iv onoi« bbn N'21. NNQV Q'22N .N*?1K22 2MN1 2'v OTöS „Wie weit soll er das Halle! sprechen? Bes Schamai sagen: bis ,die Mutter freut sich der Kinder^, Bes Hillel sagen: bis ,den Kieselstein zum WasserquelL! und daran schließt sich an die Das ganze Menschenleben sei ein bbn, ein Lob Gottes, im Leben soll wiederstrahlen das Göttliche, das Gott in den Menschen gehaucht, daß er selbst in allem Tun und Handeln bekunde, weß' Geistes und weß' Sinnes er sei, durch das Leben und dte Tat soll der Mensch erweisen, daß er seines Menschenberufes, der ihn anmahnt, abzustreifen allen Egoismus, allen Eigendünkel, würdig ist. Und Höhepunkt, Endziel dieses gelebten ist ein jüdlschrs Familienleben, ./die Mutter freut sich der Kinder", ein häusliches Leben, da die Kind:r im Geist und nach dem Vorbild der Eltern menschlich, jüdisch wirken und streben, ein Familienleben, das alle Keime edler Tugend zur Blüte, zur Entfaltung bringt, das in seiner Keuschheit, in seiner Friedsamkeit Gottes Lob lauter kündet als jedes Gebet, eindringlicher gangenen Wochen und Monate haben sich mit Blut in die Blätter der Geschichte verzeichnet und über weite Kreise unsäglichen Kummer und unheilbaren Schmerz gebracht, daß wir das Singen und Jubeln schier verlernt haben und überall nur die düsteren Schatten einer finsteren Schicksalsnacht wahrzunehmen wähnen. Begehen wir aber nicht beim Lenzesbeginn nev das Fest weihevoller Erinnerung und froher Hoffnung? Grützen wir nicht von der Sedertafel, die ein jedes jüdische Haus zu einem Heiligtum der Religion wandelt und jeden Tisch zu einem Altäre, um den die Familienglieder im Priesterschmucke wahrhafter Frömmigkeit gelagert sind, als hehren unsichtbaren Gast, als Heilsboten und Friedensründer, den Schutzgenius unserer Bekennerschar, den Propheten Eliahu, der trösten und aufrichten, heilen und versöhnen, festigen und läutern will? Da ruft es laut und feierlich in uns: tc m rwrr nn ^p; „Stimme meines Freundes! Siehe, er kommt", er naht, um auch uns zu erlösen und frei zu machen. Wie sich da plötzlich unser Herz weitet und wir empfänglich werden für die beglückende Stunde von der ewigen allumfassenden Liebe des Herrn Die Stimme, die uns aus dem Buche der Natur entgegentönt, kann uns kalt und gefühllos lassen. Der Liebesruf des Glaubens jedoch zaubert allemal auf dem Grunde unseres Herzens die Blüten der Hoffnung und Zuversicht hervor. Was ficht uns Schmerz und Kummer, Not und Sorge an am Feste, das unser« Blick zurücklenkt in die finstere Epoche des ägyptischen Sklaoendruckes, dem ein ganzes Volk pretsgegeben schien, bis mitten im Dunkel der Nacht Israel die Erlösungsstunde nahte und ein neuer Lenz in der Geschichte anbrach! Der einzelne verlernt es zu klagen, wo er aus der Hatz ad a von der Not und dem Elend hört, unter denen unsere Väter geseufzt und doch treu die heiligen Tra- _ 25. März 1915 im Menschenkreis verbreitet als jede Hymne, n^?«22 Dfim an solches Lebenshallel schließt sich an die solches Leben ist entkleidet aller Erdenschwere, allen Wehs und jeder Kümmernis, solches Leben ist dem Einzelnen selbst miKJ und bringt des jüdischen Volkes Gesamtheit dte — Das sagten Bes Schamai. — Doch Bes Hillel letzten anders. — Bes Hillel, denen der sanfte, geduldvolle, liebreiche Hillel seines Wesens Stempel ausgeprägt, sie lehren, daß nicht das Familienleben Höhe im Menschenwirken ist, sie lehren, D'D irrisS Hochziel im Dasein ist: durchdrungen sein vom jüdischen Volksbewußtsein, das in uns zu lebendigster, eindrucksvollster Klarheit bringt das Kapitel in D'^nn» das mit diesen Worten endigt: „Als Israel aus Mizrajim zog, das Haus Jakob aus sremdzüngtger Nation, ward Juda zu feinem Heiligtum, Israel seine Herrschaftskreise." „Vor dem Herrn bebe, Erde! Vor dem Gotte Jakobs, der den Fels umwandelt zum Wassertetch, Kieselstein zum Waff-rquell!" Wohl wissen Bes Hillel, und gerade Bes Hillel, wie groß, wie wunderbar echt jüdisches Familienleben ist, wohl wissen sie, wie erhaben ist ein opferbereiter, entsagungsfreudtger Familiensinn, darüber hinaus aber muß die Seele sich schwingen, sie soll den Gott Jakobs nicht suchen im einzelnen Jakobszelt, dort wird sie Ihn sicherlich finden, sie soll Ihn aber auch — und vor allem — suchen und finden in Seinem Wirken für die jüdische Volksgesamtheit, sie soll Ihn finden im jüdischen Volksgeist, der von Göttlichem erfüllt und durchwebt ist. — Wem in seinem irdischen Leben dieser Bolksgeist ganz zu eigen, zu erlebtem Besitz wird: Dnm nbl«J2/ dem wird Erlösung, Befreiung von all dem zuteil, das gewaltsam dte himmelan strebende Seele an das Irdische fesseln will! Ueber Familientum Volkstum, über Familiensinn Volksgeift! So lehren Bes Hillel, nach denen wir in den großen Fragen der Religion und des Lebens uns zu richten haben. Nach Bes Hillel haben wir als Juden zu handeln, beherzigen wir dies auch heute, wenn an unsere Häuser dieser Volksgeift, der heute in wunderbarster Geschlossenheit alle deutschen Gauen durchweht, pocht und Blutopfer von uns fordert. — Seien wir besonders innig und rein in unserem Familienleben, fördern und festigen wir unseren Familiensinn, aber gewähren wir auch weitesten Raum in unseren Herzen diesem Volkstum, diesem Volksgeift. Uns Juden ist Patriotismus ja keine Staatsbürgerpflichi, uns ist ja vaterlänoische Gesinnung, die zu jedem Opfer gewillt ist, religiöses Gebot: “jSöl '22 ö'pS« KT „Fürchte, mein Sohn, Gott und den König?" Bekunden wir diele diiionen der Vergangenheit hüteten. Legt er den rechten Maßstab an, dann erscheint ihin nicht' mehr so groß und drückend die Last seiner Sorgen und die nrkv, die er vor sich steht, versinnbildlicht ihm nicht nur Befreiung von einstigem Joche, sie gießt ihm neue Hoffnung in die Seele. Sie richtet ihn auf im Glauben, daß Gott, der ewige Erlöser und Hort der Gebeugten ist, und in dieser siegesfrohen Zuversicht wird leicht di» Last, die er trägt und wird ihm versüßt das Moraur seines Lebens und er begeht mit dankbgret Seele mson :n, das Fest der ungesäuerten Brote als imnn p:, als „die Zeit unserer Befreiung." Noch andere Ketten trägt aber der Mensch Leidenschaften und Begierden, das find Feffeln, die einen jeden zu einem niedrigen Sklaven herabwürdigen. Frei sind nicht jene Geschöpfe in der Natur, die ungebändigt und ungezügelt ihrem Triebe folgen. Will der Mensch die Krone und Zierde der Schöpfung, wozu ihn der Weltcnmeister eingesetzt har, bleiben, dann muß er bändigen und bezwingen, was ihn zum Staube zieht und den Glanz des Gottesschmuckes an seiner Stirne trübt. Als Diener des Göttlichen und Heiligen wird er frei. Zu solchem Dienste ist Israel in seiner Gesamtheit berufen und bereits in Aegypten geweihet worden. Darum mußten unsere Väter, noch che ihnen die Sklavenfeffeln sich lösten, mit dem riBB pip ihre Hingebung an Gott und seinen heiligen Willen bekunden. Sie hörten aus Pharaos Sklaven zu sein, um Gottesdiener zu werden. Daran sollen wir uns gleichfalls am 7iov mahnen lassen, deshalb liegt auch auf der Sederschüffel vor uns das Erinnerungszeichen an das einstige Paffahopfer O, daß wir uns alle mjt den Banden der Liebe und Hingebung unserer alten Fahne von neuem weihen wollten, nur so sind wir würdig das „Fest der Be-

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