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Der Israelit · 1915-03-18 · Heft 12 (18.3.1915) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 12 (18.3.1915)
Date
1915-03-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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18 März 1915 Der JSraeltt No. 12 Sette 5 als auch in den vielen kleinen Gemeinden, ist die Not der Flüchtlinge so gewaltig, daß bis zur Stunde noch nicht einmal für die nötigsten Nahrungsmittel zum bevorstehenden Pessachfeste gesorgt werden konnte. Die größte Schwierigkeit bereitet die Beschaffung von Mazzos, denn nicht überall zeigen die mit der Fürsorge für die Flüchtlinge betrauten Führer der Ortsgemeinden in Böhmen und Mahren genügendes Verständnis für die religiösen Grundsätze und Bedürfnisse der Gattzianer. Es fehlt aber auch nicht an anerkennenswerten Beispielen von entgegenkommender und durchaus verständnisvoller Haltung seitens der Gemeindevorstände und an bedeutenden Leistungen der privaten und gemeindlichen Hülfsthättgkeit. Andererseits muß auch auf traurige und beschämende Zustände hingewiesen weroen. So hätte es beispielsweise ficher vermieden werden können, daß die Flüchtlinge durch unsinnige Preissteigerung der Pessachartikel ausgebeutet werden. Die Armen müffen — sofern sie auf religiöse Zuverlässigkeit Gewicht legen — für das Kilo Mazzos drei Kronen bezahlen. Auch die geistige Fürsorge in den Flüchtlingslagern, namentlich aber in Wien, liegt trotz großer und erfolgreicher Anstrengungen der gesetzestreuen Kreise noch im Argen. Tausende und Abertausende Kinder leben nunmehr seit Monaten in einer fremden Umgebung fast ohne jeden Unterricht und ohne jede erzieherische Einwirkung. Die Eltern verfallen in ihrer verzweifelten Lage in Gleichgiltigkeit und Stumpfsinn und die Kinder werden in religiöser und moralischer Beziehung den größten Schäden ausgesetzt, wenn nicht schnellstens Abhilfe geschaffen wird. Seitens der „Agudas Jisroel" wurde nun zunächst aus den Kreisen der Flüchtlinge selbst ein Komitee eingesetzt, das jawohl der Agudoh gegenüber als auch nach außen hin als Vertretung der notleidenden Landsleute gilt. Dieses Komitee wird wird im Einvernehmen mit der Agudahleitung die Hilfsaktion, den vorhandenen Mitteln entsprechend, durchzuführen suchen. Einstweilen wurde von der Agudohzentrale dem Komitee ein größerer Betrag zum Ankauf von Mazzos .undzsonstigen Pessachbedürfntssen zur Verfügung gestellt. Auch sind bereits die einleitenden Schritte zur Anstellung von Lehrern und zweckmäßiger Sammlung der reiferen Jugend getan worden. Hoffentlich fließen der Aguooh die Geldmittel auch weiterhin so reichlich zu, daß in nächster Zeit weitere Aktionen eingeleitet werden können. luden als Zckiubwsll. Wie«, 9. März. Aus dem Kriegspressequartier wird gemeldet: Heute nachmittag erschien vor der befestigten Stellung unserer Truppen nördlich Nadworna ein ruffischer Parlamentär, der folgendes mittetlte: „Auf Befehl des russischen Kommandeurs würden morgen vormittag ungefähr fünfzehnhundert Judenfamilien, welche heute bei Komiona und Tysmieniczany versammelt worden seien, über die russische Linie hinaus zu den österreichisch-ungarischen Truppen abgeschoben werden. Da die Judenfamilien befürchteten, von den Oesterreichern und Ungarn an geschaffen werden, sei der Parlamentär erschienen, um dies mitzuteilen." Durch dieses unerhört brutale Vorgehen bezweckt der Feind zweifellos, Tausende von Unbeteiligten, die er brotlos und obdachlos gemacht hat, gleich einer Vieherde vor sich herzutretben, um sich ungefährdet unfern Stellungen zu nähern. Die Verwirklichung dieses scheußlichen Vorhabens, das als eine Schande des Jahrhunderts bezeichnet werden muß, kann bei dem ttefsten Mitgefühl für die armen Opfer der barbarischen Willkür aus militärischen Gründen nicht geduldet werden. Der Raum vor den befestigten Stellungen muß nämlich, da ein Waffenstillstand für das Abschieden der Judenfamilien vom Feind weder angeboren noch unsrerseits wegen des Heranziehens feindlicher Verstärkungen annehmbar ist, bei jeder Annäherung von der Seite des Feindes unbedingt unter Fßuer genommen werden. Dem russischen Kommandeur wurde daher durch einen Parlamentär nachstehende schriftliche Antwort übersandt: „Das Ueberschreiten der eigenen'Lienie von Feindesseite kann unter keinen Umständen für irgend jemand gestattet werden, daher wird der Raum vor der eigenen Front unter Feuer gehalten werden. Ich ersuche die Judenfamilien in Kamiona und Tysmieniezany hiervon in Kenntnis zu fetzen. Ich füge hinzu, datz die ungeheure Verantwortung für die beabsichtigte unmenschliche Handlung, Tausende unschuldiger Landbewohner gegen unsere Stellungen zu treiben, ausschließlich dem russischen Kommandeur zufällt, der diesen barbarischen und jedem Kriegsgebrauch hohnsprechenden Befehl erteilt hat, dies um so mehr, als keine Gewähr dafür besteht, daß diese Unschuldigen nicht bloß als Schild für die Ernährung der russischen Truppen dienen werden. Es wird dafür gesorgt, datz dieses Verhallen vor aller Welt gebrandmarkt werde." Das Wort versagt gegenüber solchen Greueln! Ungarn. Aus den Gemeinden. Budapest. Der Ernst der Zeit drückte seinen Stempel auch auf die diesmal, wie alljährlich, am 7. Adar abgehaltene Generalversammlung der orthodoxen p*n. Vorsitzender Dr. I. Schächter zeichnete mit großen Strichen die Vereinstätigkeit im abgelaufenen Jahr. Diese erschöpfte sich in ,ttoi npnx. Es mußten alle Hilfsquellen in Anspruch genommen werden, um der Aufgabe der Zeit zu entsprechen. Das Präsidium wurde mit Akklamation in seinem Amte belassen. Besonders würdig gestaltete sich die hierauf in der Syna^ige fortgesetzte Feier. Die Kasincsygasse bot schon lange vor Beginn das Bild einer Völkerwanderung, Tausende von Menschen wogten zur Synagoge, in der Rabbi Koppel Reich mit gewohnter Genialität den lapidaren Ausdruck für das fand, was die Seelen in ihren Tiefen bewegte. Die in der Synagoge anwesenden galizischen Rabbiner, die heimatlos hier ihr bitteres Golusleben führen, gaben die lebhafteste Illustration ab für die gewaltige Tragödie, deren leidende Helden unser Volk vor allem stellt. Der Appell des hinreißenden Redners nach mipn und aufrichtiger Rückkehr zu Gott fand starken Widerhall bei der Gemeinde, die vielleicht noch nie so inbrünstig die Gottesnähe ersehnte. Mit einem c'cm rr^v'rr-Gebet für die in diesem Jahre verschiedenen Rabbiner wie dis sonstigen Großen des jüdischen Lebens und auch alle, die auf den Schlachtfeldern verbluteten, oder in ihren Häusern der Mordgier der Feinde zum Opfer fielen, das von der ganzen Gemeinde auf der Erde sitzend augehört wurde, ward die Feier beendet. Von einem Festessen, wie es alljährlich hier üblich war, wurde diesmal abgesehen. Z. B. A. Für den Reklameteil ist die Redaktion nicht verantwortlich; insbesondere ist es ausschließlich Sache der Leser, die i« Reklameteil enthaltenen Empfehlungen ritueller Waren oder sonstiger Angabe« religionsgesetzliche« EharatterS aul ihre Zuverlässigkeit zu prüfen. Kai«»»» Friedrich Quell« ■ Offenbaeh a. H. >>- Gegen Gieht nn.1 Rheumatismus bewährt. Alleiniger General - Vertreter: Friedrich Stahi, Frankfurt a. M., Günthersburgallee 87. Tel. 259 a 714 Familiennachnchten. Verstorbene Jakob Hermann Würzburger, Mannheim, 14'/., Jahre alt, Sohn des Herrn Josef Würzburger. 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