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Der Israelit · 1915-03-18 · Heft 12 (18.3.1915) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 12 (18.3.1915)
Date
1915-03-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 4 No. 12 4>er JSraettt. 18. März ISIS 5; z: 1. j’ l | Abgesehen von Verwundeten undZIranken *) habe ich nicht sehr viele Glaubensgenossen draußen getroffendies liegt daran, daß die in unserem jeweiligen Aufenthaltsort lagernden Truppen meist nicht allzu zahlreich sind und unter den Militär- und freiwilligen Mannschaften, die zu unserem Kriegslazarett gehören, abgesehen von einem nach einer Verwundung zeitweilig Zugeteilten außer mir kein einziger Glaubensgenoffe vorhanden istunter unseren Aerzien allerdings deren zwei, während ein dritter, zwar liberal erzogen und religiös nicht auf unserem Standpunkt stehend, aber von religiösem Empßnden beseelt, nun leider auf Zeinen Wunsch zu einem Regiment forrversetzt worden ist. Immerhin gelang es mir durch rechtzeitige und wiederholte Ankündigung beim zuständigen Etappenkommando an HDWl einen geborgenen „Festgottesdienst" mit reichlichem ’'2ia (13 Teilnehmer, darunter 3 Aerzte, 2 Rechtsanwälte, 2 mit dem Eisernen Kreuz Geschmückte), mehrfachem Entzünden aus der Reihe der Teilnehmer rc. und nachfolgendem gemütlichem Beisammensein der meisten Teilnehmer bei Chokolade, Lebkuchen und „Trendle" zustande zu bringen — bisher allerdings mein einziges pao im Feld, während ich einzelne jüdische Kameraden öfter für kürzer oder länger bei mir sehe. Unter der ansässigen und daheim gebliebenen Bevölkerung in Nordfrankreich habe ich noch keine Juden getroffen, dagegen bin ich gegenwärtig sogar im Haufe eines — übrigens aus Straßburg stammenden — geflüchteten Glaubensgenossen einquartiert. In Lothringen war es anders, da gab es im Orr selbst oder in der Nachbarschaft immer einige und zwar religiöse jüdische Familien, und zu öV war ich von einer solchen Miniaturgemeinde schon als Minjan- Mann, PN und Prediger engagiert, als plötzlich in der Nacht von 2"' bet un£ Aufdruchsbesehl ein traf und wir zu der Zeit, wo man sonst zum "fötf OX nan’ etlte, einen Güterwagen zu Mstündtger Fahrt ins Feindesland bestiegen, während deren ich den hetllgen Tag in einer Wagen ecke in zwar ziemlich ungestörtem, aber einsamem Geber zubringen konnte. Am Sukothfeste war vollends an Veranstaltung von Gottesdiensten nicht zu denken - da hieß es auf dem Posten rastlos tätig sein, angesichts der endlosen, für unser damaliges rasches Vordringen charakteristischen Verwundetentransporte in unser nahe an die Front gerücktes Lazarett. Am 1. Tage?N2D erfreuten uns zur Zeit des lavtro über das nSv? zahlreiche feindliche *) Unter letzteren ist mir übrigens erst ein einziger, langwierig, aber gut verlaufener Typhussall vorgekommen, obwohl ich seit fast 4 Monaten mit einem Typhuslazarett von etwa 500 Betten in Fühlung bin. Flieger mit einer Maffe Bomben, die in deutschen Kolonnen wie unter der französischen Bevölkerung vielfachen Schadeil anrichteten. Lassen Sie mtch für heute diese ausführlichen Zeilen beschließen, mit denen ich in mancher arbeitsfreien Viertelstunde in Tagdienst und Nachtwache vieles aus dieser einen Seite meiner Feldzugserfahrungen und -Erlebnisse geschildert habe. Daß unsere jüdischen Soldaten, soviel ich sehe, überall mit ihren christlichen Kameraden aufs Beste stehen und harmonieren, von ihren Vorgesetzten anss gerechteste und unterschiedsloseste behandelt werden, schien mir zu selbstverständlich, als daß es besonderer Erwähnung bedurft hätte. Dagegen wird es Sie vielleicht interessieren, daß ich draußen bisher durchwegs d. h. in meinem Fall, zum mindesten ohne bewußt ms-ito zu essen, auskommen konnte, was ich s. G. w. auch weiter durchführen zu können hoffe - ich danke dies noch weniger dem jetzt ziemlich regelmäßig funktionierenden Postverkehr mit der Heimat als dem verhältnismäßigen Reichtum der Gegend an Obst, der auch über das zeitweise und nun wohl stetig zunehmende Fehlen vou Butter, Eiern u. dgl. hinweghilft. An den großenteils stark ausgesogenen Stellen der Frontlinie wird freilich das "sV2-Leben in der Regel, wenigstens für die Mannschaften, unmöglich sein, umsomehr als in der Mannschaftsküche durchwegs das Fleisch dominiert und auch den Reis-, Graupenrc. Suppen fast immer Fleischbrühe oder Flerschstückchen zugesetzt werden. Sollte ich neue nach religiöser Richtung interessante Erfahrungen im Felde noch machen und vielleicht eine schöne NVS-Feter draußen halten können, so will ich gern das nächstemal davon erzählen. Aber hoffen wir, daß unsere Waffen nun bald auch die endgültigen Entscheidungen mit Gottes Hilfe erzwingen möchten und uns der ehrenvolle und dauernde Friede in kurzem zuteil werde, für den wir alle Opfer freudig und ausharrend bringen und weiter bringen wollen. Vermißte jüdische Familien. XV1X. Es sucht: Es werden gesucht: Isaak Adler, Waldeu- 1. Familie Sam. Markus bürg, Schlesien. Preuniger, 2. Familie Nuchim Leib Adler, Mend. Breuer u. Frau, 4. Chaim Eliasz Zar wanitzer und Frau, 4. Salam. Sokel u Frau, 5. Josef Hatz, sämtlich aus Halrcz in Galizien. Lorrespondenzen und Aachrichten. Deutsches Reich. Kriegsgefangenen-Sürforge. Stendal, 4. März. Unter den hier und in den benachbarten Lagern Salzwedel und Gardelegen untergebrachten russischen Kriegsgefangenen befinden sich eine sehr große Anzahl von Glaubensgenossen. Um die Seelsorge an diesen Kriegsgefangenen machen sich die Herren Rabbiner Dr. Auerbach-Halberstadt und Lehrer Ackermann, hier, besonders verdient. Es besteht nun großer Mangel an Ritualien, insbesondere an Teftllin und Arbakanfaus, sowie auch an Sforim zum Thorastudium unter den Gefangenen. Alle diejenigen, die in der Lage sind, solche Ritualien und Bücher abzugeben, werden gebeten sie nach vorherigem Avis an Herrn Rabbiner Dr. I. Auerbach in Halberstadt zu senden. Oesterreich. Oie gali?ifche Hilfsaktion der „Hgudas Jisroel“. Wien, 15. März. Während der letzten Tage fanden hier unter den führenden Persönlichkeiten der galizischen Flüchtlinge mehrere Konferenzen statt, zu denen auch Vertreter aus den verschiedenen Flüchtlingszentren in Böhmen und Mähren, sowie die in Wien weilenden galizischen Chassioimrabvls, als Vertreter der Agudas Jisroel-Organtsalton sämtliche galizischen Mitglieder des „Rabbinischen Rares" und von der Zentrale der „Agudas Israel" Herr Fabrikant Grünbaum aus Nürnberg erschienen waren. Den Gegenstand der Beratungen bildeten die Maßnahmen, die angesichts der trostlosen Lage der galizischen Flüchtlinge zur Stunoe am dringendsten nötig uno nach Maßgabe der erlangbaren Mittel durchführbar erscheinen. Die Feststellungen, die in oresen Konferenzen auf Grund zuverlässiger Daten gemacht wurden, ergaben, daß die verfügbaren und für die nächste Zeit erwarteten Geiobeträge aus dem Hilfsfonds der Agudas Äisroel im günstigsten Falle zur Milderung der allergrößten Not hinreichen würden. Sowohl inWien, Prag, Pilsen, Nikolsburg, große Freude bereitete: jetzt sitze ich auf einem französischen Nachttisch, und mir ist es heute, am Purim, der eigentlich zu ungetrübter Freude bestimmt ist, so schwer, so furchtbar schwer zu Mgte. Ich muh heute fortgesetzt an die zu Hause denken. — - — Ich habe die Megilloh zweimal gesagt, gestern abend und heute morgen und jedes Wort, jeder Buchstabe rief mich nach Hause zurück: dann bezog ich um 8 Uhr meinen Posten. Die Nacht über hatte es ziemlich geregnet, aber ein schöner Tag wollte anbrechen; langsam wichen die grauen Regenwolken, um dem schönen Blau des Himmels Platz zu machen, die ersten Schütze unserer Artillerie sausten über meinen Kopf hinweg. Ich stand mit -meinem geladenen Gewehr an die Wand gelehnt, dachte an Euch, wie Ihr jetzt wohl aus der Synagoge heimkommr in Euer gemütliches Zimmer. -— Aber dennoch ist Purim, der Purim, auf den wir uns als Kinder so sehr freuten, er gibt mir den Trost, daß doch endlich einmal das Los auf dem Schlachtfelde, auf dem wir eben stehen, fallen wird, daß doch die gerechte Sache Deutschlands siegreich aus dem Sturm hervorgehe. Ich weiß nur zu genau, daß Ihr eben so' oft an mich denkt, daß Ihr auch heute obend bei der Sude oft meiner erwähnt, ich aber will während dieser Stunden nur zu beten, daß er den Monat *hk, der den Jehudim doch schon so manche Freude einbrachte, auch zum Freudenmonat für ganz Deutschland werden lasse, indem er noch in diesem Monat seinen alten irrte, seinen Friedensengel schicke, um uns den heißersehnten Frieden zu bringen. I. L. (Russisches Idyll - Aus dem „Haint".) Es war am Freitag, als in Jekatertnoslaw die Mobilisierung verkündet wurde. „Die Landstürmer hoben verhornet gestanen und der Redaktor der „RuSkaja ‘•••*» Prawda" iS gekommen mit dem Porträt des (§zar«n und angehäuben, dem Landsturm zu predigen. Plutzlung, gor umgerecht, hoben die Soldaten gemacht a Geschrei oif den Redaktor, as er soll aweg gehn. Sei hoben geschrien: „Mir gehn aweg geben unsere Lebens und Du kummst uns drehn den Kopf?" un gleich hoben die Soldaten gechappt <ergriffen> di John, mit welcher men Hot gebarst (sollen) marschieren über di Gassen, un hoben damit gesckilogen dem Redaktor vom „Prawda" un di ibrige Huligans. Es is geworen a groiher Tumel und der Pristaw Hot gegeben a Kommando zu schießen. Es sen gerhargent(gelötetj waren a Zapasne- Soldat (Landstürmler), a Diswitelni (Regulärer) un a Frau mit a Kind." (Das Georas-Kreuz des Juden.) Die New- Aorker Zeitung „Tbe day“ schreibt: In Rußland ist das Georgs-Kreuz die höchste Kriegsauszeichnung, und das Ordensstatut bestimmt, „daß auch die vierte Ordensklasse nur in den Fällen außerordentlicher Tapferkeit zu verleihen ist, wenn die Nützlichkeit der Tat erwiesen, der Georgritter sein Leben eingesetzt und seine Tai für die Kriegsoperationen von weittragender Bedeutung ist." Nach den Feststellungen der russischen Presse sind Hunderttausende von Ordensauszeichnungen an die Truppen verliehen, darunter aber nur achthundert Georgs-Kreuze. Im Militärhospital zu Wilna lag ein Soldat, über besten Bett drei Georgs-Kreuze hingen: zweiter, dritter und vierter Klasse. Alle hohen Besucher wurden an das Bett dieses Helden geführt, dem beide Beine amputiert waren. Eines Tages erhielt der Soldat den Besuch seiner Angehörigen, die durch den Krieg aus Polen vertrieben, nach Wilna gekommen warendoch am dritten Tage mußten sie auf Befehl des Gouverneurs die Stadt verlaffen . . . Ein dem Zarenhaufe nah verwandter Prinz besuchte das Militärhospital und kam auch ans Bett des „Georgsritters". Dieser richtete sich im Bett auf und stammelte einige Worte. Doch da tönte eine harte Stimme durch den Raum: „Bittschrift aus den Allerhöchsten Namen einreichen." Verärgert verließ der Prinz den Raum. . . Ein Kriegskrüppel, dreimal mit der höchsten Kriegsehrung ausgezeichnet, hat nach der Entlastung aus dem Lazarett nur in den ihm von der Polizei angewiesenen Bezirken Wohnrecht. Seine Angehörigen, durch die Kriegsnot aus Polen vertrieben, irren von Ort zu Ort; überall die polizeiliche Ausweisung Warum? Der dreifach dekorierte Kriegsheld und seine.Angehörigen sind Juden. (Insel Wangerooge.) Man schreibt uns: Wir neun jüdischen Soldaten auf der Insel halten jetzt die Freude, einen jüdischen Militärgottesdienst besuchen zu können. Bei der Vereidigung der ca. 600 Marine-Rekruten am 7. März hielten die Geistlichen aller drei Konfessionen vor versammelter Mannschaft Ansprachen. Für die jüdischen Soldaten war von der Kaiserlichen Kommandantur der jüdische Militärgeistliche für die Garnisonen Wilhelmshaven und Oldenburg, Herr Landrabbtner Dr. Mannheimer aus Oldenburg, berufen, dem von der Kommandantur ein Schiff von Wilhelmshaven nach hier gestellt wurde. Nach der Vereidigung fand noch ein besonderer jüdischer Mannschaftsgoltesdienft statt. Wir waren sehr glücklich darüber, denn nie im Leben empfanden wir so sehr die Bedeutung eines Gottesdienstes wie^jetzt im Kriege.

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