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Der Israelit · 1915-03-18 · Heft 12 (18.3.1915) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 12 (18.3.1915)
Date
1915-03-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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18. März 1915 Der JSraeltt. No. 12 Seite 3 sie so den Weg in die Schule nicht machen können. Nimmt man hinzu, daß es auch in den Häusern an allem mangelt, um das armselige, traurige Dasein von einem Tag auf den andern fristen zu können, so ergibt sich ein Bild des Jammers, das an die Katastrophe des pnn O’bttTIT erinnert. Einen großen Raum in diesem Bilde der Zerstörung nimmt der min ^122 ein, der Verlust an geistigen Gütern, den allein das Judentum zu tragen hat. Wenn wir lesen, daß die Chedarim, die Kinderschulen, feiern, so gilt dies noch mehr von den andern Stätten des Thoraftudiums. In erster Reihe die JTD’ttn/ deren Jünger in die Reihen der Kämpfer für das Zarentum gesteckt worden sind und die daher öde und verlassen dastehen. Wenn man bedenkt, daß diese n^'V' es gewesen sind, aus denen alljährlich eine Reihe von 2'^STv 2'22N -Tb^f) hervorgegangen sind, so eröffnet sich für die Zukunft der Thora in den östlichen Ländern eine Perspektive, die jeden min nnis bis ins Innerste erschüttern muß und mit tiefer Besorgnis in die Zukunft blicken läßt. Dieser Blick in die Zukunft ist es aber hinwieder, der uns auf Mittel sinnen lassen muß, was man jetzt zur Linderung der Not vollbringen und was man nach Wiederkehr geregelter Verhältnisse zum Aufbau der Trümmer beitragen kann. Es wird großer Opfer und vieler Arbeit bedürfen, um auch nur einen Teil der zerstörten Thorastätten wieder erstehen lassen zu können. Eine Arbeit, an welcher teilzunehmen jetzt schon alle maßgebenden Faktoren aufgefordert werden müssen. Gleich dem Aufrufe bet Vttbs ,TL?22 nj?212 muß auch hier die Aufforderung ^22 2122 ergehen, die mit einer geringen Variante wie dort lauten mußte: K1?! nnvii üb “U? mö“TK ■’ra nto ovö^ n«T2 nnma m 12er n^r 22^ ibnr n?n dttt Vorläufig, solange der Kampf noch wütet und sich die Dimensionen des angerichteten Unglücks auch nicht annähernd überblicken lassen, kann naturgemäß noch nicht mit dem Aufbau begonnen werden und können auch nicht die Richtlinien des notwendigen Rettungswerkes sestgelegt werden. Aber eines kann jetzt schon geschehen und müßte jetzt schon in Angriff genommen werden. Der Erfahrungssatz unserer Welsen p8 N!2p {*8 28 rrm der für normale Friedenszeiten geprägt worden, wird bei dem einzuleitenden Rettungswerke eine ungleich erhöhte Bedeutung erhalerhalten. Lassen wir hierbei das Hilfswerk für die durch den Krieg ihrer Existenz und ihrer gesamten Habe beraubten Armen vorläufig außerhalb des Rahmens unserer Betrachtung und denken wir daran, welche großen Mittel notwendig sein werden, um 2'2“12 nun “Tiö?n einigermaßen wieder zu heben. Wer unsere osteuropäischen Brüder kennt, weiß, welche Opfer sie stets für die Pflege von min llti'b in ihrer Mitte gebracht haben. Abgesehen von den Kosten für das Lernen in den unteren Stufen, haben auch die größeren ni2'V' nur einen geringer Bruchteil ihres Etats durch ausländische Unterstützungen decken können. Den weitaus größeren Anteil an diesen Lasten haben sie stets auf ihre eigenen Schultern genommen. Es ist anzunehmen, daß sie auch nach dem Kriege trotz der völlig veränderten Existenzbedingungen nicht von dieser Praxis abgehen werden. Aber das Können wird hier mit dem Wollen nicht Schritt halten und sie werden daher mehr denn je auf fremde Unterstützung angewiesen sein. Diejenigen Kreise unseres Volkes, die die Förderung von mm *112'^ als die vornehmste Aufgabe des Judentums erachten, werden daher nicht umhin können, neben den Anforderungen sonstiger Art, die an die Gesamtjudenheit herantreten werden, diesem Momente die größte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Eine Aufgabe, die heute schon gelöst werden kann, sofern sie auf die Erlangung von Geldmitteln, die zu dem erwähnten Zweck in hohem Maße notwendig sind, gerichtet ist. Bon diesen Motiven ist der Vorstand des deutschen Gruppenverbandes der Agudas Jisroel geleitet, wenn er an die Ortsgruppen das Ansuchen richtet, sich die Aufbringung von Geldmitteln zu einem Hilfsfonds angelegen sein zu lasten. Bet der Verwendung der einlaufenden Gelder soll die Förderung und Unterstützung von «THfcl^l min einen breiten Raum einnehmen, womit aber nicht gesagt ist, daß sich die A. I. den anderen Gebieten der Kriegshtlfe verschließen wird. Die A. I. als Volksbewegung, die besonders in Galizien tief Wurzel gefaßt hat, wird bei dem Hilfswerke für die existenzberaubten Armen nicht fehlen dürfen und auch nicht fehlen. Leiste jeder, was er kann, um der A. I. diese Arbeit zu ermöglichen. Tue jeder, was er vermag, um diese Arbeit zu fördern. Mische Eindrücke im Felde. Aus dem Feldpostbrief eines Sanitäters. (Schluß). Ich habe besonders viel ganz junge Glaubensgenossen, darunter eine Reihe kaum siebzehn- bis achtzehnjähriger Kriegsfreiwilliger getroffen, bet denen Herz und Gemüt durch die ungewohnte Trennung von den Angehörigen und durch die erlebten Schrecken so weich und biegsam geworden, daß man mit taktvoller und auf das jeweilige Temperament abgestimmter religiöser Belehrung und Aussprache, soviel ich sehe, meist auf ausnahmfähigen und fruchtbaren Boden trifft. So ist mir als besonders bemerkenswert aus fremder „Praxis" erinnerlich geblieben, daß ein hier vor kurzem krank gelegener 17jähriger Gymnasiast und Kriegsfreiwilliger, der von Familie und Gemeinde in entschieden traditionsfetndlichem Sinn erzogen war, in der Garnisonstadt, wo er ausgebildet wurde, durch einen dort mitgemachten “*1122 21'-Gottesdienst und durch den Einfluß und das echtjüdische Familienleben eines dortigen Ehepaars, das den jungen Krieger in Kost und Logis nahm, ein?n so mächtigen und tiefgehenden Eindruck empfing, daß ich überzeugt bin, er werde seinen umgewandelten, jetzt begeistert religiösen Sinn nach dem Frieden auch in die Praxis umsetzen. So intensive Einflußnahme ist draußen, wo es sich bestenfalls um einen täglichen kürzeren Besuch handeln kann, natürlich kaum möglich, aber gar manches kann man doch tun und das übrige dem jetzt wieder so bewahrheiteten bs “J182E27 “]S *12C2 mtPl r6*n anairt überlasten. Und wahrlich, nötig, bitter nötig werden wir gerade in der jungen Generation die 'i^>x 1K“TI ’tf38 brauchen können, deren jetzt so viele dahingehen. Kaum hat mich in den letzten Wochen die Kunde von dem Hingang eines lieben, prächtigen, seiner Ahnen würdigen Freundes, den ich draußen im Feld, von einer Verwundung geheilt zurückkehrend, sprach und der inzwischen vor Lodz als ein 'n flö?3 2pl3 fiel, und die Nachricht von dem Fall eines Marburger Studtengenoffen erreicht, der in kleinerem und größerem Kreis unablässig organisierend und belehrend tätig war, und seinen Grundsatz lp'2 ttrnon üb nun mit seinem soviel versprechenden Leben besiegelt hat, da trifft mich, während ich den Beginn dieser Zeilen schreibe, die neue Kunde von dem Heldentod des auch Ihnen teuer gewesenen Jünglings, der trotz seines zarten Alters in Frankfurt und wett darüber hinaus schon so lebhaft und erfolgreich im Sinn unserer Thora, die seine Seele durchglühten, gewirkt hat und auf den im Verein mit seinen Geschwistern wir vor Jahresfrist am Grabe eines seltenen a^K 8stW so große und so berechtigte Hoffnungen übertragen, die nun jäh zerstört sind und für die wie für so viele wir aus diesem Krieg Ersatz in dem erwähnten Sinn erwarten möchten. Offizier, — er ist vielleicht Jude — erkennt an den zwei begleitend»n psalmonierenden Juden das Faktum und wendet sich zur Mannschaft: „Kinder! Man bringt Leichen, Mannschaft! Habt Acht! Präsentiert!" Und die vom Pulverrauch geschwärzten, matten, Soldaten streckten die Beine im Parademarsch und defilieren vor dem dahin holpernden Wagen, daß der starrgesrorene Bode»r unter ihrer Sohle erdröhnt. Aus dem Feldpöfidnef eines Frankfurters. Im Schützengraben bei Andechy, ea. 5 Km von Roye, -2K. 2. < Purim . . . Seit gestern abend ö Uhr habe ich mit noch zwei Mann und einem Gefreiten die Materialien (Oesen, Stacheldrähte u. dergl.j zu bewachen, und zwar bis heute abend 6 Uhr. Alle vier Stunden sind zwei Stunden Wache zu stehen. Wir liegen auch in einem dazu gehörigen Unterstand, der übrigens sehr schön ist, sogar ein Seffel ist darin, Spiegel und auch Matratzen zum Schlafen. Der Unterstand liegt abseits vorn Regiment, ganz für sich an einem Laufgraben, der nach Villers-les-Roye führt. Gestern empfing ich Eure Pakete, außerdem schickte mir der Verein Mekor Ehajim Briefe, die die Sidraus behandeln; Ihr könnt Euch denken, mit welch großer Freude ich diese lese. Es gibt eben in allem nur ein Frankfurt. Dem letzten lag auch der gedruckte Abschnitt von tis? bei, was mir zustatten kam und gestern bekam ich einen Brief, der die Sidraus norm und rratti behandelte und dem auch eine kleine Megilloh beigelegt war, die mir eine unsagbar einige Offiziere sind darunter. Die bilden eine besondere Gruppe. Für diese sind kleinere Gräber geöffnet neben der großen unendlichen Tiefe des Massengrabes. Die Särge werden soeben an des Baches Ufer gezimmert. Der leise Lärm der Tischlerarbeit dringt nicht bis heraus. Im großen Stimmengewirre, das von der Landstraße herüberhällt, gehen die gedämpften Arthiebe mit ihrem dröhnenden Schalle verloren. Dort brüllen Kanonenschlünde, krachen Gewehre, klappern Maschinengewehre raffeln Wagenräder und knastern ohrenbetäubend die Kanonenräder auf dem knisternden, hartgefrorenen Schnee. Auf manchem Wagen brennt eine lohende Fackel, die im Vorbeisausen mit rotem Flammenalanz das Antlitz der edlen Helden übersprüht. Die noch eben im Mon denschimmer bleicher als der Schnee schienen, der sich unter ihnen htnzieht, sind jetzt gelb und fahl wie Wachs. Gespensterhaft erzittert der matt fliehende Widerschein der Fackeln im gebrochenen, halbgeöffneten Auge der Toten. Vom Gebirgshang nahen zwei dunkle Männer. In schwere Pelze gehüllt, schleichen sie dem Friedhofe zu. Ihr Gesicht ist in Tücher geborgen, nur die Augen blitzen aus der Vermummung hervor. Die Schafpelzmütze bedeckt den übrigen Teil ihres Kopses. Der Wachposten donnert ihnen sein Halt entgegen und fordert den „Passierschein". Der Eine zieht diesen bedächtig aus der Brusttasche hervor. Die Schrift wird entgegengenommen. Beim matten Strahl des schwimmenden Mondscheins geht das Entziffern bei dem nicht gerade schriftgelehrten Soldaten noch schwerer als sonst. Es ist vollbracht. „Was wollt Ihr?" „Der Herr General gestattete uns — erwidert der Besitzer des Scheins — die jüdischen Leichen herauszusuchen. Wir wollen sie bestatten." „Ist dies im Schein enthalten?" „Jawohl!" „Nun dann, sucht sie heraus. Diesen wird es zwar ganz egal sein, ob sie mit einem Kirieteison oder einem Kadisch ins Jenseits begleitet werden. Ist es aber im Schein enthalten, dann bitte, verfügt darüber!" Die beiden Männer schweigen und gehen mit andächtiger Feierlichkeit an die Arbeit. Erst nehmen sie »diejenigen, welche durch ihre Haartracht und ihr Aeußeres den Juden verrieten.. Es waren deren zwei. Zwei Landstürmer mit Pejos. Dann studieren sie die Physiognomien und finden weitere vier Juden in der Gruppe. „Es sind sechs", sagte der eine zum Posten. Der andere blieb dabei ganz stumm. „Wir kommen bald wieder, um sie zu holen." Sie entfernten sich. Nach einer kleinen Viertelstunde waren sie mit einem Wagen zurück. Aus diesem war eine dünne Sttohschichie gestreut. Behutsam wurden die sechs Leichen auf die Strohmatte gebettet. Der bis jetzt schweigend helfende Mann nahm das schwere Wolltuch vom Mund und summte in markerschütternder Weise, jedes Wort in einem Strom von Thränen badend: „Jauschew b'ffeffer eljaun" ... Es griff ins Herz, als sie dann beide dem langsam dahinholpernden Leichenwagen folgten und immer wieder die Psalmverse wiederholten: „Und fürchte nicht vor nächtlichem Schrecken, Bor Pfeil, der bei hellichtem Tage zufliegt." Dann neigen sie die Häupter und gehen schweigend neben der heiligen Last. Der Eine führt die müden Gäule beim Zügel, der Andere geht hinter dem Wagen einher. Sie kommen auf die Landstraße. Die Munitions¬ und Lastwagen weichen ihnen aus dem Wege. Es geht langsam dem Dorfe zu. Eine Kompagnie Infanterie kommt ihnen in die Quere, die im Dunkeln nicht sehen können, was der Wagen führt; der kommandierende

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