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Der Israelit · 1915-03-11 · Heft 11 (11.3.1915) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 11 (11.3.1915)
Date
1915-03-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Gelle 4 No. 11 Der JSraelit. 11. März ISIS' 1 7. Aus der vor kurzem befreiten Bukowina meldet man, daß den Juden für requirierte Sachen nicht nur nichts bezahlt, sondern auch mit Einäscherung der Häuser gedroht wurde. Diese Drohung wurde auch in vielen Fällen verwirklicht. 8. In Russisch-Polen, in welchem die Leidenschaften durch die Kriegsfurie aufs äußerste aufgepeitscht sind, hat Ihre Regierung die niedrigsten Elemente der Bevölkerung zu Mord und Raub an den Juden aufgehetzt in einer Weise, welche alles bisher Bekannte überboten hat. 9. Dort ordnete auch Ihre Regierung an, daß auf ein Trommelzeichnen alle Juden sich an einem bestimmten Orte zu versammeln haben. Als die Juden in mehreren Städten auf ein solches Singnal sich stellten, wurde ihnen befohlen, binnen drei Stunden die Stadt zu verlassen, da die Ungehorsamen als Spione vom' Militärgericht bestraft würden. Natürlich gab es keine Ungehorsamen. Tausende und Abertausende wurden unter Eskorte von Soldaten von ihren Wohnstätten, ihrem Hab und Gut, weggeschleppt und durch Peitschenschläge von den unmenschlichen Soldaten zu immer größerer Eile angetrieben. Der Anblick dieser sich hinschleppenden Männer, Frauen, Greise und Kinder soll herzbrechend gewesen sein. Bloß ihre Henker kannten kein Mitleid. Als aber das Ziel der Wanderung erreicht war—das Dorf, in welchem die Unglücklichen bis zum Ende des Krieges zu bleiben haben da fehlte die Hälfte der Wanderer — sie war auf dem Wege vor Hunger, Kälte, Ermattung und Krankheit oder unter den Schlägen der wilden Begleitmannschaft zusammengebrochen. 10. Was im Innern Rußlands an den Juden verbrochen wird, dies dringt jetzt während des > Krieges nur schwach über die Grenze, aber die Pogrome hören fast nicht auf, und noch dumpfer ist der furchtbare Druck, welcher auf den armen Juden lastet. Wie unmenschlich, wahnsinnig unmenschlich, ist es, daß jüdische Mütter und Frauen zu ihren in der Armee dienenden, verwundeten oder schwer kranken Söhnen und Männern nicht zugelasien werden, weil die Militärspitäler außerhalb des Ansiedlungsrayons liegen! Wie herzlos ist dies gegenüber den armen Kranken, welche sich ihre Leiden im Dienste des Staates geholt haben. Eine halbe Million Juden zum Waffendienste zu zwingen und sie so wie ihre Allernächsten dann als Rechtlose und Aussätzige zu behandeln, das ist echt russisch. Diese schweren Anschuldigungen sind durch zahllose Berichte und Aussagen bestätigt. Ungarn. Aus den Gemeinden. Budapest. Unter Teilnahme der weitesten Kreise rvurde die als echte npx weitbekannte Frau Rabbi Simon Brvdy zu Grabe getragen. Gleich ausgezeichnet durch Vorzüge des Geistes und des Herzens, als Tochter des bekannten großen Grotzwardeiner Rabbiner Landesberg, kannte sie nur ein Streben, an der Seite ihres als allverehrten Mannes ihre Häuslichkeit, dieses wahre Lpv vipü mit dem Glanze höchster Tugendhaftigkeit zu erfüllen und es zum Brennpunkt ideal jüdischen Lebens zu gestalten, 3.3521. Budapest. Auf eine Eingabe der Linz e r jüdischen Knltusgemeinde an das Innsbrucker Militäroberkommandö, daß es den jüdischen Kriegsgefangenen gestattet werde, entsprechend dem jüdischen Religionsgesetze zu leben und zu speisen, kam am 30. Januar die Antwort, daß diese Frage nach einem kriegsministeriellen Erlaß bereits geregelt sei. Nach dieser Verordnung wird den Kriegsgefangenen bei der Einhaltung ihrer religiösen Satzungen, besonders aber bei ihrer rituellen Verköstigung mit »veitestem Entgegenkommen begegnet. Es ist darum zu erwarten, daß das Militärkommando bei der Versorgung der jüdischen Kriegsgefangenen am Pesach sich auch von diesem humanen Standpunkt wird leiten lassen. Jllava. Von der tiefen Teilnahme der ganzen Bevölkerung begleitet, wurden die sterblichen Reste der Witwe unseres großen Rabbiners David Lewin n"V zur letzten Ruhe gebettet. Die Liebe und Hochachtung, die man ihr beim Leben entgegenbrachte, bewahrte man ihr aus dem letzten Gang. Vom Synagogenhof, in den man den Sarg abstellte, bewegte sich der Leichenzug durch die Stadt, die in tiefer Trauer feierte. Ergreifend waren die letzten Grüße des Nikolsburger Rabbiner Dr. Lewin, der in ihr seine Mutter beweinte. Und packend schilderte ihr Schwiegersohn Dr. Himmler, die Tugenden der seltenen Biederfrau. Sie war der würdige Sproß großer Ahnen und wirkte im Geiste des „Schare Thora" und „Schemen Rokeach" von denen sie abstammie. 3- V. A. Rußland. Rabbi DaDiO Srieömann rxt Karlirr-^irrfk, 7. März. Die „Hazefirah" bringt die Trauerkunde, daß Rabbi David Frtedmann, der Nestor der rabbinischen Welt, am 4. Adar in Pinsk gestor.en ist. Das Thorajudentum der gesamten Diaspora verliert in ihm einen seiner hervorragendsten geistigen Führer. Wir behalten uns eine eingehende Würdigung des Meisters und seines Werkes für die nächste Nummer vor. Verweigert- I^etersvurg, 3. März (indirekt). Nach einer Meldung, die dem „Retsch" aus Kiew zugekommen ist, hat die Kiewer Gouvernementsbehörde den jüdischen Flüchtlingen aus den von den Deutschen besetzten Gebieten in Polen das Wohnrecht in Kiew verweigert. I Das , Neueste" aus HJarfdiau. Warschau, 1. März. Die letzte Nummer der „Hazefirah" behandelt in einem Leitartikel den Anteil der Juden in Rußland an der Arbeit für das Vaterland. Ueberall arbeiten die Juden für die Soldaten im Heere, für die Kranken und Verwundeten, für die zahllosen Flüchtlinge, senden Tausende von Soldaten ins Heer, darunter viele Freiwillige. Die Last, die auf den Juden Warschaus liegt, ist eine riesengroßedie immer größer werdende Zahl der Flüchtlinge vom Kriegsschauplätze macht ihre Ernährung unmöglich. Deshalb mahnt die „Hazefirah" sehr dringend die anderen jüdischen Großgemetnden in Rußland, auch etwas mitzuhelfen an der Riesenausgabe, die die Gemeinde Warschau zu leisten hat. Die kleinen Orte im Kreise Lublin haben dürch den Krieg viel gelitten, viele Dörfer sind vollständig ausgebrannt und viele Juden sind getötet worden. Der Zustrom von jüdischen Flüchtlingen nach Warschau geht in die Tausende. Es find nicht Herbergen und Häuser genug vorhanden, um den Armen Brot, Kleidungsstücke und Wohnung zu verabreichen. Die Synagogen werden geöffnet, um die Hungrigen und Frierenden dort unterzubringen. Zu Wagen und zu Fuß kommen sie in die Stadt. Wie die „Hezesirah" schreibt, sind viele Kinder durch die Kälte gestorben. Ein Teil der Flüchtlinge wird jetzt mehr ins Innere Lithauens,nach Minsk, Wilna und anderen Städten geschickt. Hinter der Sronf. Wtt«a, 3. März. Das Auslandskomitee des „Allgemeinen Arbeiterbundes in Ltttauen, Polen und Rußland" („Bund") übergiebt folgendes, ihr zur Hand gekommenes Dukument der Oeffentlichkeit: „Festung Nowo-Georgiewsk Nr. 88. — 27. November 1914. Befehl an die Truppen der befestigten Zone. In deutschen Blättern wird mitgeteilt, daß die deutschen Truppen in den russischen Juden zuverlässige Verbündete gefunden haben, die ihnen nicht bloS Proviant zustellen, sondern für sie auch die besten Spione sind und ihnen jegliche Dienste, — oftmals auch uneigennützig — leisten, wenn sie nur den russischen Jnteressen zum Nachteil geraten. Von einem Siege der Deutschen erwarten die Juden ihre Befreiung vom Joche des Zaren und von den Verfolgungen der Polen. Aehnliche Nachrichten treffen auch fortgesetzt von den Truppen ein. Um das Militär vor den schändlichen Umtrieben der jüdischen Bevölkerung zu bewahren, hat der Oberbefehlshaber der Truppen befohlen, bei der Besetzung bevölkerter Ortschaften von der jüdischen Bevölkerung Geiseln zu nehmen und die Einwohner zu warnen, daß im Falle einer verräterischen Handlung irgend einer der örtlichen Einwohner nicht nur im Zeitraum der Besetzung der Orte durch unsere Truppen, sondern auch nach deren Abzug die Geiseln hingerichtet werden, was nötigen- Als dieser ein erstauntes Gesicht machte, klärte er ihm das Dunkel auf: er habe sie mit der Zunge— züngeln stamme doch eigentlich von diesem Worte — umgekriegt. Das habe ich miterlebt. Es war eine Freude zu sehen, welche Purimstimmung bei dieser Bemerkung sich unserer Abteilung bemächtigte. Und wir alle kämpfen mit irrse, weil wir wissen, daß wir in dem Dienst einer heiligen Sache stehen und überzeugt sind, daß "Tn uns zum Siege jrStr'r führe."^ Gott mit Ihnen! Z. B. A. Feldpostgedlchl. Der Verein Israelitischer Fortbildungsverein „M o n t e s i o r e" zu Berlin sandte seinen im Felde stehenden Mitgliedern Liebesgaben, denen er ein Gedicht beifügten. Darauf erhielt der Verein von einen« Mitgliede aus dem Felde folgende Antwort in Versen: Längst schon wollt' ich mich bedanken, Für die Gaben reich und praktisch : Doch ich bitte nicht zu zanken, Ein Versehen war es faktisch. Herrlich schmeckten all die Dinge, Lob ertön' aus meinem Mund, Tausend Dank dafür ich bringe Aus des „Magens tiefstem, Grund" Dank auch für die hübschen Worte, Die der Sendung bergegeben, Die vom lieben Heimatsorte Brachren Grüß' ins Kriegesleben. „Feldgrau" nennt mich das Gedicht, Das der Sendung beigegcben, Die Bezeichnung siimnlt nun nicht, Was ich möcht hervor noch heben. Wohl seh ich der „Felder" viele, Die uns hart zu schaffen machen, Auch im emsigen Erdgewühle Werden „Grau" stets unsere Sachen. „Feldgrau" sind auch unsre Hände, „Feldgrau" auch oft das Gesicht, Aber trotzdem die Bezeichnung „Feldgrau" stimrnt für uns noch n i ch t. Hoffentlich ist bald zu Ende Dieser traurig böse Krieg, Ach, wie gerne und behende Kehr n wir dann nach Haus' zurück. Wenn uns endlich dann beschieden Der ersehnte schöne Frieden, Woll'n wir unsre Kraft auch weih'n Unserm „Montefior-Verein". Rüben Spanier. (Der „Wisnitzer Redde".) A k o i s S i r o b l, Ungarns größter Bildhauer, der den Feldzug bis zu seiner Verwundung mitmachte, erzählt in folgender Weise sein Zusammentreffen mit dem Wisnitzer Rebbe. Nach all dem Leid und dem Jammer, den ich bei den unglücklichen Opfern der russischen Kosaken gesehen, rvobei nur der Heroismus, mit dem diese Schicksalgepeitschten ihr großes Weh ertrugen und ihr grenzenloses Gottvertrauen ihr Unglück überstiegen, hatte ich ein Bedürfnis „ihn" zu kennen und in die Nähe des berühmten Wunderrabbi, der eine solche Macht auf ihre Seele besitzt, zu gelangen. Er genießt unbeschränkte Autorität im Lande und ist auch sonst unabhängig unwohlhabend. Seine Wohnung, die Synagoge und alle verfügbaren Räume überließ er dem Militär zur Einquartierung. Im kam zu ihm und — mutz gestehen — daß ich mich, trotzdem ich Christ bin, bei ihm sehr wohl gefühlt habe. Seine einfachen, ungezirkelten Worte machten den tiefsten Eindruck auf mich. Als ob ein biblischer Patriarch über den Verfall der Menschheit und die Sittenverderbnis gesprochen hätte. Diese habe, meinte er, die gewaltige Kriegskalastrophe verschuldet. Gar nichts Pathetisches, Salbungsvolles, das nach Wirkung schreit, lag in seinem Wesen. Was er sagte, kam aus der Tiefe einer idealen Menschenseele. Man sagt, daß solche Männer von einem ahnungsvollen Mystizismus erfüllt sind, der mit Macht auf seine Umgebung einwirkt. Ich fand dies nicht. Wenigstens beim Wisnitzer Rebben nicht. Er hat dies gar nicht nötig. Im Menschen, in seiner überragenden Individualität ist diese Anziehungskraft, die man für Wunder wirkend hält. Der Kulturmensch nennt sie: bestechende Individualitätbeim Volk sind sie die Wunderrabbis. Er ist ganz bescheiden, anspruchslos und verlangt nicht mehr Respekt als jeder andere Mensch. Wir sprachen viel über die „zivilisierten Juden". „Ja diese hasten zu sehr — meinte er — und sind gar nicht bescheiden. Es würde ihnen nicht schaden, wenn sie ein bischen zurückblicken wollten; zurück zu den Ahnen, zu den alten Traditionen. Die Natur kennt kein Ueberhasten} das tun nur die Maschinen, -er Mechanismus, nicht der Organismus. Die Maschine wird endlich rostig und bricht. Die Natur hingegen lebt in eng stiller Entwicklung fort...Also sprach er. Nicht weit von seinem Hause traf ich einen Juden, gebeugt und gebrochen, fein Enkelkind mit gefrorenen Tränen im Auge, auf dem Arme. Sie suchten beide die Tochter, die Mutter, die gestern vor den Kosaken flüchtete....

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