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Der Israelit · 1915-03-11 · Heft 11 (11.3.1915) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 11 (11.3.1915)
Date
1915-03-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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T f:? | i- %■ I f. ü,- WS Sette 2 Nr. 11 in der Sympathie der Bevölkerung für ihre letzten Zwecke keinen Rückhalt fand und der dennoch der Glanz der englischen Sprache und Kultur ein gewisses Schwergewicht verlieh. „Sollte an Stelle Englands Frankreich seine Hand auf Palästina legen*), so würden sich damit die Aussichten für uns Juden um nichts verbeffern. Einen Vorteil würde es höchstens für uns bedeuten, daß Frankreich auf kolonisatorischem Gebiet weniger Energie und Tüchtigkeit entfaltet als England. Andererseits ist aber zu bedenken, daß Frankreich seinen Ehrgeiz darein setzt, aus den eroberten Staaten, nach dem Grundsatz: „Und bist du nicht willig" .... französische Provinzen zu machen. Was die französische Sprache und Kultur (man vergesse nicht der antijüdischen Tätigkeit /'er Alliance) bereits in Palästina an schweren Schäden angerichtet hat, bedarf keiner weiteren Erörterung. Man halte sich aber vor Augen, daß der vorher nie gekannte „arabische Antisemitismus" von Frankreich eingeführt wurde und daß diese impotierte Giftpflanze vom französischen Jesuitenorden in Palästina treulich gehütet wird. Wehe uns, wenn diese Herrschaften die Oberhand im Lande gewinnen. —- „Es liegt nicht in unserer Hand, der einen oder der anderen der kriegführenden Mächte zur Gewinnung Palästinas zu verhelfen. Nötig ist es aber davor zu warnen, uns voreilig in einen durch die Umstände nicht gerechtfertigten Rausch der Begeisterung hineinziehen zu lassen, der zu einer um so bittereren Enttäuschung führen müßte." Soweit der Artikel des angesehenen jüdischen Organes in Rußland. Für "uns entbehrt die ganze Frage der natürlichen Grundlage, weil wir, außerhalb des von Reuter und Havas gesponnenen Lügennetzes, die Chancen der Entente- Mächte in Palästina ganz anders einschätzen. Man darf aber den Artikel als erfreuliches Zeichen dafür nehmen, daß im Chaos der Ereignisse der Blick der russischen Juden für den tatsächlichen Stand der Dinge ungetrübt blieb. Das seelische Glend der jüdischen Mchilinge aus Galizien und Bukowina. Bon einem oesterreichrschen Rabbiner. Bei der Fürsorge für die galizischen Flüchtlinge macht sich ein doppelter Mangel fühlbar: *) Bezeichnend für diese Aspirationen Frankreichs ist ein Artikel Gustav Hermes in der sozialistischen „La gnerre sociale“, in dem er mit den Worten „Freut euch, euer Messias naht!" Palästina einfach an die Zionisten verschenkt . . . (Red. des Israelit). „Wären wir alle weise, alle scharfsinnig, alle erfahren, alle Wisser der Thora so ist es uns dennoch Pflicht zu erzählen vom Auszuge aus Mizrastm, und wer recht viel erzählt vom Auszuge aus Mizrajim, der ist lobenswert". Rabbi Jakob aus Dubno wirft in Bezug auf diese Worte der Hagadah zwei Fragen aus. Warum, fragte er, sollen wir verpflichtet 'ein, Gott für die Befreiung aus Mizrajim zu danken, da er selbst doch das Galuth Mizrajim über Israel verhängt hatte, als das Volk noch gar nicht existierte, und es daher das Galuth auch nicht verschuldet haben konnte. Wenn jemand einen Arm gebrochen hat, und ein Arzt heilt den Bruch, so ist er dem Arzte zu großem Danke verpflichtet. Wenn *) Aus der bei I. Kauffmann, Frankfurt a. M. zum zweiten Mal erschienenen, mit Bildern und Buchschmuck prachtvoll ausgestatteten Dr. M. Lehmannscheu „H a g a d a h s ch e l P e tz a ch" lasten wir hier? eine Abhandlung folgen, die manch paffendes Wort auch für unsere Zeit enthält. _»er JSraeltt. _ der Mangel an Zentralisation und an religiöser Leitung und Fürsorge. Und dieser doppelte Vorwurf trifft mehr das österreichische Judentum als die österreichische Regierung. Seit der ersten Evakuierung bestimmter Gebiete in Galizien sind bereits Monate verstossen und während dieser für die armen Flüchtlinge doppelt langen und bangen Zeit hätte man jüdischerseits Mittel und Wege ausfindig machen können, das Liebeswerk für diese Aermsten der Armen, diese Märtyrer ihres Glaubens und ihres Vaterlandes, zu regeln und zu ordnen, die Fürsorgetätigkeit zu zentralisieren. Somit soll keineswegs gegen das österreichische Judentum der Borwurf der Passivität, der Indolenz und der Gleichgültigkeit gegenüber dem Elend ihrer unglücklichen Glaubensbrüder. aus Galizien und der Bukowina erhoben werden. In den Großstädten, wie Wien, Prag, Brünn, Reichenberg, Proßnitz etc. wird sehr viel getan, um die furchtbare Not und das erschreckende Elend der jüdischen Flüchtlinge zu lindern und zu mildern. Dort bestehen auch verschiedene Hilfskomitss, die verschiedene Ziele und Zwecke verfolgen, wie z. B. Ausspeisung der Armen, Fürsorge für Kinder und Wöchnerinnen, Ambulatorien für Kranke, Wärmestuben und Teehallen, Verteilung von Kleidern und Wäsche etc. Erschreckend groß ist aber das Elend derjenige'^ Flüchtlinge, die in kleinen Gemeinden, meistens in Dörfern untergebracht sind. Diese stehen buchstäblich verlassen da und sind dem physischen und moralischen Verderben geweiht. Ich kenne Flüchtlinge, die seit Verlassen ihrer galizischen Heimat noch keinen Löffel Suppe, kein Stücklein Fleisch zu sich genommen haben, weil es in dem Orte, wo sie untergebracht sind, keinen!2N1V gibt. Diese Leute haben weder ein noch eine min "ILO, noch ü'lvrolll und nib'Sfi. um wenigstens am fotf einen Gottesdienst abzuhalten und ihre Kinder im heiligen Väterglauben zu unterrichten. Und unter ihnen befinden sich wahre D’KT/ denen die Religion alles ist, viele mir, Hölbl D^SID/ die glücklich wären, sich mit einem "La zu befassen und darüber ihre Not und ihr Elend zu vergessen. In der Umgebung meiner Gemeinde sind ca. 600 jüdische Flüchtlinge untergebracht, in verschiedenen Dörfern, in denen kein einziger 'Nin' wohnt. Bon der materiellen Lage dieser Leute soll hier nicht die Rede sein/ eine Schilderung derselben wäre auch zwecklos, weil sie geradezu entsetzlich, weil unglaublich klingt. Man stelle sich aber die seelische Qual und Pein dieser Unglücklichen vor. 600 Juden ohne vniV/ ohne ‘jnifc, ohne jedweden Behelf, ihre religiösen Bedürfnisse befriedigen zu können. Und dazu keine Zentrale, keine Stelle, kein Komitee, kein Verein _11. März 1915 und keine Bereinigung, an die man sich um Hilfe wenden könnte! Vor einigen Tagen kam ein junges Mädchen weinend zu mir. Dieselbe ist geprüfte Lehrerin und ernährt sich jetzt durch Nähen von Mtlitärwäsche. Nun ist ihr alter Vater erkrankt. Magenkrebs oder bösartige Magengeschwüre. Der Arzt riet ihr, schleunigst nach Wien zur Operation zu fahren, und siehst kein Reisegeld, keine Kleider für den sterbenskranken Patienten und keinen in Wien, an den sie sich wenden könnte. Ich schrieb sofort an ein Hilfskomitee nach Wien, sich dieser Verlassenen anzunehmen und ihnen in der Millionenstadt beizustehen. Der Erfolg war — negativ. Keine Antwort ist auch eine Antwort. Das Hilfskomitee hat mit seinen Flüchtlingen genug zu tun, die aus der Provinz gehen es nichts an. Ein anderes Bild. In einem gottverlassenen Neste, das man vergebens auf der Landkarte sucht, leben 54 jüdische Flüchtlinge. Dort ist ein Mann erkrankt, ein Familienvater, ein Vater von sieben Kindern. In diesem Dorfe gibt es keinen Arzt, und der alte, kranke Mann quält, sich und seine Umgebung seit Tagen, ohne Arzt, ohne Medikamente, ohne Hoffnung und Aussicht auf Besserung. Er ist herzkrank und hat bereits geschwollene Füße. Zeitlich früh am Purim kommt sein Sohn weinend zu mir, ich möchte für seinen sterbenskranken Vater Arzt und Wagen auftreiben, auch für Medikamente sorgen. Und ich weiß nicht mehr, an wen in meiner Gemeinde ich mich wettden soll/ ich habe seit Wochen jedes einzelne Mitglied wiederholt in Anspruch genommen, und alle gaben, alle halfen, viele weit über ihre Kräfte. Und von auswärts ist keine Hilfe zu erwarten. Und nun kommt HDB, unser JPi Viele Leser dieses geschätzten Blattes werden es bestätigen, daß ich mich schon seit Wochen bemühe, für die religiösen Bedürfnisse dieser meiner Gemeinde zugeteilten Flüchtlinge im allgemeinen und für Beschaffung von mxa insbesondere zu sorgen. Bis jetzt ohne Erfolg. 600 jüdische Seelen sehen dem VNpN jn mit Bangen entgegen. Es besteht gar keine Aussicht, ihre primitivsten Bedürfnisse befriedigen zu können. So ergeht es mir und so gewiß vielen in Böhmen und Mähren, die noch nicht so emanzipiert sind, den pan ’"11D,K aufzuheben und einen Dispens für mxa zu erteilen, wie es leider manche wünschen und beabsichtigen. Angesichts dieser warhaft erschreckenden Zustände ist die Initiative der „Agudas Jisroel" in Frankfurt und Halberstadt mit hoher Freude zu begrüßen, und es wäre nur zu wünschen, daß der Appell der Aguda überall Widerhall finde, daß sich jeder beeile, die von der Agudas Jisroel eingeleitete Hilfsaktion nach Möglichkeit zu unterchm aber der Arzt den Arm zerschlagen und ihn dann wieder herlt, ist ihm der Geheilte nicht nuc keinen Dank schuldig, sondern er hat sich noch über die erduldeten Schmerzen zu beklagen. Die zweite Frage ist die, warum derjenige, der am meisten erzählt vom Auszüge aus Mizrajim, lobenswert fein soll. Unsere Weisen lehren im Traktat Verachoth f. 71 nanan Sv “pao xmr qvz nsnn Sv -paS eix a"n „der Mensch ist verpflichtet für das Schlimme Gott zu preisen, gerade so wie er für das Gute dankt." Aus dem Wortlaute dieses Ausdruckes der Mtschnah, atva naran Sv "pan ist zu entnehmen, daß beides, Schlimmes und Gutes, chm gleichzeitig vorliegt: für das Gute, für die Rettung aus Not und Gefahr, dankt er aus eigenem Antriebe, und nun verpflichten ihn die Weisen, auch für die Not und Gefahr, in denen er sich befunden, zu danken. Es lautet demnach die Uebersetzung. „Der Mensch ist verpflichtet zu preisen für das Schlimme, das chm zugekommen, gerade so wie er aus eigenem Antriebe für die Rettung dankt:" denn sonst müßte es heißen naran Sv >.va rrvn Sv “paS an» a»n. Gewöhnlich sind die Menschen gern bereit, für die Rettung aus der Gefahr dankbar zu sein: allein, sie meinen, daß sie von der Not und Gefahr hätten ganz und gar verschont bleiben können. Aber unsre Weisen belehren uns, daß wir Ursache haben, Gott auch für die Schmerzen zu danken, die er ja nur zu unserem Heile uns gesendet hat. Diesen Gedanken hat auch König David ausgesprochen (Psalm 10 l, V. 1.) mnwt ttßPöi "tan morx "i “S. „Für Liebe und Strenge lobsinge ich, (für beides) o Gott, preise ich Dich!" Noch deutlicher hat Elihu im 33. Kapitel des Buches Hiob diesem Gedanken Ausdruck verliehen: „Wohl hält sich der Mensch für gerecht und fehlerfrei: aber Gott sendet ihm Schmerzen, damit er böse Werke unterlaste. So entzieht Gott seine L-eele dem Verderben, errettet sein Leben von der drohenden Waffe." — So ist auch das Galuth Mizrajim nur deshalb über unsere Väter verhängt worden, um sie für den erhabensten Beruf genügend vorzubereiten. Sie mußten alles verlieren, um aus der Hand des allmächtigen Gottes alles wieder zu empfangen. Nur so konnten sie das Volk Gottes werden, vor den Berg Sinai zu treten, um die Thora zu empfangen. Wenn Israel zu einem Volke herangewachsen wäre, wie die andern Völker der Erde, dann hätte es sich gewiß wie die andern geweigert, das schwerwiegende Joch der göttlichen Gebote aus sich zu nehmen. So aber, vom schrecklichen Sklavenjoche eben befreit, unter Wundern und Zeichen aus Mizrajtms Feffeln gelöst, durch die Spaltung des Schilfmeeres vom sicheren Tode gerettet, genährt vom Himmelsbrote und getränkt mit Wasser aus dem Felsen, sprachen sie einstimmig: „Alles, was Gott geredet, wollen wir tun und gehorchen". Demnach ist das Galuth Mizrajim zur größten Wohltat geworden, denn ohne daffelbe wären wir nicht befähigt gewesen, die hohe Bestimmung, ein Gottesvolk zu sein, auf uns zu nehmen. Gon hat uns die Leiden in Mizrajim lediglich zu unserem Heile erdulden laffen. Gerade so, wie wenn jemand einen unbrauchbaren Arm hat -, er geht zum Arzt, und dieser findet, daß der Knochen verkrümmt ist: dann zerschlägt der geschickte Arzt den Arm und heilt ihn wieder, wodurch der Knochen gerade wird, so daß der geheilte Arm zu allen Verrichtungen tauglich ist. In diesem Falle hat der Geheilte volle Ursache, auch für die ihm angetanen Schmerzen dankbar zu sein. Auch die zweite Frage beantwortet uns der berühmte Magid durch ein Gleichnis. Eine Gesellschaft von Kaufleuten fährt übers Meer. Der eine führt Diamanten und edles Gestein mit sich, der andere gol-

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