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Der Israelit · 1915-03-04 · Heft 10 (4.3.1915) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 10 (4.3.1915)
Date
1915-03-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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4. März 1015 Der Israelit. No. 10 Sette 3 weil utrfere Zeitungen gar nichts schreiben. Man hütet sich, ein Wort zu sagen. Wir lesen nur, daß die ttnsrigen den Feind attackieren; wir vernichten die Deutschen und Oesterceicher, wir machen so viele Gefangene und erbeuten so viele Kanonen. Also laut unserer Rechnung Haben Deutschland und Oesterreich alle Soldaten verloren mitsamt allen Gewehren und .Kanonen. Da aber die Deutschen und Oefterreicher sich noch immer schlagen, .haben sie doch wohl Sol-- Soloaten mit Gewehren. Es scheint, daß die ganze Sache umgekehrt ist. Unser Herz sagt uns, daß sie. die Deutschen und Oesterreicher, uns unsere Soldaten und Gewehre wegnehmen. Man sagt, dag unsere Soldaten dreimal so viel vernichtet werden wie bei den Deutschen. Unsere .ganze Macht besteht darin, daß wir so viele Soldaten haben, nun, so spart man nicht. Nach der Schlacht bei Warschau erlaubte der Kommandeur, die Juden für sich zu begraben und die Christen für sich. Die Warschauer Gemeinde schickte Leute hinaus, um die gefallenen Juden aufzulesen. Und so wurden sechshundert Juden ansgelesen und je zu zehn m einem Grab begraben. Denke also, wenn man sechshundert Juden begraben hat, wie viele Christen erst gefallen Und! Die Felder waren bedeckt mit Leichen, tausende, tausende Tote. So eine Trauer herrscht jetzt überall und die größte Trauer in Polen. Ich kann.Dir sagen, daß am meisten von allen die Inden leiden. Und schuld daran sind die Polen. Sie verleumden die Juden und verursachen Metzeleien und jüdisches Blut fließt in den Gassen. Genug schon von dem Leid zu schreiben. Wenn der Krieg sich beruhigen wird, dann werden wir erst sehen, tote es mit uns steht; vorläufig ist es schlimm. Man sagt, das; nach dem Kriege die Juden es noch schlechter haben werden wie vor dem Krieg. Und das Schlimme dürfen wir innner glauben... B j a l o st o k, 11. Januar. Mein lieber Bruder, Du bittest mich, Dir alles zu schreiben. Ich würde Dir schreiben, aber es steht eine große Wand und die kann man nicht umwerfen.. darum kann ich nicht schreiben. Einer wurde bestraft, weil er alles geschrieben hat, er hat an einen „Genossen" in Amerika geschrieben und über alles geschrieben, und rückwärts stand seine Adresse. Da ist inan zu ihm ins Haus gekommen und hat ihn mitgenommen. Vorläufig sitzt er ganz fest; er ist von der Neuen Welt und ein sehr feiner Mensch. Das ist aus unserem finsteren Winkel geworden. Du darfst Dich glnalich schätzen, daß Du aus dem Winkel geflohen bist, daß Du ihn jetzt nicht zu sehen brauchst. Es steht bei uns alles aus dem Kops. Es war dock schon immer gut nnd jetzt kommt es von allen Seiten. Und wer weiß, wann es ein Ende nehmen wird. Vorläufig geht der Teufel immer weiter — und bis unser „tönerner Koloß" sich rührt, kommt der Teufel und legt unsere ganzen Armeen hin und geht seinen Weg weiter. Du kannst Dir denken, wenn ein Klotz einen Teufel einholen muß — und wer kriegt was dabei ab? Wir Juden!... So leben wir jetzt. Majewo ist ein ödes Feld geworden und Gott weiß, was mit uns sein irnrd. Bis jetzt stehen wir mitten nn Feuer, und jetzt sind für 10 Tage bie Bahnen gesperrt, weil man neue Soldaten bringen muß, und man führt uns nichts zu. Man kriegt kein Mehl. Petroleum haben wir auch nicht und wer was hat, berechnet das Pfund um zehn und zwanzig Kopeken teurer. Die Teuerung ist sehr groß, Gott mag uns Helsen, daß wir alles glücklich überstehen und mit dem Leben davonkommen. Wir wollen nichts mehr, denn an ein trauriges Leben sind wir ja gewöhnt, Gott sei Dank! Und das Leid meidet uns nicht: .... Wir denken, das jetzige Leid ist noch nicht so groß, — weiß Gott, toas später sein wird nach dem Krieg. Denn die Bestie ist der Herrscher. Traut man sich ein Wort zu.sagen, ist man seines Lebens nicht sicher. Wenn einer bei dem Hooligan Kartoffeln einkauft, dann kann er zu hören kriegen: „Warte nur, Beilis, nach dem Krieg machen wir Euch einen Pogrom!" In der ganzen Welt ist es so finster geworden, so viel jüdisches Blut wird vergossen und dazu macht man uns noch solche Hoffnungen! Es ist so gut, daß der Vater selbst gesagt hat, wenn es wieder still sein wird aus der Welt, wird er hier ein Ende machen nnd zu Euch fahren. Kannst Dir denken wie glücklich man hier ist, wenn er schon nicht mehr hier sein will. Und wer weiß, wie man uns noch für alles danken wird... * Astropol (Gouv. Wolhynien), 14. Januar. - - — Wir sind ständig in Angst. Auf der Straße darf man sich nach sieben Uhr abends nicht ansyalten. Unser Reviervorsteher ist nach Lemberg gefahren, um dort Jsprawnik zu iverden. Mit einem Wort, es ereignet sich viel, und es ist schlimm. Dabei machen die Unsrigen noch Fortschritte (!), wie wird es erst kommen, wenn es schlecht geht! C h o l m, 24. Januar. Fe eitag, den 28. September, um 7 Uhr morgens sahen wir von der Pokriwker Seite Militär zurückfonimen ohne Mützen und barfuß. Mit ihnen einige Trains — zerorochen und zerschlagen. Es war ein Graus, die Soldaten anzusehen. Sie waren alle schwarz vor Staub. Alan merkte bald, daß sie irgendwo halten zurückgehen müssen. Stelle Dir vor, wie einem zumute jst, wenn man so etwas sieht. Man fing bald an, aus allen Häusern Tee und Erfrischungen he lauszutragen und es den Soldaten zu geben. Derweil kamen einige Polen und begannen zu agitieren, daß daran die Juden schuld seien, weil die Samostjer Juden dies alles angerichtet haben, und daß die dortigen Juden die deutschen Soldaten mit Brot und Salz empfangen haben. Diese Agitation wurde von den Polen schon eine ganze Woche lang betrieben. Natürlich haben die Samostjer Juden sehr teuer bezahlt. Man hat sechs Juden erschossen, weil man gesagt hat, sie hätten auf russisches Militär yeselwssen.' Man hatte schon 1VV Mann znm Erschießen hinausgeführt. Sie standen schon in einer Reihe, oie Hände hoch. Da kam ein General und fragte, wofür man sie erschießen wolle, und man sagte ihm, daß sie auf russisches Militär geschossen haben. Da ließ er sie nach Hause gehen. Die Juden aus Samostje sind alle geflüchtet, so daß die Frauen ihre Männer suchten, die Männer ihre Frauen und Kinder. Nach Cholm kamen ganze Trupps Fußwanderer. Schmuck Lind Geld, was sie bei sich hatten, wurde ihnen abc.enommen. Sie kamen an entblößt und barfuß. Und während die Polen am Freitag herumstanden und agitierten, kamen die Kosaken und begannen zu plündern. Aus den Häusern und Läden haben sie alles weggenommen. Die Polen führten sie und halfen ihnen Pogrome machen. Wo man einen Inden erblickte, schlug man ihn. Und was man nicht plünderte, zerschlug man. Es gab Schwerverwundete, die ins Spital gebracht io erden mußten. Stelle Dir vor,! eber Bruder, was man in bieder Zeit durchzuma " t hat. Beständig das Laufev der Soldaten in unser.".'- Gäßchen, die Schreie der Verfolgten, Und zu rufen die Polen in einem fort, man müsse i Juden totschlagen. Ich dach'e schon gar nicht, daß ich Dir werde Briese schreiben können - in so einem Schrecken waren wir. Gott sei Dank hat es nicht lange gedauert. Batd kamen Patrouillen in die Stadt, auch in unserem Gäßchen wurde eine ausgestellt und daun wurde es ruhiger. Am Montag, als man sah, daß alle Automobile die Stadt verließen, der Stab, die Post, die Regierungsbant nnd die Gouvernementsverwairnng, wurde cs finster in der Stadt. Man ersuchte um Zeugnisse, niit denen mau die >2tadt verlassen durfte. Es reiste, was reisen konnte. Alan zahlte 2 Rubel für einen Wagen zur Bahn. Und in der Bahn saß man Tage und Nächte, bis man fahren konnte, weil die Züge nicht regulär gingen. Und weil ich nicht genug Geld hatte, beschloß ich, daß wir hier bleiben und im schlimmsten Fall zu Fuß fortgehen. Als man am Dienstag die Geschäfte aufmachte, begann gleich das Plündern: da hat man oie Geschäfte wieder geschlossen. An der Bahn war es nicht besser. Die Soldaten schlugen auf die Menschen ein entrissen ihnen die Uhren, nahmen das Geld und die Bündel mit Kleidern. Mittwoch früh srchr der Polizeimeister durch die Stadt und befahl, alle Tabakläden zu öffnen. In jedem Laden stellte er einen Soldaten und zwei Schutzleute aus, und.man ließ nur immer zwei Leute in den Laden. In den Bäckereien wurden auch Patrouillen aufgestellt. Weil.so viele geflüchtet waren, sind vielleicht in ganz Eholm zehn Läden offen gewesen In Cholm iß es jetzt ruhig. Alles ist aber sehr teuer. Uno man verdient nichts. Alle Gebäude find als Spitäler eingerichtet. Auch Privathäuser werden belegt. Die Läden wurden geöffnet, weit man ausgerusen hat, wer die Geschäfte nicht offen hält, wird mit 5 Monaten Gefängnis oder mit 100 Rubeln bestrest werden. Mische Eindrücke im Felde. Aus dem Feldpostbrief eines Sanitäters. Einer Anregung von daheim folgend, möchte ich Ihnen heute einiges von den Eindrücken berichten, die ich speziell als Kamerad jüdischer Krieger und als jüdischer Sanitäter in den letzten 4 Monaten im Feld empfangen habe. Gegenüber dem, was unsere jüdischen Feldgeistlichen sahen und sehen, die freilich ihre unvergleichliche Bewegungsfreiheit und sie volle Verfügungsmöglichkeit über ihre Zeit voraus haben, kommt es mir immerhin, glaube ich, zugute, daß ich unseren Glaubensgenossen als gemeiner Mann und nicht als Offizier gegenübertretedenn draußen und zumal von der Front rückwärts zur Etappe macht dieses Verhältnis doch merklich mehr aus, als man in unseren Kreisen wohl vielfach glaubt, und nicht nur eine gewisse, fast unvermeidliche und unwillkürliche Scheu vor dem Vorgesetzten spricht hier mit, sondern auch das Moment, daß der Geistliche als hoher und hochgeschätzter Offizier die materiellen Mühsale des Feldzugs in unvergleichlich geringerem Maß fühlt als der Gemeine, der sich Korbe in der Hand. So war der Elimelech (bet Mann der Naami. der Schwiegermutter der Ruth) einer von den Großen und Verpflegern seiner Zeit. Als aber die Jahre des Hungers kamen, dachte er sich, es werden jetzt alle Israeliten mit ihren Körben seine Tür umringen, der eine werde mit einem Troge, der zweite mit dem Korbe kommen. Was tat er? Er erhob sich nnd floh vor ihnen nach Moab,wo er elendiglich zugrunde ging. Gehen wir noch einige Jahrtausende weiter zurück, so sehen wir, wle sich die Bewohner Aegyptens als auch die der asiatischen Nachbarländer in den Zeiten der Not an Pharao wandten, um Getreide aus den öffentlichen Getreidespeichern zu erhalten. Verschiedene Urkunden erwähnen eine derartige Verabreichung von Korn an Aegypter sowohl wie Nichtägypter. In der Lebensbeschreibung eines Nomarch aus der 12. Dynastie hebt dieser von sich rühmend hervor: „Es gab keinen Hungrigen zu meiner Zeit, als Jahre Hungersnot kamen. Ich bewässerte und pflügte Felder des Oryrnomos bis zu seiner südlichen nördlichen Grenze. Ich ließ seine Einwohleben, indem ich ihre Nahrung beschaffte. Es war kein Hungriger in ihm. Ich gab der Witwe, sowie der, die einen Gatten hatte. Ich bevorzugte den Aelteren nicht vor dem Jüngeren in allem, was ich tat." Ein Beba, der Vater des Ahmos, der an der Vertreibung der Hyksos teilnahm — ungefähr in der Zeit, als der biblische Joseph in Aegypten nach einer weit verbreiteren Annahme seines Amtes waltete —, sagt über seine Tätigkeit während der niehrere Jahre andauernden Teuerung: „Ich zog Getreide, ein Freund des Erntegottes. Ich war wachsam zur Zeit der Aussaat. Als dann eine Hungersnot kam, welche viele Jahre andauerte, da gab ich Getreide an die Stadt während jeder Hungersnot (oder: an jeden Hungrigen). Daß auch den auswärtigen Völkern die der alle und ner ägyptischen Kornmagazi/ 2 offenstanden, ist inschriftlich bezeugt. Die Bewoh.er der Stadt Byblos bezogen, wie die Tell-el-Amarr a Briese erzählen, Getreide aus dem Niltale. Ungefähr zwei Jahrhunderte später schickte der König den Hetitern Korn. Eine ihn verherrlichende Prunkinschrift meldet dies mit den Worten: „Ich ließ Getreide in Sctiiffe verfrachten, um das Land der Hetiter leben zu lassen." Diese Stellen lehren uns, daß der Staat Aegypten an Einheimische wie an Auswärtige Korn geliefert hat. Der biblische Joseph hat somit als Verwalter der Getreidespeicher nichts anderes getan, als was vor und nach ihm andere auch getan haben. Die Bibel stellt ja auch dies nicht als das Wunderbare hin, sondern nur die richtige, frühe Zeit, in der er, den Sinn des Traumes durch göttliche Eingebung erkennend, zu der Anordnung riet. O. L. (Der Untergang einer alten elsässischen Gemeinde.) Infolge der vor zwei Monaten befohlenen Räumung Sennheims (Oberelsaß) hat auch die dortige israelitische Gemeinde zu bestehen aufgehört. Die Gemeindemitglieder haben sich nach allen Richtungen hin zerstreut; die meisten suchten in der Schweiz Zuflucht. Der 80jährige Rabbiner H. S. Bamberger wollte bis aufs äußerste ausharren. Bor einigen Wochen mußte er jedoch aus dem Kugelregen mit einem Wagen geholt werden, den der Rabbiner des benachbarten Bollweiler, Dr. I. Weil, dorthin schickte, um diesen allgemein wegen seiner tiefen Frömmigkeit und bewundernswerten Thoragelehrsamkeit verehrten Rabbiner in Sicherheit zu bringen. Bald darauf eilte dessen Familie herbei, um ihn bei sich aufzunehmen. Jetzt ist auch die Synagoge verschwunden, sie ist vorige Woche samt ihren 14 Thorarollen verbrannt. I. (Purimhumor 1915.) Mit Rücksicht auf den Ernst und die Schwere der Zeit haben die jüdischen Zeitungen allerorts dieses Jahr von humoristischen Purimbeilagen abgesehen. Nur die in Wien seit einiger Zeit im galizischen Jüdischdeutsch erscheinende „Wiener M 0 r g e n z e i t u n g" ließ sich ihre Purimzeitung nicht nehmen. Der Zensor zeigte sich aber noch humorvoller als die Redaktion und lieferte ihr gar keinen üblen Witz durch Streichung von etwa zwei Dritteln des humoristischen Textes. Die „Purimzeitung" zeigt also nach der Ueberschrift und dem üblichen humoristischen Untertitel gleich drei ganze leere Spalten. Was dann noch an Humoresken übrig bleibt, ist dürftig genug. Hier eine kleine Stichprobe: Aus Tokio wiro berichtet, daß Japan nach den letzten Anstrengungen so heftige Kopfschmerzen verspüre, daß es China (Chinin) einnehmen muß . . . In Petersburg tröste man sich damit, daß die Ruffen für die Kanonen aus Stahl und Eisen, die man ihnen abgenommen, in Ostpreußen und Galizien Uhren und Ringe aus Silber und Gold erbeutet haben. Sie gaben also Eisen für Gold . . . Vermißt wird seit dem Kampfe in Masuren Nikolai Nikolaiwitsch. Er ist an folgenden Merkmalen zu erkennen. Augen: auf den Zarenthron gerichtet. Nase: kupferroi. Mund: übervoll. Hände: lange Finger. Haltung: schwankend. Gang: rückwärts. Kopi: verloren. *■ i

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