Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 10 (4.3.1915)
- Date
- 1915-03-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bette 2 Nr. 10 Der JSraeltt. 4. März 1915 Gesamtheitslebens stellt sich ein, nur den Menschen aus den Niederungen seines kleinen Leides in Regionen höheren Denkens und Empfindens hinaufzuziehen, um „seinen Sinn in die Ferne zu tragen, damit er seinem Schöpfer Gerechtigkeit zolle." "n nvl rtö „Was bin ich und was mein Leben?" so sagt sich der Trauernde angesichts des im Trauerhause errichteten Heiligtumes im kleinen (£2X2 ttHpa) „Der Mensch vergeht, die Menschheit besteht. Und was ich mir errafft und errungen, es sinkt nicht mit ins Grab, es ist, sofern es nicht den Untergang in sich trägt, für die Ge samtheit, für die Ewigkeit errungen. Das ist jüdischer Trost. Nicht nur in Sterbefällen, sondern in allen Fällen, da die Schekelforderung der Gleichheit und Ungeteiltheit im Opfern an uns herantritt. Haben wir uns einmal als Teile des Ganzen empfunden und ist unser Fühlen und Wollen in die wundersam auf- und vorwärtsstrebende Gesamtkraft eingeflossen, dann ist uns damit der Trost und die Freude des Fernschauens und des Schaffens für die Ewigkeit gegeben. Erproben wir daher btc Freude am Leben, die ein Ausfluß der inneren Kraft ist, auch in Zeiten der Not und lassen wir Kleinmut und Kopfhängerei aus unserer Mitte weichen! TWK Ip^ro nattfn TW# „Reich derjenige, der froh wird seines Anteiles!" Nicht sondern „Ja, als seinen Anteil am Leben und an der Gesamtausgabe hat der Mensch sein Geschick zu betrachten und auf dem Posten, auf den ihn eine weise Vorsehung gestellt, treulich auszuharren." Sieht jemand verdrossenen Herzens nach oben, zu den Bester- und Höhergestellten hinauf, und hadert mit seinem Schicksal, dann erzähle man ihm die Geschichte des Holzhauers, der seine Axt verloren hat. Mitleidige Menschen erbarmten sich des Mannes und schenkten ihm eine Gold wage. Damit wußte aber der Arme nichts anzufangen .... Wem das Gottesgeschick die Axt in die Hand gedrückt, der sei dessen sicher, daß er mit 'Nachbars Goldwage, nach der er neidvoll schielt, nichts würde anzufangen wissen. Es freue sich ein jeder seines „Anteiles", seines Anteiles an der Aufgabe der G e s a m t h e i t. Je gefahr- und mühevoller der Posten, nrso stärker der Mut, umso stählerner der Wille, umso größer die Freude, die weit u m uns grei'.en muß. Rabbi Beroka, so wird im Talmud erzählt, ließ sich vom Propheten Elijahu durch die Straßen führen und die Menschen zeigen, denen ein Anteil an den Freuden der zukünftigen Welt gesichert ist. Zum nicht geringen Erstaunen des Rabbi deutete Elijahu auf zwei Leute, die des Weges kamen, von keinem beobachtet, von keinem begrüßt, und ihrer Kleidung nach zu den Niedrigsten des Volkes gehören mußten. „Was ist Euer Gewerbe?" fragte sie der Rabbi. „Lustigmacher", antworteten sie. „Wir suchen die Stätten der Trauer auf, erheitern durch unsere munteren Späße die Bedrückten und tragen Freude in Häuser und Herzen, in denen das Licht erloschen scheint." „Wahrlich!" rief der Rabbi, „Ihr habt euer« himmlischen Lohn redlich verdient." Kein Grund zur Verzweiflung, meint der große Bibelerklärer Al sch ich, wenn man bedenkt, daß sich zu allen Zeiten unseres Erdenwallens Wunder an uns vollziehen, die sich unserer Kenntnis verschließen. Wissen wir es etwa, wie vielen Gefahren wir täglich und stündlich entrinnen, ohne daß uns je Gefahr und Hilfe zum klaren Bewußtsein kommen? PK D22 DJn. Das ists, meint der große Erklärer, was uns auch der welterfahrene Psalmdichter mtt den Worten sagen will: v? “tflD NNtt rbo ’Marcn ’nacn Weil du geheim, im Hintergründe bleibst, wenn du mich vor dem Onstri Feinde bewahrst, darum ist es der Sang der Errettung der mich stets und immer umrauscht ’JMtn) tibo) immer, sowohl in Zeiten der vermeintlichen Ruhe und Sicherheit wie angesichts der offenen, drohenden Gefahr. Daß wir sowohl im Felde, wie daheim dumpfe Trauer und bange Furcht von uns bannen, und eine Atmosphäre von Kraft und Vertrauen um uns verbreiten, daß wir „unseren Sinn in die Ferne tragen" und „unserem Schöpfer Gerechtigkeit zollen", das ist, vom patriotischen, wie vom religiösen Gesichtspunkte aus gesehen, die gebieterische Forderung des Tages. Hülfe für de« Osten! Ausruf. Der Krieg, der seit sechs Monaten die europäischen Länder durchbraust, stellt uns Juden vor neue gewaltige Aufgaben. Der östliche Kriegsschauplatz insbesondere umfaßt diejenigen Landesgebiete, in denen unsere Glaubensgenoffen am dichtesten wohnen und wo auch in Friedenszeiten jüdische Ltebestätigkeit hilfreich eingreifen muß. Unter den Ländern des Ostens ist es in erster Reihe Galizien, das unter den Folgendes gegenwärttgen Krieges schwere Heimsuchungen erleidet und dort sind es wiederum unsere Brüder, die am härtesten von den Schrecknissen des Krieges betroffen werden. Während ihre Söhne auf dem Schlachtfelde für die Sache des Vaterlandes kämpfen, find sie selbst vor dem Andrängen des Feindesheeres von Haus und Hof geflüchtet, um in entfernten Zentren Zuflucht zu suchen. Die Iudenheit eines ganze» Landes schreit uw Kikfe. Wohl haben Staat und lokale Fürsorge in den einzelnen Zufluchtsorten ihre Pflichten gegen die Notleidenden nicht vergessen. Tausende sind bereits in Baracken untergebracht und werden in Volksküchen mit Nahrung versorgt. Groß ist aber dennoch die Zahl derjenigen, die sich hilflos, ohne Schutz und Obdach, in mangelhafter Kleidung, den Unbilden des Winters preisgegeben, in verzweifelter Lage befinden,' groß auch der seelische Notstand all der Tausende von geistigen Arbeitern, der Thora-Gelehrten und Rabbinen. Der Krieg hat uns gelehrt, für das, was uns lieb und teuer ist, große Opfer zu bringen. Wir zweifeln nicht daran, daß alle unsere Glaubensgenossen in den Landesgebieten, die göttliche Fürsorge vor einer Ueberflutung durch feindliche Schaaren bewahrt hat, wie auch in den neutralen Ländern unserem Hilferuf für r. sere leidenden Brüder im Osten Gehör sch Uen werden. Wir wenden uns an alle unsere Glauv.lsgenoffen: spendet reichlich, jeder nach Kraft : «d vermögen und helft uns das öegonn ne Kitfswerk dnrchznführen. Gruppenverband der Agudas Zisroel in Deutschland. Rabbiner Dr. I. Auerbach, Halberstadt Vorsitzender Spenden nehmen entgegen: Büro der AgudasJtsroel, Frankfurt, a. M., Zeit 85. (Postcheckkonto, Frankfurt, a M 6712). Büro des Gruppenverbandes, Halberstadt, (Postcheckkonto Berlin 18901). Redaktion dieser Zeitung. Hinter der Krönt. Aus den letzten in jüdisch-amerikanischen Blättern veröffentlichten Privatbriefe, t aus Russischpolen möge hier noch einiges zur Kennzeichnung der trostlosen Lage hinter der russischen Front folgen: Priluki (Gouvernement Poltawa), 17. Januar. Ich kann Dir noch von einigen ans P. schreiben, daß sie assentiert sind. Den Ernberufenen wird in einem Monat die ganze Schießkunst beigebracht und dann Werder, sie glerch ins Feuer geschickt. (Hier folgt eine Aufzählung der Assentierten.) Vom Kr,eg wissen wir im allgemeinen sehr wenig, Kleines Zeuilleton. Andacht im Schützengraben. (Aus dem Utzeldbrief eines Königlichen ungarischen Honvedrabbiners an seinen Bruder m Ros.;»yo.) L-eit einigen Tagen herrscht absolutes Winterwetter. Die ganze Gegend gleicht einer ungeheuren, in Tachrichim gehüllten Leiche. Der Wind saust durch die schneebedeckten Waldsöhren, die gebeugt und geknickt ächzend hin und her neigen, als gelte es eine letzte große Tftloh zu tun, bevor das kommende Verhängnis zur unabänderlichen Gewißheit wird. Unsere Leute fühlen sich dabei in den Schützengrabenlagen ganz gemütlich. Es läßt sich dort ganz inniglich beten. Das „Aus den Tiefen rufe ich Dich" wird von der Mannschaft mit nrir gesagt. Das große NL'O-Wort spricht zumeist die pfeifende Granatenkugel.. Ich predige jetzt ziemlich oft. Ich besuche täglich den Hauptverbandsplatz. Dort kommen und gehen die Kranken, die nach dem erhebenden Gotteswort wie nach irdischem Labtrunke lechzen. Soeben habe ich zwei Offiziere aus den großen hellen Weg, der zur himmlischen Reinheit führt, begleitet. Mein Wagen ist sahrtbereit, eine ambulante Synagoge, mit der Sefer Thora, den Tefilin und den Talessim setzt sie sich in Bewegung und ich mache einen kleinen Ausflug zu den bereits verständigten Regimentern. Gestern hielt ich „feierlichen Gottesdienst" ab. Die jüdischen Soldaten zweier Regimenter krochen behutsam aus ihren Gräben heraus bis ungefähr 300 Schritte hinter ihren Kameraden. Es war ganz hübsch und erhebend. Am anderen Rand die Russen, hier wir. Würde einer 51t Minjan fehlen, wir könnten ganz gut die Ergänzung aus Gegners Reihen holen oder sie zu unserer npnp hinzuziehen. Wir waren aber ea. 100. Wir brauchten also keinen von dort. Dann ging ich in die Schützengräben. Ich überzeugte mich persönlich davon, daß da eigentlich das Leben ganz gemütlich sein kann. Man kann wohl nur liegend hineinkriechen, aber um so besser schmeckt einem dann das Geradestehen. Er ist doch unser n’BiBB PpT. Bor uns Stachelhindernisse, Wolfsgruben, Bombenwerser, jede zwei Schritte eine schußbereite Waffe, zur Seite schwere Haubitzen und Felükanonen. Drüben am Kamm des anderen Hügels wiederholt sich das Bild in russischer Auflage . . . Für mich ist das Schlachtfeld ein lebendiger 122 “ibib. Alle guten rtHB können hier praktisch zur Anwendung gebracht werden. Genügsamkeit ist die einzige n~D, die jedem zur zweiten Natur werden mutz. Zum n^BB re kommt oft als glückliche Ergänzung das |trn psn by. Es geschah jüngst, daß ich für mich und noch 20 Offiziere, zwischen denen ein brüderliches Verhältnis obwaltet, einen warmen Statt mit Stroh zum „behaglichen" Nachtquartier requirierte. Ich wollte es mir eben bequem machen, als mir ein Offiziersdiener „ergebenst" meldete, daß dieser Raum bereits besetzt sei. Unsere Divisionskanzlei mit dem General an der Spitze nahmen dort Quartier. An jenem Abend schlief ich auf dem Dache eines Bauernhäuschens, auf das eine wackelige Leiter hinaufführte. Diese zitterte beim Besteigen ganz erbeblich, wahrscheinlich infolge der großen so viele Herrschaften bedienen zu können. Mir kam dabei in den Sinn, was uns der Vater einstens am ome von den zwei Gästen erzählte. Der eine, noch letztens ein den der Börsenkrach zum Schnorrer machte, schlref das erstemal im Leben auf dem Strohboden. Er wußte nicht, daß iiber ihm, auf dem Dache, der geborene Schnorrer, Schäbsil Fleckseis, schnarche Ties aufstöhnend wälzte er sich aus seinem Lager und er bricht insttnktiv aus der bewegten Brust in den Ruf aus: Wie lange noch?" Worauf es vom Dache zurückhallte: „Noch « Wochen!" In der Meinung, es mit einem *>ip ro zu tun zu haben, wagte er verzagend rveiter: „Und dann?" „Wirft du gewöhnt sein.'" war die spontane Antwort. Gelreideverforgung im alten Rom und im alten Aegypten. Das größte Verdienst eines guten römischen Statthalters war die ordentliche Getreideversorgung. Selbst Kaisern wurde das ungemein hoch anaerechnet, so dem Claudius, weil er Rom für lange Jahre mit Getreide versorgte dem Severus, der einen Getreidevorrat für sieben Jahre yinterließ. Ammianus MarcellinuS rühmt an guten Präfekten vor allem die tüchtige Getreideversorgung. Aus dem Leben der Kaiserzeit herausgegrifsen sei nachstehendes Gleichnis des Midrasch: Der t enator eines Königs residierte in einer Provinz und die Provinzbewohner vertrauten ans ihn. Er sagte, er kl nne zehn Jahre lang die Provinz versorgen, wenn cin Notjahr kommen sollte. Als aber das Notjahr c ntraf, stand seine Magd auf dem Markte «tt dem