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Der Israelit · 1915-02-25 · Heft 9 (25.2.1915) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 9 (25.2.1915)
Date
1915-02-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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28. Februar Ä18 Der JSraeM. Ro. » Sette 8 rayous zur Heilung befinden, werden sofort nach Entlassung autz den Spitälern in ihre HeimatSorte zwangsweise abgeschoben, insofern sie für den wetteren Felddienst untauglich sind. Sämtliche Besuche einzelner Juden um zeitweilige AusenthaltSbtzwilligung außerhalb des jüdischen AnfiedlungSgebietS, wodurch.allein sie dein Hungertods entgehen konnten, werden entschieden abgelehnt mit einer Begründung, deren ZyniSmuS jedem menschlichen Empfinden Hohn spricht: „In Ermangelung gesetzlicher Veranlassung." Die westeuropäische Oeffentlichkeit wird darüber staunen, daß, während die Schweiz, Holland, Frankreich und England die belgischen Flüchtlinge hilfsbereit ausgenommen haben, die russische Regierung den eigenen Bürgern das elementare Freizügigkeitsrecht verweigert und fle unsäglichen Qualen und Entbehrungen auSsetzt. Mehr noch: Unter den Auspizien der Zivil- und Militärbehörden hat in Polen eine lange Reihe von Pogromen begonnen, an denen die Soldaten teilnehmen, die durch die antisemitische Propaganda der Regierung und des Abschaums der polnischen Bevölkerung gegen die Juden aufgehetzt werden. Die Juden werden grausam mißhandelt, ihr Hab und Gut wird geplündert. Selbst in Lodz, dem „russischen Manchester', einer Stadt mit 500,000 Einwohnern, wütete vor deren Einnahme durch die Deutschen während einiger Tage ein heftiges Judenpogrom. So find die Juden in Polen jetzt buchstäblich außerhalb des Besetzegestellt worden. Pogrome gegen die eigene Bevölkerung, während der äußere Feind die Grenzen des Landes überschreitet, eine derartige Urmeheuerltchkeit kann selbst in der Politik des russischen Zarismus stutzig machen, eines politischen ReginwS, das mit vollem Recht al» die grausamste Form der Despotie gilt. russischen Militärbehörden begnügen sich jetzt aber mit den traditionellen, durch die russische BerwaltungspraxiS geweihten Formen der Pogrome nicht mehr und haben ihrerseits dazu beigetragen, die russische moderne tölterkammer um eine wirksame Waffe zu bereichern. ie brachten zur Anwendung ein ruchloses Mittel, das sie der Geschichte der mittelalterlichen Judenverfolgungen entnommen haben: Die Ausweisung der gesamten jüdischen Bevölkerung aus einer' ganzen Reihe von Ortschaften. Die Prozedur der Ausweisung führt uns in längst verflossene Zeiten zurück und läßt vor uns grauenvolle < Bilder mittelalterlicher Barbarei neu erstehen. Durch Trommelschlag wird die gesamte jüdische Bevölkerung deS gegebenen Ortes auf einen Platz gesammelt. ES wird ihr der Befehl der Militärbehörde verkündet — die Stadt zu verlassen. Frist 24 Stunden, mancherorts 3 Stunden. Wer nach dieser Frist am Ort verbleibt, wird vor ein Feldgericht gestellt. Ganz wie im finstern Mittelalter geschieht auch der „AuSzug" der Juden: Männer und Frauen, Befunde und Kranke, gebrechliche Greife und kleine Kinder ziehen zu Fuß tage- und nächtelang, obgleich das Ziel ihrer Wanderung, die einzige Stadt, die sie beherbergen kann, Warschau, mit der Eisenbahn in einigen Stunden zu erreichen wäre. Unsägliches Elend, unmenschliche Martern und Entbehrungen begleiten sie auf ihrer Wanderung. Nicht selten sind unterwegs Todesfälle von Kindern und vorzeitige Entbindungen. Man schreitet in Nacht und Sturm, und die Panik, die sich der AuSgewiefenen bemächtigt, ist so groß, daß Mütter ihre Säuglinge verlieren. Wenn sie zu ihrem Schrecken dessen gewahr werden, finden sie das Kissen, worauf sie das Klnd trugen, leer: das Kind ist in der Dunkelheit unbemerkt entglitten. In einem Petersburger Blatt (Nowy Wofchod, Nr. 43 - 50) wird nach den Aussagen eines Flüchtlings die Ausweisung der Jüden aus GrodziSk wie folgt ge- Deutschfreundliches aus dem Wischen Amerika. l. Der Wert des russischen Morastes. Die Demschfreundlichkett der jüdischen Presse in Amerika ist allbekannt. Sie ist umso höher einzuschätzen, als sich in dieser Presse recht eigentlich die Ansicht der Opfer Rußlands spiegelt, deren Vertreter hier im Lande der Freiheit aus ihren Herzen keine Mördergrube zu machen brauchen. Recht drastisch kommt zuweilen die Liebe zu Deutschland auch im humoristischen Teile der jiddischen Blätter Amerikas zmn Ausdruck. In der letzten Nummer der „Jiddischen Gazetten" philosophiert „Joscheh bäl Ezeoh" (er hat hier ungefähr die Rolle deS „Nunt" im Berliner „Ulk"- über die russische „B l o t t e" Morast), die er alS den Lebensnerv des ZarenlarideS schildert. „Morast, nichts ist dem Russen lieber, heiliger, mehr ans Herz gewachsen als dieser Morast. SS find nicht die Heere Nikolais, nicht die Reiterstückchen brr Kosaken, die Rußland schützen, nein, eS ist einzig der Morast, der ein Bestandteil der russischen Seele ist. Kommt der allgefürchtete Hindenburg auf Warschau gezogen, so brettet sofort der Schutzengel deS Muffen, der Morast, schützend feine Arme über die bedrohte Stadt UNS. Nnd stehe, der Deutsche kann alles vertragen, Hunger, Not, Entbehrung, Angriff, Kälte, aber Schmutz, echrrr russischer Schmutz jagt ihn schleunigst in die Flucht. Rußlands Hoffnung ruht auf dem Frühling, der das -Eis schmelzen, den heiligen Boden erweichen, alles, Feld und Flur, in einen Sumpf verwandeln nnd dem schildert: Gegen 2 Uhr nachmittags war die ganze Landstraße, die nach Warschau führt, von der jüdischen Bevölkerung GrdziSk'S dicht besät. ES waren ungefähr 1500 Familien, darunter etwa 300 der im Felde stehenden Soldaten, Alt und Jung, Frauen und Kinder, Schwarsdere und Wöchnerinnen, Kranke und Krüppel, alle schleppten sich mühsam und angstvoll dahin. Gegen 5 bis 6 Uhr abends erreichten sie die Anfiedlang Blone, 12 Werft von GrodziSk; man ließ sie aber in Blone nicht hinein; auch ließ man fie nicht die Landstraße passieren, die durch Blone führt, man zwang fie vielmehr, die Ansiedlung vorbei über eine überschwemmte Wiese weiter zu gehen. Auf den nahegelegenden, Feldern pflückten fie eine Menge Sonnenülumenstengel, die Männer zogen ihre Kaftane aus, belegten damit die überschwemmten Stellen und trugen dann auf den Händen die Kinder und Frauen nach der Landstraße hinüber. Dort stießen sie auf Millttärpatroutllen, die von ihnen Passagierscheine forderten... Inzwischen wurde eS finster. ES war eine stürmische, feuchte und kalte Nacht. Der schlammige Weg erschwerte jeden Schritt vorwärts. Und fortwähttnd tauchten Soldatenpatroutllen auf, die die Unglücklichen unbarmherzig schlugen, ihre Kleider durchsuchten und sie auSplünderten. Eine Frau wurde auf der Landstraffe von einem Kinde entbunden, eine andere erlitt eine Fehlgeburt, eine dritte starb im Straßengraben. Dieses Bild darf als typisch gelten. Die Ausweisung der Jnhen aus andern Ortschaften fügen ihm nur noch einige grauenvolle Einzelheiten hinzu. So wird -Der die Ausweisung der Juden aus Myschinetz, Gouverne««tt Lomscha, dem erwähnten Blatte folgendes mttaÄeilt: Etwa 800 jüdische Familien mit Frauen undRindern — die gesamte jüdische Bevölkerung von Myschinetz — zogen zu Fuß nach dem Dorfe Ztnrit; aus ihren Synagogen nahmen fie auf den Weg die Thorarollen mit. Sie ließen sich auf dem feuchten Erdboden nieder und entsandten Fürsprecher zum Mtiitttrkommandanten ins Dorf Kojafidlo. Sie baten um die Erlaubnis, «ach Myschinetz zurückkehren zu dürfen, eS wurde ihnen aber kein Gehör geschenkt. Diese grauenvolle Rächt unter freiem Himmel werden sie wohl ave nie vergessen. Unter Absingen von Psalmen lagen sie im Felde und erwarteten ungeduldig den Anbruch des Tages, um weiter zu wandern. Die von den Ausgewiesenen zurückgelaffenen Habseligkeiten werden sofort von den Soldaten und von Hoolegans fortgeschleppt, Läden sowie Privatwohnungen werden vollständig ausgeplünderi. DaS ist ein ungefähres Bild von den Schrecken, die die AuSgewiefenen auszustehen haben. Nach den sehr unvollständigen Angaben, die durch die russische MiUlärzensur durchfickern, wurden die Juden aus folgenden Ortschaften auSgewiesen: aus GrodziSk, Skernewice, Socharzew, Lowicz, Goräkalwerya, Nowoalexandria, Kozenic, Jwananrod. Ueber 100,000 jüdische unfreiwillige Flüchtlinge sammelten fichin Warschau an. Damit nicht genug, «erden die Inden unter den nichtigsten Borwänden vor Feldgerichte gestellt, die fie zum Tode durch den Strang oder zur Zwangsarbeit und Verbannung verurteilen. Und wenn selbst die russische Feld„justiz" irgendwelche Beweise für ihre Schuld nicht aufbringen kann, werden fie dennoch einer entehrenden Körperstrafe unterworfen und für die Dauer des Krieges aus ihrem Wohnsitz auSgewiesen Bon dem wilden Toben der Kofa«n wollen wir schon gar nicht reden. Einen Juden niederzumachen oder mindestens zu berauben, ist ein gewöhnlicher lustiger Sport der Kosaken geworden, die selbstredend dafür unbestraft bleiben. Um all diese Scheußlichkeiten zu rechtfertigen, ver- Lande die natürliche, feinem Wesen so angepaßte Schutzmauer bieten wird. Der Russe und sein Morast. Sie gehören unzertrennlich zusammen." U. Die englische Bibel. Am Tage des jüngsten Gerichtes, so wird im Talmud erMlt, läßt der Herr alle Böller der Erde vor seinen Ruhterthron treten. Eine kleine Thorarolle hält der himmlische Richter in der Hand und jedes der anstürmenden Völker wird mit Hinweis auf dieselbe befragt, wie es sich zu ihr im Volksleben verhalten hatte. „God dam, schreit der Engländer begeistert", die Bibel, wirklich unsere Bibel. Frag nach, Gott und Vater, ob noch ein Bölk der Erde soviel zur Verbreitung der Bibel getan, wie wir, das heilige Buch in die fernsten Inseln so wie wir hinausgetragen hat." „Nein", antwortet Gott, „was ihr getan, habt ihr zu Eurem eigenen Nutzen getan, wenn es auch oft genug unter dem Schilde dieses Buches geschehen ist. Oder steht eS vielleicht darin, daß man eine Welt in Brand setzen darf, es versuchen soll, Millionen von Menschen, Frauen, Greise und Kinder, dem Hungertode auszuliefern?" Beschämt geht der Engländer von dannen. „War daS die Bibel?" fragt er sich im stillen. „Ich kantrte fie nicht und habe sie doch in Millionen von Exemplaren in der Welt verbreitet." breitet die Regierung die Verleumdung, die Juden leisten Dienste dem deutschen Militär, eine Verleumdung, ersonnen von denselben Dunkelmännern, die den BeikiS-Ritualmordprozeß inszeniert haben und bisher das Regierungsruder führen. Wahrlich, maßlos ist die Unverfrorenheit der russt- »scheu Regierung k Ueber 300,000 Juden find unter die Soldaten gesteckt, vielen von ihnen find TapferkeitS- Medaillen, Orden und Auszeichnungen im Felde verliehen worden. Mit UeberschwängNchkett sondergleichen' lobte die RegierungSpreffe den Patriotismus der Juden, ihre zahlreichen patriotischen Kundgebungen, ihre Sammlungen für verwundete Krieger und deren Hinterbliebenen, den freiwilligen Dienst vieler junger Judenu.s.«. Der Zar selbst hat in einer Reihe von Sädten jüdische Deputattonen empfangen und bat jedesmal, den Juden feinen Dank für ihre „Liebe und Treue" »u übermitteln. Dies allehindert aber keineswegs die Regierung, zur gleichen Zeit durch ihre Zeitungsrepttlien und durch die oben geschilderte HandlungS- «eise der Militärbehörden, die russische Bevölkerung daran glauben zu machen, daß die Juden gemeine Landesverräter feien. Ist noch irgendwo in der Weit ein ähnliches ruchloses Spiel mit der Ehre, dem Leben und dem Hab und Gut von Millionen friedlicher Bürger denkbar? Der Zweck dieser Politik ist klar: Die Fabel vom LandeSvmcrat der Juden, in Umlauf gesetzt während deS Krieges, in einem Moment äußerster Erregung soll daS vollbringen, was die Ritualmordlegende nicht m genügendem Maße vermocht hat, nämlich einen Haß auf die Juden erwecken, eine Rachsucht in den breitesten Schichten der russischen Bevölkerung aufstachekn. Auch soll diese Fabel der Regierung im Notfälle dazu dienen, den Groll der Bevölkerung gegen den Zarismus auf die Juden abzuleiten. Der Aufruf schließt mit folgenden Worten: „Bürger aller Kulturländer! Möge die lebhafte Entrüstung, die diese Tragödie eine# MtllionenvokkeS, das von der verwerflichsten: polizeilichen Autokratie deS eigenen Landes so> grausam verfolgt wird, überall Hervorrufen muß,, den Zarismus drohend daran erinnern, daß auch jetzt, wenn der ungeheuerliche Krieg die Stimme des Rechtes so oft verstummen läßt, — seine Greueltaten vom öffentlichen Gewiffen der zivtltsierten Wett an den Schandpfahl festgenagelt werden." Galizien in Prag. Bon Pros. Dr. S. H. Liebe« in Prag. DaS Leben der galizischen Juden hier spielt sich zum großen Teil auf der Straße ab und so erhalten die Straßen durch unsere unglücklichen Glaubensbrüder ein besonderes Gepräge. Man kann in Prag und Vororten nirgenS auch nur ein paar Schritte gehen, ohne den Flüchtlingen zu begegnen. Die 15000 bedürftigen Flüchtlinge die Prag beherbergt, scheinen sich vervielfacht zu haben- Schuld daran trägt vornehmlich der Umstand, daß fast alle in menschenunwürdigen Wohnungen Haufen müssen, Wohnungen, die ganz gut menschenwürdig sind, so- Sabbatbriese in's Feld. Herr Lehrer Wißmann in KünzelSau schreibt uns?: Angeregt durch die beiden Leitartikel im ^Sraetit „Im SntegSlager Rr. 2 u. 4", habe ich zum Wochenabschnitte rroo einem hiesigen Soldaten, -er schon feit. Anfang August im Argonnemvald steht, eine Karte geschrieben, in welcher ich ihm auf Grund vo« Htrfch'S Kommentar zur Stelle, die Bedeutung der Worte ronta te»<K rr in ovr rnv auseinanderfetzte, dem Wunsche Ausdruck verleihend, daß er und alle tapferen Kämpfer bald siegreich heimkehren möchten, damit sich erfüllen: die Worte im Psalm 120: rttp' nro npom n’jnrr. Ich erhielt dann dieser Tage nachfolgenden Brief, der beweist, von welchem JdealtSmuS so mancher Krieger erfüllt ist. B ... y, den 3. 2. 1015. „Fürchte Gott, sonst nicht» in der Wett." Ich erhielt Ihre Karte, l. Herr Lehrer, welche mich riefig freute und welche ich schon 10 mal gelesen habe. Der Inhalt derselben ist sehr rührend und soll mich die Karte wieder ausrichten und Mut fassen lassen, damit ich die schweren und sehr anstrengenden Zeiten, durch Gottvrrtrauen gestärkt, mitmachen kann, denn nur durch dieses können und müssen wir siegenalles andere ist für mich nichts mehr; denn ich sehe den lieben Gott vor Augen und sehe, «ie er mich jeden Tag führt und leitet, denn jeder Schritt, den wir z. Zt. machen, liegt ln der Allmacht Gottes; es ist ja zu Hause in der gleichen Weifejedoch ist es dort nicht so fühlbar wie im Felde. So «ill ich nun in meinem Abendgebete, das ich. dann verricht», den Inhalt und Wunsch Ihrer schönen

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