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Der Israelit · 1915-02-25 · Heft 9 (25.2.1915) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 9 (25.2.1915)
Date
1915-02-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Bette? Rx. 9 Der A»«rltt. 35. Februar 1915 i 3m Kampfe wider Amalek. Mitten in düsterer, tränenreicher Zeit, im 'Hangen und Bangen, in tausendfach schwebender Pein grützt uns der Purim und gebietet Freude. Ja, eS liegt in der Natur der wahren Freude, die ein wesentlicher Bestandteil der jüdischen ^Volksseele ist, daß sie der. Zeiten Stürmen und Unbilden nicht weichen kann. „Die Schechtna weilt nicht in Stätten der Trägheit und Traurigkeit, sondern in denen der Freude." ,TTIH3 tte "Jauchzet im Beben!" heißt die Losung. Wenn die Anderen in richtiger Würdigung des eisernen Ernsteder Zeit Tanz und Tand entsagen und in der Schicksalsstunde für Länder und Völker keine Zeit für durch Jahrhunderte geweihte Volksbelustigungen finden, so können wir unseren Purim so wenig außer KurS setzen wie die anderen Gedenktage unseres Kalender-, die die eisernen Träger unserer wunderreichen geschichtlichen Entwicklung sind. Die ihnen zugrunde liegenden ÖD2, cs sind die Fahnen, die Paniere, an denen die, die in der Wüste des LebenS wrgeverloren umherirren, sich über Ziel und Richtung unfehlbar orientieren sollen. Wie sollten wir heute im ChaoS der Ereignisse der wehenden, zielweisenden Standarte entbehren, wie sollte der Schiffer im Kampfe mit den wildwogenden Wellen nicht mit doppelter Achtsamkeit nach dem wegekündenden Leuchtturm Ausschau halten? Sind eS doch gerade diese Gedenktage, die uns für alle Not des LebenS und alle vom Änker -er Menschengeschicke zu erwartende Hilfe den Präzendenzfall in der Geschichte zeigen. WaS wir auch jetzt erleben und erleiden, wir haben es bereits in tausendfach verstärkter Form in unserer Geschichte erfahren: Rings herum von Feinden umgeben steht Israel am Meere. Die Tücke des Elementes und der Menschen Bosheit fanden sich zu einem Bunde, um Israel einzukreisen, ihm jeden AuSgang aus der Not zu versperren. Vor ihm das wogende Wasser, hinter ihm der grimmige, verfolgungswütige Feind. DaS Menschen äuge vermag eine Rettung auS dem sich immer enger zusammenziehenden Ringe nicht mehr zu erblicken. Der Herr des Krieges befiehlt aber fein „Durch!" Ol£D,U und vorwärts geht es über alle Hemmnisse, die Menschenhaß, feindliches Element und Naturgesetz errichtet, hinweg. In der Wüste, weitab vom Handelsverkehr der Menschen, auf sandigem Boden und von jeder NahrungSzufuhr abgeschnitten, sind 600000 Menschen, wie die Feinde hoffen dürfen, dem sicheren Hungertode preisgegeben. Gott aber spricht: B’ÖOTT JÖ Oll'? DSb *VB2ÜÖ M „Ich lasse euch Brot vom Himmel regnen!" Kleines Feuilleton. Warum West Nu,o Herr, Krieg fern auf Aden? Fotstois chteichuis »om Kriege. In der „Rusk. Wjedomosti" veröffentlicht Prof. D a w y d o w die folgende, bisher unbekannte Legende Tolstois, deren Text er vom Dichter selbst erhalten hat. Die Quelle für diese Legende ist ein wenig bekannter Midrasch: ES war einmal ein Wohltäter, der den Menschen so viel Gutes wie möglich erweisen wollte und darüber nachdachte, wie er es mache, niemanden zu beleidigen und jedem ausschließlich Vorteil zu gewähren. Verteilt man die Gaben unmittelbar von Hand zu Hand, so entzieht eS sich der Beur« tettung, wer deren würdiger ist, alle aber gleich zu behandeln ist nicht gut möglich und diejenigen, die leer ausgehen, werden sagen: „Warum hat er gerade jenen, uns aber nichts gegeben?" Da handelte der Menschenfreund nach folgendem Plane: Er wählte einen Ort auS, an dem viele Menschen zusammen zu kommen pflegten und ließ dort ein erst« klasflges Gasthaus errichten. In diesem Hause ließ er alles niederlegen, was dem Menschen irgendwie von Nutzen ist und ihm Befriedigung gewährt: warme Zimmer, gute Oefen, Holz, Beleuchtung, Speicher voller Brot aller Art, Kellergewölbe mit Obst, Lee, Zucker, Kwas, Aepfel, allerlei JmbiS, Betten, reichliche Tückisch und raubgierig fällt Amalek Israel in die Flanke, zu einer Zeit, da er das Volk durch der Umstände Gewalt geschwächt- Matt und müde glaubt. Ohne deS göttlichen Weltengeistes einen Hauch zu verspüren (D'pte xY xte sieht er eS auf die in der Nachhut sich befindenden Schwachen und Wehrlosen ab. Allein des Führers Hände erheben sich zum stillen Lenker der Schlachten und die Amalekgefahr Ist überwunden. Indessen ist Amalek noch nicht vernichtet. Wir hatten und haben noch seiner zu gedenken. Nach Jahrtausenden lebt er in Haman wieder auf. Und wieder gehen Jahrtausende dahin, in denen wir Juden AmalekS, als. des Urhebers aller Pein und Rot, wie sie keinem anderen Volke auf Erden, befchiedett waren, bitter gedenken. Nicht allein wir, die Welt gedachte und Sedenkt heute wieder AmalekS, der Macht des Zösen, die fich der Menschheit in ihrem BorwärtSdrange, auf ihrem Entwicklungsgänge zur heilverheißenden sittlichen Vollendung so hemmend in den Weg legt, der ganz wie dazumal den Menschen „mitten auf »dem Wege" anfällt, auf dem Wege zum reinen, vollen Glücke ungestörten, im stillen Frieden des GotteSgesetzeS fich ' sonnenden LebenS. „Gedenke, was dir Amalek getan auf dem Wege!" „Die Macht auf GotteS Thron: ein Kampf wider Amalek von Geschlecht zu Geschlecht. Nicht XD2 und nicht nvn in seiner vollständigen Büchstabenzahl, sondern nur D2. Denn, „so künden es unsere Weltweifen für alle Zeiten, so lange AmalekS Gedächtnis lebt, ist weder Gottes Thron noch sein Name vollständig." Wie sollten sie auch? Der Name Gottes ist ^Frieden", sein Jnsiegel „Wahrheit". Amalek tritt aber die Wahrheit mit Füßen, zerschmettert mittels der Lüge leichten Herzens düS Friedenswerk von Jahrhunderten, das Friedensglück des Menschengeschlechtes — Der Thron Gottes ruht auf zwei Pfeilern, die da heißen Recht und Gerechtigkeit. Der Amalek des Ostens vergewaltigt noch heute das Recht, läßt Millionen von Menschen in Druck und Drangsal nach einem durch das hamanitische ann1? gekennzeichneten System verkommen. Nein, „weder Name noch Thron GotteS sind vollständig, so lange Amalek nicht zu Boden liegt." Es geht um Thron und Namen des Höchsten. Die versöhnende Freude dieses hehren Bewußtseins ist es, die das D’HIB D2, die in der weilen, weglosen Völkerwüste heiter flatternde Purimstandarte unserem Herzen geben soll. Sehen wir starken Geistes und frohen Herzens von dem kalten Entsetzen der Zeit weg zu ihr hinauf, die laut und -freudig kündet, doßNX)^ fPVT öWOTi unser Heil Kleidung, Wäsche, Schuhwerk — aüeS, wessen nur der Mensch bedarf. Und alles in solchem Maße, daß eS für hundert und mehr Personen reiche. Und er dachte: Mögen sie, so lange eS ihnen vonnöten ist, hier bleiben, essen, trinken und fich aneignen, was sie brauchen. Sobald der Vorrat ausgeht, werde ich neuen schaffen." Also machte er eS und ging fort, um späterhin zu sehen, was geschehen würde. Und da kehrren viele gute Leute in das Wirtshaus ein. Sie atzen, tranken, blieben über Nacht, auch ein bis zwei Tage oder eine ganze Woche. Ab und zu nahmen sie etwas von dem Schuhwerk oder von den Kleidungsstücken, soweit sie eS nötig hatten, brachten dann das übrige in Ordnung, wie es vor ihrer Ankunft war, damit auch andere deS Weges Wandernde eS benutzen und dann Weiterreisen könnten Und sie hatten nur eines im Sinne: dem unbekannten Wohltäter zu danken. So ging die Sache in aller Ordnung vor sich, so lange friedliebende, gewissenhafte Menschen einkehrten. Und der Wohltäter ergänzte alle Vorräte, die die Etnkehrenden genommen hatten und freute fich darüber. Da geschah eS aber eines Tages, daß dreiste, freche Und böse Menschen einkehrten. Die darin befindlichen sanften Leute jagten sie hinaus, ste selbst aber begannen sofort zu schmausen, sich zu vergnügen, rafften alles, waS da war, an fich; und es entstand sofort unter ihnen ein furchtbarer Streit um das, was vorhanden war. Anfangs überhäuften fie einander mit Schmähreden, dann begannen ste fich zu prügeln; einer nahm dem anderen das fort, was er bei sich hatte; fie bebegannen aus Böswilligkeit die Gaben zu vergeuden, zu verderben, nur damit der andere nichts davon bekäme. Und fie brachten eS soweit, daß weder ihnen noch den anderen irgend etwazugute kam. Und als schon alle» verdorben war und fie selbst zu frieren und unsere Hoffnung Er war immerdar, und daß Vertrauen auf Ihn noch nie getäuscht wurde. te nü# late' *b) itw xS tem y*nrk ♦-ja v'vinn An die Kulturwett. DaS Auslandökomitee des Allgemeinen Jüdischen Arbeitet-undes in Litauen, Polen und Rußland (Bund) tritt in der polittfchen Presse mit einem Appell „an die Kulturwelt" hervor, dem Folgendes entnommen fei: Nichts offenbart den hoffnungslos reaktionären Charakter deS, Zarismus deutlicher, alS die Verfolgung der Juden. Die Lage der Juden in Rußland war stets und bleibt auch jetzt das genaueste Barometer des allgemeinen politischen Kurses. Der Antisemitismus ist die Achse, um die fich daS Rad der inneren Politik der russischen Regierung dreht; er ist für den ZärisinuS daS bewährteste Mittel, daS Bewußtsein der Bolksmaffen zu vergiften; auch ist er eine grausame Rache an den Juden, dafür, daß fie so viele Kämpfer gegen den Despotismus gestellt haben. Diese Rache verschont selbst diejenigen nicht, deren Vorfahren bereits fich vom Judentum losgelöst haben: Zu den Offizierskursen, die für die Dauer des Krieges eingerichtet worden find, werden keine Teilnehmer zugelaffen, deren „Väter oder Großväter sich noch zur mosaischen Konfession bekannt haben." So weit geht die gehässige Kleinlichkeit des Zarismus. Beider allgemeinen Rechtlosigkeit der Juden wollen wir uns hier nicht aufhalten; sie ist nicht um ein Jota gemildert worden. Selbst die schmachvollsten Rechtsbeschränkunaen» wie das Verbot des Aufenthalts Nützethalb des „ÄnfiedlungSäebietS" uns der Beschäftigung -Mit einer Reihe von Gewerben, die Nichtzulassung zu öffentlichen und Staatsämtern, die Beschränkungen bei Aufnahme in Lehranstalten ü.s. w. — blieben in ihrer vollen brutalen Straft. Auch die berüchttgte BerwaltUngspraW mit nächtlichen Haussuchungen nach „nicht aufenthaltsberechtigten" Juden, Konfiskationen deren Eigentums und dergl. mehr dauert «„geschwächt Wetter fort. Dies alles find die beständigen Elemente der jüdischen Rechtslosigkeit in Rutzlattbt Worauf wir aber hier die Aufmerksamkeit der zivilisierten Welt lenken wolle,», daS find die selbst in der blutigen Geschichte des Zarismus beispiellos dastehenden Greueltaten, die unter dem Deckmantel deS Krieges jetzt verübt werden. Die Regierung hat einen wahren Bernichtungsseldzug aeaen die Juden unternommen, der im Rayon der Kriegsoperationen an eine Strafexpedition großen Maßstabes erinnert. Der Krieg spielt sich in Rußland im Anfiedlungsgebiet der Jaden ab — in der Hauptsache in Polen und in einigen litauischen Grenzgouvernements. Die jüdische Bevölkerung dieser Gegenden ist infolge des Krieges völlig ruiniert und hungert — buchstäblich!" massenweis Das grenzenlose Elend und die Invasion feindlicher Truppen zwingen die Juden ihre Wohnsitze zu verlassen. Und da tritt die vorsorgliche Regierung auf und gibt darauf acht, daß kein Jude etwa die Grenzen des AnstedlungSrayons überschreite. Sorgfältig werden die Häuser der Juden in den Städten außerhalb des Anfiedlungsrayons nach Flüchtlingen durchstöbert; wird jemand dort erwischt, so wird er verhaftet, für „unrechtmäßigen Aufenthalt" bestraft u«d zurück nach seinem verödeten Zuständigkeitsort per Schub abtransporttert. Selbst die im Felde verwundeten Juden, die fich außerhalb des Attsiedlungs- und zu hungern begannen und einer die Beleidigungen des anderen erdulden mußte, fingen sie an. den Geber zu schmähen, warum er es so schlecht eingerichtet, keine Wächter angestellt, so wenig Vorräte beschafft und warum er allerlei böse Menschen zugelaffen habe. Jeder dachte von fich, daß er der einzig gute, die anderen aber schlecht seien. Andere aber sagten, daß es gar keinen Wirt gebe, daß der Etnkehrhof von selbst entstanden sei. Und so lebten diese Leute einen, zwei, drei Tage, und als schon nichts mehr von all den guten Sachen im Hotel war, gingen fie erbost aus dem Haufe und waren nur darauf bedacht, einer auf den anderen zu schimpfen und den Einkehrhof, fotnie den, der ihn erbaut, zu schmähen Daffelbe tun auch in der Welt die Menschen und Völker, wenn fie fich von der Güte und Liebe entfernen und nicht in Gott leben; sie richten fich und die anderen Menschen zugrunde, indem sie furchtbare Kriege gegeneinander führen und fie denken nicht daran, sich selbst schuld zu geben, daß ihr Leben unglücklich ist, sondern schieben lügnerisch einer dem anderen die Schuld zu, manche aber auch beschuldigen Gott, weil er die Welt so schlecht eingerichtet habe, manche aber auch diese Welt selbst, die ebenso wie bei jenen das Gasthaus, ihrer Meinung nach von selbst entstanden sei. Die Menschen müssen aber einsehen, daß die Welt nicht von selbst entstanden ist, sondern daß sie der Wohltäter Gott zu ihrem Wohle erschaffen hat; fie müssen nur nicht das tun, was ihr Leben verdirbt und zugrunde richtet, so wird ihnen so viel Gutes daraus erwachsen, wle es nicht mehr vorhanden ist und nicht mehr vdrhanden fein kann.

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