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Der Israelit · 1915-02-04 · Heft 6 (4.2.1915) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 6 (4.2.1915)
Date
1915-02-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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&eite iO. No. 8 »Der Israelis. 4. Februar 1915. Anstrengungen gemacht worden, seminartch gebildete Lehrer nach Ostpreußen zu verpflanzen. Die Erfolge scheinen, da jene Steven immer wieder ausgeschrieben sind, nur zweifelhafter Natur zu sein. So haben wir hier dieselbe Erscheinung wie in Bayern und Hesien, den häufigen Stellenwechsel, der nicht nur in wirtschaftlicher, sondern vor allem in religiöser Beziehung von den traurigsten Folgen begleitet ist. Was kann ein Lehrer in Schule und Gemeinde leisten, wenn er auf keiner Stelle warm geworden ist. Dreimal umgezogen ist aber so schlimm, als einmal abgebrannt. Eine weitere Folge der unzulänglichen Gehaltsverhältniffe ist die Fahnenflucht, die besonders unter den jungen Lehrern stark um sich greift. Es gibt Kollegen und darunter recht tüchtige, die an Porto für Steüenbewerbungen ganz erkleckliche Summen ausgeben, die aber auf ganz kleinen Stellen sitzen bleiben, weil sie nicht das Glück haben, über gute Stimmittel zu verfügen oder das Unglück etwas zu kurz geraten zu sein. Will man es ihnen verdenken, daß sie nach langem erfolglosen Bemühen den undankbaren Lehrerberuf an den Nagel hängen? Und nun zum Schluß noch die Frage: „Haben die jüdischen Religionslehrer Ausficht auf eine wesentliche Besserung ihrer materiellen Lage?" Sie läßt sich so allgemein nicht beantworten. Die bayerischen Kollegen fetzen ihre ganze Hoffnung auf das Zustandekommen der Revifion des bayerischen Judenedikts und ich glaube, daß sie in der Hauptsache berechtigt ist. Für Hessen und Preußen jedoch sehe ich, wie die Dinge nun einmal liegen, kaum eine Möglichkeit, den Kleingemeinden und damit den Lehrern wesentlich und ausreichend zu helfen. Die von den Provinzialverbänden gewährten Zuschüsse sind nui ein Tropfen auf einem heißen Stein. Der bayerische Landesverein rühmte sich vor einiger Zeit, daß er in 16 Jahren ea. 58,000 Mark für Religtonsschulzwecke verwendet habe. Der sonst so rührige ostpreußische Provinzialverband hat pro 1911 ganze 1600 Mk. für Unterrichtszwecke ausgegeben. Wenn man erwägt, daß die Gründung der Frankfurter Universität vorwiegend jüdischem Gelde zu danken ift; wenn man die bedeutende Summen ins Auge faßt, die dem „Hilfsverein der deutschen Juden" für sein Schulwerk im Orient zur Verfügung stehenwenn man liest, daß ebenfalls im Jahre 1911, an einmaligen Spenden und Jahresbeiträgen für die Anstalt in Ahlem 61,000 Mk. aufgebracht wurden, so muß man sich sagen: „Es ist genug Geld da, es ist sogar für jüdische Zwecke Geld da, aber leider nicht für die Religionslehrer." Woran das liegt, das habe ich bereits angedeutet. Die ernste Zeit, in der wir leben, verbietet es, tiefer auf diesen Punkt einzugehen. Da aber laut den uns zugegangenen Klagen der Krieg die Lage der Religionslehrer verschärft, so ist es nötig, unsere reichen Leute daran zu erinnern: „Wendet Euer Jntereffe ein klein wenig auch unserem Stande zu und lasset von dem Goldstrome den Ihr gebefreudig spendet, auch der jüdischen Schule etwas zukommen. Es ist für Euch eine Ehrenpflicht!" Religiöser Anschauungsunterricht. Bon N. P. „Anschaulichkeit ist das Alpha und Omega aller Lehrlrrilft!" Während dieser Satz so allgemein bekannt ist und anerkannt wird wie die Wahrheit, daß der Himmel hoch ist, merkt man auffallenderweise in unseren Religionsschulen noch verhältnismäßig wenig von der Beherzigung jener goldnen Regel. Man könnte fragen: gibt es denn beim jüdischen Religionsunterrichte nichts zu veranschaulichen. Bringt diese Disziplin nur Abstraktes, gar nichts, was durch konkrete Anschauung und Anschaulichkeit dem Verständnisse näher gebracht, dem kindlichen Geiste und Fassungsvermögen besser erschlossen werden könnte? — Sicher birgt der Religionsunterricht reichliche Gelegenheit zur Veranschaulichung und der jüdische Religionsunterricht in weit höherem Maße als der christliche. Man bedenke, daß unsere Religion das ganze Leben des Juden nach all seinen Beziehungen und Aeußerungen umfaßt. Was muß es da alles zum Veranschaulichen geben! Man denke an das Zizis-Tefiütn- Mesusahgebot, an die Laubhütte, den Feststrauß, den Schofar, das Chanukalicht, das Sederprogramm, man denke an die biblische Geschichte, die sich doch aus die Geographie stützen muß, alles Dinge, bei denen die Anschauung eine große Rolle spielt. Wie weit voran ist man hier in profanen Disziplinen und in nichtjüdischen Schulen! Dort treffen wir reichhaltige Sammlungen von Naturobjekten, von Modellen oder Bildern. So brachten in einer Schule, wo der Lehrer selbst ein eifriger Sammler war und auch zum Sammeln anregte, die Kinder im Laufe zweier Monate folgendes mir: Lava mit eingeschmolzener italienischer Münze, Marmor, Tonerde, Blei, Bergkrystall- Herbstzeitlose, Mutterkorn, Leuchtmoos, Heidekraut, Biene, Spinne, die Raupe des Weidenbohrers, des Kohlweißlings und Weinschwärmers, verschiedene Puppenferner eine große Zahl von Bildern. Eine Sammlung für die Zwecke der Religionsschule wird selbstverständlich nickt so reichlich auSsallen wie die genannte, aber immerhin viel Brauchbares enthalten. So verwende ich ein Bild, das eine Karawane darstellt bei der Geschichte Eliesers und Rebekkas, das ich einer illustrierten Zeitschrift ent- . nahm mit vielem Nutzen. Wer nicht bloßen Wortkram bieten will, der mutz eben zur Anschauung greifen. ES ist allbekannt, welche Freude die Kinder an Spielzeugen, an Bildern und Zeichnungen haben. Stundenlang können sie sich mit solchen Dingen beschäftigen, und sie find gewiß nicht unglücklich, wenn sie das dürfen. Warum sollen wir dies kindliche Verlangen nicht für unsere Zwecke ausnützen? Wir wollen den Schülern möglichst viel Anschauungsmaterial bieten zur Freude und Belehrung. So ist es sehr bedauerlich, daß unsere biblischen Geschichtswerke, auch die neueren Ausgaben und die jüngsten Auflagen keine Illustrationen enthalten. Warum nicht? Ich wüßte keinen Grund anzugeben, höchstens den, daß — früher auch keine Bilder drin waren*. Und doch wie sehr würden biblische Abbildungen den ganzen Unterricht heben und beleben! Das merkt man deutlkch, wenn man die Kleinen auf Pesach in der Hagada vorbereitet. Mit wahrem Heißhunger verschlingt ihr Auge die dort gebotenen Illustrationen, es ist, als ob man einem Durstigen einen Labetrunk reichte. In Ermangelung eines Besseren wird wohl mancher Kollege zu bildlichen biblischen Darstellungen greifen, die von nichtjüdischer Seite geboten werden. Doch befriedigen diese unser jüdisches Fühlen und Denken nicht. Man denke beispielsweise an die Darstellung von Betenden mit über der Brust gekreuzten Händen, oder an die Bilder, die Gott über den Wolken schwebend darstellend. Im ganzen aber MN diese Bilder ihre Dienste, bezw. sie müssen aushelsen. Erfteulich ist die Aufnahme von Bildern aus dem jüdischen Familienleben, wie es die Rosenchaler'sche Fibel getan. Wie gemütanregend ist die Betrachtung einer Laubhütte, die Besprechung des Kiddusch am Freitag Abend, des Scheidegebetes beim Sabbatausgang. Ich halte solche Abbildungen für äußerst zweckmäßig und nötig angesichts der Tatsache, daß viele Familien den Kindern solche Bilder nicht mehr bieten durch die lebendige Praxis. Bild und Besprechung bieten da doch einigermaßen Ersatz beim Unterrichte - bei Kindern religiöser Eltern aber wecken sie umso liebere Erinnerungen an die Gepflogenheiten des eigenen Heims. Stelle ich die Frage: „Wie wird Kiddusch, wie wird Havdoloh „gemacht", so bieten solche Bilder doch eine gewisse Unterlage. Die Vorschriften für das Zizismachen kann man den Kleinen nur dadurch begreiflich machen, daß man einmal diesen Akt vor ihren Augen vollzieht. Besser noch ist's, sie dabei selbsttätig Mitwirken zu lassen. Auch geöffnete Gehäuse von Tefillin zeige man ihnen, um den inneren Bau und die Einrichtung kennen zu lernen. — Zur Anschauung gehört es auch sicher, baß man den Kindern nicht nur von den „sechs Bänden" der Mischna und vom Talmud etwas vordoziert, sondern ihnen diese Werke wenigstens zeigt. Gar mancher Lehrer weiß aus Erfahrung, daß hier oft der rechte Begriff nicht eintreten will. Das wird nicht der Fall sein, wenn man den Kindern die sechs Bände in die Hand gibtebrnso zeige man ihnen die Talmudfolianten. Man wende nicht ein, daß dies nur etwas rein Aeußerlich eS sei, quasi eine Selbsttäuschung, indem die Kinder ja doch keinen Einblick in den Inhalt nehmen. Darauf ist zu entgegnen, daß uns alle die Erfahrung gelehrt, welchen Vorteil auch die rein äußerliche Inaugenscheinnahme eines Liieraturwerkes schon hat. Wenigstens lernt man die äußere Anlage eines Werkes kennen, und hundert mal besser dieses, als — gar nichts. Uebrigens kennen die Kinder das Wort moed beispielsweise lesen und übersetzen, ebenso die Namen der hiezu zählenden Traktate als Schabbos, Rofch haschono, Sukkaus, Pesachtm u. s. f., und so bleibt ihnen im Gedächtnis, daß hier — in der mündlichen Lehre — die Festesvorschriften genau erläutert werden. Zeigt man ihnen hierauf beispielsweise den betreffenden Talmudband, so merken sie schon an dessen Größe, daß hier die Vorschriften noch ausführlicher behandelt sind. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen muß man sich eben zu helfen suchen, so wie eS geht. Dagegen hilft alles Reden vom grünen Tisch aus nichts. Zwei Dinge sind schließlich noch zu erwähnen, die als Beranfchaulichungsmittel in jeder ReligionSschule eine bedemende Rolle spielen sollten: die Wandtafel und eine gute Karte von Palästina. Diese beiden Lehrmittel können uns viel Zeit, Mühe und Arbeit sparen, vor allem aber sollen fie auf den Unterrichtsbetrieb erftischend, fördernd, klärend und anregend wirken. So wird die Schultafel vornehmlich gute Dienste leisten beim Erlersten des Lesens, indem man die Vokale und Konsonanten vor den Augen der Kinder entstehen läßt, was ihnen besondere Freude bereitet. Unter einen und denselben Konsonanten setzt man mit der Kreide in der Hand verschiedene Selbstlaute. Bekanntlich lesen aber die Schüler das Geschriebene, hier eigentlich das ihnen „Vorgedruckte" lieber und mit größerem Jntereffe als die Druckschrift im Buche. Auch da, wo man einen Leseapparat verwendet, beispeielSweise den seit einigen Jahren bekannten von I. Marx, auch da wird man, der genetischen Lehrmethode folgend, gerne die Kreide zur Hand nehmen. Die gedruckten Lautzeichen sind eben tot und unbeweglich, unabänderlich feststehend. Der von meiner Hand an der Tafel geformte Buchstabe gewinnt Leben, seine Formmerkmale und besonderen Kennzeichen treten hier umso schärfer hervor; die Wirkung ist daher nmso eindringlicher. — Noch weniger kann ich mir einen Unterricht im sogen, „jüdischdeutfchen Schreiben" denken ohne Mitverwendung der - Schultasel. Wir haben zwar Schulhefte mit »orgedruckten Karakteren - allein einen eigentlichen „Klassenunterricht" wird man erst dann vornehmen können, wenn die Wandtafel aller Augen auf sich vereinigt. An der Schultafel kann man auch erst dem genetischen Prinzip gerecht werdendie Entstehung der Buchstaben, die Zusammensetzung der einzelnen Züge vollzieht sich vor den Augen der gesamten Schülerzahl. — Ferner leistet die Schultafel außerordentlich gure Dienste beimjUebersetzungsunrerricht und bei der hebr. Grammatik, Seltenere Wörter, solche, die Träger des HauptstnneS sind, ftemde Wortformen finden Platz auf der Schultafel. Prä- und Suffixe lassen sich hier deutlich abscheiden oder hervorheben. Auch in den anderen Disziplinen des jüdischen Religionsunterrichts leistet die Schultafel willkommene Hilfe, so beim GeschichtS- und Religionsunterrichte, bet der Vorbereitung der Kinder auf das Rituale und Liturgische. Und warum sollte man hier weniger veranschaulichen können alS beim deutschen Unterricht? Müßte sonst das Kind nicht einen eigenartigen Gegensatz in der .methddischen Behandlung profaner und religiöser Fächer herauSfühlen? In der Tat ist die Unlust und Abneigung, welche jüdische Kinder zuweilen ihrem Religionsunterrichte entgegenbringen, zurückzuführen auf daS Planlose und Unmethodische desselben^ „Unterrichte anschaulich, dann unterrichtest Du auch interessant!" — Die Karte von Palästina führt unS an die Stätte, wo die biblische Geschichte spielt - sie ist das wesentlichste und wichtigste Beranschaulichungsmittel für den Geschichtsunterricht. Wie leicht fassen die Schüler so manche Geschichten auf, wenn die Landkarte das Verständnis unterstützt und wie unbegreiflich müssen geradezu viele bleiben ohne geographische Grundlage. Das alles ist ja selbstverständlich und bedürfte eigentlich gar keiner besonderen Hervorhebung. Einige Beispiele! Der Lehrer behandelt die Besiegung der Könige Sichon und Og, die Uebergabe deren Länder an die dritthalb Stämme. Ohne Karte wird man den Kindern nicht die Geschichte des hierauf bezugnehmenden Krieges unter Jiphtach begreiflich machen können. Die Geschichte Balaks und Bileams gehört gleichfalls hierher. Die Furcht der Moabiter vor Israel lehrt uns mit wenigen Worten ein Blick auf die Karte, wo die vordringende Macht Israels veranschaulicht ist. Die Schonung der stammverwandten Völker, die Flucht Davids u. s. s., alles wird erst durch die Karte, durch Veranschaulichung klar. Möge man doch gerade beim Religionsunterricht mehr als bisher diesen Grundsatz beachten. Wenn es wahr ist, -aß -er Religionsunterricht die Kinder beglücken, durch innere Anregung das Gemüt beftuchten soll, dann versäume man doch kein Mittel, das uns diesem schönen Ziele näher bringt. Unleugbar aber gehört zu diesen Mitteln — die Anschauung und ote Anschaulichkeit. Korrespondenzen vnd Aachrichten. Aus Hessen-Nassau. Auf den Schlachtfeldern in Rußland erlitt am 24. November der Lehrer Leo Brandes aus Beutschen den Heldentod fürs Vaterland. Geboren am 14. November 1882 als Sohn des Lehrers Moses Brandes zu Oberaula (Bezirk Cassel) besuchte er bas Lehrerseminar zu Hannover, amtierte alsdann 3 Jahre als Vertreter seines Vaters an der öffentlichen Volksschule seiner Heimatgemetnde Oberaula und wirkte später als Lehrer in Beutschen (Posen). Begeistert zog er in den Kampf, schon war er wegen seiner Tapferkeit befördert worden und er gedachte, wie er in einem feiner letzten Briefe an seine Lieben schrieb, sich auch noch das eiserne Kreuz zu erwerben. Die Vorsehung hatte es anders beschlossen. Ein Kopfschuß setzte seinem jungen Leben ein Ziel. Nun ruht er schon einige Wochen in seinem Heldengrabe, er, der so plötzlich herausgeriffen wurde aus seiner ihm lieben Berufsarbeit, der er sich mit seiner ganzen Kraft, mit wahrhaft vorbildlichem Fleiße, mit großer- Gewissenhaftigkeit und Treue hingab. Wir werden ihm stets ein ehrendes Andenken bewahren. V'jft. H. Frankenberg, (H -N ), 27. Jan. Der in Nr. 4 unter Personalien stehende Bericht über die Besetzung der hiesigen Lehrerstelle ist dahin zu ergänzen bezw. zu berichtigen, daß die Besetzung derselben vorerst nur auftragsweise erfolgt ist und daß die Stelle nach beendigtem Kriege zwecks endgültiger Besetzung von neuem ausgeschrieben werden wird. Umsowohl den Bedürfnissen der Gemeinde nach einem geordneten Gottesdienste und Religionsunterrichte, der von keinem Nachbarkollegen erteilt werden konnte, als auch den im Felde stehenden Lehrersoldaten entgegenzukommen und auch ihnen eine Bewerbung zu ermöglichen, hat Königliche Negierung zu Cassel diesen vom Borsteheramte der Israeliten Marburg gemachten Vorschlag gebilligt. Beide Körperschaften haben hiermit, wie schon sehr oft, von neuem den Beweis erbracht, daß sie für das Wohl der ihr unterstellten jüdischen Lehrerschaft nicht nur Verständnis, sondern auch Herz haben. m*

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