Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 6 (4.2.1915)
- Date
- 1915-02-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 6 des „Israelit." 1 ~ Feuilleton. .v>; Mer Rennenkamps Jahnen. (Nach Aufzeichnungen eines russisch-jüdischen Soldaten.) (Fortsetzung.) Die erwarteten „frischen" Truppen, mit denen wir von neuem den Stoß in's Herz Deutschlands unternehmen sollen, sind angelangt. Ich weiß nicht, wie „frisch" die anderen find. Wenn sie alle von der Heldenan der-Neuen in unserer Kompanie sind, dann o weh, Hindenburg!.... Es sind auch zwei Juden dabei, der eine heißt Simson Peltin aus Smargon, der andere ist ein gewisser Ra chm rel Schabst aus Moladetschno-- - Gewiß stehen die Juden im russischen Heere ihren Mann. Und was ihren Mannesmut, ihre Tapferkeit und ihren Patriotismus betrifft, so können sie es getrost mit den Kleinruffen, Sibiriern und Kaukasiern aufnehmen. Wenn man aber schon gar beginnt, die Armee Rennenkamps mit dem Bestände der Krankenhäuser und Altersasyle zu ergänzen, dann erhält man eben Helden von der Art des Simson und Rachmiel.... Die Konfession spielt dabei keine Rolle. Reb Simson Peltin hat sich in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens als „Badchen" (Spaßmacher bet Hochzeiten) redlich ernährt. Ein Asthemattker, besten Lungen beständig pfeifen, mit zweierlei Augen, einem lachenden und einem weinenden. Der Andere, Rachmiel, ist ein krankes Männchen mit wehem Gesichte, ein früherer Kinderlehrer, der keine zehn Minuten ohne Prise leben kann. Beiden gefällt es nicht besonders bei uns. Aber unser „Simson Hagibaur", wie wir unseren Badchen aus Smargon nennen, hat seinen Humor mit her gebracht. Er ist immer noch der alte Spaßmacher, der es ganz in der Hand hat, uns zu Tränen zu rühren oder in einen Lachkrampf zu versetzen. Wenn er von seinem Leben und Leiden und ersten Erfahrungen erzählt, dann geht es uns tief ans Herz und wir wälzen uns dennoch vor Lachen. Als man ihn bei der Einstellung gefragt hatte, ob er schießen könne, habe er geantwortet: „Vielleicht! Habe es noch nie probiert." Als er aber zum ersten Male, so erzählt er, das Gewehr in der Hand hatte und zielen sollte, da war es ihm gar seltsam zu Mute. So, meint er, mußte es einem Kosaken zu Mute sein, wenn er eines Tages vor ein „Chumesch mit Targum Unklos" g-e setzt würde, mit der Zumutung, die Sidrah „maawir" zu sein.... Dem Anderen, dem Melamed mit den kleinen schwimmenden Augen, ist Heil wtederfahren; er ist rasch avanciert. Er kam nämlich in die Wäscherei, wo er mit großer Inbrunst und dankerfülltem Herzen für diese ungeahnte Gnade in gedeckter Halle Soldatenh.mden und Soldatenhosen wäscht. * * * Die anderen „Frischen" aus Bessarabien und Kleinrußland sind, sofern sie gleich unseren jüdischen Helden höheren Alters sind und aus militärfernen Verhältnissen kommen, von ganz gleich hoher soldatischer Qualität. Nur, daß sie sich dazu noch als wahre Helden im Saufen und Raufen bewähren und alles stehlen — zuwellen auch was niet- und nagelfest ist. Ertappt man sie bei frischer Tat, so tun sie ganz verwundert und meinen: „Wozu des Schreiens? Jst's dein, so nimm's denn und gehe!" ... So erzählt mir der jüdische Krämer des Nächstliegenden Dorfes: Kommt da ein ukrainischer Landstürmer in seinen Kramladen und wünscht ein viertel Pfund Tee. Der Krämer benutzt, wie am Orte üblich, Kupfermünzen anstelle von Gewichtstetnen. Zehn einzelne Kopeken ein Viertel-Pfund. Sie liegen bereits in der einen Schale. Indes aber der Verkäufer den Tee vom Regale herunterholt, läßt der Soldat rasch fünf der Münzen aus der Wagschale in seine Tasche wandern. Der Krämer sieht's nicht, oder tut so, als merkte er nicht, wiegt den Tee und läßt sich 50 Kopeken für das Viertel bezahlen. Der Brave hat sich 5 Kopeken erbeutet und sich selbst um 25 Kopeken bestohlen. * * * Und mit diesen Helden soll es direkt auf Hindenburg losgehen. Denn Berlin haben wir ja schon so gut wie in der Tasche. So lesen wir es in den Zeitungen, die uns täglich in's Quartier geworfen werden. Ueberhaupt das arme Deutschland! Unser jüdisches Herz bewegt sich in tiefem Mitleide mit dem armen Lande Wilhelms, wenn wir da all seine Niederlagen und die russischen Siege lesen. 60000 gefallen, 100000 gefangen. Wieder so Ul d soviel Armeekorps vernichtet. Der Kölner Dom von englischen Fliegern zerstört, der Frankfurter Bahnhof durch eine Bombe glatt abgedeckt ... Der deutsche Kaiser bittet kniefällig um Frieden, aber umsonst . .. Die Soldaten lesen es und wiehern vor Begeisterung ... Nur Simson, dem Badchon, will es nicht recht in den Kopf. Wenn, meint er, Berlin in unserer Tasche ist, warum fttern und hungern wir hier und ziehen nicht lieber in die schöne Stadt ein? Und dann, wenn dem so ist, warum bleiben nicht Wilhelms Truppen dort, um die Kaiserstadt zu schützen, statt sich so weit her zu bemühen und uns chre Granaten zu schicken, die ihn, Simson, jedesmal in Todesschrecken versetzen? ... „Dann ist wohl „I P ch o mtftabro!" anders und umgekehrt!" folgert der ganz Junge mit dem schmalen Kindergesichte, der Slabotkoer Jeschiwobachur. „Werde ich euch was sagen", erläutert der Badchen. „Bei uns in Smargon erzählte man sich einst in der Schneiderklaus, Jankel Chajim der Schames hätte dieses Jahr 5000 Rubel an den „Hauschanaus" verdient. „Unglaublich!" schrieen alle und glaubten es. Ich aber wußte, wie es sich damit verhielt und ich sagte: „Rabbanffot", jagte ich, „die Sache ist vollkommen wahr. Nur hat man sie nicht ordentlich erzählt. Es war nämlich nicht Jankel Ehajtm der Schames, sondern der reiche Herr Rappaport. Und dann waren es nicht Hauschanaus, sondern ein großer Wald, den Rappaport beim Grafen Wladislau gekauft hat und schließlich handelt es sich nicht um 5000, sondern um 30000 Rubel, die Rappaport bei diesem Geschäfte —verloren hat... Sonst stimmt die Sache vollkommen!.." „Am Ende", setzt Simson hinzu und sein rechtes Auge lacht bedeutsam, „am Ende lebt der Geist der Smargoner im russischen Zensor, der die Geschichte vom Glücke Jankel Ehajtms ja ganz ttchtig erzählen, nur so ein bischen die Namen und Zahlen verwechseln läßt . . ." * * Simson, der Badchen, ist uns unentbehrlich gewordener ist mit seinem heitren Wesen die Sonne, in der wir unser erstarrtes Herz wärmen und uns alles Weh und Wohl so ganz von der Seele weinen oder lachen können, je nachdem, ob sein rechtes Auge, das lachende, oder das linke, das weinende, über uns Gewalt gewinnt. „Der Mensch ist das", behauptet Simson, „was er im tiefsten Innern zu sein wünscht und alle Dinge sind so, wie sie in ihm leben. Wenn tchs nicht will, dann nimmt mir kein Mensch das Ich aus des Herzens Schreinwenn ichs nicht will, dann ist der Kosak kein Kosak, die Naigaka keine Naigaka und die Schläge keine Schläge, und tagehell ist in mir auch in finsterer Mitternacht. Ich bin und bleibe, innerlich von all dem unberührt, der Smargoner Badchen, der die Menschen belustigt und sie in Freude ihrem Schöpfer dienen läßt..." Was man wohl sagen soll zu einer solch verrückten Philosophie? Aber allabendlich, am Biwakfeuer und auf dem Strohlager sind wir, die hundert Juden unserer Kompanie, doch um ihn herum. Wie die Falter, von dem bunten Licht unwiderstehlich angezogen. „Juden, Brüder!" schreit er uns an. „Was fitzt Ihr da und ttäumt und trauert. Seht nun rauf, ihr verbohrten Narren, die tausend Sterne um den Mond und all das obenan und rund herum. Glaubt Ihr, daß der da oben nicht für euch und euere Kinderchen sorgen kann? Narren, Jüden, Brüder!" Und nun erzählt er eine Anekdote. Und da alles hell austacht, ist es gar kein Kalauer mehr, sondern ein „Moschol", in dem ein tiefer Sinn steckt, der wird mit beredten Worten herausgeholt, daß die Tränen nur so fließen. „Kennt ihr Rabbauffai, Abele, den Schaute?" fragt er. Keucht er da mit seinem schweren Packen am Wagen des reichen Rappaports vorbei, der des Weges angefahren kommt und wird von ihm eingeladen mitzufahren. Das tut er auch, aber den Packen behält er behutsam in der Hand. „Warum legt Ihr den schweren Kasten nicht hin?" fragt Rappaport. „Nun, ich möchte doch dem Herrn nicht auch das noch aufbürden", antwortet Abele der Schaute ... Alles lacht hell und wohlgemut. „Warum lacht Ihr Narren, Jüden?" schreit der Badchen. „Macht Ihr es nicht ganz ebenso wie Abele der Schaute? Den ganzen weiten Weg von der Wieg bis zum Kewer laßt Ihr euch von Ihm fahren, von ihm der über den Wolken thront. Und nun traut Ihr euch nicht, auch dies Päckchen „Zores" in seinen Wagen zu legen und behaltet es in der Hand, so daß es euch Körper und Seele bis zum Boden herabdrückt... Schämt euch, Jüden Brüder! Habt Ihr nie Tillim gesagt? „Wirf Gott zu deine Last.. Alles heitert sich allmählich auf. Nur Joffel, der Jeschtwabocher auS Slobodka, hebt den Kopf nicht in die Höhe. Da nimmt sich ihn Simson extra vor. „Und nun Jeschiwohbocher, schneid mir keine Fratze, wie ein Kosak im Gehinom, der nur bis zum Halse in eine Schnapstonne gesteckt wird .. Ist das euer Muffar in Slobodka, daß Ihr die Zores immer mit euch herumschleppt? So sieht doch unS an, die Chassidim. Wir pfeifen auf die ganze Geschichte. . ." Und als Joffel immer noch zusammengekauert fitzt und Trübsal bläst, stellt sich Simson in Positur, wie sie der Badchen vor der Braut vor dem „Besetzen" einzunehmen pflegte, und hebt zum Gaudium aller das Lied vom „Kallebesetzen" an, mit zu Lachtränen rührender Komik. „Wein, Kalleleben, wein" „Solls dir zum Masel sein!" Jetzt lacht alles, auch Joffel. Und Simson wird nicht müde zu reden, zu erzählen, zu singen, alle denkbaren komischen Situationen aus seiner reichen Praxis zu schildern. Und zuletzt muß gar Welwel, Musikant von Hause aus, eins auf der Flöte auffpielen, wobei wir, je nachdem, ob des Badchen's rechtes oder .linkes Auge das Kommando hat, ein Chaffidimtänzchen aufführen oder „Eli Ztjon" fingen. .. Am Ende hat Simson doch recht: „Wenn ich's nicht will..." (Schluß folgt.) ■i ■j l- ■« i f» , % 'r > ■i i i ■i j I :} \; •a j y-f ' ■ii i ‘ j :