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Der Israelit · 1915-02-04 · Heft 6 (4.2.1915) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 6 (4.2.1915)
Date
1915-02-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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4. Kebruar 1615 Oer JSräelst. No. 6 Sette 5 sein wird, soll das Komitee seine Arbeit beginnen. Im Prinzip wurdekausgesprochen, daß nur diejenigen auf Unterstützung rechnen können, die vor dem 15. Januar in Budapest ihr Domizil gefunden haben. Z. V. A. Budapest. Laut Ministerialverordnung müssen die Militärbehörden dafür Sorge tragen, daß alle verstorbenen Soldaten gemäß ihrer religiösen Zugehörigkeit bestattet weiden sollen. Sollte in der Nähe kein Geistlicher sein, der die Bestattung nach Vorschrift vollziehen könnte, dann müsse man vom Militärkommando die rascheste Delegierung eines solchen telegraphisch fordern. Z. B. A. Budapest. Aus glaubwürdiger Seite wird eine erschütternde Episode vom galizischen Kriegsschauplatz erzählt. Als der Kanonendonner verhallte und das Gelände durch Sturm gesäubert wurde und sich Totesstille über das Feld lagerte, begann die Arbeit der Totengräber. Eine Leiche wurde entdeckt, die höchst auffällig ein kleines Säckchen zur linken Hand gebunden hatte. Dieses wurde geöffnet. Einige Ru vel, weiße ErezjiSroelerde und ein Zettel war darin, mit der Bitte, dieses Geld der zunächst liegenden Chewra Kadischa mit dem letzten Wunsch eines sterbenden Juden, der weder Feind noch Gegner ist, zu übcrbringen. ihn als Jehudi nach Vaierweise zu bestatten und von seinem Tode Frau und Kind, wie seinen Vater, der ein bekannter Rabbiner ist, zu verständigen. Die Chewraleute kan«en und waren starr vor Erstaunen, als sie hinter dem Mantel des armen Soldaten das jüdische Stcrbegewand misamt dem Talis erblickten. Z B. A. Czernowitz. Unbeschreiblich ist das Elend der hier zurückgebliebenen Juden. Die Russen entkleideten sich jeden menschlichen Empfindens und Hausen hier wie die Waldtiere. Da die bettelarme Bevölkerung die Kriegskontribution nicht ausbringen konnte, wurde die Synagoge gepfändet und deren Besuch behördlich verboten. Um die Zusammenkunft der Inden unmöglich zu machen, wurde der Besuch der Restaurants und Kaffees streng untersagt. Alle Lieenzen wurden den Juden genonimen. Wer bei Nacht auf die Straße geht, spielt mit dem Tod. Der Stadtkommandant empfangt prinzipiell keine Juden. Es gibt kein Jorunl für ihre Beschwerden Laut Befehl dürfen die Offiziere nur behandschuht den Juden die Hand reichen. Der gewesene jüdische Bürgermeister Dr. Weisselberaer wurde als Geisel nach Sibirien geschleppt Z. B A. Tvrnau. Bernhard Schlesinger, einer der angesohendsten Bürger unserer Stadl ifl 62 jährig gestorben. Er war vor 40 Jahren Mitglied des jüdischen Kongreßes und als solcher Präses eines Ausschusses. Das hiesige Allersheim hat seiner Initiative seine Existenz zu verdanken. Prof. Ludwig Schlesinger, Gießen, verlor in ihn, seinen Vater, .TrsKr. Z. B A. Rrrffian-. Die Deufidun und der Oberrabbiner von bod}. Lodz, 28. Jan. In einer Reihe von Blättern war berichtet worden, die deutschen Behörden hätten den bekannten Oberrabbtner von Lodz, Rabbiner Treistmann, verhaftet und es wurden an diese Nachricht, je nach den Tendenzen des betreffenden Blattes, allerlei Kombinationen zu Ungunsten der Deutschen oder der Juden geknüpft. All diesen Auseinandersetzungen fehlt jede Grundlage, da die ganze Erzählung von der Verhaftung des Lodzer Rabbiners in das Bereich der Fabel gehört. Rabbiner Treistmann war niemals verhaftet, erfreut sich vielmehr von Seiten der deutschen Behörde durchaus der seinem Amte angemeffenen achtungsvollen Behandlung. Ruttifche 6ereditigfteif. Werti«, 27. Januar. Eine Anzahl jüdisch-ruffischer Hochschüler, die vor Kriegsausbruch in Deutschland und Oesterreich studiert haben, wandten sich an das Unterrichtsministerium in Petersburg mit der Bitte, in Rußland ihre Studien sortsetzen zu dürfen. Nun hat das Unterrichtsministerium sämtlichen Universitätsbehörden bekanntgegeben, daß obige Bitte nicht berücksichtigt wird, denn — dies ist das Interessanteste — solch eine Bewilligung wäre ein Unrecht derjenigen jüdischen Studenten gegenüber, die infolge der bekannten prozentuellen Beschränkung, nicht zugelassen wurden. Die tage in London. Me«, 1. Februar. Ueber die Lage der Juden in England unter den Wirkungen des Krieges sowie insbesondere der jüdischen Kriegsgefangenen in den Konzentrationslagern geht der Wiener „Dr. Blochschen Wochenschrift" ein authentischer Bericht zu, dem folgendes entnommen sei: Die große Anzahl der eingewanderten, noch nicht naturalisierten russischen Juden in England war von allem Anfang an antirussisch gestimmt. Dagegen halfen nichts die Versicherungen Sir Edward Greys, daß die englische Regierung in Petersburg eine Befferung des Loses der Juden Rußlands erwirken werde. Man glaubte ihm einfach nicht und sah sich durch die beispiellose Barbarei der russischen Soldateska gegen die Juden in Polen und Galizien in diesem Mißtrauen nur bestärkt. Nun versuchte es die englische Regierung mit einer antisemitischen Preßkampagne. Man drohte den Juden, Rußland werde nach dem Kriege ganz judenrein werden müffen, um sich durch sie nichr in seiner organischen Entwicklung stören zu lassen. Gleichzeitig wurden alle Juden von der Polizei verfolgt, die deutsche Namen tragen, war es natürlich ein sehr großer Bruchteil. Der nächste Schritt bestand darin, jüdische Kriegsfreiwillige — als Juden — zurückzuweisen, schließlich wurden selbst längst naturalisierte Juden aus Rußland von der Polizei drangsaliertso u. a. selbst Professor S. Daiches am Londoner Rabbinerfeminar und viele Notabilitäten. In den jüdischen Familien kam es oft zu Konflikten zwischen den anttruffischen Eltern und den englisch-patriotischen Kindern. So hat der bekannte Chacham der i'paniolischm Gemeinde in London, Dr. Gaster, öffentlich gegen die englischruffische Allianz Stellung genommen, er weigerte sich ganz entschieden, für den Sieg Rußlands im Tempel ein Gebet zu sprechen. Obwohl bereits 28 Jahre in seinem Amte, wurde er von seinem Vorstande mit Amtsentsetzung bedroht. Er hat aber bis heute seinen Standpunkt verfochten. — Ein Sohn Dr. Gasters dagegen ist Kriegsfreiwilliger. Ein anderer Rabbiner, der es gewagt hatte, in einer Predigt am Jaum Kippur die Heimsuchung Belgiens für eine gerechte Strafe für die Grausamkeiten im Kongo zu erklären, mußte — er ist mittelloser Familienvater — öffentlich widerrufen. Die paar Tausend eigentlicher, längst eingebürgerter englischer Juden überbieten die anderen Engländer noch an Patriotismus, d. h. an Chauvinismus. Eine adelige jüdische Lady, deren Hilfe man für die armen galtzische Flüchtlinge aus Antwerpen anqing, erklärte: „Mit einem Feind darf man kein Mitleid haben, ich bin keine — Zionistin. Allerdings bilden die besseren Kreise dnser naturalisierten Juden eine rühmliche Ausnahmeso besonders zwei Anverwandte des bekannten Newyorker Bankiers Jacob Schiff. Der eine, Herr Ernest Schiff, unterhält vollständig auf seine Kosten 600, der andere, Otto Schiff, 300 jüdische Flüchtlinge aus Antwerpen. Wirtschaftlich äußern sich die Folgen des Krieges auf die verschiedenen Schichten der jüdischen Bevölkerung Englands verschieden. Der Mittelstand ist ganz und gar ruiniert und wandert, so weit es geht, nach Amerika aus. Ebenso die Großhändler, die mit der Türkei, Japan und Persien und sonst nach Uebersee Handel trieben. Hingegen Whitechapel mit seinem Proletariat der Schneider, Schuster und Kürschner hat noch nie so glänzende Zeiten erlebt. Die ungeheuren Mtlitärlteserungen halten alt und jung von früh bis spät in Atem. Hier wird gut verdient. Im Ganzen ist aber das jüdische Leben in London wie ausgeftorben. Ein großer Teil der jüdischen Intelligenz ist davongezogen, der Rest verhält sich passiv. Die Londoner jüdische Gemeinde, sonst ein Tummelplatz beständigen Gezänkes, zeigt die Ruhe eines Friedhofes. Die Lage der galizischen und ungarischen, in die Konzentrationslager geschleppten Juden stst haarsträubend. So sind z. B. in der Londoner „Olympia" 4000 solcher „Kriegsgefangener" untergebracht, die infolge Kälte, Feuchtigkeit, Schmutz und Hunger dahinsiechen, für 4000 Menschen hat man — 40 Waschschüsseln zur Verfügung gestellt. Mehr als 1000 Juden zählt man unter dlefen Aermften. In letzter Zeit hat man einen Teil von ihnen auf alten Schiffen untergebracht, dort sind sie vermutlich wenigstens vor dem Erfrieren geschützt. In Wales, wo der Patriotismus am stärksten sich bekundet, wäre es vor etwa zwei Monaten zu einem regelrechten Pogrom ä la Kischenew gekommen, wenn nicht die Regierung rechtzeitig tatkräftig e'mgegriffen hätte. Aber selbst in Irland, das durchaus nicht für England begeistert und gegen seine Feinde animos ist, werden Juden auf d.'r Straße belästigt und mit Kot beworfen und zwar — als Deutsche. Diese Juden hatten nämlich seinerzeit bei der Einwanderung sich als ihres Judentums geschämt und wollten stets als Deutsche angesehen werden. Dafür haben sie jetzt zu büßen. Und alles dies, obwohl die Judenhett Irlands — etwa 4000 Seelen — prozentual wett mehr Soldaten gestellt hat, als die Iren selbst. Dr. Robert Green in Dublin hat eine Gruppe jüdischer Aerzte für Dienste des Roten Kreuzes organisiert und hundert und etliche Juden haben sich vor ihren christlichen Mitbürgern durch bedeutende Spenden für die Familien gefallener oder verwundeter Krieger ausgezeichnet. Ueber Rußlands Verheißungen an die „lieben Juden" gehen allerlei Bonmots um: Ernstlich glaubt kein Mensch an d:ren Erfüllung. Im glüchlidienrRudlanfl London, 26. Januar. Der Berichterstatter und Verfaffer von Büchern über Rußland, Stephan Graham, den die „Times"' aus „Rußland" zurückberufen mußte, weil es von dort nichts Erfreuliches zu berichten gab, hat im National Liberal Club in London einen rosenfarbenen Vortrag über Rußland gehalten. Er warnte vor der landläufigen Auffassung von Rußland als Land des Zarismus, der Bürokratie, der Pogrome und Verbannungen. Nach Grahams Versicherung „weiß das Volk nichts von Bürokratie und Regierung", es lebt „in glücklicher Freiheit, frei von den Fesseln der Konvention, nach den Regeln der Natur." Die Versprechungen, die den Polen gegeben wurden, sollten nicht mit Mißtrauen ausgenommen werden. Die Judenfrage sei allerdings hoffnungslos, die Schuld läge aber nur an denJuden, D e Behandlung von Finnland sei nahezu normal. Im Gegensätze zu den Erwartungen der englichen Liberalen und Sozialradikalen sprach er die Hoffnung aus, daß Rußland in seinem eigenen Jnterreffe von einer allzu weitgehenden Parlamentarisierung werde verschont bleiben. Eine Ausführungen begegneten starkem Widerspruchdie Zwischenrufe waren stellenweise so stark, daß, wie der Berichterstatter des „Neuen Rotterd. Courant" erwähnt, d.'r Vortragende Mitleid einflößen mußte. In der lebhaften Äusjp ache, die der Rede folgte, tat sich besonders der bekannte Dichter Israel Zangwill hervor, der sich heftig gegen die Grahamsche Auffasfuig d-r Judenfrage wandte. JlmerUta. Die amerihanifche €inmanderungsbil(- Mew-York, 17. Jan. Die vielgen mnte Burnett-Bill, welche die Einwanderung nach Möglichkeit erschwere i möchte und eine ganze Reihe non dahin zielenden Bestimmungen enthält, ist nach längerem Hin und Her vom Senat mit ungeheurer Mehrheit angenommen. Präsident Wilson hat unter dem Eindruck der starken Opposition, die sich von allen liberal denkenden Politikern, insbesondere auch von jüdischer Seite gegen diese restriktiven Bestimmungen

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