Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 5 (28.1.1915)
- Date
- 1915-01-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 5 des „Israelit." KrnilLeton. ■'w/A Mer Rennenkamps Zahnen. (Nach Aufzeichnungen eines russisch-jüdischen Soldaten.) Vor „Tannenberg" litten wir Hunger. Und jetzt, nach der großen „Rückwärtsbewegung aus strategischen Gründen" hat sich die Intendantur immer noch nicht zu der Erkenntnis durchgerungen, daß einem Soldaten das Essen fast ebenso vonnöten ist wie das Schießen... Also nach wie vor lange Fasttage. Vor Kowno, genau wie früher bei Tannenberg. Nun sind wir wenigstens aus dem Sumpfe. Unser Hauptmann gehört zu den Wenigen in all den unzähligen Regimentern, die ihre „Schäfchen" ins Trockene gebracht. Also liege ich nicht mit den Freunden in der masurischen Seen tiefem Grunde, sondern hungere mit den „Rückkonzentrierten" vor KowNo. Zu tun haben wir im Momente nicht gerade viel. Hier im Schatten und Schutze der heimatlichen Festungswälle brauchen wir die „grauen Teufel" der jenseitigen Sümpfe nicht zu fürchten. An ein neues Vorgehen gegen den Feind ist noch nicht zu denken. Müssen uns erst sammeln. 'Ader der Deutsche ist höflich und von guten Manieren, so dürfen wir bald seinen Gegenbesuch erwarten... Inzwischen läßt es sich in kühlen Spätsommernächten am Sandufer des kristallblauen Niemenwassers gut träumen. * * * Wenns nicht gar io böses, verworrenes Traumzeug wäre! Ob das wohl der leere Magen macht? Es ist einfach unmöglich, auch im Wachen, den Zusammenhang der Dinge zu finden. Der Zar hat, wie man sagt, sechs Müliolionen Soldaten. Darunter wohl einige hunderttausend Juden. Die möchte man schon seit Jahren vor die Türe setzen, wenigstens tun die Herren in der Duma so. Nun führt Väterchen seine sechs Millionen gegen Deutschland und da schweigt aui einmal die Duma. Man will, bei Gott, keinen zurücksetzen... Wer redet da von Llnsschluß? Im Gegenteil, wir sind die „lieben Juden" und sollen — freilich nachher — alle Rechte erhalten... Also gehen wir mit. Tausende machen es mir gleich, kommen von den ausländischen Universitäten, an die sie die Prozentnorm gezwungen, heim und reihen sich freiwillig dem Kriegsheere ein. Möchten uns nichts nachsagen lassen... Aber wie merkwürdig zu uns geredet wird! Man kann sich kaum genug tun in Belobungen und Verheißungen. Wir kennen die Sprache — es ist die des bösen Gewissens, der leisen Scham und Angst, aber auch des Zweifels an der Echtheit unseres Patriotismus. Der vollen Hingabe der Anderen, der Lchtrussen, ist ittait sicher. Darum spricht mau ganz anders zu ihnen. Die gröbste Grobheit eines Kosakenhauptmanns würde mich nicht so verletzen, wie dieser heuchlerische und schmeichlerische Ton des blöden Mißtrauens. Jetzt erst, nach dem Erlebnis von Tannenberg, wo sich unserer Dreihunderttausendarmer gleich der Rotte Kvrahs der schlammige Abgrund auftat und die Wenigen, die dem Feuer und Wasser entgangen, sich weit den Niemen entlang bis auf Kowno „zurückgezogen" haben, weiß ich, was es mit dem Patriotismus der Anderen auf sich hat. * * Es ist stockfinstere Nacht, nur vom Biwakfeuer auf einige Schritte erhellt. Wir Lagern auf freiem Felde, am Rande eines eixblojen Fichtenwaldes am linken Niemenufer, nur wenige Kilometer von Kowno entfernt. Um das lohende Holzfeuer, auf dem ein Riesenteekessel brodelt, liegen einige hundert Mann, die ihre Hände wärmen, schlechten Tabak in kurzen Pfeifen rauchen, hörbar den Tee aus dem rostigen Blechgeschirr schlürfen und sich vom Kriege unterhalten. Ich höre interessiert hin. „Was uns nur der Krieg angeht", ereifert sich ein Unteroffizier mit vor Wut unterlaufenen Augen. „Wenn der Zar nicht ganz handelseins mit Wilhelm ist, so wäre es doch gar kein Grund für mich, mich totschießen zu lassen." „Wer ist denn dieser Wilhelm?" fragt ein junger Soldat, unverkennbar ein Bauernsohn aus Kleinrußland. „Dummkopf!" fährt ihn der Unteroffizier an. „Wilhelm, das ist der Kaiser von Deutschland." Der Bauernsohn wagt keine weitere Frage mehr. Ein älterer Soldat, ein mutiger, schöngewachsener Kaukasier, nimmt aber das Geswräch auf. „Führen wir denn eigentlich Krieg gegen Deutschland?" fragt er. Er sagt es vielleicht nur in spöttischem Sinne, um anzudeuten, wie wenig man den einzelnen Soldaten über die Dinge, die er mit vollbringen soll, unterrichtet. Der Unteroffizier ist aber außer sich ob solcher Unwissenheit. „Gegen wen den sonst, du kaukasischer Büffel!" „Ich dachte", erwidert der Kaukasier ganz ruhig, „es ginge wieder gegen die Japaner." „So 'ein Esel", lacht der Unteroffizier, in seiner Wut, den Büffel vergessend. „Hätten dich doch die Deutschen nur mitgenommen, hätten dann nur einen Esel mehr." Der Kaukasier ist nicht im geringsten betroffen. Er seufzt nur: „Ja, zum Gcfangenwerden muß man halt Glück haben... Ich sah, wie man Tausends der Uusrigen um mich herum gefangen nahm. Mich übersahen sie, die Sch... Und ein Esel? Gut, der Herr Unteroffizier ist wohl keiner, aber wurde ihm etwa gesagt, wohin und gegen tuen es geht und was überhaupt los;el.? Es kam der Ukas, da ging ich. Weil ich ein Esel bin und keine Zeit mehr fand zum Davonlaufen ... Alle anderen find zeitig davongelaufen. Wohl ihnen!..." Das der glühende Patriotismus des Kaukasiers. Und er findet verständnisvolle Zuhörer. * * * Eine andere Soldatengruppe, die ihr eignes Feuer, ihren eigenen Tee hat. Reiter eines s i b i - r i s ch e n 'Korps, prächtige Kerle, die sich sehr kameradschaftlich unterhalten, natürlich ebenfalls vom Kriege. „Wie", sagt ein junger Sanitätssoldat, „du meinst, der Zar führt deswegen Krieg, weil er ein Stück von Preußen haben muß. Möchte nur wissen, wozu? Haben wir etwa wenig Land? Nehmen wir zum Exempel unser liebes Sibirien. Fünf Gouvernements, deren jedes w groß ist wie Deutschland und Frankreich zusammen. Muß also der Zar ein paar Millionen Menschen hinopfern für ein Stück neues Land? Wir sind Sibirier und wissen, welche Schätze in dem Boden unserer Heimat verborgen liegen. Sie hätten eine unerschöpfliche Quelle des Volkswohlstandes sein können. Was hat aber unsere Regierung aus dem Lande gemacht? Ein großes Gefängnis, ein Asyl für Mörder und Dicke und tchfiere, Männer, die ihrer Unzufriedenheit mit der Schandwirtschaft einmal lauten Ausdruck gaben. I Das soll wohl auch aus Preußen gemacht { werden, — das zu erhalten man sich gern eine Million der Uusrigen kosten läßt..." „So ists!" murmeln die Kameraden und schütteln am Feuerschein die schönen starken Köpfe. So der Patriotismus der Kerntruppen, der Sibirier. Etwas blaß und schüchtern knisternd züngelt das dritte Feuer ganz unten, am äußersten Uferrande des nachtblauen Wassers, allwo eine Gruppe jüdischer Soldaten so unter sich ein wenig plaudern. Ich kenne sie alle. Sie stammen aus der Minsker, Wilnaer, Grodnoer und Kownoer Gegend. Aeltere langbärtige Männer und Jünglinge mit wehen, hilfesuchenden Kindergesichtern dabei. Will doch hören, was sie sagen. „Weiß man schon, wieviel wir bei Tannenbero verloren haben?" fragt einer. „Gewiß weiß mans", berichtet ein anderer. „Man spricht von 150000 Toten und 05000 Gefangenen. Kann schon stimmen. Man sieht, wieviel wir hier als Ueberbleibsel noch zählen." „Ganze Armeekorps", ergänzt ein Eingelveihter, „sind in die Seen und Sümpfe getrieben worden. Die gesamte Artillerie vernichtet. Eine solche Niederlage hat die Welt noch nicht gesehen!" „Und was soll jetzt werden?" fragt einer der ganz Jungen. „Wird vielleicht damit der Krieg ein Ende nehmen?" „Nein", erwidert der Eingeweihte. „Cs hebt von neuem an. Ein neuer Ukas. Wir marschieren wieder auf Preußen." „Wieder in den Sumpf? Und wer soll jetzt unser Führer sein?" „Natürlich der gleiche Rennenkamp, der nach wie vor des Zaren licke Juden auf jegliche Art und Weife drangsaliert." „Wie, der gleiche Schlemihl? Wo liegt da die S'woro. der Sechel?" wundert sich der Jüngling, an dem die schlechtsitzende, verschlissene Uniform den Slabotkaer Jeschiwa-Bachur nicht zu verwischen vermochte. Er ist ein guter „Lerner" und sucht, wie in Raschi und Taussaus überall die „Seworo", die Logik. „Sechel?" lacht der Andere, „sucht Sechel bei Jowen-Ganew... Wo liegt die Logik in den Versprechungen an uns und die Polen, nachdem wir alle wissen, wie sehr man uns liebt...? Sechel, Kopf! So was gibts nur bei uns Juden. Wenn ein Chasen nicht mehr kann und seine Stimme zu meckern beginnt, dann sieht man sich nach einem andern um; wenn uns ein Händler betrügt, gehen wir ihm ans dem Wege, wennder Barbier uns mit der Schere ins Gesicht schneidet, jagen wir ihn zum Teufel und tragen unseren Kopf zu einem anderen. Das ist g e r a d e r Sechel. Woher soll ihn aber „Jowen" haben? Er denkt: Wer einmal den Karren in den Dreck gefahren, wird ihn ein anderes Mal durchbringen. Und wenn nicht, was liegt daran? Noch hunderttausend Menschen. Sie haben doch deren übergenug." „Und doch ists schade, schade um das schöne Rußland", seufzt einer der Jungen. Ein anderer, ein Student, der einst zusammen mit mir an die geschlossene Pforte der Universität zu Kiew geklopft hat, stimmt in das Bedauern ein: „Und doch werden wir kämpfen. Wir tuu unsere Pflicht und mag so die Freiheit, die. man in den Straßen Petersburgs und Moskaus zertrat, hier aus dem Schlachtfelde neu errungen werden. Mein Leben sei dnfür gern hingegeben." „Gewiß", bestätigt der Langbürtige, „wenns gilt, stehen wir alle unseren Mann und bleiben, hinter denen drüben, den Kaukasiern und Sibiriern nicht zurück..." Da mischte auch ich mich ins Gespräch: „Nein, meine licken Brüder, Ihr steht denen da drüben in nichts nach..." (Fortsetzung folgt/ \! h .• ■r; y t. ■; j$] Ir. ti ■ r ( U 11 ß: