Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 5 (28.1.1915)
- Date
- 1915-01-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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38. Januar ISIS Der JSraeltt. No. 5 Sette 3 auch den Kommunalbehörden, wenn nötig, klarzustellen, daß die Herstellung der Mazzoth keinerlei Erhöhung des Mehlkonsums bedingt, sondern — und dies ist eine äußerst wichtige und interessante Tatsache — daß der Ersatz des Brotes durch Mazzo vielmehr eine Ersparnis von Nahrungsmitteln bedeutet- Es ist nämlich nicht allgemein bekannt, daß die zur Säuerung des gewöhnlichen Brotes benutzte Hefe einen VerlustdesNährwertesummehr als 2 Prozent bedingt. Die merkwürdige Tatsache wird in einer soeben zur Ausgabe gelangten Denkschrift, welche die eigentliche Grundlage der Bundesratsverfügungeil ist, festgestellt. Zn dieser Denkschrift *), die vom Rektor der Berliner Handelshochschule, Prof. Paul Eltzbacher, zusammen mit 16 hervorragenden Fachleuten aller in Betracht kommenden Disziplinen herausgegeben worden ist, heißt es auf Seite 144 wörtlich: „Eine, wenn auch bescheidene, Ersparnis anNährwerten ließe sich erzielen, wenn man die Lockerung des Brotes ohne Hefe erreichen könnte. Die Hefe lockert das Brot dadurch, daß sie eine gewisse Menge von Stärke und Zucker in Kohlensäure und Alkohol verwandelt, die den Teig auftreiben. Da der entstandene Alkohol beim Backen verflüchtigt, gehen auf diese Weise etwa 2 Prozent des Nährwertes verloren. Es wird indessen nicht leicht sein, von diesem Verfahren der Brotbereitung abzuweichen-'' Es ist somit mit der denkbar größten Autorität der Nachweis geliefert, daß an und für sich eine Volksernährung durch ungesäuerte Brote in der Situation, in der sich unser Vaterland gegenwärtig befindet, derjenigen durch gesäuerte durchaus vorzuziehen wäre. Um so weniger sachliche Berechtigung, kann der Versuch haben, denjenigen Bevölkerungskreisen, denen das R^kigionsgesetz diese auch aus vaterländischen Gründen zweckmäßigere Ernährungsweise für 8 Tage mit zwingender Pflicht auferlegt, irgend welche Schwierigkeiten zu bereiten. Daß in diesem Zähre nirgends mehr Mazzoth hergestellt werden, als notwendig sind, wird schon durch den hohen Preis des Mazzohmeh-, les und der Mazzoth selbst sichergestellt; aber es liegt «eine solche Einschränkung keineswegs im Jn- *) Die d eutsche Volksernährung und der englische Aushungerungsplan. Verlag von Friedrich V i e w e g u. Sohn, Braunschweig. Preis 1 Mark. Die Denkschrift ist ein imposantes Denkmal systematischer wissenschaftlicher Forschung und ihrer Benützung für die Politik des Tages. Wir empfehlen ihre Lektüre allen, die sich für die Probleme der Vvlksernährung interessieren. tcrcffe des Staats, weil eben das Mazzohbrot ökonomischer wirkt als das gesäuerte. Daß jedoch bei der Herstellung der Mazzoth, wie bereits früher hervorgehoben wurde, die Beimischung von 30 Prozent Roggenmehl streng durchgeführt werden muß und wird, bedarf keiner Erwähnung. * * * In diesem Zusammenhänge möchten wir noch auf eine Einzelfrage antworten, die uns in den letzten Tagen in Bezug auf die frühere Bundesrats-Verordnung vom 5. Januar wiederholt gestellt worden ist. Bekanntlich dürfen nack dieser Verordnung, § 20, Abs. 2 solche Erzeugnisse, die zu „religiösen Handlungen" verwendet werden, aus reinem Weizenmehl hergestellt werden. Nach einem von der „Freien Vereinigung" erlassenen Rundschreiben findet diese Bestimmung ausschließlich auf oas geringe Quantum der Anwendung, das an den beiden Sed er ab enden notwendig ist. Es wird nun aus unserem Leserkreise angefragt, ob die Bestimmung nicht auch a%f die an jedem Sabbath verwendeten „Challes" oder sog. „Berches" Anwendung finde. Wir möchten das verneinen. Obgleich vom streng juristischen Standpunkte aus eine Interpretation, die auch den Genuß der ruiPö Dl"6 als religiöse Handlung betrachtet, sich rechtfertigen lassen mag, so ist doch vor allem der Umstand maßgebend, daß hier keinerlei religiöse Vorschrift die Verwendung von Weizenmehl zur unbedingten Pflicht macht. Hier tritt also mit aller Entschiedenheit 'und Schärfe die religiöse Pflicht des Tyrr OlStPlriK wn in Kraft, und wir sind überzeugt, daß sich gerade jetzt in der schweren opferreichen Zeit, die wir durchleben, niemand dem Ernste dieser Pflicht entziehen will. Der Aotstand in Palästina. Aus den uns weiter zugegangenen Briefen sei folgender warmherziger Aufruf der Oeffentlichkeit nicht vorenthalten. Fürth i. B., 31. Januar 1915. Sehr geehrte Redaktion! Tiesergrissen von der zartsinnigen Anregung Ihres Berliner Freundes übernehme ich ebenfalls die Honorierung eines Thoragelehrten für die vermutliche Krtegsdauer von sechs Monaten Anliegend überreiche ich Ihnen für diesen Zweck Mk. 40 — für zwei Monate und werde mir gestatten dies zu wiederholen. Ich bitte zu veranlassen, daß, der mir zugeteilte Talmudgelehrte einen Schiur für mp na xor lerne. Es werden gewiß auch Angehörige der auf dem Schlachtfelde befindlichen jungen Helden gerne Gelegenheit nehmen, auf diese Weise dazu bei zutragen, daß das Thorastudium im heiligen Lande auch mitten im Weltkriege seine Heimstätte nicht verliere. Leider sind die Nachrichten aus Palästina sehr traurig. Die Notlage wächst dort von Tag zu Tag und es ist garnicht zu übersehen, welchen Gefahren unsere Brüder und Schwestern dort ausgesetzt find. Der Hungertyphus hat schon manches Menschenleben hingerafst. Für den Zusammenschluß von Gruppen im Sinne der Anregung Ihres Berliner Freundes sollten die Sammelstellen namhaft gemacht und entsprechende Anteilscheine zu Mk. 5, 10, 15 und 30 ausgegeben werden*). Die ehrw. Herren Rabbiner und Vorsteher der Gemeinden ohne Unterschied der religiösen Richtung mögen es als Ehrenpflicht erachten, das Interesse der ihnen nahestehenden Thorafreunde für dieses Hilfswerk zu wecken. Daß auch in dieser weltgeschichtlichen Krise Jerusalemer Kinderlehrer und Träger der jüdischen Wissenschaft im heiligen Lande nicht verkümmern, ist wohl ein sehnsüchtiger Wunsch aller, in deren Busen ein jüdisches Herz pocht. In ihrem Leitartikel „Das heilige Vermächtnis" haben Sie neulich mit Recht hingewiesen aus die heute zum täglichen „Gebete" gewordenen Worte von „den Brüdern, die sich in Not und Gefangenschaft befinden." Vergessen wir nicht, daß diesem Gebete der Notschrei vorangeht: Li ^>snp' wrn n”pb Dnn,D7n nvÄm crp-ro^m arr>r\vz', arr;m Ln^pzi „Israels Thoragelehrte unter uns zu erhalten, sie, ihre Frauen, Söhne und Töchter, ihre Schüler und die Schüler ihrer Schüler!" Mit wehmütigem Herzen begleiten wir dieses erschütternde Gebet mit einem kräftigen Amen. Es ist eine Ehrensache der glaubenstreuen deutschen Erez-Jsrdelfreunde dieses Amengelübde nach Maßgabe des eigenen Könnens — inxi nrno.i inx vycan — zu erfüllen, damit nach der Verheißung dieses Kriegsgebetes „das Haus unseres Lebens, begründet werde", „Die Stätte des Thoragesetzes", wie Rabbiner Hirsch ergänzt, „von dem unser Leben abhängt, von dem unser Leben ausgeht." Ploni Almoni. Wir hoffen, daß die Sammlung, die bisher den Erfolg hatte, dreißig bis vierzig Familien die Aussicht auf Erhaltung ihrer kümmerlichen Existenz zu bieten, weiter rüstig fortschreitet. Die Flucht aus Galizien. Uns neuerdings zugegangenen, in hebräischer Sprache gehaltenen Prlvatbrtefen aus Galizien entnehmen wir folgendes: In Lisko sind beim zweiten Einzug der *) Die Sammelstellen der Deutsch-hoü. Palästina- Verwaltung (Centrale Frankfurt a. M. Schützenstr. 14) sind allgemein bekanntauch wir sind gern bereit weitere Zeichnungen entgegenzunehmen. (Red. d. Jsr.) Heer die bittere Notwendigkeit, auch noch seinen Bedarf, soweit er nicht durch die ordnungsmäßige Zufuhr aus der Heimat herangebracht werden kann, aus dem Lande zu decken. Die bittere Notwendigkeit — eine solche ist es —, rücksichtslos für das Wähl und die Erhaltung der eigenen Truppen in Feindesland zu sorgen, gleichviel, was aus der Zivilbevölkerung dabei wird. Die Kolonnen bringen — wenn sie sie erreichen, was im Augenblick größerer Veränderungen nicht immer sicher ist — der Front, wessen diese bedarf. Für die Unterkunft der größeren und regelmäßigen, auch der rechtzeitig angesagten unter ihnen, sorgen die Etappen. Aber es gibt da auch zahllose, unregelmäßigere, kleine Transporte, deren Eintreffen und' Hausung an einem Unterkunftsort niemand berechnen kann. Ihr Anwachsen ins Uferlose ist, nebenbei bemerkt, u. a. eine der Schattenseiten des Liebesgaben- und Weihnachtspaketverkehrs. Sie sind auf sich selbst angewiesen, müssen sehen, wo sie Rast und Nahrung finden. Ich kann hrer nur andeuten! Unterkunft und Entnahmen sollen zur Sicherung gegen unnötige Härten nach Möglichkeit durch die Ortsb'ehörden bewirkt werden. Nach Möglichkeit! Wie aber steht es um die Möglichkeit, wenn die Ortsbehörde,, oft ohne jeden bösen Witten, erklärt, daß sie Unterkunft nicht beschaffen und auch nichts geben könne, der Trattsport aber dennoch rasten muß! Wenn ein Pferd vor Erschöpfung gefallen ist und unbedingt ersetzt werden soll? Dann muß eben die Begleitmannschaft selbst Rat schaffen. Entnahmen sollen bar bezahlt werden. Wieder nach Möglichkeit.' Wie aber ist's, wenn diese Möglichkeit nicht vorliegt? Wenn an den Einzelnen oder die Truppe ein unvorhergesehener Bedarf herantritt, auf den er geldlich nicht eingerichtet ist, gar nicht eingerichtet sein kann? Man denke wieder an das gefallene Pferd! Dann gibt es einen Entnochmeschem. Mit dem kann aber sein glücklicher Besitzer fürs erste gar nichts anfangen; beleihen oder in Zahlung nehmen wird ihn niemand. Die deutsche Heeresverwaltung wird ihn einlösen; gewiß! Aber doch erst dann, wenn sie ihn aus seine Richtigkeit geprüft hat; ferner bleibt einstweilen abzuwarten, wie sie den Wert der entnommenen Sache beurteilen wird. Die entnehnlenden Soldaten sind nicht in jedem Falle Schriftgelehrte, die sich immer und überall Hehr klar auszudrücken wißen; und der Empfänger ist hier zu Lande sehr oft Analphabet, der auch keine Ahnung har, was auf dem Zettel steht, den er in die Hand gedrückt erhält. Aus dem Schein prangt z. B. als Unterschrift der Name eines Gefreiten aus dem großen Geschlecht der Müller oder Schulze, der in der Hitze des Gefechts die Angabe seines Truppenteils vergessen hat. Sucht ihn euch! Ist der Schein nicht etwa überhaupt eine gewisse Fälschung? Auch das will erwogen sein. Kurz und gut, es kostet den Inhaber Zeit und Kummer, bis das Papier sich in ein Anerkenntnis von bestimmter Höhe, und dies wieder sich in bares Geld verwandelt. Jst's ein bemittelter Mann, so tut das nichts weiter. Jst's ein armer Teufel, dem fein Handwerkszeug ober seine Ware fortgenommen worden ist, so ist er trotz des Besitzes seines Scheines fürs erste geliefert. All dies sind unabänderliche Dinge, man mag so menschlich Krieg zu führen gewillt sein, wie man wolle. Es wäre leicht, das Register auszuspinnen.. * * Dem „Berliner Tageblatt" schreibt man aus Läwitz tt. a.: Auffallend schnell haben sich die Beloöhner von L^wicz, fast ausschließlich deutschs p r e e n d e Juden, an die Neuordnung der Verhältnisse gewöhnt. Die alten Straßennamen sind fast verschwunden. Wo nur ein Winkel in einem zerschossenen Hause stehen geblieben ist, da hat sich ein Geschäft aufgetan, in dem man ebenso Kuchen und Pelze wie Batterien für elekttische Taschenlampen kaufen kann. Da der deutsche Soldat alles bar bezahlt, blüht der Handel der kleinen Leute, und allmählich kommen allerhand erwünschte Dinge ans Tageslicht, die man vor den Russen vergraben hatte, zum Beispiel Wein. Natürlich ist alles recht teuer, mit Ausnahme vielleicht der einfachsten Lebensmittel. Petroleum war selbst für schweres (Held in der Stadt nicht zu erstehen. Hätte uns Berichterstattern die Biilitärbehörde nicht ausgeholfen, oa wäre es um unsere Arbeit böse bestellt gewesen. Morgens gegen 9 Uhr wurde es erst hell und um 5 Uhr abends konnte man schon die Hand nicht mehr vor Augen sehen. Uebrigens, so ganz abseits von aller.uultur liegt Lvwicz doch nicht. Es hat sogar ein „Museum": man bedarf aber keines besonderen Kataloges, um sich unter ocn paar zusammengetragenen Altertümern Polens großer Zeit zurecht zu finden. Und auch ein Dichter hat hier das Lrcht der Welt erblickt und zwar vor gar nicht allzulanger Zeit: Schalom Asch, der auf der Bühne des Deutschen Theaters in Berlin zum Wott sich melden durste. Seine Schwester, ein Fräulein von schwer zu bestimmendem Alter, verkauft Heringe. Poesie und Prosa!