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Der Israelit · 1915-01-28 · Heft 5 (28.1.1915) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 5 (28.1.1915)
Date
1915-01-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Sette 3 Nr. 6 Der J-raeltt. 28. Januar ISIS Treue und Opfermut bei Kameraden. Wir wissen, was es heißt, Kameradschaftlichkeit üben: und wer jemals im Felde an einem offenen Grabe das schlichte Lied gehört hat: „Ich hatt' einen Kameraden", der weiß was das heißt. Kurz gesagt, viele Dinge, die uns im Frieden fast leere Worte waren, wie Kamerad und Mitbürger, die werden uns liebe Begriffe und Worte, bisher geographische Begriffe, wie Heimat oder Vaterland, es sind jetzt Stücke von uns selbst. Wir müssen viel umlernen in diesen Zeiten. Wir alle wohl waren überrascht über diese Fülle von Idealismus, der in unserer Jugend steckt, und sollten wir Juden diese Zeiten nicht auch unsrer Aufgabe nutzbar machen können? Ich glaube gezeigt zu haben, daß ein idealistischer Boden uns hier im Felde rings umgibt. Sollte dieser Boden nicht auch eine Pflanzstätte werden können für Judentum? Sicher! Wo Idealismus gedeiht, muß auch Judentum vorwärts kommen. Wir hatten alle stets die Ansicht, daß es nicht schwer sei, einem Juden klar zu machen, daß das Judentum die Wahrheit ist, aber in der Alltäglichkeit des Lebens hielten wir es für aussichtslos, solch idealistische Prinzipien zu verkünden, und deshalb hatten wir es mit Recht wohl vorgczogen, unsere Wahrheiten nicht unter die Menge zu tragen, die man „liberale" Juden nennt. Gilt dies Prinzip, den Bruder nicht zurechtzuweisen, da es wohl zwecklos sein dürfte, auch jetzt noch? Ich glaube: nein. Es steckt so viel Idealismus auch in den liberalen Juden, und das liberale Judentum bietet dem denkenden Juden so wenig, daß es wohl angebracht sein dürste, wenigstens unter den Kameraden im Felde mit einer leichten Aufklärungsarbeit über das traditionelle Judentum zu beginnen. Was ist aus diesem Gebiet bis jetzt geschehen? Fast nichts. Man hat uns zwar Rabbiner ins Feld nachgeschickt, aber, so viel ich in den Namen dieser Herrn zu lesen verstehe, gehört auch nicht einer dem wirklich traditionellen Judentum an.*) Ich bedaure das aufrichtig, denn ich glaube nicht, daß die Schüler R. Aktbas in unserer Mitte erstorben sind, die für ihre Ueberzeugung auch mit ihrem Blut gern Zeugnis ablegen. Die Herren könnten hier viel wirken und auch manches lernen. Deshalb, orthodoxe Rabbiner, stellt euch der Armeeverwaltung zur Verfügung! Die jetzigen Armeerabbiner sind überlastet, bei der starken Ausdehnung unserer Fronten sollte wenigstens für zwei Armeecorps ein Rabbiner vorhanden sein, statt eines einzigen für eine ganze Armee. Die Feldgottesdienste sind nach meiner Erfahrung *) Das ist ein Irrtum. Zwei von den zehn Herren sind konservativ. D. Red. stets gut besucht und an einem Feldscher Betätigung fehlt es nicht. Also, meine Herren Rabbiner, an die Front!*) Ein weiteres Mittel wäre eine Aufklärungsarbeit mit Druckschriften. Diese soll das Ersterwähnte nur unterstützen. In den langen Tagen und Nächten des Wachdienstes, ja selbst auf dem Marsch läßt sich gut Nachdenken, und warum nicht mal über ein religiöses Problem? Ich denke mir, diese Arbeit ist leicht zu leisten. In kurzen, gemeinverständlichen, nicht polemischen Abhandlungen ließen sich leicht die Wahrheiten, Hauptpflichten des Judentums zusammenstellen und das ganze erwas der Seelenstimmung des jüdischen Soldaten anpassen. Im Schützengraben des augenblicklichen Stellungskrieges, in einer Atmosphäre, die sie stündlich chn einen Weltenlenker erinnert, frei von allen Sorgen des Alltages, sollten da nicht Tausende Zeit und Muße finden, über manches nachzudenken, wozu sie die Hast des Lebens nicht kommen hißt? Sollte da nicht mancher, angeregt später manche Frage an den Rabbiner zu stellen haben? Stehen heute nicht fast alle liberalen Juden nur deshalb dem Judentum so fern, weil sie es nicht kennen? Vielleicht wirken so die Tage dieses unglückseligen Krieges für diese Stammesgenossen als Tage der Ein- und Rückkehr zur jüdischen Pflicht. Drum, Mitkämpfer daheim, laßt die große Zeit nicht ungenutzt verstreichen, dann werden auch für das Judentum die Ströme Blutes nicht vergebens geflossen sein. Sie Maßnahmen zur Sicherung der Volksernährung. Dem Drängen der Presse und der öffentlichen Meinung überhaupt folgend, haben sich die Reichsbehörden nunmehr dazu entschlossen, die einzig wirksame Maßnahme zur Sicherung des deutschen Volkes gegen den englischen Aushungerungsplan zu ergreifen: die Beschlagnahme sämtlicher Getreide- und Mehlvorräte und ihre Verteilung innerhalb des Bolksganzen durch eine Zentralstelle. So tief diese Maßregel in Jahrtausende alte wirtschaftliche Gewohnheiten eingreift, und so revolutionär fie im ersten Augenblicke unserem ökonomischen Denken erscheint, sie trägt gerade für den bibelkundigen Juden nichts lieber löschendes an sich; ist sie ja im Grunde nur die Wiederholung jenes Aktes staatsmännischer Weisheit, mit dem Joseph, vom Geist Got- *) Es haben sich übrigens mehr orthodoxe und liberale Rabbiner gemeldet als bestellt wurden. Red. tes erfüllt, an der Schwelle des ägyptischen Golus sich als Volkse rhalter und Bolksernährer erwies. Es ist kein Zufall, sondern liegt in der Natur der Dinge begründet, daß nicht nur unter diesen allgemeinen Gesichtspunkten, sondern auch noch im einzelnen die jetzt erlassenen Verfügungen mit jener josephinischen Maßregel Analogien aufweist. So wie damals die Vorräte jedes Stad tb e z i r k e s nicht nach einer Zentralstelle verbracht, sondern im Bereiche des Kommunalbezirkes selbst konzentriert wurden, so ist auch setzt, wenn auch nicht hinsichtlich des Getreides, so doch des Mehl es der Kommunal-Verband zum eigentlichen Besitzer der zu enteignenden Mehlvorräte gemacht worden. Diese Bestimmung ist für die speziell jüdischreligiösen Interessen, die durch, die neue Verfügung angesichts des herannahendenPessachfestes sehr stark berührt werden, von großer Bedeutung. Während wohl ausnahmslos das Ausmahlen des Getreides für den Mazzosbedarf überall beendet ist, hat man mit dem Backen wohl zumeist kaum erst begonnen, und es werden sich überall im Besitze von Synagogengemeinden sowohl wie von Mazzos-Bäckereien Mehlvorräte befinden, die zur Herstellung der Mazzos bestimmt sind. Alle diese Mehlvorräte gehen am 1. Februar in beu Besitz der Ko mm une bezw. bei Städten unter 10000 Einwohnern in den Besitz des Stadt- oder Landbezirkes über. Es hängt also strenggenommen von dem guten Willen der Kommunalbehörden ab, inwieweit sie die Verwendung der Mehlvorräte für ihren ursprünglichen Zweck gestatten, inwieweit sie dabei Schwierigkeiten bereiten wollen. Auf alle Fälle empfiehlt es sich, daß die Interessenten sofort bei Anmeldung der für Mazzos bestimmten Mehlvorräte deutlich erklären, daß es sich hier um die Erfüllung einer der heiligsten religiösen Pflichten des Judentums handle, und es ist dann anzunehmen, daß besondere Schwierigkeiten, wo nicht gerade ein kaum vorauszusetzender böser Wille vorhanden ist, nicht entstehen werden. Sollte dies irgendwo dennoch der Fall sein, so werden die Interessenten gut tun, sich — wenn nicht die zuständigen Rabbinen oder Gemeinde- Vorstände rasche Abhilfe schaffen können — unter genauer Darlegung des Sachverhaltes all die „Freie Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" Frankfurt a. M., Schntzenstraße 11, zu wenden und ihre Intervention zu erbitten. Es ist natürlich wichtig, sich mit aller Klarheit der Tatsache bewußt zu werden und diese Kleines Feuilleton. Lodz und Lowih. Der Kriegsberichterstatter der „Deutschen Tages- ,’,ntung" schreibt aus Lodz unter dem 17. Januar u. a.: Die Juden von Lowitz und Lodz jammern um u.rse^ Verbleiben im Lande. „Wir beten alle Tage zu Gott, daß Polen soll deutsch bleiben! Wenn die Russen zurückkommen, ist niemand von uns seines Lebens mehr sicher. Die Polen zeigen jeden an, der mit einem Deutschen auch nur gesprochen hat. Und wer angezeigt wird, ist schon gehangen! Wir wissen, dag vergangenen Sonntag in Warschau ein Pogrom gewesen ist, bei dem hundert angesehene Leute, Juden, um gebracht worden sind. Warum sind sie umgebracht worden? Weil ks heißt, sie haben gewollt, die Deutschen sollen siegen. Wie sollen wir es nicht wollen? Der Russe bringt uns um, was wir auch machen! Und was sollen wir tun, um nicht zu sprechen mit den Deutschen? Wir müssen Antwort geben, wenn die Deutschen uns fragen, denn sonst zwingen sie uns dazu. Sie wissen, jeder Jude spricht deutsch. Ein Pole, wenn der Deutsche ihn fragt, antwortet polnisch, auch wenn er deutsch versteht. Und der Deutsche geht weiter. Wenn wir aber polnisch sprechen wollen, werden wir angeschrieen und müssen auf deutsch Bescheid geben. Sagen Sie, Herr, wir bitten sehr, werden die Russen wiederkommen oder werden die Deutschen bleiben?" Alle Nasenlang, z. B. in jedem Geschäft, dessen Inhaber man unter vier Augen spricht, hört man das Klagelied. Auf der Straße halten einen die Leute an damit. Und immer wieder kommt der angstvolle Hinweis darauf, daß wir schon früher dagewescn, damals aber wieder abgezogen seien. Dazu sind ununterbrochene Gerüchte über die bevorstehende Rückkehr der Russen nach Lodz im Umlauf. Sie werden von unbekannter Seite, um sie einzuschüchtern und uns so mittelbar zu schädigen, unter die Leute gebracht. Dieser Tage war russisches Neujahr. Der dritte Tag nach Neujahr, so haben die Russen verbreiten lasten, ist der letzte, an dem die Deutschen in Lodz sein werden. Und dann beginne ein neues Strafgericht. Me ganze Stadt ist wieder voll davon. Die Polen machen trotzige Gesichter und die Juden blicken verstört darein. Die Angst der Juden vor den Russen ist unser Haupthindernls, z. B. was die Ermittlung und den Erwerb hier sicherlich noch reichlich vorhandener, aber versteckter und vergrabener Vorräte jeder Art anlangt. Sie besteht noch immer, obgleich die Leute während der sechs Wochen, die seit dem Einmarsch der Armee Mackensen vergangen sind, nunmehr doch einigermaßen gesehen haben, daß unsere Anwesenheit diesmal auf zuverlässigeren Füßen steht, als bei unseren ersten Vorstößen. Die größeren Ladeninhaber allerdings haben, wenigstens für den Augenblick, etwas Vertrauen bekommen. Sie haben ihre Geschäfte wieder aufgemacht, verdienen an den deutschen Truppen und Behörden eine Masse Geld, was sie über das Darniederliegen des sonstigen Geschäfts gut und gern hinwegkommen läßt, und sie beziehen sogar, soweit die Beschränkungen des Bahnverkehrs es zulasten, ihre Ware wie früher wieder gus Deutschland. Aber auch sie haben ununterbrochen die Frage auf den Lippen: „Herr, werden die Deutschen auch bleiben?" Lut man ihnen den Gefallen, die Frage womöglich gleich mit für die Zeit nach dem Friedensschluß zu bejahen, so sagen sie: „Gott gebe es!" Zuverlässigen Leuten gibt man sogar Pässe zur Reise nach Deutschland zum Zwecke des Einkaufs. Und man stattet sie, so gut es geht, mit Ratschlägen aus, wie sie es vermeiden sollen, gar zu oft als Spione verhaftet zu werden. Einzelne Vertreter deutscher Exporthäuser sind hier eingetroffen und tun sich nach Kundschaft um. Lieferungen und Zahlung erfolgen nur Zug um Zug. Das hat natürlich die Wirkung, daß nur solche Geschäftsleute ihre Lager ergänzen können, die bares Geld haben. Immerhin ist ein Wiederbeginn von Handel und Wandel sestzustellen, für unsere Leute hat das den Vorteil. daß die Verpflegung hier jetzt wesentlich bester ist, als etwa um die Mitte Dezember. Unter den kleinen Leuten herrscht nach wie vor bittere Not, das gilt für Lodz wie für die ja nur von armen Teufeln bewohnten Städte draußen im Land und schließlich auch für die Landbevölkerung. Ich spreche hier von den Zuständen hinter der Ivontr für die Orte im eigentlichen Operationsgebiet ist es ja von vornherein Lanz selbstverständlich. Aber auch hinter der Front ist es dem großen Zermalmer Krieg gegenüber schwer, Rat zu schaffen. Die Dörfer sind, bei dem zähen Widerstand der Rüsten, der jeden Fußbreit Boden verteidigt hat, weit und breit zerschossen und niedergebrannt. Die Nahrungsmittelzufuhr für die Zivilbevölkerung war lange ganz unterbunden und kommt bei allem Wohlwollen der deutschen Militärbehörden, natürlich nur sehr allmählich wieder in Gang. Die Fabriken, von denen namentlich in der Lodzer Gegend die Maste-der weniger bemittelten Bevölkerung unmittelbar oder doch mittelbar lebt, sind geschaffen. Dazu kommt für unser

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