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Der Israelit · 1915-01-28 · Heft 5 (28.1.1915) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 5 (28.1.1915)
Date
1915-01-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Der Israeli Ein Centraiorgan für das orthodoxe Judentum Begründe! nett Dr. Lehmann in fllainz 56. JahrganQ. Sranhturf a- M . den 28. Januar 1915 13 Schebat 5675. M 5. i i «lanmnU pro «terteliahr i «ettSbnUAr RuSgad» SH.1.60, ntfttm8oobr (KunüdruM Mt. 8.— Auslandspreise: «rwöbalich» Ausgabe: Oesterreich-Uaaarn » Kr., Rußland 1 Und.. Sngland 2 ab. Amerika 60 cts., Rieverlonde 1.20 fl., Frank Ich Fr» 3M. '*tbonnrateett£ bei allen Voflanstalteu. Buchhandlungen, Set d-w Verlag, «nr Vre* Der Israeli! erschein! irden Donnerstag. Inserate: 3o Pfennig für die sechsgespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Juseratenannabrne durch den Verlag deS Israeli! G. m. b. H.. Frankfurt a.M., Gr. Eschenbeimeritr. 23 Del.8812.Amt Hansa, sowie samt!. Annoncen-Erved. deS In- und Auslands. VlatzvorschrMen ohne Verbindlichkett. Zahlungen können außer direkt an den Verlag erfolgen per Konto Sei der A. fl. Vostfvarkaste tttea 2t». 79 6M Konto det de» ß. VoAsparkaUenamt vndayest «to. 1842* Keatn t«i der tt|«tt CO«MtnNld in fltif» and dnr» Rlialea. Der nadidruch 9er Artikel un9 Correfponöen?en 9es „Israelit“ i(! nur unter genauer Quellenangabe, un9, soweit es ficfi um gröbere fluffäöe handelt, nur nach vorheriger Genehmigung gestattet IuyaUsüvrvstcht 1. Leitartikel: Dr. meö. 'S. Goldschmidt-Homburg: Die Zeit -es Erwachens. — 2. Aufsätze: Die Maßnahmen;ur Sicherstellung -er DolKsernährung. — Der Uatstanin Palästina. — Die Flucht aus Galicien. — Die galirischen Flüchtlinge. 3. Vermißte jüdische Familie». 4.Kleines Feuilleton. Ko-; und Kowitz. — David Pineas, Frankfurt a. M.: Gyamischo- Oßor-Ge-ankrn im Fel-r. — Gin Museum jü-ischrr Altertümer in Main;. — 5. Korrespondenzen und Nachrichten: Frankfurt a. M. (Tefillin-Not.) — München (Gustav Seiler auf dem Felde der Ehre gefallen.) — Budapest (Die Mazzothfrage.) — Aus den Gemeinden: Budapest, Budapest, Budapest, Frauenkirchen. — Petersburg (Preßhetze gegen die Juden.) — Rom (Unter Russenyerrschaft.) — Kopenhagen (Pogromsurcht.) — London (Freilassung österreichischer Juden in Manchester) — Paris (Unerhörte Judenverfolgung.) — New-Iork (Die angebliche Judenverfolgung in Palästina.) — 6. Personalien: Berlin. — Berlin. — 7. Vermischtes: Fulda.— Wien. — Sayn. — Kopenhagen. — 8. Familien - Nachrichten. — 9. Feuilleton-Beilage: Unter Uennenkamps Fahnen. Die Seit des Erwachens. Eine Anregung von Dr. med. S. Goldschmidt - Homburg z. Zt. im Felde. Keine Angst! Ich werde keinen Feldpostbrief loslaffen, wo die unglaublichsten Heldentaten mit der größten Selbstverständlichkeit erzählt werden, so daß man sich unwillkürlich fragt, wie es komme, daß bet solchem Heldenmut immer noch so viele Feinde im Felde stehen. Ich habe Bescheideneres vor. Ich möchte versuchen, eine Anregung zu geben, die vielleicht der jüdischen Sache oder wenigstens einem oder dem anderen Juden nutzen könnte. Bevor ich aber auf Einzelheiten eingehen möchte, will ich versuchen, psychologisch den Feldsoldaten dem Verständnis derdaheim Lebenden etwas näher zu bringen. Ich möchte vor allem an drei Momente erinnern. Der Feldsoldat ist gänzlich herausgerissen aus seinem Milieu, er befindet sich fast immer in einer nicht ungefährlichen Situation und er lebt mit einer Anzahl fremder Menschen viel intimer zusammen als sonst je. Wenn man sich vergegenwärtigt, was dies alles bedeutet, so wird man die SÄensttmmung des Feldsoldaten verstehen. Der Mann, der stets ganz seiner Familie und seinem Berufe gelebt hat, er wird jetzt aus alledem herausgerifsen. Seiner Familie kann er nur in Wehmut oder gar in Sorgen gedenken. Sein Beruf, der ihn ganz ausgefüllt hat, mit dem er sich beim Aufstehen und Niederlegen beschäftigte, er existiert nicht mehr für ihn. Was liegt noch am Besitz, um den er sich sein ganzes Leben bemühte! Er hat für ihn kaum irgend welchen Wert. Das Geld scheint hier im Feld ganz seine Kraft verloren zu haben. Das goldene Kalb, dessen Kulius er vielleicht ein ganzes Leben getrieben, es ist entthront. Es liegt sein ganzer krasser Materialismus als gestürzte Gottheit in Scherben. Gibt es wohl etwas auf der Welt, das die Nichtigkeit dieser Götter besser dem Einzelnen beweisen könnte und eindringlicher zu reden vermöchte, wie solch ein Umschwung in diesen gefestigten Grundanschauungen des Lebens. Sollte da nicht eine Zeit der Götterdämmerung heretnbrechen? Fällt einem nicht da das Wort unserer Weisen ein, daß die winzige Handlung des König Ahasverus — als er Haman den Siegelring an den Finger steckte, mehr fertig brachte als sämtliche Reden aller Propheten und Prophetinnen in Israel. Vielleicht bedeutete der Moment, als der Zar seine Unterschrift unter die russiiche Mobilisierungsurkunde setzte, auch einen Wendepunkt im Judentum. Aber Verzeihung, ich schweife ab, ich wollte den Soldaten im Feld uns menschlich näher bringen. Vor allem kommt da von dem, was auf seine Stimmung einwirkt, der Umstand in Betracht, daß er sich fast ständig in Lebensgefahr befindet. Wenn auch der Besitz seinen Wert für den Soldaten fast völlig verloren hat, das Leben hat seinen Wert nicht eingebüßt. Wenn auch ein jeder weiß, daß es noch höheres giebt als das Leben: eben die Pflicht, die ihn zwingen kann, dies einzige Gut, an dem noch sein Herz hängt, von sich zu werfen, wenn es eben nötig sein sollte, so wird doch hiermit stets ein seelischer Kampf verbunden sein. Es wird schließlich die Angst, dies Gut zu verlieren von dem Pfltchtbewußtsein, dem Ehrgeiz und Kampfesmut besiegt werden, und der Soldat wird seine Soldatenpflicht tun- In Stunden der Ruhe schließt er schon mit dem Leben ab, und eine ernste, zuweilen feierliche Stimmung kommt.über ihn. Sein Leben zieht an ihm vorüber, er wird weicheren Stimmungen - r zugänglich, er wird, mit einem Wort gesagt, ‘ijiJ religiöser. Ich möchte sagen, er knüpft wieder den Faden an, der ihn mit seiner Kindheit verv ) bindet. Das ganze Stück Leben, was mit Er-!• werbsbestrebungen verbunden war, scheint ihm! {\ I fast inhaltslos. Er ist idealistischer wie im All- :j-{ j tagsleben, und das alles in einer Wirklichkeit, die •]; rauh, ja manchmal etwas roh ist und ihm nicht 'jlj allein die Schußwaffe in die Hand drückt, nein si: auch für den Nahkampf Bajonett und Gewehrji j kolben. Der Arbeiter hat nicht allein sein Herz entdeckt für den Wirklichkeitsstaat, er hat auch j! j plötzlich seinen Atheismus verloren, und ähnlich -i -i geht es auch manchem aus gelehrteren Berufen. Wenn die Gewehrkugel pfeift und die Granate surrt und kracht, da glaubt auch der starrste; j Materialist mählich daran, daß über dem vij Ganzen noch so „ein Etwas" schwebt, das außer : j den Gesetzen der Schwere die Geschosse lenkt. , A Wie viele leise Stoßgebete mögen da den Herzen ' sich entringen und wie viele gute Vorsätze mögen > wohl da gefaßt werden! .;-.j Nun möchte ich noch auf eins Hinweisen, das : [* j psychologisch für den Soldaten zwar von geringerer Bedeutung, jedoch durchaus nicht bedeutungslos ist. Während sonst die Familie das r eigentliche Element ist, in dem wir leben, ist es jetzt der Teil des Heeres, dem wir gerade zu?,cteilt sind. Wir essen und trinken zusammen, , : sprechen uns über alles in den Stunden der A Ruhe aus, schlafen nebeneinander, teilen Gefahren miteinander und feiern zusammen Feste. Da lernen wir Menschen kennen, besser als daheim, wo wir immer nur oberflächlich im Beruf oder gesellschaftlich in Berührung kommen. Da sehen wir in die Tiese von Charakteren und freuen uns, den einen oder anderen dieser a Menschen kennen gelernt zu haben. Da lernen wir hinausblicken über Zufälligkeiten der Geburt, des Wissens und der Religion, wir lernen den - Mew'chen rm Menschen finden. Ja im Felde da; rist der Mann noch was wert. ' A Nicht alle werden wir achten, nicht an alle; werden wir mit Freude und Liebe zurückdenken und doch werden wir uns oft wundern, wenn wir uns die Mühe nehmen, auch manchen äuß rlich rohen oder geistig unscheinbaren Kameraden? genauer zu studieren, wieviel von gutem Kern i jj auch in diesem steckt. Wir lernen Gewiffenhaftig- ' keit, Gerechtigkeitssinn und Milde bet Vorgesetzten schätzen, und wir freuen uns über Gutmütigkeit, 1f!

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