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Der Israelit · 1915-01-21 · Heft 4 (21.1.1915) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 4 (21.1.1915)
Date
1915-01-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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21. Januar 1915 Stolin, Gouv. Minsk. —-Bei all dem tiefen Leid stehen wir ohne Führer da. Unser Rabbi (der weltberühmte „Stoliner Rebbe". D. Red.) befand sich bei Ausbruch des Krieges mit seiner Familie in der Sommerfrische und kam nicht wieder. Wir haben keine blasse Kenntnis von seinen: Aufenthalte und sind um sein Schicksal sehr besorgt. Kolk, Gouv. Wolynien. — — — — Wir sterben buchstäblich Hungers. Es kann keiner zur Stadt hinaus und in dieselbe hinein. Glücklich, wer um teures Geld ein Brot sich erkämpft hat, das dann mit Freunden geteilt wird. Die Chedarim sind geschlossen und die Kinder sitzen daher n, weil es schon zu kalt ist, um mit bloßen Füßen auf der Straße herumzugehen . . . Der Winter ist vor der Türe und kein Stück Holz im Hause. Während ich schreibe, geht großes Weinen durch die Straßen, denn die Reservisten sind einberufen, alle jüdischen Jungen, auch Schwache und Krüppel sind, zur Verzweiflung der Eltern, sofort in der Kaserne behalten worden. Ich kann vor Leid und Kummer nicht weiter schreiben. — — Meriz, Gouv. Mlna. — — — — Kaum sieben Werst von unserem Städrchen entfernt wütete die Schlacht. Die Kugeln kamen in den Ort geflogen und setzten die Stroh- und Schindeldächer in Brand. Keine einzige Fensterscherbe ist ganz geblieben. Wir ließen unsere Habe und flüchteten in den Wald. Als die Schießerei vorüber war, und wir in unsere Häuser zurückkehrten, war ai»es geplündert. Das Städtchen wimmelte von Kosaken. Die Offiziere zwingen uns, die Kramläden am Sabbath offen zu halten und an die Soldaten zu verkaufen. Sogar am heiligen Jom Kippur wurden wir dazu gezwungen. Eisk Bärl, der sich weigerte, es zu tun, wurde verhaftet. Sein Laden wurde aufgeorochen und ganz ausgeplündert. Warschau^ —-Die Stadt ist ein großes Lazarett. Täglich kommen Taufende von Verwundeten, für welche alle öffentlichen Gebäude und auch Privathäufer in Anspruch genommen werden. Das Elend wächst mit jedem Tage, denn zu den lausenden Familien, denen der Krieg den Ernährer genommen hat, kommen die unzähligen Flüchtlinge aus der Feuerlinie. Wir alle darben und die Ungewißheit, in der wir leben, drückt noch mehr als der Hunger. Die Kohlen werden jetzt, nachdem die Zufuhr von Bendin, Svßnowitz u.s.w. abgeschnitten ist, per Pfund verkauft und zwar zum Preis von 80 Kopeken bis einem Rubel per Pfund. Wie das Ende sein wird, kann kein Mensch sagen. Der halbverhungerte und verwahrloste Straßenmob nimmt eine sehr drohende Haltung an. Cs ist bald gefährlich, sich mit einem ganzen Rock aus der Straße zu zeigen. Ihr in Amerika, wißt garnicht, wie glücklich ihr seid, daß euch all dies erspart bleibt. — Ostrowe, Kreis Kutno. -Wir leben in beständiger Angst. Das Wort der Tochacha: „Morgens spricht man, o, käme dock der Abend, und abends ersehnt man den Morgen", ging buchstäblich in Erfüllung. Lebensmittel sind auch für teures Geld nicht mehr zu haben. Dazu beständige Lebensgefahr. Die Polen verleumden uns bei den Russen und diese macken kurzen Prozeß. Das Leben eines Juden hat jeden Wert verloren. Die Stadt ist voll von Witwen und Waisen und darbenden Familien, die ihres Ernährers beraubt find. &et Israelit. Daß wir das auf unsere alten Tage alles erleben müssen, das ist das Schrecklichste. Das Geld von Amerika kommt nicht an. Und wie ihr wißt, lebt auch zu Friedenszeiten ein großer Teil der Bevölkerung von Unterstützungen seitens der Angehörigen in Amerika. Wie soll das nun enden? — — I s ch b i tz, Gouv. Kalisch. Ich schreibe aus dem Gefängnis, wo ich (eit zwei Wochen mit meinem Sohne, dernem Bruder Mols, sitze. Abraham Malach und diele andere sind auch dabei. Warum man uns verhaftet hat, wissen wir nicht. Als die Kosaken in das Städtchen kamen, haben sich die Polen sofort mit allen möglichen Verleumdungen an sie herangemacht. Wir wurden iestgenommen und mörderisch geschlagen und endlich vor ein Feldgericht gestellt, das uns zum Tode verurteilen wollte. Doch '"vn hat uns beigestanden. daß uns das Leben gelassen wurde. Aber wir schmachten im Gefängnis und unser Haus und ganzer Besitz ist uns genommen.- Ostrolenko, Gouv. Lomscha. — — Was wir in unserem Städtchen, Mischnitz, erlebten, ist die Geschichte . von der Austreibung aus Spanien , wie man sie in alten Büchern lesen kann. Wir mußten alle plötzlich aus unseren Häusern und ans der Stadt und wußten nicht, wohin. Unsere Habe mußten wir dem polnischen und russischen Raubgesindel überlassen. In R a s s ck a n e und anderen Orten ging es den Juden ebenso. Das größte Unglück ist, daß man nicht mehr nach Amerika flüchten kann, du alle Grenzen besetzt sind.- Makow, Gouv. Lomscha. -— — Du weißt, lieber Bruder, schon aus dem Briefe Arons, welches Unglück uns betroffen hat. Unser lieber teurer Vater, der nach Praschnitz zum Markte wollte, wurde zusammen mit Jenkel. dem Sohne von Jizchok Mordechai, im Walde von zwei Kosaken angehalten und erschossen. Wir konnten es wenigstens fertig bringen, daß er in der Stadt zu wie» 12,5 kam. Bei der „Lewaje" war die ganze Stadt dabei und es flössen Ströme von Tränen. Denn es hat dock jeder genug über seine eigenen Leiden zu weinen. Da ihm bei der Ermordung fremdes Geld geraubt wurde, so haben wir, ich und die Brüder, alles was wir hatten, hergegeben, damit das Andenken des guten Vaters nicht befleckt wird. Kannst dir denken, daß wir nun nichts im Hause haben. Von der Stadt wurden uns 5 Rubel quasi als „Darlehen" geschickt. Wie uns, besonders der Mutter, das Herz, bricht, diese Spende annehmen zu müssen, da wo wir doch sonst nur immer geben konnten, kann und will ich dir nicht schildern. — — — AÜe anderen Briefe aus allen Gegenden Polens und des westlichen Rußlands entrollen ln ähnlicher Weise entsetzliche Bilder namenlosen Elends. Vermi-te Wische Familien. XIV. Es sucht: Es werden gesucht: Lotte Zanger, Frank- Schlome Zanger und furt a. M., Röderbe.g- Goida „ aus weg 87. Sokotüw bei Rzeszoürv (Galizien). Meldungen nimmt auch die Expedition des „Israelit" entgegen. Ro. 4 Seite 3 Lorrespondenzen und Aachrichten. Deutsches petct/. Arankfnrt a. M 14. Januar 1915. Ausdem Büro der „Freien Vereinigung für die Interessen deS orthodoxen Judentums" wird uns geschrieben: Wir haben eine Kommission zur Prüfung der Frage eingesetzt, in welcher Weise die Versorgung der im Felde stehenden gesetzestreuen jüdischen Soldaten mit erlaubten Nahrungsmitteln am bevorstehenden Passahfeste, insbesondere der Ersatz des Brotes, bewerkstelligt werden könne. Die Kommission bittet schon jetzt um A n g a b e der Adressen derjenigen Soldaten, denen die möglichste Vermeidung des Jssur Chomez Gewissenssache ist. Alle Zuschriften auch etwaige Anregungen wolle man an das Büro der „Freien Bereinigung, Schützenstr. 14," richten. Hilfe für die notleidende Benöiherung in Polen. 53etfin, 17. Jan. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt unter dem Titel: „Die amerikanische Kriegshilfskommission und Russisch-Polen": „Wie wir hören, sind der Vorsitzende und einige Mitglieder der von der Rockefeller-Stiftung in Washington eingesetzten Kriegshilfskommission und der Direktor des amerikanischen Roten Kreuzes hier eingetroffen, nachdem sie sich über das Wirken des amerikanischen Komitees für die Lebensmittelversorgung Belgiens an Ort und Stelle eingehend unterrichtet hatten. Die Herren, die sowohl im Auswärtigen Amt, wie im Reichsamt des Innern empfangen worden sind, hegen den Wunsch, sich auch über die Lebensmittelversorgung des von den deutschen Truppen besetzten Teiles Russisch-Polens zu unterrichten. Zu diesem Zwecke werden sie mit dem zuständigen Abteitungsdirektor im Reichsamt des Innern und einem vom Oberbefehlshaber im Osten kommandierten Offizier in den nächsten Tagen eine Rundfahrt durch Russisch-Polen antreten, wobei die Orte Bendzin, mit dem Kohlen- und Hüttenrevier von Sosnowice, Czenstochau, Wielnm, Sieredz, Lodz vorwärts kommen will, muß auf'den Fährdamm gehen, soll ftch aber vor dem Gewimmel von Lastwagen, Autos, Droschken, Privatequipagen hüten, das hier kein ordnender Schutzmann bändigt. Verkehrshemmnngen, stundenlange oft! Du lieber Himmel, das ist hier ebenso etwas Selbstverständliches, alltägliches, wie die vielen Hausbrände, die Fülle der betrügerischen Bankerotteure und die Horde der aus per Straße bettelnden Verstümmelten. Der Handel ist selbstverständlich Monopol der Juden, die alle ihren traditionellen Kaftan und ihre kleinen schwarzen Mützen tragen. Jenseits des „neuen Ringes" ist das Ghetto. Was hier haust, ist ärmste Armut, Menschen, die allenfalls den Wert von Lasttieren haben; jammervolle, unterernährte Gesichter, in deren 'Angen irgendeine dunkle, schwermütige Sehnsucht nach irgendeinem unbekannten Land eines unbekannten Friedens glänzt. Dicht dabei, in den Straßen der Neustadt, rollt ausGnmmirädern der Wagen des Fabrikanten. Das Mädel, das dttn sitzt, ist ein Lodzer Kind. Und so hat es wohl eine mit Spott versetzte Liebe für ihre teimat. In den behaglichen Villen lebt es sich gut. ie hohen Parkmauern verbergen Lodz, das furchtbare, arbeitende Lodz, das vor Hunger brüllt, wenn in .Rußland die Ernte mißrät. . Uebrrgens, so erbarmungslos ist auch Lodz nicht. Zwischen der Fabrikantenkaste oben, und dem armen jüdisch-polnischen Proletariat unten, gibt es auch hier — den deutschen Spießer. Den Mann des tüchttgen Arbeitens, der fröhlichen Schlachtfeste und der vielen Vereine: der MänneMsang-, der Schüßen-, Turn und Kegelvereine. Den Mann, der einen unverfälscht schlesischen Dialekt spricht und sich nachdenklich den Rubel und den Kopeken, ehe er sich darunter etwas vorstellt, in Groschen Änd Gulden umrechnet. Uebrigens hat das Deutschtum noch großzügigere Vertreter: Die Revolution der Jahre 1905 und 1906 hat manchen aus dem Schlaf gerüttelt, der es bidahin vergaß, daß dieses Feld machtvoller deutscher Arbeit ohne den Untergrund deutscher Kultur notwendigerweise über kurz oder lang versinken müßte. So ist viel geschehen: Es gibt nicht nur einen der deutschen Vereine, die in den baltischen Provinzen so viel Gutes stiften, es gibt auch einen Schulverein, der (wer die Verhältnisse kennt, weiß, mit welchen Schwierigkeiten und Geldopfern) ein deutsches Gymnasium unterhält. Ueberhaupt: Guter Wille mag schon dazu gehören, diesem schwarzen, fauchenden, schwitzenden Ungeheuer Lodz gerecht zu werden. Junge Städte bleiben sich unter allen Himmelsstrichen, in Klondhke und im (wie lange noch?) russischen Polen gleich. Kraft und Tüchtigkeit und Zukunft, gepaatt mit Ruchlosigkeit und Schmutz. Wie die Agence Havas bereits im Zahre 1870 log. Die erste Beilage zu Nr. 1 des „Frankfurter Journal" vom Jahre 1871, sowie eine Rerhe anderer deutscher Blätter aus jener Zeit enthielten folgende Meldung der Pariser Havas: .,Eine besondere Hirse suchten die Juden von Paris der bedrängten Hauptstadt zu bringen, da sie ein achttägiges Beifest veranstalteten, wobei der Grotzrabbiner von Paris, Zadoe Kahn, sowie der Grotzrabbiner von Frankreich, Isidore den Fluch Gottes auf die deutschen Waffen herabflehten und dagegen die Franzosen, und besonders die Pariser, als die neuen Makkabäer, sowie General Trochu als wiedererstandenen David der besonderen Huld und Gnade des Himmels empfahlen, indem fie zugleich versicherten, datz mehr als 100000 Juden in den deutschen Heeren gleiche Gebete verrichteten". Auf diese merkwürdige Notiz brachte das „Frankfurter Journal" wenige Tage später die nachfolgende Berichtigung des damaligen Mainzer Rabbiners Dr Lehmann, Begründers des „Israelit": Mainz, 2. Januar 1871. „Ihre geschätzte Zeitschrift enthält der „Corr. Havas" entnommene Notizen, die dazu angetan sind, die Israeliten von Paris lächerlich zu machen, die aber nach mir durch Ballonpost zugekommenen Eigen-Berichten durchaus ungenau, ja unwahr sind. Die Juden von Paris haben kein achttägiges Betsest angeürdner; das in Rede stehende Fest ist vielmehr die Gedenkfeier der Makkabäerkämpfe, die vom 19. bis 26. Dezember überall von den Israeliten begangen wurde; die Grotzrabbinen von Paris und Frankreich haben nicht den Fluch Gottes auf die deutschen Waffen herabgefleht, fie haben nicht die Pariser als die modernen Makkabäer und den General Trochu als einen wiedererstandenen David der Huld des Himmels empfohlen, sie haben ferner nicht gesagt, datz 100000 Juden in den deutschen Heeren gleiche Gebete zu Gott richteten. Das Wahre an der Sache ist, datz in der grotzen Synagoge in Paris am 19. Dezember bei Gelegenheit der oben erwähnten Gedenkfeier eine Verteilung von Gaben an die Hinterbliebenen im Kriege gefallener jüdischer Soldaten staitfand. Der Oberrabbiner von Paris hielt eine Gedenkrede zu Ehren der für das Vaterland Gestorbenen, namentlich des Kommandanten Franchette, eines Israeliten. . Der Ooerrabbiner sagte in seiner Ansprache, datz Gott die Verteidiger des Vaterlandes segne, aber solche Kriege, die aus Eroberungssucht und Ehrgeiz hervorgehen, verabscheue,

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