Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 4 (21.1.1915)
- Date
- 1915-01-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 8 Nr. 4 Der JSraeltt. 21. Januar 1915 Heimkehrenden stehen? Wird der einfache Sohn aus dem Volke, einmal an im Kriege zum höchsten Gebot gewordene Gewalt und Bluttat gewöhnt, später zum Frieden der Gesellschaft zurückgekehrt, den Anschluß an dieselbe wieder jtnben; fid) in bie Gesetze der Menschlichkeit und des Rechtes ohne weiteres etnfügen? Ist nicht hier eine Demoralisierung, ein Verfall der Sitten, ein Zunichtewerden der Bersittlichunesarbeit langer Jahrhunderte zu befürchteten? Wir teilen diese Befürchtung nicht. Der gesunde Instinkt der germanischen Rasse, der ihr angeborene Sinn für Recht, Zucht und Ordnung wird, wenn sich einmal die Menschheit aus dem Geleise des Friedens wieder zurechtgefunden, auch den Einzelnen leicht den richtigen Weg wieder finden lasten. Eine andere Sorge scheint uns jedoch vom jüdischen Standpunkte aus wett eher berechtigt: Werden die Vielen, die heute gezwungenermaßen ein thorafernes Lagerleben führen, auch ohne weiteres später ihr Verhältnis zum jüdischen Pfltchtgesetze wieder finden? Wird nicht manch einer, einmal an das bequeme Leben ohne sittliche Bindungen gewöhnt, darin auch später, ungestört von allen religiösen Schranken verharren wollen? Nein. Sie wcrden es nicht, sofern wir ihi en immer und immer wieder von neuem die Wegezeichen errichten und — für die rückwärtige Verbindung sorgen. Eines der wichtigsten Wegezeichen dieser Art ist das kleine, handliche Gebetbuch. Und, wo feine Benutzung nicht angeht, da trage der Soldat sein Gebet auf den Lippen, im Herzen, auch an Srätten und in Stunden höchster Gefahr. Die Tephilltn lasten uns unter Umständen zu ihrer Benutzung den ganzen Tag Zeit (die einzelnen Din im darüber, an andere Stelle), das Gebet aber ist an gewisse Stunden gebunden, in denen es auch zumeist ohne Schwierigkeiten verrichtet werden kann. Wenn der Saldat mit Tagesanbruch in die Schlacht hinauszieht, dann sind tausend Apparate in Bewegung, tausend geheime Verbindungen am Werke, die Einzelnen zu einem Großen, Ganzen zusammenzukitten und diesem, einer gewaltigen Willenseinheit, Ziel und Richtung zu geben. Da denke der jüdische Soldat daran, seine Verbindungen mit dem obersten schweigenden Lenker der Schlachten aufrecht zu erhalten, mittels der Funkentelegraphie des Gebetes, die ihre Kraftzentrale in unserem Herzen hat. Welch gewaltigen Sinn und welche vertausendfachte Bedeutung mag das einfache tägliche Gebet in solch großer, grausiger Stunde gewinnen! — Soviel wir der Kommentare zu unserem alten Gebetbuche besitzen, keiner kann sich an Tiefe und Eindringlichkeit mit dem messen, den uns der Donner der Kanonen und das Zischen der Granaten liefern. Da erhebt sich der jüdische Soldat von seinem feuchten Btwaklager mit dem Gebete auf den Lippen, von „der Seele, die ihm Gott gegeben, die rein ist, die Er in ihm hütet", mit dem Gelöbnis: „so lange die Seele in ihm ist, Ihm zu huldigen". Welche Fülle von Gottvertrauen, Ergebenheit und echtem Mannesmut bringt er schon mit diesen einfachen Worten in den Kamps des Tages, vom Hüter und Versorger aller Menschenseelen geleitet. Wie mag da der Sch'ma-Ruf, umhaucht von der unendlichen Gottesltebe — .12^ narr* — und vom Geiste der frommen Väter, deren Hilfe angerufen wird 137113* ffW, wie mag da dieser tägliche Sch'ma-Ruf als Bekenntnis, als Huldigung, als dem Tode entgegengeworfener Märtyrerschret seinen lebendigen Sinn erhalten! Wie da wohl aus bedrängtem Herzen heraus der Aufschrei klingen mag: „Sieh unser Elend und führe unseren Streit und erlöse uns.-" Und die himmlische Höhensphäre kennt keine hemmenden Grenzpfähle PV1N51 s'X. Da oben fließen des Sohnes Schlachtgebete mit denen aus tiefen Väter- und Mütterherzen zusammen, mit denen, die Israel täglich aus seinen Synagogen zu Gott emporsendet, für „die Brüder, die sich in Not und Gefangenschaft befinden, auf dem Meere wie auf dem Festlande, deren sich Gott erbarmen mag und sie herausführen aus Drangsal in die Befreiung, aus dem Dunkel ins Licht, aus der Knechtschaft in die Erlösung.-" Und daß wir unseren Söhnen den Sabbat mit hinausgeben, ihnen dieses Kleinod des Weltfriedens zu erhalten suchen. — Bedarf es noch der Worte, um den Wert den Sabbats und seine doppelte Bedeutung in schwerer Zeit ausetnanderzusetzen? Als Moses und Aron, so weiß uns der Midrasch zu erzählen, mit ihrer göttlichen Erlösungsmission nach Mtzraim kamen, da fingen sie zunächst beim Sabbath an. „Um wieviel ertragreicher und wertvoller", so redete Moses auf den Aegypterkönig ein, „würde sich die Arbeit deiner 600 000 Sklaven gestalten, wenn ihnen ein Ruhetag zur Ausspannung und Ansammlung neuer Kräfte geboten wäre." Das sah der Gewaltige auf dem Pharaonenthrone ein und gab ihnen den siebenten Tag, dessen eigentliche innere Bedeutung er wohl nicht kannte, frei. Mit dem Sabbat war aber der Grundstein zur Göula gelegt. An diesem Tage sammelten sich die an Geist und Körper Gebrochenen, tauschten ihre Leiden und Erfahrungen aus und berieten über ihre höheren Angelegenheiten, und sie fanden dabei die im Frohne der Sklavenarbeit unterbrochene Verbindung mit ihrem Gotte wieder. Jnn J11T3Ö nia« D’ains omi. „Heilige Rollen Kleines Zeuiüeion. Die Mische Literarische Gesellschaft. Vom Büro der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft geht uns die Mitteilung zu, daß die Drucklegung des Jahrbuchs sich infolge des Krieges verzögert und der Borsland deshalb beschlossen hat, den Mitgliedern je ein Exemplar der soeben herausgegebenen „Geschichte der Juden" von Dr. Kotlek in einer eigens zu diesem Zwecke hergestellten und nicht in den Buchhandel gelangenden Ausstattung zu überreichen. Der Versand der Bücher ist im Gang und sie «erden in den nächsten Tagen in den Händen aller Mitglieder sein. DaS auf Kosten der Gesellschaft gedruckte Goldhorfche Werk über „Die Geographie Palästinas" ist erschienen. Die große Ausgabe des ScherirabriefeS nähert sich ihrer Vollendung. , Aus dem Nachlaß Halevys wird ein weiterer Teil des Werkes „Daurauth Hortschaunim" veröffentlicht werden, dessen Drucklegung bereits bis zum 16. Bogen fortgeschritten ist. Lodz. Fritz Reck-Malleczewen schreibt in den „Leipziger Neuesten Nachrichten": Städte mit dieser Entstehungsgeschichte gibt es wohl nur noch in Amerika. Noch in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts war dieses Lodz eines der fürchterlichen polnischen Nester, eines jener elenden Dörfer, vor denen selbst Napoleon auf seinem polnischen Feldzug erbebte. Freilich, schon damals waren unter feinen Einwohnern ein paar schlesische Weber. Und das war am Ende der Ursprung seiner heutigen Größe. Denn um die Mitte des vorigen Jahrhunderts machte ein deutscher Industrieller, Karl Scheibler mit Namen, dre Webstuben zu Fabriken, das kleine Nest zur Industriestadt amerikanischen Stils, die armen Weber aus Deutschland zu Herren surrender Großbettreoe. Manch armer Teufel, dem es an seiner Wiege nicht gesungen war, ist damals ein Gebieter über Millionen geworden. Heute sind die, die erst ihre Fabrik gründeten, ausgestalteten, und dann erst das Lesen und das Schreiben erlernten, würdige Herren, die mit einem Wink ihres Fingers Hunderte mechanischer Webstühle regieren. In einem halben Jahrhundert besaß Lodz eine halbe Million Einwohner, und jene Gründerfamilie Scheibler er,reut sich heute des Besitzes eines Riesenvermögens. Im übrigen umfaßt die Lodzer Plutokratie nur deutsche Namen, deren Träger nun schon in der zweiten, vielleicht auch schon in der dritten Generation das Andenken an die einstige schlesische Heimat pflegen. Unter der Fabrikgentrh der Stadt gibt cs überhaupt keinen polnischen, keinen russischen Namen. Tie Angestellten, die Abteilungschefs, Ingenieure, Techniker, Meister, alles Deutsche. Zehn Prozent, dieser Anteil der Deutschen an der polnischen F.abrikarbeiterschaft mag nicht zu hoch gegriffen sein. Gewiß, deutscher Fleiß und deutsche Unternehmungslust haben Lodz groß gemacht. Das fünfte Element Polens, nach berühmtem napoleonischen Ausspruch, haben sie nicht besiegt. Schmutz und Häßlichkeit, wohin das Auge sieht. Ueber die Orgien von Kohlenstaub und Verwahrlosung schauen hatten sie, darauf die Geschichte der Väter geschrieben stand" und die göttlichen Verheißungen an dieselben, die gingen von Hand zu Hand und stärkten wie Wunderbalsam den Geist, hoben den Mut und senkten die Erlösungs- Hoffnung in die geknechteten Seelen. Ein kostbares Brautgeschenk hat der Bräutigam seiner Erwählten zugedacht. V N3H2 nSfib 7kvV rottn "wa N'22.' Sie genossen es jetzt schon, und die Vorahnung künftigrr Gottesnähe gab ihnen Kraft und Ausharrungsvermögen. Steigern wir unserer Söhne Kraft und Ausharrungsvermögen durchdas Gottesgeschenk des Sabbats. Sie werden ihn oft genug verletzen müssen. Daß sie es aber nicht mehr tun, als absolut unumgänglich, darüber sie zu belehren nnd dazu sie zu ermutigen, werden wir nicht müde (Einzelne Sabbatdinim für die im Felde Stehenden, an anderer Stelle). Spielen wir ihnen die „Megtlloth", den Vätergruß enthaltend, in die Hand: Schreiben wir ihnen Sabbatbriefe, daß diese gleich den alten Rollen von Hand zu Hand wandern und Ströme von Kraft in die Herzen ergießen. Ja, echte Sabbatbriefe, von der verklärten Ruhe dieses Zauberwortes umweht. Nichts von Kleinmut, Sorge und Angst darf darin enthalten sein. Sondern voll froher Zuversicht, Selbstvertrauen, was bei uns gleich ist mit Gottvertrauen, sollen sie unseren Lieben den Gruß aus der Heimat bringen. Man vergesse nicht, etwas aus dem Inhalte des Wochenabfchnittes in die Briefe einzuflechten, vielleicht gar in agadischer Ausschmückung einzelner Stellen, die die Not der Zeit spiegeln. Es ist dies eine unentbehrliche geistige Munition, Liebesgaben, köstlicher denn Cigarren, Schokolade und andere Genußmittel. Man unterlasse es auch nicht, allwöchentlich den Söhnen vom jüdischen Kalender, vom Beginn des Neumonds, von den zu erwartenden Fast- und Festtagen und dergleichen mehr mitzuteilen. Es ist dies alles unter den Umständen, die im Felde obwalten, von größter Wichtigkeit. Es find eben dies die B'JI'tt des Exil-Propheten, die Wegezeichen, die fest im Auge behalten, ihnen die rückwärtige Verbindung sichern. (Fortsetzung folgt.) Dokumente des Leides. Die amerikanischen jüdischen Blätter bringen täglich Originalbriefe aus Rußland, die von den Empfängern in Amerika den Redaktionen zur Verfügung gestellt wurden. Es sei hier solchen Briefen einiges entnommenen, das schon in dieser kleinen Auslese zur Genüge die Trostlosigkeit der Lage erkennen läßt. erstaunt die Paläste der Reichen. Zwischen den Abgründen eines sogenannten Pflasters, zwischen tiefen, mit trüoen Fabrikwässern gefüllten Rinnsteinen, führt die elektrische Straßenbahn einen aussichtslosen Kampf gegen die Züge der himmelhoch beladenen Lastwagen. Man soll die deutsche Gesellschaft nicht für bteje Zustände verantwortlich machen. Die ist in groyzügiger Weise bemüht, durch Stiftungen, durch Gründung von Schulen und von Krankenhäusern Ordnung zu schaffen. Was hilft es? Der Tfchin gebretet über die Stadt, und ihre reichen Einnahmen fließen in den Abgrund der russischen Staatskasse, aus dem es keine Rückkehr gibt, wo sie nur noch eines wirken können: Orden und Beförderungen für den Tschinownik, der sie stahl... Seltsam sind diese Straßenbilder: Eine breite HauptÜraße, dem Broadway gleich, hier die Petrikauer genannt, durchzieht die Stadt von einem Marktplatz zum anderen. Als ich vor drei Jahren Lodz zum erstcnmale sah, hatte ein paar Jage vorher ein Korker Gewitterregen an vielen Stellen der Petrckaw.r Straße das Holzpflaster gelockert nnd fortgerissen. Ir jeder folgenden Nacht vergrößerten sich diese Löcher; ein Holzwürfel nach dem anderen wandelte, von flinken, schmutzigen Kinderpfoten gelockert, in die elenden Hutten der nächsten Gassen. Und mit dem Lodzer Holzpflaster wurde Suppe gekocht. Tie Straßenbahngesellschaft hat auch einmal ein Gesuch eingereicht, auf eigene Kosten das Pflaster wieder herstelun zu dürfen. Aber sie durfte an dein durch das Gcwttter geschaffenen heiligen Urzustand der Straße nichts rühren, und so blieb die Petrikausr Straße ein ganzes Jahr so, wie es der lrebe Gott und die Lodzer Jugend gewollt hatten. Vom Morgen bis zum Abend fließt über die beiden Bürgersteige ein mächtiger Menschenstrom. Wer schnell