Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1915-01-14 · Heft 3 (14.1.1915) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 3 (14.1.1915)
Date
1915-01-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2448506-2448510--67273-2488142
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Feuilleton-Beilage zu Nr. 3 des „Fsraelit." Krnttletorr. ’V.y „Feinde." Aus dem Jiddischen von E. Mitternacht. Im Hospital des Roten Kreuzes zu Kraukau war alles in reger Bewegung. Eben war ein Verwundetentransport angelangt, direkt vom Schlachtfelde her. Oesterreicher und Russen durcheinander, wehrlos, hilflos, wurden, von zarten Händen gestützt, in die frischen weißen Betten gebracht. Die Aerzte liefen beschäftigt von Bett zu Bett, und auf Bahren wurden Schwerverletzte, denen verstümmelte Glieder sofort abgelöst werden mußten, in die Operationsfäle getragen. Hier und da blieb ein Arzt vor einem Pattenten stehen, fühlte ihm den Puls, belauschte mit vorgeneigtem Ohre seinen Herzschlag und eilte dann weiter, wo Anderer Leid seiner helfenden Hand harrte. Einige der Leichtverwundeten waren in ihren Betten sanft eingeschlafen und ihre Gesichter strahlten in milder Ruhesie träumten, von Friäen, von Heimat .... Dunkel und immer dunkler wurde es im Leidensraume. Die wenigen noch brennenden Lampen ergaben einen matten Schein und malten gespensterhafte Schatten an die Wände. Es 'waren die grausigen Umrisse verbundener, sich in Schmerz windender Menschenleiber. „Waffer! Wasser!" wimmerte es plötzlich in die Tiefe und Stille aus einem Russen beit. Eine junge Krankenschwester, deren junge Schönheit unverkennbar das jüdischen Gepräge zeigte, beeilte sich, den Wunsch des Kranken zu erfüllen. Indem sie ihm das Wasserglas zu Munde führte, schaute sie ihm tief in die Augen, wie eine Mutter, die ihr leidendes Kind betreut. Der Soldat, noch mehr durch diesen labenden Blick als durch das Waffer beruhigt, schaute unverwandten Blickes nach seiner Helferin und fragte mit fiebernder Sttmme in jüdischem Dialekte. „Awu bin ich?" „In sicherem Freundesschutz," antwortete das Mädchen mit sanfter Sttmme. „Bei Freinden?" ftagte der Soldat voller Verwunderung. „Jawohl, bei Freunden," versicherte das Mädchen nochmals, „in einem österreichischem Hospital." „Ah, gefangen . . .!" Der Kranke zittert am ganzen Körper. „Ja, ihr seid jetzt eures Lebens sicher" „Werde ich denn leben?" „Ja, der Arzt gab gute Hoffnung. Er meinte, die Verwundung stamme von einem Bajonettstich und sei nicht gefährlicher Art." Der Kranke warf seinen Kopf in die Kissen zurück. „Bajonettstich?" Jetzt wußte er auch alles, wußte er genau, wie es hergegangen war. Das eine Wort hatte ihm das Denk- und Erinnerungsvermögen wiedergegeben. Er sah sich wieder mitten im Schlachtgetümmel. Unaufhörlich sausten die Granaten und Kugeln in die ruffische Stellung und an ihm vorbei. Jetzt kommen die Oesterreicher mit aufgepflanztem Bajonett wie eine wilde Woge herangestürmt. Ganze Reihen werden um ihn her hinweggemäht. Ein Schreien, Fluchen, Beten und letztes Röcheln .... Blut, ganze Ströme von Blut und Hügel von Menschenleibern. Man läuft kopflos vorwärts, rückwärts, seitwärts immer über Leichen hinweg, im Blut watend. Krampfhaft hält er das Gewehr umklammert, er drückt ab, ohne zu zielen. Er schießt und schießt in wildem Rausche, ohne seiner Sinne mächtig zu sein. Die Beine sind ihm wie Blei und er vermag den eigenen Körper nicht mehr vorwärts zu schleppen. Aber er drückt ab und schießt . . . Da ergeht ein Befehl: „Bajonett ^'pflanzt auf!" Die ganze Masse schiebt vorwärts. Und er ist mit hingerissen. Ein Knäuel von Russen und Oesterretchern. Mann gegen Mann, Brust gegen Brust, Bajonett gegen Bajonett. Aller Augen sind wild und feuerrot, wie die des Ochsen angestchtes des Schlachtbeils. Bon links her kommt ein Österreicher direkt auf ihn zugelaufen. Nur einen Augenblick stehen sich die Gegner, Ruffe und Oesterreicher, Auge im Auge gegenüber. Fast will der Haß schon einem anderen, menschlicheren Gefühle weichen. Aber beide holen zugleich aus. Und von nun an verlassen ihn die Sinne . . . Als er aufwachte, lag er hier im weißen frischen Bette, von der freundlichen Schwester zärtlich gepflegt. „Darf ich Euch etwas reichen?" erkundigt sich die junge Pflegerin. „Nein, ich danke. Ihr seid so gut." „Was will unser bischen Güte bedeuten, im Vergleiche zu Euren Leiden und Handlungen?," wehrte das Mädchen bescheiden ab. „Ja unsere Leiden und Handlungen," seufzte der Russe, „das kommt mir alles so ungewohnt, diese Liebe und Güte im Feindeslande. Wir kennen sie in unserer kalten Heimat nicht. Nie ward mir der warme Händedruck einer Schwester zuteil. Ich kannte weder Vater noch Mutter, und die Brüder gingen jung auseinander, Die Welt hatte aber nur Haß und Leid für uns .... Erzähl mir, liebe Schwester, etwas von Eurem Lande der Güte und der Liebe." Das tat denn die Schwester auch und sie fragte den Kranken, nachdem sie ihm einiges erzählt und vorgelesen, nach seinem Namen. „Mo sch eh, Moscheh Breiter." Als der junge Morgen erstrahlte, fühlte sich Moscheh Breiter ungleich wohler. Als wäre eine weiche Hand über seine Glieder gefahren und hätte den Schmerz der Wunden gestillt. Er setzte sich im Bette zurecht und sah nach den Fensterscheiben, die im Sonnenscheine glitzerten. Da rief es vom anderen Bette nach ihm. Wie vertraut das jetzt klang: Herr Breiter, Herr Breiter! Es war die junge Krankenschwester, die dort stand und sich mit einem Verwundeten befaßte, jetzt aber zu ihm hinüberrief und sich nach seinem Befinden erkundigte. Da antwortete ganz plötzlich von der anderen Reihe her, in der die Oesterreicher lagen, eine zitternde Stimme: „Hier, hier bin ich." Behende eilte die Schwester zu dem Bette hin und fragte den Oesterreicher nach seinem Verlangen. „Ihr habt ja nach mir gerufen", behauptete dieser. „Ich?" „Ja, Ihr riefet doch Breiter?" „Heißt Ihr denn auch Breiter?" „Auch?" wunderte sich der Oesterreicher, „hat sonst noch jemand hier diesen Namen." „Ja", gab die Schwester Auskunft, „der verwundete Russe nebenan hört ebenfalls auf diesen Namen." Hastig wandte der Oesterreicher den Kopf nach dem ersten Bette der Außenreihe. Und jetzt sah auch der Ruffe Breiter zum erstenmal des Nachbars Gesicht. Und ein tiefes Schaudern ergriff ihn. War das nicht der gleiche Oesterreicher, der ihm das Bajonett in die Seite gejagt hatte? Beider Blicke begegneten sich und hingen lange in einander unlösbar. „Kennt Ihr Euch?" forschte die Schwester, indem sie die Feinde einander vorstellte, „Breiter und Breiter, Mosche Breiter!" Da schrie der verwundete Oesterreicher auf und sprang, von neuer Kraft beseelt, aus dem Bette. Moscheh wurde ganz blaß. Und langsam brachte er durch die klappernden Zähne heraus „Bist du es, Nachum?" Lange standen sich die Brüder wortlos wie erstarrt gegenüber. Aber alln ählich war die Kruste geschmolzen und die „Feinde" fassen Hand in Hand nebeneinander aus dem Bette und tauschten ihre Erlebnisse von der freudlosen Kindheit aus, die den einen nach Galizien, den anderen nach Rußland verschlagen hatte. u. T. aus der Zeit. Ein kriegerisches Filmgemälde wird ab Samstag, den 16. Januar im Union- Theater gezeigt. Aus der unmittelbaren (Gegenwart ist der Stoff zu dem Filmdrama „Ivan Kofchula" geholt:- Die Russen besetzen ein Dorf an der äußersten Grenze Galiziens, und es versteht sich, daß sie den' Einwohnern keine willkommenen Gäste sind. Aus dem Leid der Bielen, die auf Befreiung durch die Oesterreichisch-Ungarischen Truppen warten, hebt sich die Tragödie des „Ivan Koschula" ab, der für die Ehre seines Kindes streitet. Diese Filmfigur entwickelt Rudolf Schildkraut's Kunst zu einer eindringlichen Gestalt. Ter setzt für die öffentliche Aufführung freigcgebene Film wird beifällige Aufnahme finden. - Außerdem findet ein fröhliches Spiel aus ernster Zeit in 3 Akten „Dieser Schlingel — der Emil" großen Anklang. Zur Ergänzung des Programms wird „Indien, das Land der Hindus", zweiter Teil vorgeführt. Reges Interesse werden die neuesten Kriegsfilmbenchte, ganz besonders Generalfeldmarschall Frei- 0. d. Goltz Pascha nach der historischen Parlamentsfitzung in Konstantinopcl erwecken. Nachruf. Am Freitag, den S. ds. verschied nach ganz kurzer Krankheit unser lieber Freund und Kollege Herr Ludwig Rothschild Synagogenrats-Vorsteher V'Si Inhalier des Verdienstkreuzes vom Zäh ringer Löwen. Seit dein .Jahre 1903 gehörte er dem hiesigen Synagogenrat an, dessen Vorsitz er seit d. J. 1909 führte* Die Israel. (Jemeinde (lailingen verliert in dem Heimgegangenen einen treubesorgten Führer, der zn allen Zeiten seine ganze Kraft und all seine reichen Fähigkeiten für das Wohl der Gemeinde einsetzte. Wo es galt, Not zu lindern, Witwen und Waisen zu helfen, stand er stets an erster Stelle. Sein Hinsclieiden hinterläßt an vielen Stellen sehmerzliehe, kaum auszufüllende Wir werden dem unvergeßlichen Toten stets ein treues Andenken bewahren. Der sunioogenri! Zufolge unserer Bitte gingen weitere Spenden ei«: Lehrer Oberndörser-Braunsbach, Ai.-Breslau je 20 M.; M. aus L. und Katz-Burghaun, W. Löb-Nauheim, Rabbinat Schneidemühl je 10 Mk.; Weiler-Mannheim, S. Schlachter-Braunsbach, B. Kaufmann-Mannheim, N. N.-Thüngen, N. Rosenthal-Oestrich, C. Marx- Waldlaubersheim, I. Reintjeimer-Landstuhl, U.-Mannheim, A.Metz- Schrimm, I. Meyer-Lampertheim. F. Prager-Breslau. N. Scharst- Mannheim, N. N.-Nenkölln, E. Frank-Niederohmen, N. N.-Kettwig, Adler-Suhl, W. Levu-Brnchweiler je 5 M.; N. N.-Frankfurt, Königsberger-Hörde, F. M. L.-Exin, Hirsch-Hillerheim, F. W. Heilsberg, W. Bnchhein-Damborn, L. Herz-Versmold, M. Strauß-Marburg, L. Wolfs, N. Cahn-Niersheim. H. Leib-Niederamel, L. Brnckheimer-KnlSheim, N. Powiper-Posen, M. Schlvß-Reckendorf, Siegel- Forchheim je 3 M.; N. N.-Rntten, M. Traub-Lichtenfels, N. N- Mannheim, A. Krapski-Koschmin. N. N.-Heschingen, Schurmann- Scheidingen, N.-Linden, David-Zirke je 2 M., U.-Berlin SW. l M., N. N.-Mainz, N. N.-Mannheim je 0.50 M. U0282 Indem wir hiermit die Sammlung schließen, sagen wir sämtlichen Spendern innigsten Dank. Dp. M. Latte, Mannheim Prof. D. Heinemann, Ludwigshafen. 114

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.