Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 3 (14.1.1915)
- Date
- 1915-01-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448506-2448510--67271-2488140- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 No. 3 Der JSraelit. 14, Januar 1915 und flüstert ihm ins Ohr: „Ich traue dir zu, daß du den Weg findest, ich lege dir eine ungeheure Last auf, aber ich weiß, daß du sie tragen wirst, hast es dir bis jetzt nur nicht recht zugetraut. Hast du schon versucht, was du alleS kannst?" So wird auch der Einzelseele heute vom Schicksale die Krone verliehen. Hüten wir uns aber davor, überkriegerisch zu werden. Laffen wir draußen die Truppen, Kanonen und Zeppeline für uns sprechen. Wir daheim beschränken uns aber auf die Tat des Opfers. Was darüber hinaus, ist Zerrbild. Was uns zu allererst nottut, das ist die Ruhe der Seele, die es ermöglicht, in voller Teilnahme an Jubel und Schrecken das Gleichgewicht zu behalten. Zum Schluß steht ein warmes Wort, wie es nur aus einem so warmen Gemüt fließen kann, an die Jugend, an die Kinder, um derentwillen sich all daS Große und Grauenhafte vollzieht. Der Schweizer Dr. O. Bi ns w an g er, Professor an der Universität in Jena, gibt in dem im gleichen Verlage erschienenen bereitgenannten zwölften Hefte unter dem Titel „Die seelischen Wirkungen des Krieges" die Grund- - läge für eine Reihe von Borträgen, die er in schweizerischen Städten zu halten gedachte, (er wurde aus äußeren Gründen daran verhindert). Es ist gut, daß das ungesprochene Wort nun, schriftlich niedergelegt, in wette Kreise dringt, denn es wird über das neutrale Ausland hinaus großes Interesse erwecken. Was diese Ausführungen mit denen Traubs gemein haben, das ist der unerschütterliche Glaube an die höheren Kräfte der Menschenseele, daß sie uns. den letzten Sieg und die Zukunft gewährleisten. „Durch Finster- * nts zum Licht!" mag, wie schon so oft in der Menschengeschichte, auch unser Wahlspruch sein. Einer Beachtung vom jüdischen Standpunkte auS wert, ist auch das neunzehnte Heft, in dem Erich Marcks unter dem Titel „Wo stehen wir" die politischen, sittlichen und kulurellen Zusammenhänge unseres Krieges beleuchtet. Er widerspricht der Auffassung, daß der Krieg die Verneinung der Kultur sei und wirst dem entgegen, daß in Wahrheit gerade die tiefsten Kräfte unserer Kultur, unseres Geistes und unserer Geschichte es find, die diesen Krieg tragen und beseelen. Er tötet die Kultur nicht, er entfaltet sie im Gegentell und fie enthüllt sich in ihm in ihrer ganzen Größe. Die Nöte und unvermeidlichen Grauen, fie sind die Wehen, die mit jedem großen Schöpfungshergang verbunden find. Und ein Krieg, der, so wie dieser, Gefühl und Gewissen eines ganzen Volkes innerlich ergriffen hat, ist auch im Innersten groß und erhaben. In seiner knappen, präzis klaren Art versteht es Marcks der gewaltigsten Katastrophe der Menschheit alle denkbaren Lichtseiten abzugewinnen, die uns über die Fülle von Leid und Jammer ein wenig hinwegzutröften vermögen. Das Heft schließt mit der Hoffnung, daß „der Gott unserer Väter und unserer Kinder, der dieses Deutschland geschaffen hat, uns erhalten, erhöhen und segnen möge." (Fortsetzung folgt.) Vermißte jüdische Familien. XIV. Es sucht: Salomon Tteinbach aus Narajow (Gal.), derzeit im Notres Spital in Tolna. Es werden gesucht: Seine Frau Jetti Steinbach u. zwei Kinder, Schwager,Eltern Naftali am Dunayow Nach - richten an Lipe Cyotiner, Budapest, Lasargasse 11, 2. Stork, 22. Emanuel Meyer, Ber- Susanne Diengott nebst linX>V23,Altonaerstr.18 Kind, Volksschullehrerin in Bolechow (Galiz.) Meldungen nimmt auch die Expedition des „Israelit" entgegen. mm. Korrespondenzen und Aachrichten. Zsraukfurt a. M., 10. Januar. Einem an Rabbtnate, Gemeindevorstände und Vertrauensmänner versandten Rundschreiben der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" entnehmen wir folgendes: Es dürste sich im nationalen Interesse empfehlen, -atz alle der rituellen Aufsicht unterstehenden Bäckereien durch die Aufstchtsorgane unverzüglich zur sofortigen reichlichen Herstellung von Kriegsbrot angehalten und datz ferner durch Rundschreiben an die Gemeindemttglieder bezw. durch Ermahnungen von der Kanzel zum ausschließlichen Genüsse dieses Brotes ermuntert werde. In gleicher Weise könnte auf die Einschränkung der Herstellung von Weitzbro.tgebäck und von Kuchen energisch hingewirkt werden. Gerade von unserem religiösem Standpunkte aus, -er jahraus, jahrein die erheblichsten Genutzbeschränkungen in Speise und Trank von uns fordert, wird es leicht fein, die verhältmäßig geringe Entsagung, die jetzt im Warnen des Vaterlandes und damit auch unserer religiösen Pflicht an uns herantritt, wirksam zu begründen und etnzuschärfen. Wir bitten die Herren Rabbtnen und Gemeindevorstände dringend, dafür sorgen zu wollen, daß bei der Herstellung der Mazzos überall strenge auf den Zusatz von 30% fftoggenmefyl geartet wirb, eine Beimischung, der zur Zeit nach eingeholten autoritativen Gutachten keinerlei religiöse Bedenken entgegenstehen. Auch in solchen Fällen, in denen das Weizenmehl bereits gemahlen ist, muß nach gesetzlicher Vorschrift der Zusatz von 30% Roggenmehl unter allen Umständen vor dem Backen erfolgen. Wie wir hören, ist seitens der hiesigen Gemeinden im Sinne dieses Rundschreibens verfahren worden. AkerN», 8. Jan. Ueber die Kinder feindlicher Staaten, soll, nach einer neuen Verfügung der Berliner Schuldeputatton, eine Statistik ausgenommen werden. Es soll besonders darüber berichtet werden, „ob, bzw. aus welchen Gründen -er Ausschluß dieser Kinder vom Besuch unserer Gemetndeschulen als besondere Härte von den Eltern empfunden wird". Die „Vossische Zeitung" ist der Meinung, daß die Veranlassung zu dieser Maßnahme das ablehnende <? Red.) Verhalten des Unterrichts- Ministers in Sachen der russischen Kinder jüdischen Glaubens gegeben hat. Nnlilemitiläie Ketzereien. Dresden, 2. Jan. Während alle anderen Parteirichtungen ihr Verhalten dem allgemeinen „Burgfrieden" anznpaffen suchen, setzt ein Teil der antisemitischen Presse ihr Handwerk ungestört fort. So wird in der in Dresden erscheinenden „Deutsche Wacht" vom 13. Dezember zu dem Thema „Armeelieferungen" gesagt, daß „der Jude es ist, der grinsend dabet steht und sein Geschäftchen macht." In berechtigter Entrüstung schreibt ein Einsender im „Berliner Tageblatt" dazu: „Ich stehe im 62. Jahre und bin nun schon seit August freiwillig zur Ausbildung der Rekruten nach L. zum .... Regiment gegangen und jetzt nach B. versetzt. Vier Söhne von mir sind zur Fahne gerufen, der jüngste ist als Flieger in Döberitz tödlich abgestürzt, der dritte Sohn verwundet und in englischer Gefangeschaft, die beiden ältesten stehen als Feldwebel in Belgien. Tausende von Juden stehen im Felde, Hunderte haben das Eiserne Kreuz erhalten. Alle Juden wetteifern darin, ihr möglichstes für das Vaterland zu tun; mb bann soll man sich in solcher Weise kränken laffen?" Diese Worte werden zwar, wie wir vermuten, an der Haltung der antisemitschen Presse nichts ändern, aber sie werden hoffentlich in allen anständig und gerecht empfindenden Kreisen des Publikums ihren Eindruck nicht verfehlen. M. L.! - Heute komme ich erst dazu, Euch meine Lieben Genaueres über das, was ich erlebte, mitzuteiien. Wie Ihr icdensalls schon gehört habt, haben wir da oben bei Apern sehr viel mitgemacht. Es ist der furchtbarste Kampf da oben, den je die Welt gesehen hat, noch sehen wird. Die letzten zehn Tage lag ich ununterbrochen im Schützengraben, und habe süns Sturmangriffe mitgemacht. Man glaubt in diesem Eisenhagel, dass keine Maus davonkommt, aber rrapn hat sichtlich seine Hand über sich gehalten, das rnw unserer guten Eltern stand mir bei. In solchen Kämpfen wird alles menschliche Gefühl getötet, man wird zu einem wütenden Tier. Es gibt nichts Erhebenderes, m. Lieben, als im Granaten- und Schrapnellseuer „Krias Schema" zu sagen. Da vergißt man die Gefahren, die einem umgeben, da glaubt man die A.korde seiner Tefiloh am Himmelsthron an- K zu hören. Und wenn es Nacht wurde, und der , .enlärm verstummte. und sich die Kameraden hiükouerten, um zu duseln, dann träumte ich von allen Lieben, die in der Ferne um mich bangten. Wenn man dem Tod so oft ins Auge gesehen hat, lernt Man den Wert des Lebens kennen; doch hätte ich dieses junge Leben jeden Augenblick in stiller Ergebung dem Höchsten zurückgegeben. Mit zog ich in den Kampf. „Dein WUle, v Herr, geschehe", war das Grund motiv meiner Tekiloh. Er hat Euer aller Gebete Gehört, und mich in unser Vaterland zurückkehren lassen, und so preisen wir alle Gott. Es macht mich unendlich glücklich, datz alle Geschwister in so großer Liebe an mir hängen, sie haben mich jetzt säst alle schon besucht, und mich mit Liebesgabe« überhäuft. Gebe Gott unseren Waffen bald den endgültigen Sieg und unserem Vaterland einen ehrenvollen Frieden. Ich bin in Liebe Euer. Brief eines christlichen Arztes an einen jüdischen Freund.*) Hochverehrter Herr Doktor! Heule, am letzten Tage des bürgerlichen Jahres, eilt meine Seele zu allen, die ich liebe, um ihnen meine Glückwünsche zum neuen Jahre vorzutragen. Ach habe beim Morgengottesdienst Aller gedacht. Nun sende ich Ihnen meine herzlichsten Wünsche auch, schriftlich. Daß der Allvater, der ewig Gute, ^ie segne in allen Beziehungen des Seins? Es war dieser Morgen so zukunftsschön, wie ich mir die kommenden Zeiten denke. Ein tiefes Dämmern mit den weißen Spiegelungen des Raureifs und dann kam vom Ost, wo die Thora einst niederstieg, aus Himmelshöh', die Morgenröte, wie ein Fernschein der zukünftigen Welt, wie die Ansage kommender Kulturgestaltung. Die Menschen haben sich heruufzntämpfen aus Dämmerungen zum Lichtfrieden des Allvaters. Ich kann diesen Krieg nur, im Sinne der jüdischen Weisen über den Zweck der Leiden, als den l'eben Gast auffassen, der, Mahner zur Einkehr und Läuterung, die religiös-sittliche Erneuerung bringen mutz. Wir Deutschen haben auch Grund, das Sündenvekcnntnis zu sagen. War nicht die Bruderliebe krank und fast in Agonie? War nicht die Jagd nach der Materie jeder Form daran, alle Ideale zu ersticken? Jczer Hora in hundert Variationen dräuend, die Gottesdienstschaft zu entwurzeln? Da kam das Große ein Leiden in tausend Fäden, und über- *) Das Original lag uns vor. Red. fdjcttete un§. Aber es flammte auf wie Sonnenfäden. Die theozentrischen Elemente der Menschenseele kamen zum Schwingen und belebten die Stimmungen für die Ideale. Dieser Krieg' wird auch die letzten atavistischen Ruinen des Antisemitismus sprengen und die Bruderliebe Erblühen machen. Es ist wie ein Symbol, daß man um den Sinai kämpft; der Kampf geht ebenso um den Sinai der Menschenseele. Wenn die Geschütze donnernund die Pulver blitzen, steigt die Thora nieder. Möge der Ewige in seiner Güte den Frühling kommen lassen; wie das Neujahrsfest der Bäume uns lehrt, ist Sein Walten das Allüberwindende. (Flieger und „Tuuveu" auf — hebräisch.) Für Sonntag, den 3. Januar war in ganz England die Abhaltung von Bittgottesdiensten angeordnet worden. Nach einer Anordnung von Oberrabbiner Dr. Hertz fand in den Synagogen am vorhergehenden Sabbath ein besonderer, dem Ernst der Zeit entsprechender, Gottesdienst statt. Herr Oberrabbtner Dr. Hertz hatte ein besonderes hebräisches Gebet verfaßt, das bet dieser Gelegenheit in allen Synagogen Englands gesprochen werden sollte. In diesem Gebete, das in klassischem Hebräisch verfaßt ist, wird um besonderen Schutz fiir die Seeleute und Flieger gebeten, *tw nww Tpw "j^on 7N822 nn »aavn o\n, welche „Tag und Nacht bestrebt sind, das leidbringende Schwert von dem Lande fernzuhalten": ' - latas n:yn am pirw anpw an dm rfrb. Es ist dies wohl das erste hebräische Gebet, in dem die Flüge erwähnt wurden. Und melleicht denkt auch mancher Engländer bei dem wprr a*in (vgl. Jeremia 46, 16) an die „Tauben" und Zeppeline? .. .