Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 3 (14.1.1915)
- Date
- 1915-01-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1*. Januar 1915 9b». 3 Sette 3 nichtjüdischen Oeffentlichkeit gegenüber — das BeryLttniS desMazzo-Genusses zu den jetzt schwebenden Ernährungsfragen. Durch Zeitungsnotizen ist der falsche Anschein hervorgerufen worden, als bedinge die Mazzos-Kerstellung einen stärkeren Weizenmehlverbrauch. DaS beruht natürlich auf einem Denkfehler. Die Mazzo ist keine Delikatesse, die man neben dem Brot als besonderen Leckerbissen genießt, sondern ein Sättigungsmittel, das den am Pessach verbotenen Brotgenuß ersetzt. Für den Weizenmehl-Konsum ist es also im höchsten Grade gleichgültig, ob das Mehl in Form von Brot oder von Mazzos in den Magen gelangt — der Effekt ist quantitativ derselbe, und auch wer — was kaum in Betracht kommt — nach Pessach einmal ein Stückchen Mazzo ißt, hat es eben statt des Brotes genoffen. Vor Pessach wird der Genuß von Mazzo bekanntlich auS religiösen Gründen mißbilligt. Höchstens könnte man davon sprechen, daß durch die Peffach-Borschrtften der Konsum von Weizen eingeschränkt wird/ denn es fällt der ganze, sonst gar nicht unbeträchtliche Mehlverbrauch weg, der das Jahr über durch den Mehlzusatz zu zahlreichen Gerichten bedingt wird. Nach der Verordnung des Bundesrats vom 5. Januar 1915 muß von jetzt an allem Weizenbrot 30pLt. Roggenmehl zugesetzt werden. Diese Vorschrift gilt natürlich auch für die Herstellung vonMazzoS, und die genaue Beachtung der Bestimmung, gegen die keinerlei religiöse Bedenken vorliegen, wird von den Aufsicht führenden Rabbinaten schon aus Gründen des KWDtel »n überall strenge überwacht werden. Nach § 20 Absatz 2 der citierten Bundesrat- Verordnung findet die Roggenmehl-Vorschrift keine Anwendung nur auf Brot, das „bei religiösen Handlungen verwendet wird." Somit darf das —minimale — Quantum von Mazzos, das für die gottesdienstlichen Handlungen an den zweiSederabenden notwendig ist und das nach Ansicht mancher Deeisoren reines Weizenmehl sein soll, aus solchem hergestellt werden. Es handelt sich dabei bekanntlich um ein Quantum von ungeführ zwei Olivengrößen für jede Person. Erfreulicherweise ist durch diese Bestimmung auch die letzte Möglichkeit irgend eines Konfliktes zwischen unserer vaterländischen und religiösen Pflicht aus der Welt geschafft. Mit umso größerer Liebe und Gewiffenhaftigkeit wird man überall im jüdischen Streife die neue, vaterländische Gruppe von Speisegesetzen pflichtgewohnt erfüllen, getragen von dem Bewußtsein, daß Völkerfchicksal und Sittengesetz, Kleines und Großes in Leben und Gesetz auf einen Urquell zurückgeht: Tn* W“)Ö 13W Die Kriegsnot im heiligen Lande. Unsere Anregung in Nr. 1 unseres Blattes, daß, nach dem Vorbilds der Jerusalemer Zehn, hochherzige Gesinnungsgenossen in Europa die Hsnorierung je eines Jerusalemer Talmud-Thora-Lehrers für 6 Monate mit 40 Mk. — bezw. eines Thoragelehrten mit 20 Mk. — monatlich übernehmen möchten, hat erfreulichen Widerhall in den Herzen edeldenkender Palästinafreunde gefunden, von denen sich bereits eine beträchtliche Anzahl zur Uebernahme von Verpflichtungen im angeregten Sinne bereit erklärt hat. Aus der großen Reihe der uns in dieser Angelegenheit zugegangenen Schreiben sei hier der Brief eines Berliner Freundes unseres Blattes, der weitgehendstes Interesse verdient, wiedergegeben: Sehr geehrter Herr Redakteur! Den Artikel „Kttegsnot im het'igen Lande" Ihrer Nr. 1 1915, habe ich mit vielem Interesse gelesen und finde Ihre am Schluffe deS Artikels gegebene Anregung sehr beachtenswert. Mit Rücksicht darauf, daß ein großer TeU unserer Männer unter den Waffen steht und am regen Thorastudium gehindert ist, wäre es gewiß für alle jüdisch empfindenden Menschen eine große Beruhigung, wenn es fich ermöglichen ließe, das Thorastudium dieser durch den Krieg Verhinderten, im heiljgen Lande gewiffermatzen zu kompensieren. Ich möchte Ihre Anregung daher noch dahin ausgedehnt wiffen, daß in Anbetracht der für den Einzelnen schweren Zeilen fich Gruppen bilden mögen, welche gemeinschaftlich die Honorierung eines Jerusalemer Talmud-Thora-Lehrers übernehmen, sodaß auf den einzelnen nur eine seinen Verhältnissen entsprechende materielle Belastung entfällt. Für die Angehörigen der durch Gottes Fügung auf dem Felde der Ehre kinderlos Verstorbenen wird eS eine große Beruhigung sein, wenn sie wiffen, daß an Stelle des Kadischgebets an heiliger Stätte das weitaus wichtigere Lernen aus den Namen der Verstorbenen stattfindet. Ich selbst erkläre mich bereit, vorerst die Honorierung von zwei Talmud-Thora-Lehrern sür sechs Monate zu übernehmen und sehe Ihren weiteren Mitteilungen gerne entgegen. Bei dem außerordentlichen Notstände unter den Lehrern und Thoragelehrten Palästinas find weitere Meldungen im Sinne dieses Schreibens dringend erwünscht. (Fortsetzung.) Bon den bisher erschienenen 20 Heften der Politisch. Flugschriften „DerDentsche Krieg" (Herausgegeben von Ernst Jäckh, Deutsche Brrlagsanstalt, Stuttgart-Berlin) verdienen das vierte und zwölfte Heft auch von unserem jüdischen Standpunkte aus eine besondere Wertung. Haben fie doch die Seele, die seelischen Wirkungen des Krieges zum Gegenstände ihrer Betrachtung. In ersterem Hefte spricht Gottfried Traub in seiner konzentrierten, gedankenreichen und in die Tiefe gehenden Art Über „Den Krieg und die Seele." Daß man im Kriege mit verbundenen Augen vieles tun muß, dessen man fich sonst schämen würde, ist hart, aber man muß den Zorn als sittliche Kraft begreifen lernen, in Berücksichtigung, daß der gefährdete Kamerad ein Stück des eigenen Ich ist, daß jede Kugel, die den Feind nicht trifft, die Möglichkeit schafft, daß einer der Eigenen getroffen wird. (Bei uns hat man zur Motivierung des Morden« im Kriege den Satz ausgestellt: “Jjnr6 K3,“T innS D„Will jemand dich erschlagen, so komme ihm mit dem tödlichen Schlage zuvor".) Ueber Ausartungen und Auswüchse des rohen Kriegshandwerkes muß man hinwegsehen. Einzelhandlungen kommen nicht in Betracht, denn der ganze Mensch ist es, der den Ausschlag gibt. Die Seele wertet die Taten und nicht umgekehrt. Ein guter Baum bringt überall gute Früchte. Wer ein ganzer Kerl ist, der rettet seine Seele, wer es nicht ist, der geht auch in Friedenszeiten unter. Und dann ist nervöse Ueberreizung noch lange nicht das schrecklichste. Wett schlimmer ist gleichmütige Abstumpfung. Wo noch Leidenschaften toben, da kämpft die Seele um Sinn und Sein. Wehe aber, wenn die Leidenschaften erstorben sind und der Mensch nicht mehr die Straft hat, sich zu erregen, und mit seiner eigenen Erregung zu kämpfen. Diejenigen, an deren Seele die Frage nagt, wer und was in diesem Kriege gerecht sei, mögen bedenken, daß über endgültige Gerechtigkeit nicht wir, sondern die Weltgeschichte entscheidet. Sie hat in diesem Falle — unser reines Gewissen sagt es uns — bereits gesprochen. Der Krieg hat die Massenseele in ihrer ganze Größe, in ihrer ganzen Wucht und Schönheit geschaffen, trotzalledem bleibt die Einzelseele heute in ihrem Werte bestehen, fie hat sogar ungeheuer gewönne«, dieweil daS Berantwortungsgefühl und die Tatkraft eines jeden Einzelnen verdoppelt und verdreifacht ist. An jeden Änzelnen tritt das Schicksal heran Wir sind in Linie unserer schweren Artillerie in 2 kleinen Häuschen, an einem Feldweg gelegen, in Gardien im Quartier. Unsere Gulaschbatterie steht auf einem Rasen an -er Ostseite unseres Hauses in Reih und Glied. 'Auf 5 Uhr nachmittag lautet der Befehl zum Abmarsch. Das Feuer knistert lustig unter dem Kessel, der Kamin qualmt, die Pferde sind vorgespannt; die Gulaschkanone ist marschbereit. Die Fahrer, den Stab zur Förderung der Disziplin in der Hand auf dem Bock, die Fourire und Köche hinter der Küche stehend, warten auf den Befehl zum Abmarsch, der durch den Leutnant erfolgt, und geht es dann in Marschkolonne in die Front vor. Sehr erschwert ist das Fahren durch die aufgeweichten Straßen, die teilweise mit. Granatlöchern besät sind, durch den kolossalen Verkehr und die oft stockfinsteren Nächte. (Wir fahren fast nur in der Dunkelheit und ohne Licht, da die Hauptstraßen stark vom feindlichen Feuer bestrichen werden.) Sanitätskolonnen, Krankenträger mit schrecklich stöhnenden Verwundeten, Infanteriekolonnen, Offiziere, Meldereiter, Radfahrer, Autos, Artillerie und Munitionskolonnen kommen teils im Schritt, teils in scharfem Tempo, wie speziell die letzteren, an uns vorüber. Seitwärts der Straße zeigt uns öfters ein schlichtes Grab, geschmückt mit einem einfachen Holzkreuz sowie einen: Helm, daß io mancher tapfere Soldat in Feindesland seine letzte Ruhestätte fand. Nach einstündiger Fahrt nähern wir uns Messines, einst wohl ein nettes wohlhabendes Städtchen, jetzt nicht viel mehr als ein Trümmerhaufen. Ruinenyast starren die Mauern in die Nacht, ein Zeichen der furchtbaren Wirkung unserer schweren Artillerie. Bor Mestmes seitwärts der Straße ist unsere Artillerie jetzt in Stellung. Schon ehe wir Dcestines erreichten, begrüßten uns Granaten, die ca. 60 bis 100-Meter seitwärts der Straße elvschlagen; ich konnte heute dabei 12 Blindgänger konstatieren, deren die Franzosen glücklicherweise ziemlich diele haben. Auch Shrapnells blitzten' öfters unter .icharffnn Knall in unserer Nähe auf. Von Mesiines fahren wir einen ziemlich gefährlichen Weg nach Whlschaede, unserem heutigen Ziel. Er fühtt parallel ca. 5—800 Meter hinter der Schützenlinie und wird stark vom Gewehrfeuer bestrichen, denn da lue Franzosen gewöhnlich für unsere Infanterie zu hoch schießen, so pfeifen uns die Kugeln oft gehörig um die Oyren, was, da wir im Gegensatz zur Infanterie ohne Deckung sind, nicht gerade angenehm ist. Auf dem letzten Teil unserer Fährt zeigen die vielen Leichen, die noch in den Gräben und den angrenzenden Wiesen liegen, wie heiß hier der Kampf gewesen ist. Kurz vor Wytschaede halten wir, um unser Bataillon zu verpflegen, was in aller Stille ohne Licht vor sich geht. Nachdem die Truppen Essen, Kaffee und Brot gefaßt hatten, fuhren die Küchen bis auf die meine zurück, da ich den Befehl hatte, auf den Leutnant zu warten. Kurz darauf begann das einige Zeit unterbrochene Attilletteseuer und bald flogen die blauen Bonbons in ganz bedenkliche Nähe. Wir fuhren hinter ein in der Nähe stehendes Haus, um wenigstens eine vermeintliche Deckung zu haben, denn gegen Granaten ist sie ja wettlos, aber der Glaube' macht selig und man fühlt sich sicherer. Granaten und Schrapnells folgten mit unheimlicher Schnelligkeit und war die Detonation ftrrchtbar. Da kam auch unser Leutnant im Laufschritt, und ,m Galopp ging es davon, denn Lust, uns und unsere Küchen zusnmmenschießen zu lasten, verspürten wir absolut nicht. Kurz nachdem wir das Haus (unsere Deckung) Verlagen hatten, schlug ein Granate dott ein. Wir kamen glücklich durch das Feuer, abgesehen davon, daß uns ein Pferd durch einen Granatsplitter getötet wurde. und erreichten gegen Mitternacht unser Quartter. Aus der Rückfahrt hatten die vielen Leuchtkugeln der Franzosen (diese machen aus mehrere Kilometer alles hell) die Freundlichkeit, uns in der stockfinsteren Nacht den Weg öfters zu beleuchten. Nachdem die Pferde versorgt waren und ich heute nicht auf Wache ziehen mußte (alle 3 Tage), konnte ich mich gegen 1 Uhr auf mein Nachtlager begeben. In den Kleidern zu schlafen ist man jetzt nach 9 Wochen gewöhnt und so lag ich bald in Morpheus Armen. Dieses prachtvolle ttockene Quartier haben wir übrigens noch nicht lange und haben wir ehedem sie Nacht nur zu oft auf fteiem Felde, auf der Straße oder im Straßengraben ber Wind und Wetter zugebracht. Um 3 Uhr früh ist Reveille. 2 Stunden vergehen bis die Pferde versorgt und geputzt sind. Darnach wird das Zimmer in Ordnung gebracht, Geschirr gespült und ein kriegsstarker Köffee gebraut und, eine Folge der vielen Liebespakete, feudal gefrühstückt. Darauf unternahmen wir einen Streifzug in die Nachbarschaft, um Stroh und sonstige für unseren Haushalt brauchbare Sachen zu requirieren. Da Stroh rar jst, haben wir einfach ein mit Strohdach versehenes halb zerfallenes Räuschen abgedeckt. Mittags stellen wir noch in der Küche - unseren Mann und steht heute Rindfleisch, Erbsen und Kattoffeln auf meiner Speisekarte. Da ich bei der Küche bin, habe nicht nötig, Schweme- oder Rauchfleisch zu effen, zumal ich mit Butter, Käse, Wurst und Sardinen reichlich versehen und das kalte Essen ja von meinen Auslandsreisen her gewöhnt bin. Doch jetzt glaube genug von mir und meinem Leben erzählt zu haben und bin mit vielen Grüßen Euer Fritz. WML