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Der Israelit · 1915-01-07 · Heft 2 (7.1.1915) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 2 (7.1.1915)
Date
1915-01-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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7. Januar 1915 Der HSraetft. den Kämpfern für das Sinaigesetz erzählend, Bewunderung und begeisterten Opfermut für Israels kostbarstes Gut in die Herzen der Leser senkt. Die Jüdisch - Literarische Gesellschaft hat sich ein Verdienst durch die Drucklegung dieser neuesten Geschichte der Juden erwotben. Möge das Buch in die Welt hinausgehen, um, wie es im Vorwort heißt, „Liebe und Treue für unser heiliges Thoragesetz neu zu entfachen, und be> wundernde Verehrung für seine Jünger und Vorkämpfer in die Herzen zu pflanzen." I. M. B. Me Flucht aus Galizien. Wir haben uns über das uns zu Ohren gekommene Elend der Flüchtlinge in Prag an einen dortigen Freund unseres Blattes, Herrn Professor Dr. Salomon Lieben, um Auskunft gewendet, und entnehmen seinem Schreiben folgende Schilderung: „Das Elend ist in Wien, wo an Hunderttausend Flüchtlinge sind, groß, sehr groß ist es auch in Mähren, wo riesige Barackenlager von StaLtswegen errichtet worden sind, ganz unbeschreiblich ist es aber hier bet uns in Prag und auf dem flachen Lande in Böhmen. Ueber 8000 Flüchtlinge sind bis jetzt schon in Prag, jeder Tag bringt neue. Das kommt daher, weil die jüdische Gemeinde Prag von altersher einen guten Ruf genießt und, weil die Flüchtlinge, solange es nur 1500—2000 waren, bei der Opferwilltgkeit des jüdischen Mittelstandes hier verhältnismäßig sehr gut daran waren. Der Staat zahlt allerdings den Flüchtlingen per Kopf und Tag einen Hilfsbeitrag von 70 h, das bescheidenste Existenzminimum ist aber 1 k täglich. Die Verpflegung in der Volksküche, die täglich 6—800 Personen speist, kostet für 3 Mahlzelten durchschnittlich 70 Heller und 30 Heller ist das Mindeste, das die Wohnung täglich erfordert. Das große Hilfskomitee braucht also täglich mehr als 2000 k, um nur notdürftig für Wohnung und Kost sorgen zu können, eine Summe, die bei unserem wirtschaftlich jetzt so sehr geschwächten Mittelstand fast unmöglich aufgebracht werden kann, da die Reichen sich im Großen und Ganzen fernhalten. Und wenn Sie erst die Wohnungen sähen, wie oft zehn und mehr Personen in einem völlig uneingerichteten Zimmer zusammengepfercht werden müflen, die über die ganze innere Stadt und die Vororte hinaus sich erstrecken. Bisher hat man zwei Botenmtdrasch eingerichtet in Prag und in einem Vororte. Und da möchte ich gar nicht erst das Elend schildern, das am flachen Lande unter den Flüchtlingen herrscht, wo oft ein Dorf, das gar keine Juden hat, Hunderte galizische Juden beherbergen soll. Im ganzen dürften 60—70000 der Unglücklichen in Böhmen sein. Ganz besonders schrecklich sind die Rabbiner daran, deren es hier etwa 30 gibt. Es handelt sich nicht allein um Geld, dringend notwendig wären b:tspielsweife Tefillin, Tallefim, Mefusos, Chumoschim mit Nascht, Mischnajot, Gemoros re. Es tut einem das Herz weh, wenn man Leuten, die um Tefillin geradezu betteln, nichts bieten kann, wenn man Rabbinern, die bisher nur Tag und Nacht lernten, nicht einmal mehr ein Chumesch geben kann, weil das wenige Verfügbare längst vergeben ist und das Hilfskomitee mit seinen Geldern nicht einmal des Lebens dringendste Notdurft befriedigen kann. Kleider, Möbel, ja oft nicht einmal Strohsäcke können beschafft werden und die Flüchtlinge sind oft noch glücklich, wenn, sie wenigstens mit einer Zahl von Schicksalsgenossen gemeinsam ein Obdach mit 4 kahlen Wänden finden, wo sie auf dem Boden sitzen oder liegen können, ohne wärmende Decken in der bitterkalten Stube, Greise und Kranke nicht ausgeschloffen." (Wir sind gerne bereit, Spenden an Geld, R.kt.u.alten., Büchern nfw^ zu übernehmen und sie an Herrn Professor Lieben, Prag, zur Verwendung im Sinne der Spender, Wetter zu leiten. Die Redaktion). Von Herrn Rabbiner Dr. Link, Pilsen, erhalten wir folgenden Aufruf: 01112*1« bv noo MW'n hm*' irn« *?« innis l'«2 Glaubensbrüder 1 Infolge der Kri'egsereigniffe im Osten haben unsere galtzischen Brüder Haus und Hof verlaffen und wurden von der k. k. Behörde etwa 4000 derselben in unserer Umgebung untergebracht. Einer ganz besonderen Fürsorge erfreuen sich die im größten Elend hier Angekommenen in unserer Kultusgemeinde, deren Vorstand bereits 24000 Kronen und etwa 2 Waggon Kleider unter feinen Mitgliedern aufgebracht hat. Dank der unermüdlichen Tätigkeit des Kultusvorftehers, Herrn Dr. Josef Schanzer, wird eine weitere Hilfsaktion in die Wege geleitet werden, denn die Not und das Elend der Emigranten, unter denen zahlreiche Greise, Kranke und Wöchnerinnen sich befinden, sind unbeschreiblich. Dringend notwendig sind warme Kleider, Schuhe, Decken und Wäsche jeder Art. Der leichteren Zollabfertigung wegen empfiehlt es sich, 10 Pfund-Packete zu senden. Wie uns von gleicher Stelle mitgeteilt wird, gibt sich für die in der Umgebung Pilsens untergebrachten jüdischen Flüchtlinge aus Galizien auch in Deutschland ein 'überaus warmes Interesse kund. So sind dem Hilfskomitee aus Nürnberg, Cöln a. Rh., Mannheim und Frankfurt a. M. mehrere Sendungen zur Verfügung gestellt worden. Vermißte jüdische Familien. XIV. Es sucht: Nastali Bogen, Karlsruhe i. B., Wielandstr. No. 10. Rabbiner Israel Friedmanu, Behuf! (Rum ) und das Bureau der Agndas Jisroel, Frankftrrt a. M., Zeit 85. Es werden gesucht: GersonBogen «. Fra«. zuletzt in Tarnow (Galizien). Die Kinder des Rabbiners David Aron Twersky in Charko (Rufs. Pol.), Reisele nebst Gemahl, Chanele, Abraham I»- chok, Schalom u.Scheinra zuletzt in Kowel (Rutzl.) Rost Model aus Przeworst b. Krakau jetzt Frankfurt a. M. bei Frau Dankowitz, Hanauerlandftraße 1. Frau Rachel Leo Salzmann Wwe., Aschaffenburg a. M., Friedrichstraße 3» bet Herrn Siegm. Kulp. Frl. Jda Czarninski und Bruder Jfidor aus Schwentainen i. Ostpr. jetzt Prenzlau, Markt 47. Meldungen nimmt „Israelit" entgegen. Ihre Mutter, die fie auf der Flucht in Lundenbürg (Mähren) verlor. Bencton Salzman« bis Ende September in Lodz im Kaufmanns- Verband Zawadskastr. 5 tätig gewesen. Peifsach Czarninski und Frau Bercha, die beim Einbruch der Russen flüchteten. auch die Expedition des Lorrespondenzen und Aachrichlm. Deutsches Reich. Rabbineroerfammluna- Aase«, 2. Januar. Dienstag, den 29. Dezember 1914 fand hier die Quartalsversammlung der „Vereinigung von Rabbinern der Provinz Posen zur Wahrung des überlieferten Judentums" statt. milnehmen konnten. Ich habe einen Lemberger Rechtsanwalt gesprochen, der sich jetzt in Wien als Extrablätlerhändler täglich ein paar Heller verdient, der sagte mir: „Ich mußte mit den Meinen so schnell fort, daß ich froh war, ein Bündel Kleider und meine drei Kinder beisammen zu haben. Im Gedränge am Bahnhof verloren wir das jüngste Mädchen. Gott weiß, wo und ob es noch lebt..." Es gibt unter den Galiziern Leute, die wochenlang auf Reifen waren, sie konnten nicht anders als in Frachlzügen befördert werden und das Leben in diesen reisenden Pferchen war traurig genug. Es ist vorgekcnrmen, daß Schwangere in diesen vollgepfropften Waggons gebaren, auch hatten die Flüchtlinge wählend der vieltägigen Reise zwischen leidlich warmer, aber verpesteter Luft und so eisiger Kälte in Waggons zu wählen, daß es auch erfrorene Gliedmaßen gab. Die Stadtgemeinde Karlsbad war — nach dem anklagenden Bericht eines Karlsbader Lokalblattes - von dem Eintreffen galizischer Flüchtlinge vierzehn Tage vorher verständigt worden! Die erste Antwprt war, daß Karlsbad versuchte, die Flüchtlinge fernzuhalten. Das gelang nicht. Als die Galizier nun anlangten, da wurden sie in einen — Keller (Efterhazykeller> in der Franz Josefstratze geschafft. Zum Lager wurde ihnen aufgeschüttetes Stroh angewiesen. Hier lagen Familien, Männer,Weiber, Kinder, etwa achtzig Personen in dem einen Keller. Auch eine Wöchnerin und ein Ruhrverdächtiger drunter. Das unterirdische Gewölbe war nur schwach erhellt. Der Berichterstarier des Karlsbader Blattes schreibt, daß in dem Raum ein solcher Gestank herrschte, daß man eintretcnd, sich einer Ohnmacht nahefühlte. Die zweite Unterkunft fanden die Flüchtlinge auf der Karlsbader Rennbahn. Auch hier keine genügenden Vorbereitungen, vor allem keine benützbaren Oefen. Die Leute froren. Erst später wurden die Oestn in Stand gesetzt. Die Flüchtlinge besaßen oft keine Decken, so lagen Kinder frierend auf dem Stroh! Tie Verwaltung der reichen Badestadt hatte nicht einmal für Kotzen gesorgt! Das Erste, was man mit den wochenlang oder wenigstens viele Tage lang berumgeführten Flüchtlingen hätte tun sollen, wäre nalürüch gewesen: sie zu baden. Es gab keine Badegelegenheiten, obwohl in Karlsbad natürlich kein Mangel an Wannen sein kann! Andere Flüchtlinge waren in dem Vorort Fischern im Stalle eines Hotels mrtergedracht. Selbstverständlich gab es auch viele gute Menschen, die sich daran erinnerten, daß diese galizischen Flüchtlinge Vaterlandsgenossen sind. Es gab kleine Wirte, die uch oer Vertriebenen annahmen, arme Leute, die den Arrmsten beistanden, Kinder, die den Kindern der Heimlosen Spielzeug brachten. Das sozialistische Blatt in Karlsbad erließ einen Aufruf zu Gunsten der in den Karlsbader Konzentrationslagern liegenden Oesterreicher. Offiziere haben mir, mehr als einmal erzählt, daß dre jungen polnischen Juden, die als Soldaten in den Schützengräben liegen, ihre hebräischen Gebetbücher neben sich liegen haben. Sie beten um die Niederlage des Pogromzaren, sie beten für ihre irgendwohin vertriebenen Eltern, Schwestern, Kinder. Das Schicksal verhüte es, daß so ein galizischer Soldat einen Feldpostbrief der Seinen aus Karlsbad empfange.'.... Die Stadt Karlsbad ,in der jetzt viele tausend lichte Zimmer mit Betten und Badewannen leer stehen, erinnere sich an chren uralten Berus, Fremde ordentlich zu beherbergen, auch wenn es vertriebene, verarmte, melancholische Galizianer sind! (.Das Gebetbuch.) Der Kriegsberichterstatter der ungarischen Tageszeitung „Az Eft" gibt eine ergreifende Schilderung seines Ganges zwischen de« Totenreihen nach der fürchterlichen Schlacht bet Przemysl, der folgendes entnommen sei: Leiche liegt neben Leiche. Ungefähr sechs Schritte von der Bykover Stellung entfernt zieht sich der letzte Graben und dann unmittelbar vor dem Drahtzaun, kaum dreißig Schritte davon wieder einer. Diesen Graben mutzten sie unter hämmerndem Hagelregen der Kugeln in fürchterlichem Feuer graben ... An einer Stelle verraten Aschenreste, daß hier Feuer gelegt wurde, daneben ein Blechtopf mit Teeresten am Grunde. Und ich stoße auf drei Leichen, vor denen ein aufgeschlagenes Gebetbuch liegt. Ich möchte gerne lesen, was sie in der letzten Minute ihres Lebens gebetet haben, aber zwei sind mit hebräischen Buchstaben und das dritte ist russisch . . . Ich habe noch ein Gebetbuch gefunden, ganz vorne unmittelbar neben dem Drahtzaun. Auch hier war der Betende ein Jude, ein langbärttger polnischer Jude, neben chm ein mächtiges Gebetbuch. Wie mutzte er dieses schwere, große Buch in der Hand schleppen, und mit welchem Gemüt ging er zum Sturm mit dem Gebetbuch in der Hand? — Und ich denke daran, daß unter den Landsturmmännern unserer Verteidigungsarmee auch polnische Juden find. Ein Teil der Mannschaft jener Festung, welche fie so heldenmütig gegen die sie bestürmenden Rüsten verteidigt haben, find oberungarische, polnische Juden. In jenem erbitterten blutigen Kampf, der Körper an Körper in dem unterirdischen Gange der Festung geführt wurde, kämpften langbärtige polnische Juden gegeneinander . . . Ich betrachte die vor mir liegenden polnischen Juden m»d vergleiche fie in Gedanken mit jenen Landsturmhonveds, mit denen ich in der Festung sprach. Man kann fie ■

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