Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1915)
- Date
- 1915-01-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Gelte S Nr. 2 Der JSraelit. 7. Januar 1915 Spionage, nach vorheriger Verstümmlung des einen, aufgehängtdasselbe Los wurde dem angesehenen Getreidehändler Moses Ltepschitz zu Teil, weil er — vor dem Kriege — nach Deutschland Geschäfte gemacht hatte. In Bechawa (Lubliner Gouv.) wurden im Oktober 78 Juden an einem Tag wegen „Spionage" aufgehängt. Im Kramostaw (Lubliner Gouv.) wurden viele Häuser eingeäschert, die Juden (200. Familien) zum großen Teil mit Frauen und Kindern vernichtet. In Lodz sind 15000 Kleinhändler ihrer Habe beraubt und zu Bettlern gemacht worden. Lodzer Frauen wollten ihre verwundeten Männer in den Lazaretten in Petersburg und Moskau besuchen. Es wurde ihnen verboten, weil diese Städte nicht im Anstedlungsrayon liegen. In Zdunska Wola wurden sämtliche Frauen und Mädchen geschändet,- selbst eine Wöchnerin am dritten Tage ihrer Niederkunft und Kinder von 6 und 5 Jahren blieben nicht verschont. Eine Frau, deren Mann im Krieg war, starb an den Folgen einer Vergewaltigung. Bald darauf kehrte der Mann verwundet heim. Er fand sein Kind ohne Mutter und seine Frau von einem „Kameraden" zu Tode geschändet. Dies ein kurzer Ausschnitt auS dem Bild der unerhörten Judenverfolgungen hier zu Lande, das ich in seinen markantesten Zügen Ihnen wiederzugeben für meine Pflicht halte, für meine Pflicht gegenüber der Wahrheit, der Kultur und dem Judentum/ denn „Du sollst nicht stehen bleiben bei dem Blut deines Nächsten."- Lodz, den 24. Dezember 1914. Rabb. Dr. Arthur Levy z. Zt. im Felde. Tanna und Amora.*) Es ist noch nicht lange her, daß man in manchen Kreisen es nicht gerne sah, wenn Schüler und junge Leute zum Studium der nachbiblischen Geschichte geführt wurden. Mir selbst begegnete es, daß ein talmudisch und zugleich modern gebildeter älterer Freund mir die Worte entgegenhielt, „Geschichte ist Epikorsus", als ich ihm erzählt hatte, ich hielte Studenten Vorträge über jüdische Geschichte. Das Mißtrauen war freilich allzu berechtigt, waren doch die verbreiteten Handbücher der jüdischen Geschichte, der Hauptsache *) Kottek, Geschichte der Juden. Verlag der Jüdisch.Ltterarifchen Gesellschaft Frankfurt a. M. isis. IX u. 457 S. Kleines Feuilleton. Gin „etföffefer Sieg. Im „Pesti Naplo" bietet ein MaramaroSfzigeter Kaufmann eine überaus interessante und charakteristische Episode aus den letzten Tagen, die dort den entscheidenden Siegen der verbündeten Armeen in Russisch-Polen vorausging: Wir wußten in Maramarossziget schon seit Tagen, daß sich am nördlichen Kriegsschauplätze entscheidende Ereignisse vorbereiten. Große Truppen- und Munitionstransporte wurden bei unserer Bahnstation befördert. Neue Kanonen und viel anderes Kriegszeug wurden zu den Gebirgspässen geschleppt und die noch seit der ersten Invasion ausgeregte Bevölkerung sah mit gespannter Nervosität den bedeutungsvollen Ereignissen der kommenden Tage entgegen. Ganz besonders die Orthodoxen bewegten sich mit unruhiger Aufgeregtheit hin und her. Die ganze Zeit konnten wir die ernsten, bärtigen Kaftanjuden sehen, die auf den Straßen laut murmelnd beteten. Mittwoch Nachmittag trat plötzlich ein Wettersturz ein. Bon der nahen Gebirgskette herab strich ein schneidend eisiger Wind zu uns. Bom dunklen Firma, ment zuckten die Blitze. In dieser schauerlich grausigen Zeit wurden alle Läden geschlossen. Leichenstille lagerte sich über die Stadt, deren jüdische Bewohner alle in die Synagoge geeilt waren. Bet den Orthodoxen wurde ein feierlicher Gottesdienst angekündigt. Alle Chasanim standen vor der helligen Lade und auch der „Rebbe", der sonst nur in den seltensten Fällen aus nach, nichts anders als Versuche einer wissenschaftlichen Begründung der Theorien der Reform/ und die Lehrbücher für Schule und Haus gaben naturgemäß die Resultate solcher auf Vorurteilen aufgebauten Geschichtssassung wieder. Erst zehn Jahre ist her, daß Herr Rabbiner Dr. Löwen st ein in Mosbach, selbst ein verdienter Geschichtsforscher, uns durch die Veröffentlichung seiner „Geschichte der Juden" zu großem Danke verpflichtete. Neben eigenen objektiven Forschungen zog er dabei auch die Aufklärungen über die talmudische Geschichte zu Rat, die sich in den kurz vorher erschienenen ersten Werken des großen Historikers Jsaac Halevy fanden. In der Zwischenzeit wurde uns auch der bedeutungsvolle dritte Band des „Dorot Harischonim" geschenkt, der uns zum ersten male die Geschichte während der Zeit des zweiten Tempels richtig verstehen lehrt. Wir erinnern nur an einige Leitsätze Halevys, daß die erste Ordnung unseres Mischnatextes, wenn wir sie spät ansetzen, auf die Männer der großen Versammlung zurückgeht, daß mit Uebernahme der Steuerpacht durch den ränkevollen Josef, Sohn des Tobias, sich ein jüdischer Geldadel bildet, der griechische. Sitte und Gegnerschaft gegen das Thoragesetz unter den Juden Palästinas verbreitete, daß wir in den Sadduzäern die Nachfahren der ehemaligen Hellenisten zu erkennen haben, die in der Zeit, die der Erhebung und den Siegen der Makkabäer folgt, sich des griechischen Anstrichs entäutzern mußten, daß seit dem babylonischen Exil Babylonien ununterbrochen die Stätte blühenden Thorastudtums war, von wo aus nach Zeiten der Not und Verfolgung Geistesgrößen nach Palästina heraufwanderten, um dem Thorawissen im heiligen Lande den alten Glanz zu sichern. Es wird bald unbestritten sein, daß die Schilderet der Zeit des zweiten Tempels vor Halevy nur einige, mehr oder weniger gesicherte Tatsachen lose aneinanderreihen konnten, daß aber von einer eigentlichen Geschichtsdarstellung nicht die Rede sein konnte. Halevy's Wunsch war es, daß seine Auffassung über diese wichtige Epoche unserer Geschichte möglichst bald Gemeingut werden sollte und daß möglichst bald die jüdische Schule und das jüdische Haus ein Lehrbuch besitzen sollten, welches durch richtige Darstellung unserer großen Vergangenheit auch dem einfachen Manne aus dem Volke ein Wegweiser sein sollte, der ihn von den Irrwegen fern halten sollte, auf welchen leider heute so viele Juden wandeln. Er richtete nun an den Rabbiner von Homburg, seinen treuen und aufopferungsvollen Freund Dr. Heimann Kottek, die dringende Bitte, ein solches Geschichtsbuch zu schreiben. Eine bessere Wahl hätte der große Mann nicht treffen können. Ein gerechtes, ruhiges feinem Beshamidrasch zu kommen pflegte, war in der großen Schul. Er trat, umgeben von den Greisen, vor das Oraunhakaudesch und verkündete, daß man für den Steg der ungarischen Waffen einen Fasttag abhalten müsse. Stach diesen Worten versammelten sich die ChassidlM in den 32 Szygeter Bethänsern. Ganz wie am Jom-Kippur. Im SargeneS, mit weißer Kapve, im TattS, ohne Schuhe standen sie vor Gott und beteten, und weinten und fasteten. Die ganze Stadt war wie ausgestorben. Eine feierliche Ruhe lag auf ihr wie am Jom-Kippur, wo jeder Verkehr und alles Leben still steht. In diese fürchterliche Grabesruhe hinein rollte der grimmig-himmlische Donner und brüllten die Kanonenrohre, die die Erde erschütterten. In den Gotteshäusern flackerten die langen Jom.Kippurlichter und aus den Synagogen drang der verzweifelte Schrei gepeinigter Seelen, die in Zerknirschung vor Gott in vieltausendjähriger Väterweise beteten . . . Den ganzen Vormittag' währte der Sturm; indetz man in den Synagogen mit tiefer Andacht das große Gebet verrichtete. Die ganze Stadt wurde vom helligen Eifer gepackt und das große, die Seele tief durchdringende eifrige Beten um den Sieg, die Befreiung beherrschte mit tiefer Macht alle. Bor dem Tempel stand eine große Menschenmenge, die daselbst das (lobe des heiligen Fasttages abwarlete. Gegen drei Uhr Nachmittags kam der Sekretär des Obergespanns, Alexander Kricsfolus, zur Synagoge und suchte den „Rebben". Dieser stand eben vor dem Oraunhakaudesch, um dort für die ganze Gemeinde die Widduj zu sagen. Sein Kopf war.auf ein Sefertauro gelehntdie Gemeinde stand gebückt und murmelte unter Tränen das SündenbekenntniS nach. Der Sekretär verständigte den „Rebben" vom großen Sieg, worauf dieser zu Boden siel und Minuten- und sachliches Urteil ist das erste Erfordernis für einen Darsteller der Geschichte. Wer Dr. Kottek näher kannte, weiß, daß wenigen es gegeben ist, allen Dingen und Menschen gegenüber einen solch hohen objektiven Standpunkt etnzunehmen, wie wir es oft an dem Verfasser des vorliegenden Geschichtsbuches bewunderten. Dazu kam eine hervorragende Pädagogische B 'gabung, die ihn in das Seelenleben seiner Schüler eindringen ließ und ihn Worte finden ließ, die ihres Eindrucks auf Geist und Gemüt des Zuhörers sicher waren. Bor allem aber hatte ein vieljähriger lebendiger Verkehr mit dem großen Meister der Geschichte, Halevy, ihn selbst zum Historiker gemacht und in ihm, wie in kaum einem anderen, das Verständnis für die Ansichten und Absichten des hochverehrten Führers wachgerusen. In den Hochschulen Babyloniens bestand die Einrichtung, daß die führenden großen Lehrer bet ihren Borträgen vor einer Versammlung von vielen Tausenden von Schülern einen Sprecher, Amora, neben sich hatten. Der Meister, der in diesem Zusammenhänge Tanna genannt wird, sagte mit leiser Stimme in kurzer Fassung seine Sätze dem Sprecher, Amora -' dieser wieder verständigte das ihm vom Tanna Mitgetetlte laut und dem Verständnis der Menge angepaßt den zahlreich Versammelten. Halevy's Werke sind für Gelehrte bestimmt, er ist ein Meister, der einen Amora neben sich haben muß, damit das große, sich für unsere Geschichte interessierende Publikum sein Wort verstehen kann. Auch wenn Halevy seine kritischen und streng wissenschaftlichen Untersuchungen uns im Gewände der deutschen Sprache geboten hätte, so würde die Zahl derer, die seinen Ausführungen leicht folgen können, nicht wesentlich größer sein, als jetzt, wo sein Vortrag sich der hebräischen Sprache bedient. Der große Meister muß einen verständnisvollen Sprecher neben sich haben. Der Mund dessen, der am besten geeignet war, getreu und leicht verständlilich des Meisters Lehren in die Welt hinaus zu rufen, ist leider seit zwei Jahren verstummt. Die letzte Zeit seines Lebens nutzte er, Halevy's Wunsch erfüllend, um ein fesselnd und klar geschriebenes Geschichtswerk zu vollenden, das in seinem ersten Drittel das Wichtigste aus den drei Bänden des Dorot Harischonim bietet ur.d dessen übrige Partien ebenfalls aus der Schule des Meisters hervorgegangen sind. Dr. Heimann Kottek, der im Leben Vorkämpfer und Herold Halevy's gewesen, ist so Über den Tod hinaus sein Amora, sein Sprecher, der Verkünder seiner Lehren geblieben. In Kottek's Werk besitzen wir nicht nurein vorzügliches Lehrbuch der Geschichte, sondern zugleich ein Erziehungsbuch ersten Ranges, das wahrheitsgetreu von den Lehrern der Thora und lang in tiefer Ergriffenheit betete. Dann stand er auf und winkte die Greife zu sich heran. Von diesen umgeben, verkündete er den Sieg. Die Chasanim stimmten Jubelpsalmen an und die ganze große Schul widerhallte von Lobgesang und Danklied. Die Schomosim zerstoben nach allen Windesrichtungen, um es den Betern aller zweiundzwanzig Synagogen zu künden, daß wir mit Gottes Hilfe siegten. Die Freude in diesen Kreisen war unbeschreiblich. ML » Inzwischen wurde der Himmel klarer. In wunderschöner Herrlichkeit strahlte der milde Mond. Der „Rebbe" ließ den jungen Rabbiner der Sfardimgemeinde, Dr. Samuel Danzig, mit dem er selten verkehrte, wissen, daß er ihm begegnen wolle. Auf dem Hauptplatz trafen die zwei Rabbiner zusammen. Dort war die ganze Stadt versammelt. Unter freiem Himmel wurde extempore ein Dankgottesdienst absolviert. Dr. Danzig hielt eine zündende ungarische Rede. Die Leute weinten vor Freude. Erst später dachte man daran, daß es Zeit zum Anbeißen sei. Das fromme Marmarosszigeter Volk — so schließt die Schilderung — ist fest davon überzeugt, daß der Sieg dem Fasten und Beten zu verdanken sei. Z. B. A. Galizien in Karlsbad. In der letzten Nummer des „März" schreibt Stefan Großmann Über die galizifchen Flüchtlinge in Karlsbad u. a.r Die ersten, wohlhabenderen Flüchtlinge wurden, da die Hotels leer stehen, mit verdoppelter Wirtsfreundlichkeit empfangen. Dann aber tarnen Arme! Unter diesen Armen sind Leute, di^ gestern noch reich waren, Leute, die so schnell flüchten mußten, daß sie ihr Hab und Gut nicht sichern, geschweige den'