Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1915-01-07 · Heft 2 (7.1.1915) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 2 (7.1.1915)
Date
1915-01-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-2448506-2448509--67255-2488123
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

Der Israeli Ein Centralorgan ffir das orthodoxe Judentum Begründe! oon Dr. Lehmann in Mainz W> 36. Jahrgang- Sranltfurf a- M-, den-M 2. «itfiraemnti pro Vierteljahr: Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50, HeftauSgabe (Kunstdruck) Mk. 8,—. Auslandspreise: Gewöhnlich» Ausgabe; vesterreich-Uaaarn s Kr., Rußland l «ad., England 8 gl. Amerika BO ets.^ Niederlande 1.10 fl., Frankreich Fn. 1.50. Abonnements bei allen Vvstanstalten, Buchhandlungen, sowie dir» :■ bei dem Wetlaa. HestanSaabe tntr direkt. Der JSraelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate: 30 Pfennig für die sechsgespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jvseratenannabme durch den Verlag deS JSraelit G. m. b. H.» Frankfurt a.M., Gr. Eschenheimerftr. 23 Del.88LS.Amt Hansa, sowie sämtl. Annoncen-Exped. deS In- und Auslands. Platzvorschrtften ohne UerbmdltchKett. Zahlungen können außer direkt an dm Verlag erfolgm per Conto ftef der ft. St. Uostsparkaste »len ft«. 798*5. Conto M dem «. Gostsparkaffenantt Bndapest **.18414. Lonlo Sek der VNgaer Conunerzdanf in *iga and denn Filialen. Der RacfidriKft Ser Artikel un9 Carrefponöenjen 9es „Israelit“ itf nur unter genauer Quellenangabe, un9, soweit es sick um größere Quffäbe hanöelt, nur nach vorheriger Genehmigung geftattet- ItthaltsSvrvstcht 1. Leitartikel: Kusitsche Greuel. 2. Aufsätze: Tanna und Amora. — Die Flucht aus Galftirn. — 3. Vermißte jüdische Familien. — 4. Kleines Feuilleton: Ein „erfastrter" Sieg. — Galirler in Karlsbad. — Das Gebetbuch. — Deutsche Orient-Gesellschaft. — Jüdische Ehrentafel, — Mögen Dovidstern mit Kaiserbild. — 5. Korrespondenzen und Nachrichten: Posen (Rabbinerversammlung.) — Hannover (Gefangenenfürsorge.) — Basel (Die Hilfsaktion für Palästina in der Schweiz.) — Petersburg (Neues aus „Pe trograd".) —Aus denGemeinden: Budapest, Budapest, Stein am Anger, S. A. Uybely, Komotau, Wien, Hatszep. — New-Iork (Ein antisemitischer Justizmord in Amerikas — New-Iork (Sie danken.) — 6. P e r s o - nalien: Emden. — Posen. — Treysa. — Ems. — Bad Ems. — Kühlsheim. — Frankenberg. — Bonn. — Baden. — 7. Vermischtes: Berlin. — Mainz. — Köln. — Graudenz. — München. — Sobernheim. — 8. Briefkasten. - Familien - Nachrichten. ---- 9. Beilagen: Feuilleton-Beilage: Dir Meuterei in dem Gefaugeuen- Kager. — Erziehung und Lehre: Dir materielle Lage der jüdischen Keligionslehrer. — Hauptlehrer B. Wolff- Aurich: Aus der Praxis. — Aschenbrödel. Russische Greuel. Offener Brief an The „American Hebrew" New-Aork. Ich bekomme ins Feld, wo ich als Rabbiner für die jüdischen Soldaten einer deutschen Armee tätig bin, die Nachricht zugesandt, daß in Ihrem Blatt eine Notiz gestanden habe, die die bekannten Laten der Russen in Radom, über die s. Z. das „Berliner Tageblatt" berichtet hat, in ihrer elementaren Wucht abzuschwächen und die Schuld von den Urhebern abzulenken sucht. Ich bin der eigentliche Autor jenes Berichtes, habe also an seinem Inhalt und Schicksal alles Interesse und erlaube mir daher, Ihnen hiermit feierlich und mit dem ganzen Ernst unserer blutigen Zeit zu . iederholen: Es ist leider buchstäblich wahr! Die Russen haben in Radom drei unschuldige Juden ohne Gericht und ohne Urteil aufgehängt, darunter einen Mann,-den Sohn des in ganz Polen berühmten Alexcmdrower Rebbe, der von der ganzen Gemeinde wie ein Heiliger verehrt wurde, der seine Tage, hinter dem Talmuld sitzend und seinen frommen Gedanken nachgrübelnd, in bescheidener Zurückhaltung und Selbstvertiefung verbrachte und sich nicht kümmerte um die Händel dieser Welt. Ich selbst habe Gelegenheit gehabt, eine der unglücklichen Witwen in Radom . zu sprechen. Versteinert und starr in ihrem Schmerz saß sie vor mirmit einer Ruhe, die mir das Herz ergriff, nahm sie ihr grausiges Geschick als eine Fügung Gottes hin, und, wenn das zerriffene Herz aufschreien wollte vor wahnsinnigen Weh, lehrte sie ihr frommer Sinn, in Gottes Namen zu dulden und sich seinem Willen zu fügen. Und mit einem nervösen Zucken um den Mund erzählte sie mir mit gedämpfter Stimme von dem namenlosen Unglück, das sie getroffen, und den Männern, die durch Henkershand gefallen: „Mein Schwager-der Sohn des Alexandrower Rebbe-war ein edler Mensch, eine stille Natur, ein göttlicher Mann: Warum man sie hängte?-- — Fragen Sie den polnischen Denunzianten, der diesen dreifachen Mord auf dem Gewiffen hat." Ueberhaupt das Herz krampst sich mir zusammen, wenn ich hier in Polen sehe und höre, welch entsetzliche Gewalttaten an den Juden im Laufe dieses Krieges von den Russen verübt worden sind und tagtäglich verübt werden. Die Pogrome früherer Zeiten sind ein Nichts gegen die rasende Vernichtung jüdischer Häuser und jüdischen Lebens, die mit dem russischen Heere sich durch ganz Polen wälzt, mit ihm vorwärts mit ihm rückwärts geht und es begleitet wie ein drohender Schatten. In mehr als 215 Ortschaften wurde bisher pogromiert, und es ist kein Ende dieses Schreckens abzusehen. Ich will ab r ins Einzelne gehen und Ihnen Tatsachen berichten, nackte Tatsachen, deren Wucht sich niemand wird verschließen können, die sich durch keinerlei Schönfärberei aus der Welt schaffen laffen. In Staschew wurden am Jaum Kippur 11 Juden in Tallis und Kittel in der Synagoge aufgehängt. In Klodowa wurden zwei der angesehensten Juden an einem Freitag Abend, als die Juden aus der Synagoge kamen, am Balkon des eigenen Hauses aufgeknüpft, nachdem die Frau des einen Tlber die Stricke hatte herbeiholen müssen. 24 Stunden mußten die Leichen hängen bleiben, und!)ie Juden der Nachbarschaft durften die Fensterläden nicht schließen, damit sie sich nicht dem entsetzlichen Anblick entzögen. Auf die Brust )atte may den Getöteten einen Zettel mit der Aufschrift geheftet: Gehängt weil sie ein Dreirubelstück nicht wechseln wollten. In Lenczyca war eine Bürgerwehr eingerichtet, in der 70°/° Juden organisiert waren. Als das russische Militär nach L. kam, wurden sämtliche Juden sofort aus der Miliz entfernt, und in derselben Nacht haben Kosaken geplündert und mißhandelt — nur in jüdischen Häusern. In Schidlowice haben sich jüdische Mädchen in den Pilizer Teich geworfen, weil sie geschändet worden waren und diese Schmach nicht durchs Leben tragen wollten. In Ostrowice forderten die Kosaken die Auslieferung des Rabbiners Zaddik Kaltcher, der gehängt werden sollte, weil er angeblich die Oesterreicher begünstigt hatte. In Wirklichkeit war er mit den polnischen Geistlichen den österreichischen und deutschen Truppen, so wie früher den russischen, entgegengegangen und hatte um schonende Behandlung der Einwohner gebeten. Da der Rabbiner sich versteckt hielt, warteten die Kosaken den herannahenden Jaum Kippur ab und umzingelten die Synagoge, um dort den Rabbiner gefangen zu nehmen. Als sie im Begriff waren, in das Bethaus einzudringen, zogen die Deutschen in O. ein, und die Kosaken flüchteten, nachdem sie vorher Haus und Hof des Rabbiners zerstört hatten. Am 4. Dezember, während des Freitag- Abend-Gottesdienstes, kam in Petrikau der Gouverneur mit Polizisten in die Synagoge, ließ sämtliche Thorarollen aus der heiligen Lade entfernen und diese nach einem geheimen Telephon durchsuchen, das die Juden dort untergebracht hätten. In Glescew wurden 150 Juden als Spione verhaftet und nach Warschau geschleppt. AusZyrardow,Pruschkow,Bialobrzeg, Jwangorod, Grodzisk, Skiernewice und vielen anderen Orten wurden sämtliche Juden fortgejagt. In Skiernewice traf sie der Ausweisungsbefehl am Freitag Abend, als sie gerade die Sabbatlichter angezündet hatten. Und so gingen die 1000 Skiernewicer Juden aus ihren Häusern, ließen Licht und Sabbatbrod zurück und zogen, der Rabbiner an ihrer Spitze, hinaus ins Dunkle der Nacht. Die Grodzisker Juden wollten sich nach Warschau wenden und baten durch eine Deputation um Erlaubnis. . Der General hieß sie nach dem linken Weichselufer gehen, und da sie ihm antworteten, das wäre dasselbe, wie in die Weichsel gehen, meinte er zynisch: das wäre das allerbeste. In Lowyz wurden zwei junge Juden, Sandberg und Fränkel aus Zgterz, wegen angeblicher i -V I •'t? > ■■; )■ >'!!> ■ ■ r-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.