Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Der JSraeltt. tzette 4 No. 1 zu bringen. Hoffentlich wird auch die vielfach geäußerte Befürchtung, daß die Hilfsquellen unserer amerikanischen Glaubensbrüdern früher oder später versiegen könnten, sich als trügerisch erweisen. Indessen dürfen wir uns in diesen Tagen der allgemeinen Verzweiflung, der Not und des Elends, nicht verhehlen, daß es in Jerusalem und in den übrigen Zentren von Palästina noch sehr viele ansehnliche Bevölkerungsschichten gibt, die von diesen Hilfsmitteln noch gar nicht berührt wurden und die um so mehr zu bedauern sind, als ihr Hilferuf gar nicht gehört wird, nicht gehört werden kann. Die Krtegsnot hat ja auch die Wohlhabenden und Bessersituierten, die in normalen Zeiten selbst viel Zodokoh geübt, zu Bettlern gemacht. Hunderte, ja Tausende notleidende Familien aus den Intelligenteren Bevölkerungskreisen, die lieber hungern, als daß sie sich zu den Notküchen drängen, befinden sich in einer Notlage, die sich überhaupt nicht in Worten schildern läßt. Insbesondere sind eSdte Ta lmtde Chachom im, dieJeschiwoth und die Lehrer der städtischen Talmudthorasch ulen, die von der (Lchreckensnot hart betroffen find. Diese im höchsten Maße hilfsbedürftigen Kreise, die auch eine Anzahl Handwerker, Krämer und kleine Gewerbetreibende in sich schließen, genießen nicht von den Wohltaten -es vereinigten Amertcan-Jewtsh und Ztomsten- Comttes. Aus Amerika wurde zwar auch für Schulen Geld geschickt, aber die Ta lmud Thoraschulen, die in Jerusalem allein 12-1500 Kindern jüdische Erziehung und Thoralernen vermitteln, fanden noch keinen Retter tn ihrer Not. Ein amerikanisches Blatt nannte die gegenwärtige Notlage eine „dritte Zerstörung Jerusalems." Es wäre tatsächlich eme ungeheure religiös-sittliche Verwüstung, wenn diese thoratreuen Volksschulen geschlossen werden müßten. Aber auch von wirtschaftlichem Gesichtspunkte wäre es zu beklagen, wenn zum Beispiel 100 Familien, deren Ernährer als Kmderlehrer ein kärgliches Gehalt beziehen, mit einem Male brotlos gemacht würden. Die Jeschiwahleute, die Beamten verschiedener Anstalten, die seit 5 Monaten ihre kärglichen Gehälter nicht erhielten, jüngere und ältere Thoragelehrte mit ihren Familien hungern und darben in schreckenerregender Weise. Es sind schon verschiedene tragische Fälle vorgekommen, die man nicht auszusprechen wagt und die man sich nur heimlich zuflüstert; Hier tut rasche Hilfe not! Es handelt sich um nicht weniger als um den Ruin von Lehrstätten, in denen seit Jahrzehnten viele hunderte jüdische Kinder Thora gelernt und die eine Reihe von Gelehrten und Männer von Bildung und Talent dem alten und neuen JVschnn., ja auch für viele Gemeinden des Auslandes geschenkt. Es handelt sich buchstäblich um das Leben zahlreicher Familien, die durch diesen Zusammenbruch geistiger Güter vom Hungertode bedroht sind. Mit Zittern und Zagen flüstert man sich die bange Frage zu: Werden die Thorastätten von Jerusalem und der übrigen Zentren des heiligen Landes, die trotz des materiellen Tiefstandes, der in diesen frommen Hütten herrschte, für Thora und thoratreuen Lebenswandel für Generationen hinaus eine fruchtbringende Tätigkeit entfalteten, diesen Weltkrieg überdauern? Oder wird das alte Wort von der Thora, die von Zion ausgehen soll, in verkehrtem Sinne Anwendung finden, wenn es V'n heißen könnte: min Kxn ms» die Thora zieht aus von Zion, weil ihre Verehrer und Freunde es versäumten, in schwerer Stunde ihren Jüngern Rettung und Hilfe zu verschaffen und die Lehrstätten vor Untergang zu schützen. Es verdient hier erwähnt zu werden, daß die Ez-Chajim-Schule beim Palästinaamt in Jaffa, welches mit den Getreidevorrären seiner Farmen tn vielen Fällen sich gut bewährte, 50 Kantar Weizen im Werte von mehreren Tausend Francs zu mäßigem Presse angeschafft hat für Rechnung des rühmltchst bekannten Wohltäters L. Sluzkin in Rechowoth. Auch die Kolonie Ekron verkaufte 100 Kantar vorjährigen Weizen für Rechnung des Herrn Sluzttn. Von der Größe und Beliebtheit dieser Zedokoh kann man eine Vorstellung gewinnen, wenn man bedenkt, daß sich trotz der allgemeinen Notlage 10 Thorafreunde tn Jerusalem selbst spontan sich gemeldet, daß sie für je einen Lehrer die Bezahlung des Gehaltes für sechs Monate übernehmen wollen, rin* npttD IdW TOlp Unter den gegenwär- 1. Januar 1915 tigen Verhältnissen kann diese einzigartige rührende Tat nicht hoch genug eingeschätzt und bewertet werden. Sollte diese herrliche Leistung der thoratreueu Freunde von Jeruscholajim nicht auch für unsere wohlhabenden gleichgesinnten west-europäischen Brüder beispielgebend und vorbildlich wirken?! Die thoratreuen Kreise, die auch sonst auf diesen Gebieten der alten angestammten jüdischen Zedakah sich betätigten, an ihrer Spitze die haben die Pflicht in dieser schicksalschweren Zeit mit doppelter Energie das Rettungswerk in ihre starke Hand zu nehmen und auf diese Weise die mit lobenswertem Eifer in Amerika begonnene, auf mannigfachen Gebieten heilsam wirkende, großzügige Aktion, nach Kräften zu unterstützen, zu ergänzen. Möge man mit dieser Unterstützung nicht säumen, möge man Hilfe schicken, bevor es zu spät wird! Anmerkung der Redaktion: Wir möchten anregen, daß, nach dem Borbilde der Jernsalemer Zehn, hochherzige Gesinnnngsgenossen in Europa die Honorierung je eines Jerusalemer Talmnd-Thora-Lehrers für 6 Monate mit Mk. 40.— bezw. eines Thoragelehrten mit Mk. 20 — monatlich übernehmen. Wer m e l d e t sich? Vermißte Wische Familien. XIll. Es sucht: Rabbiner Nechemje Mohr von Przemysl, Preßburg (Ung.), Bartelek utca 47. Rabbinerin Rechel Mohr geb. Horowttz von Przemysl, Preßburg (Ung.), Patelek utca 47. Rabbiner Israel Friedman«, Buhusi (Rumä- Agudas Jisroel Bureau, Frankfurt a. M., Zeit 85. Es werden gesucht: Berl Mohr von Gliniany (Galizien) und Gttl. Redlich geb. Mohr, Raiva-RuSka (Galizien). Rabbiner Aron Horo- Witz von Bietz (Galtz.). Die Kinder des Rabbiners David Aron Twersky in Charko (Ruff. Pol.) Reisele nebst Gemahl Chawele, Abraham Jizchok, Schalomund «scheinka, zuletzt in Kowel (Rußland). Meldungen nimmt auch die Expedition des „Israelit" entgegen. Akademiker, Juristen, Philologen, Ingenieure rc., versicherten mir, daß fast alle Internierten Deutsch verstünden, wenn ich nur langsam sprechen würde, so könnten sie alle folgen. Als ich in Begleitung des Borstandes und des dort amtierenden Lehrers und Cantors dort ankam, waren die Gefangenen in einem großen Raum, der in Friedenszeilen als Borratsraum dient, versammelt. Ein Camor aus ihrer Mitte trug mit Andacht und Verständnis das Schacharis-Gebet vor und nach der Schemonei esrei bestieg ich eine Anhöhe und sprach zu ihnen in der Form einer Droscho, denn eine homiletisch geordnete Predigt hätte ihren Zweck verfehlt. Ich mutz es mir natürlich versagen, auch nur einen Auszug der Predigt wiederzugeben, aber verschweigen wiü ich nicht, daß eine solche Ansprache zu 'Glaubensbrüdern, die als Feinde unseres Vaterlandes gefangen genommen wurden, nicht sehr leicht ist. Das Gefühl des besiegten Feindes mußte geschont werden, aber mein patriotisches Gefühl für die Siege unserer herrlichen Armee durfte damit nicht in Kollision kommen. Ich verglich den heutigen Krieg mit den 'verschiedenen Kämpfen, die unser Patriarch Jakob, dessen Lebensbild uns an den verschiedenen Sabbathen erzählt wird. Hier benutzte ich allerdings die Gelegenheit, auf die Pogrome, die diese tapferen Verteidiger Ihres Sttesoaterlandes zum Teil selbst milerlebt hatten, htnzuweisen, wo der Staub, d. h. das Blut der un- Wutdig Htngeschlachteten bis zum Throne des höchsten Richters emporstieg. Ich mußte »hnen auch die Erstürmung der Festung PrzemySl schildern, wo v o r ihnen die Verteidiger der Festung (die Oesterreicher), hinter ihnen aber der eigent- Uche Feind, ihre eigenen russisch«» Kameraden mit Maschinengewehren die Polen und Juden in den sicheren Tod getrieben. Daß ich verstanden wurde, konnte ich an den Tränen erkennen, die rings umher stoffen, aber diese Tränen erhielten lauten Ausdruck bei dem Schlußgebet. Ich hielt nunmehr den Gottesdienst für beendet, aber der Gipfelpunkt der Begeisterung kam am Schlüsse — ohne mein Zutun. Ein Rechtsanwalt aus der Mitte der Gefangenen bat um die Erlaubnis, die Predigt in russische Sprache übersetzen zu dürfen. Ich gab etwas zaghaft meine Einwilligung, da ich die Uebersetzung mit Ausnahme der hebräischen Zitate, die ich gebraucht, nicht kannte. Als aber ein zweiter Redner die Predigt im klassischen Hebräisch wiedergab, da war meine Sorge geschwunden, daß die Redner etwa beabsichtigen würden, eine feindliche Stimmung zu erzeugen. Eine dritte Uebertragung erfolgte im Jargon. Man muß diese Rührung, dieses herzbrechende Schluchzen von 700 zum Teil älteren Männern gesehen und gehört haben, um mit diesen Unglücklichen zu fühlen, wie bang sie, nicht sowohl für sich, sondern für ihre Angehörigen in die Zukunft schauen und darum konnte ich es begreifen, daß in all den Uebertragungen zum Teil auch zionisttsche Prinzipien und Hoffnungen zum Ausdruck kommen. Ich hatte wahrlich nicht den Mut mit diesen Hoffnungslosen zu polemisieren. Der 2 % ständige Gottesdienst endete mit dem Absingen der Hatikwah. Zu gleicher Zeit eelebrterte in einem Nebenraum ein russischer Pope eine Meffe für die Christen (griechisch-katholisch) und in zwei anderen Räumen fand je ein Gottesdienst für Römischkatholische und für Protestanten durch die Geistlichen der betr. Konfession statt. Damit ist vorläufig meine direkte Tätigkeit für die Gefangenen beendet. Im Lager ist leider durch neuen Zuzug die Cholera ausgebrochen und der Platz für sämtttche Zivilisten gesperrt. Ich mutz mich damit begnügen, meine Schutzbefohlenen mit der so sehnlichst verlangten Lektüre zu versorgen. Auch das ist charakteristisch, daß diese Männer nicht über leibliche Mängel klagen, sondern daß sie alle nur Ritualien (Ztzis-Tesillin, Talestm und besonders hebräische und rabbinische Werke) wünschen. Zwei Kisten voll Bücher konnte ich bereits absenden, eine dritte wird folgen, doch kann aus hygienischen Gründen eine Rückgabe nicht erfolgen. (Politik und Humanität.) Wie der „Berliner Lokalanzeiger von zuverlässiger Sette erfährt, ist die „Nowoje Wremja" seit zwei Jahren im Besitze eines Konsortiums, dem auch die Londoner „Times" gehören. Im Herbst 1913 wurde in Petersburg eine Aktiengesellschaft zur Uebernahme der „Nowoje Wremja" gegründet, und die Anteile dieses Unternehmens sind alle von der „Times" - Gruppe übernommen worden. Die außerordentlich intereffante Tatsache, die bisher unbekannt war, wird dem „Lokalanzeiger" von einem Fabrikanten bestätigt, deffen Forderungen an die „Nowo'e Wremja" durch die „Times" bezahlt worden sind. Das Blatt, das zu allen Pogromen gehetzt hat, gehört somit Engländern.