Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 1 Der Israelit. 1. Januar 1915 Es liegen in -Leser Hinsicht eine ganze Reihe von Presseäußerungen vor, von denen wir hier nur zwei auszugsweise wiedergeben wollen. Die römische „Tribuna" bringt aus der Feder von Gastone Chieff einen längeren Aussatz über die „Au kn ft Palästinas" in seiner Bedeutung als wirtschaftliches Hinterland Aegyptens und als politischer Pufferstaat. Er sagt weiter: „Die Juden bilden noch heute einen bedeutenden Teil der Bevölkerung Palästinas und diejenigen Juden, die dort nie gewohnt haben und seit zweitausend Jahren gezwungen sind, zerstreut in aller Welt zu leben, haben mit seltener Zähigkeit die Hoffnung und den Wunsch immer genährt, eines Tages die alte Heimat wieder aufgerichtet zu sehen, wieder in das gelobte Land — wie einst nach dem ersten Exil — zurückkehren zu können. Unter den verschiedenen Raffen, die sich in Palästina gefolgt und vermengt haben, behält die jüdische mehr als alle andern die alle Reinheit, während sie durch natürliche Raffenanlage, durch Bildung und religiösen Einfluß die geeigneteste ist, das Land zu regieren. Warum nicht das Experiment der Rekonstitution eines jüdischen Palästina versuchen, wie man das Experiment eines orthodox-katholifch-islamischen Albanien versucht hat? Warum sollte man nicht den Juden ein wenig von jener Gerechtigkeit widerfahren lassen, die einerseits der Zar und anderseits der Kaiser Wilhelm den Polen — nach Beendigung des Krieges — versprochen? Palästina kann leicht in einem relativ kurzen Zeitlauf weitere drei Millionen Juden aufnehmen und die Tatsache dieser bedeutenden Emigration würde den Ernst des jüdischen Problems, wie es sich in Rußland und Galizien darbietet, bedeutend verringern. Es ist unmöglich von Palästina zu sprechen, ohne daß der Gedanke vor die Frage der sogenannten Stätte, woher die jetzige christliche Zivilisation ihren Ursprung hergeleitet und an die eine so lange mystische Tradition unser Herz kettet, gestellt wird. Viele fragen sich, ob es möglich sei, den Schutz der heiligen Stätten der Toleranz nnü dem Respekt der jüdischen Autorität und dem rekonstituierten jüdischen Volke anzuvertrauen; wenn man aber bedenkt, daß dieselben heiligen Stätten während Hunderten von Jahren von den islamitischen Autoritäten bewacht wurden und daß im großen Ganzen sich die christliche Welt nicht zu beklagen hatte — außer mancher vorübergehenden Periode der Intoleranz - so gibts keinen Grund anzunehmen, die Juden würden sich nicht ebenso gut, wenn nicht besser als die Türkei, benehmen. Außerdem wäre es leicht die Interessen der christlichen Welt mit solchen Vereinbarungen zu schützen, die jeden Zweifel ausschließen könnten. Es ist vielleicht vorzuziehen, das? Jerusalem und die anderen heiligen Stätten von Nicht - Christen bewacht würden als von der oder jener christlichen Sekte. Die gegenseitige Intoleranz, die die Christen der verschiedenen Konfessionen immer an den Tag legten, könnte durch die Festsetzung und durch den überwiegenden Einfluß einer Konfession noch verschärft werden. Welch besseres Mittel sich die unbeschränkte Unterstützung dieses nützlichen Elemenrs zu gewinnen als schon jetzt die Frage der Zukunft Palästinas aufs Tapet zu bringen und sie von Grund aus zu studieren im Einvernehmen mit denjenigen, die wir als die am meisten an der Sache Interessierten erachten müssen?" Es ist nun zweifellos, daß der Gedanke eines jüdischen Palästina gegenwärtig in ganz bewußter Weise von englischer Seite zu durchsichtigen politischen Zwecken in die Diskussion geworfen wird. Man will dadurch vor allem die Sympathien der amerikanischen Juden erringen, die, nachdem man ihre gesunde Abneigung gegen die russische Barbarei nicht aus der Welt schaffen kann, auf diese nicht ungeschickte Weise an den Triumphwagen der den Judenstaat schaffenden englischen Politik gespannt werden sollen. Wer die englische Politik kennt, weiß nun allerdings, was er von solchen Vorspiegelungen zu halten hat. Vor allem aber muß darauf hingewiesen werden, daß eine mit gewissen Garantien umgebene jüdische Massensiedlnng in Palästina (das Wort Maffensiedlung relativ genommen) jedenfalls weit mehr Aussicht im Rahmen einer siegreichen und modernisierten Türkei hat, denn als Satrapie der englisch-französischen Jnteressenpoltttk. Wir haben uns gefreut, diesem Gedanken, der uns deutschen Juden besonders sympathisch sein muß, auch in einer amerikanischen Wochenschrift, „Harper’s Weekly“, zu begegnen. Es heißt dort: „Ueber die Befreiung der Juden in Rußland und Rurnänien ist öffentlich so oft debattiert worden, daß dieses Problem, soweit es diese beiden Länder betrifft, bereits allgemein verständlich ist. Hinsichtlich Palästinas bedarf es aber noch einer Erörterung. Kleinasien ist berufen, in der Weltgeschichte der Zukunft eine ganz bedeutende Rolle zu spielen. Kleinasien ist es, wo Orient und Okzident ineinander übergehen, wo die Verschmelzung der beiderseitigen Gegensätze und Antipathien erfolgen sollen. Hier wie dort bedarf es eines Dolmetschers und dann könnte die ganze Welt Vorteil ans dem reichen Ertrage ziehen, den beide Teile bringen. Soll die Zukunft in ungestörtem Frieden vorwärts schreiten, ist ein gegenseitiges Verstehen vori Ost und West eine unbedingte Notwendigkeit. Der Jude ist der natürliche Ueberlieferer des Ostens nach dem Westen und umgekehrt. Er versteht die Sprache des Muselmannes, dieser versteht ihn. Eine größere Ansiedlung von Juden in Palästina, eine öffentlich anerkannte, gesetzlich gesicherte Heimat, wäre nicht nur die Erfüllung der sehnsüchtigsten Wünsche vieler, das Ideal der Zionisten, sondern es wäre damit eine Brücke geschlagen zwischen dem muselmännischen Osten und der Zivilisation des Westens. Das ottomanische Reich braucht gerade die Kräfte, die eine Ansiedlung der Inden in Palästina hervorbringen kann — ökonomische Entwicklung durch ein arbeitsames und talentiertes Volk, das in den modernen Wissenschaften hervorragend ausgebildet und bestrebt ist, Angehörige seines Staates zu werden." Was von dicftn Müleiinäumen reisen wird — wer weiß es? Uns s-Kße es jedenfalls heiligste'Pflicht sein, mitten in d m atemlosen Ringen um den S'eq der deutschen unö ö fl enü ch i sch - un garischen Waffen gegen Barbarei rvid Materialismus, des Loses der Brüder nicht zu vergessen, deren Schicksal zu allen Zeiten der Gindm sser für die sittliche Höhe der Menschheilskultur gebildet hat. Kleines Feuilleton. Chanukka im Schützengraben. Der dritte Zug rückt aus den Unterstünden auf Feldwache, durch die Laufgräben durch gehts, die eine Länge von 250 Km. einnehmen; man schlängelt sich durch wie „der Seneschall vulgo Synagogendiener", der mit der Büchse herumgeht. Ab und zu tritt man aut' Aeste, die hineingeworfen sind, um vor völligem Versinken im Schlamm zu bewahren, dann wieder ragt ein von einem Verhau losgegangenes Drahtende gerade hervor, wo es nicht zu gebrauchen ist; bis man sich losgcarbeitet hat, ist der Vordermann schon um die Ecke, wo sich der Weg natürlich gabelt, sodaß man sich vorkommt wie ein Einwohner Ninivehs im 3. Kapitel Jona. Muß reizend sein, den Weg etwa in einer Rosch-Chodesch-Nacht bei bedecktem Himmel und Alarm machen zu müssen. O Jchuda Makkabbi, Du Gotteserleuchter! Wozu hat der deutsche Infanterist die Füße? Diese scheinbar kindische Frage bildet da ein Problem, fast: möchte ich sagen ein Thema pro ckisZerlatione. Man sitzt ja, Rücken- und Kopfmehe sind da, vor unserm beschränkten Horizont liegt Wald, audstrecken kann man sich nicht, der letzte Rest angeborener Reinlichkeit sträubt sich gegen das Eintauchen in den Schlamm. Lieber Himmel, solange ein königlicher Mchafienstiefel einschließlich Inhalt noch nicht aus Gta8 oder dergl. ist, braucht er doch nicht getauwelt zu werden k - Langsam schleicht der Tag dahin. Um' -2 Uhr ivagen sich hungerige Gemüter mit Kochgeschirren bewaffnet hinter die Front, um Futter zu holen. Justament, als ich nicht weiß, wie ich das meinige bewahren kann — hat nicht jeder mehr eins und es herrscht starke Nachfrage danach, denn es lüstet meinen Tornister, oro- und hydrographische Patrouillenfahrten zu machen. Ich erwische ihn als triefendes feldgraues Etwas noch am äußersten Riemenende, sonst wäre er ins Bodenlose gefallen. Um 4 Uhr kommen die reisigen Mannen zurück. Sie haben ausgiebig Futter erwischt, doch kann ich bei meinem trockenen „Mauzi" eine leichte Schadenfreude nicht unterdrücken, als sich herausstellt, daß der Reis angebrannt ist. D e ctatsmäßigen 4 Zigarren pro Mann werden verteilt, und alsbald angeraucht. Solange die brenrien, wagt sich kein Feind heran. Aber was hält man nicht alles aus ... 5 Uhr. Drunten im Tale mags schon dunkel sein. Hier oben, aus dem „Har Ebal" überstiegen erst die ersten Dämmerungsschatten die Gegend. Und da es gleich ist, ob die Beine im Sitzen oder Stehen verschlammen, da außerdem, die Beobachtung für die nächste Stunde an mir ist, erhebe ich mich so energisch, wie das durch Sitzen in der durch Baumstämme und nasse Erde gebildeten Rückenwandnische 8-förmig gekrümmte Rückgrat zuläßt. Das G.wehr draußen rostet langsam im tröpfelnden Naß von oben — soll Schnee sein —, unmerklich verdunkelt sich die Landschaft, plötzlich ein Windstoß, daß sich die kümmerlichen Reste von Gehölz jammernd zur Seite ducken, klar wird der Himmel und nun steht oben das Firmament in einer Intensität, wie sie nur auf Bergen zu schauen ist. Und in das Rauschen der Aeste kommt Rhytmus, die seltsamen Töne, die man in jeder Nacht, besonders in solcher aber, hört oder zu hören vermeint, das Rascheln der Eeldmäuse oberhalb der Decke, die Atemzüge der ameraden, das Schwirren der Blätter, die ganze Geistige Kriegssürsorge. (Fortsetzung.) Heft 10 des „Jeschurun" bringt an leitender Stelle einen Artikel des Heraüsgebers über den „Krieg und die Moral". Der Verfasser bekämsts't die Annahme, daß das Moralische sich von selbst verstehe, als eine der Sache der Moral sehr schädliche Lehre. Alles Elend und aller Jammer des Krieges zerreißt unser Herz nicht so sehr, <Ls die vom Krieg gezeitigte Tatsache vorn Versagen der jahrtausendelangen Vcrsittlicbungsarbeit an dem Menschen, die Aufhebung aller Gebote der Moral, wie sie der im Kriege geübte Massenmord bedeutet. Und doch verurteilt die Quelle aller Moral, die Bibel, nicht den Krieg ohne weiteres als unsittlich. Der Weltfrieden ist keine sittliche Forderung, sondern die lebte Hoffnung. Auch kann Verletzung des Völkerrechtes nicht gar zu schwer wiegen, im Augenbntfe, wo Lebensinteressen der Völker auf dem Spiele stehen. Verbrecherisch und unsittlich im Kriege ist nur all das, was über den Zweck der Selbstverteidigung hinausgeht. Das wird im Artikel an vielen biblischen Belegen aus den alten Völkerkriegen und aus der Art, wie sie die Propheten beurteilten, bewiesen. Am widerwärtigsten erscheint' aber im Kriege die Heuchelei, ime sie sich am krassesten in der „sittlichen" Entrüstung über die Beschießung der Kathedrale in Reims zeigte. Ter Sturm, der sich darüber in den neutralen Ländern erhoben hat, \ti noä) weniger zu begreifen und zu rechtfertigen als der in den feindlichen Ländern, wo der Haß oas Auge blendet und den Blick trübt. Man sicht aus all dem: das Moralische versteht sich nicht von selbst. Die nationale Erhebung in Deutschland wäre nicht möglich wenn sie nicht an ethischen Besitzstand hätte anknüpfen können, wcnn das Volk nicht in seinem innersten Kern gesund wäre. Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und vor allem Wahrheit, dieses Siegel Gottes, d. h. die Wurzel aller Tugenden, es sind die Grundzüge des deutschen Charakters. Hauptsache ist aber, daß w>'r uns immer und immer wieder vor Augen halten, das; es ununterbrochener Arbeit bedarf, um dem Sittengesetze die allbeherrschende Macht zu verleihen. Es muß eine der Erkenntnisse des Krieges sein, daß das Moralische sich nicht von selbst versteht. Das Heft enthält außerdem Beiträge von Q. Wolf s b e r g („Zur Deszendenztheorie"), L. R o s e n t h a l' („Die biblische Vorschrift über Militä'.pslicht und Kriegsführnng") und Dr. I. BL a ch t („Zur Erkennung von Gelatine" sGallertel in süßem und gefrorenem Rahm"). Nicht minder beachtenswert sind die zwei Kricgsartikel im N o v e mb er h e f t des „Jefchusonstige feierliche Stille aber, sie formen sich nur zum zweiten Gehör, und während das leibliche angespannt in das Düster hinauslauscht, höre ich, als stände ich zu Hause im Gottesraum, die uralt-liebliche Weise: „M o a u s zur". — Moaus zur. Ist es erlaubt, daß der verantwortliche Posten Dinge sich durch den Kopf gehen läßt, die mit seiner augenblicklichen Aufgabe nichts zu tun haben? Ich bin mir bewußt, daß da draußen nichts meiner Aufmerksamkeit entgehen könnte, möge .sich ereignen, was wolle. Aber die Gedanken wandern trotz-j dem, wenn ich sie hier in der Erinnerung aufspeichere, ohne jede Zutat, ohne jede dichterische Verbrämung. Hat sich was, Dichter — Moaus zur jeschuosi, drei kräftige Wörtlein, wo 800 Meter weiter wilder Tod lauert. Wenn die Hunde im Ort winseln, ist der Todesengel einget, offen, wenn sie zufrieden bellen, ist Etijahn eingetroffen, steht irgendwo, und durch die Nacht macht sich nun der Dorfköter bemerkbar. Vereinzeltes Flintengeknall, zwei ohrenbetäubende1 Schrapnellschläge, dann wieder das alte feierliche! „Kaul demomo dakkoh", unbewegt blaut das Himmelszelt! hernieder, ein ewiger Leuchter mit Milliarden Lichtlein. Ich werde abgelöst, sinke in meine Ecke zurück und träume. Schlafen ist verboten, ist auch, wenigstens mir, NUN Nicht möglich. Immer noch singt es um mich: „Moaus zur" — und halblaut singe ich die Verse; den sechsten habeich nie recht gekannt und doch, paßt nicht auf die Rothosen die Strophe: „dechei admaun bezeil zalmaun, wehokeim lonu hajeschuoh"? Moaus zur . . . Alter längst im Herrn entschlafener Dichter, du warst ein echter Poet, der ja '/«„ Prophet ist und ein noch echterer Jude. Du hast gewußt, was in Stunden höchster Nervenanspannung, sonst im Urgrund der Seele versunken, dem Jehudi an die Meeresoberfläche tobender Gefühle getrieben kommt und