Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 102 (31.12.1894)
- Date
- 1894-12-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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1932 Grau und neblig lag die Luft auf der Stadt und hüllte die ganze Gegend in ein trostloses »Einerlei. Der Anwalt konnte heute seine Morgenpromenade nicht vornehmen und er begab sich deshalb, nachdem er das Morgengebet heute im Hause verrichtet batte, in das Speisezimmer, woselbst Mutter und Tochter schon seiner harrten. Als Anny ihres Vaters anfichtig wurde, sprang fie auf ihn zu, schlang ihre Arme um seinen Hals, und beugte sich zu ihm nieder — ihre schlanke Gestalt überragte um Kopfeslänge schon die ihres Vaters — und küßte ihn wiederholt. Er zog sie an sich und legte seinen Arm um sie und sagte; *9ta, ein solcher Empfang vermag einem schon mit dem traurigen Wetter auszusöhnen; wie geht es Dir, mein Lieb?" „Mir geht eS gut," entgegnete sie munter „ich habe gut geschlafen und schon alles angestellt, um mein trauriges Mütterchen auszuheitern, aber es wA heute nichts verfangen. Der Abschied von Willy wirft seine Schatten voraus und ich wollte—" „Was wolltest Du?" fragte lächelnd der Vater. „Ich wollte, Willy könnte immer bei uns bleibcn." „Das ist doch nicht Dein. Ernst," fuhr der Vater fort. „Willy soll ein Mann werden, er soll in der Fremde lernen, seine Kräfte üben; oder möchtest Du, daß ein Stubenhocker aus ihm werde, ein Muttersöhnchen, welches sich bei jeder ersten Lage als unfähig erweist, selbst zu handeln, zu uriheilen und sich von Jedem am Leitseil umherführen läßt?" „Das gewiß nicht, aber der Abschied und die Trenung von ihm wird uns allen und sicher auch ihm schwer werden." „Wo er nur bleibt?" sagte die Muter, nach der Uhr sehend. Die Mutter hatte kaum gesprochen, als die Thüre geöffnet wurde und Willy hereintrat. Er sah übernächtig aus, so daß seine Mutter, noch ehe er „guten Morgen" gesagt hatte, erschrocken aufsprang und besorgt fragte: „Mein Gott, Willy, wie stehst Du aus! Bist Du krank?" Auch der Anwalt war über das Aussehen Willys erschrocken und er sagte: „Wenn Du Dich nicht wohl fühlst, ist natürlich heute an keine Abreise zu denken. Ich will nur gleich anordnen. —" „Ich fühle mich ganz wohl," wehrte Willy mit lauter Stimme ab, „und es ist nicht nöthig, die einmal getroffenen Bestimmungen wegen der Folgen einer durchwachten Nacht zu ändern. Ich werde um die festgesetzte Zeit bereit sein." Die Mutter und die Schwester sahen erstaunt in das bleiche Gesicht Willys, der ihnen so ganz anders wie sonst» so wenig herzlich vorkam. Besorgt eilte Anny auf ihn zu, schlang ihre Arme um seinen Hals und sagte: „Gräme Dich nicht, Willy, Du wirst die Welt sehen und wir werden Dir jeden Tag schreiben." Willy setzte sich an den Frühstückstisch und verzehrte schweigend sein Frühstück. So viel Liebe und Güte, wie er hier genoß, hätten ihn eigentlich rühren sollen, aber er blieb hart und verhärtete sein Herz um so mehr, je freundlicher und liebevoller man sich ihm zeigte. (Fortsetzung folgt.) Wochen - Kalender. Freitag, 4. Januar, 8. Tebeth. Sabbat-Anfang in Mainz; 4 Uhr 20 Min. (M. E. Z.) Samstag, 5. Januar, 9. Tebeth. pjn. Sabbat-AuSgang in Main; 5 Uhr 30 Min. (M. E. Z.) Sonntag» 6. Januar, 10. Tebeth. rOBU m^J/ HBlpn. Der srael 1 t" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindest«» zwei Logen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 1s Reichs-Mark, für'» Ausland 1s Reichs-Mark. Man obounirt ganzjährig, halbjährig »der vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch Ae» Dnchtzansrt M dqtetze« det €. /. Dtetnacker« Lrtpstg, Dohplah 1s. — Inserate 86 Pfennig die viergespaltene Prtttzetle »der der« Ran«. — Oesterretchtsche Banknote» laut EourS. — Direkte Francozufrndung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Retchs-Mmök »der 8 st. ästerr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco etnzufeuden. 9km Nittksendnng No« an die Redaetion eingefanvte« Manuskripte» findet nicht statt, man bittet deshalb sich von alle« Sinsendnngen eine Sopie -«rllckgnbehatte». Inhalt (Hanptblatt): Leitender Artikel: Die Thränen Josephs und Israels. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen : Deutschland: Mainz. Frankfurt a .M. Berlin. — Oeflerr.-Ungar. Monarchie: Wien. — Schweiz. — Italien: Rom. — Feuilleton: Nur eine Tochter. Erzählung von H. Berger (Fortsetzung). Inhalt der Vellage: Leitender Artikel: Schwierige Raschi-Stellen.—Zeitungsnachrichten u. Correspondemen: Deutschland: Mainz. Berlin. Burgpreppach. Stadt Lengsfeld. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Budapest. — Amerika: New-York. — Vermischtes. Berantwortliche Redaktion: OScar Lehmann in Mainz. — Expedition bei „JSraelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Zoh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actten-Gesellschaft in Mainz. Hierzu zwei Bettage«.