Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 102 (31.12.1894)
- Date
- 1894-12-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448505--39919-2488090- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1931 sein Willy, sein Stolz, sein Liebling, an dem er Vaterpflicht erfüllt hatte, und den er liebte, wie, wenn er sein eigenes Kind wäre? Nicht ein Wort des Dankes, der Liebe und der Anerkennung batte er für ihn, trotzdem er erfahren, daß keine Pflicht den Anwalt gezwungen, so liebevoll und gütig gegen ihn zu handeln. War es möglich, daß er sich in seinem Pflegesohn so getäuscht hatte, daß er einen Undankbaren erzogen, an einen Unwürdigen so viel Liebe und Güte verschwendet habe? War denn dann nicht sein ganzes seitheriges Betragen Verstellung, eine fortgesetzte Heuchelei? Durfte er ferner mit freudigem Stolz an die Zukunft denken, wo er in seinem Pflegesohn sich eine Stütze, einen Kompagnon vorgestellt hatte, denn die Last der Arbeit machte sich schon jetzt seinen Schultern bemerkbar. Die erste Spannkraft und Elastizität der Jugend waren dahin und wenn er sich auch noch nicht unter die Alten rechnen durfte, so spürte er doch angestrengte Arbeit und hätte bet seinem großen und ausgcbreiteten Geschäftskreise eine jüngere Kraft bald gebrauchen können. Traurig schritt Dr. Pretorius in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Jetzt setzte er sich an den Schreibtisch und nahm Akten, um dieselben zu studiren. Er erwartete Willy, der in einer Stunde wieder kommen wollte. Vergeblich war die Mühe, seine Aufmerksamkeit auf den Inhalt der Akten zu richten. Er las ohne zu verstehen; seine Gedanken waren nicht bei der Sache, sie waren bei seinem Pflegesohne. Mitternacht war längst vorüber; die Geisterstunde schon entschwunden, und noch immer wartete der Anwalt auf das Wiederkommen seines Sohnes.. Da schlug die Uhr von dem nahen Kirchturme die dritte Morgenstunde. Jetzt erhob sich der Anwalt. Seine Glieder waren schwer wie Blei, tief lagen die Augen in ihren Höhlen. Mit schweren langsamen Schritten schleppte er sich in sein Schlafzimmer und legte sich angekleidet auf sein Bett, woselbst er in ruhelosem Schlummer den Anbruch des neuen Tags erwartete. Auch Willy hatte keine Ruhe finden können. Die widerftreitendsten Gefühle durchwogten seine Brust, er war bald von dem Gefühle der Dankbarkeit und inniger Verehrung gegen seine Pflegeeltern erfüllt, bald durchzog finsterer Haß sein Herz gegen diejenigen, welche ihn die Höhen des Lebens kennen gelehrt, welche ihn ohne seinen Willen den niedrigen Kreisen der Armut entrückt hatten und ihn jetzt auf sich selbst anwiesen — ihn in das Leben stellten, ohne daß er die Miseren desselben je kennen gelernt hatte. War das nicht grausam? Hätte ihm der Anwalt nicht die Rechte des eigenen Kindes geben, ihm die Hälfte des Vermögens zukommen lassen können? Hätte Anny nicht mit der anderen Hälfte auch genug gehabt? Warum mußte man ihm gerade jetzt die Mittheilung machen, jetzt wo er das trauliche Elternhaus verlassen sollte? Man hatte keine Rücksicht auf ihn genommen, weshalb sollte er jetzt Rücksichten für andere kennen? — Je mehr er darüber nachdachte und sich den Erwägungen seiner Selbstsucht überließ, um so mehr irrte er von dem Pfade des Rechts ab, und er, dessen Scharfsinn und Gelehrsamkeit Licht in die schwierigsten Stellen des Talmud spielend brachte, er irrte bei diesen einfachen Sache deshalb, weil er sich der besseren Einsicht verschloß und auf die Stimme der Selbstsucht hörte. Willy ging an jenem Abend nicht mehr zu seinem Vater. Er durchschritt ruhelos sein Zimmer und dachte nur an sich. Der Morgen begann bereits zu grauen und noch immer jagte ein Plan den anderen in seinem Kopfe, noch immer löste ein Project das andere rc. Er wollte seinen Pflegeeltern nichts mehr verdanken, wollte sich seinen Lebensunterhalt selbst verdienen. Aber da kam die Selbstsucht und sagte: Weshalb willst Du Dich quälen um etwas, das Du mühelos haben kannst. Heuchle Liebe, wenn Du sie nicht hast und genieße ohne Reu das, was sich Dir bietet. Dein Pflegevater sorgt ja weiter für Dich, nimm es ruhig an, denn je eher Du auf e i a e n e n Füßen stehen kannst, um so besser ist es für Dich. Müde blickte er von seinem Fenster aus auf die Straße. Da sah er einen Vater mit seinem Knaben die Kehrichtbehälter, die vor den Häusern standen, durchsuchen. Es hatte jeder einen Sack vor sich, in den er Lumpen, Knochen, Eisenftückchen, die sich in dem Hausabfall fanden, warf, sie zu sammeln und zu verkaufen.'Ein trauriges Loos! Hätte ihn ein solches Loos nicht auch treffen können? Ihn schauderte; war es die Kälte, oder der Gedanke, daß er heute vielleicht auch ein Lumpensammler wäre, wenn ihm die Güte und Liebe seiner Pflegeeltern nicht ein besseres Loos bereitet hätten. Er trat von dem Fenster hinweg, setzte sich an seinen Schreibtisch, auf welchem die Lampe brannte und ein Band des Talmud aufgeschlagen lag. Seine Augen irrten erst über die Buchstaben dahin; er las die Worte, ohne deren Sinn zu verstehen. Bald jedoch sammelte sich sein Geist; der Gegenstand, von dem er las, begann ihn zu interessteren, und das aufgehende Tagesgestirn fand ihn über sein Buch gebeugt, vertieft in das Studium des Talmud. Trübe und düster war der Tag angebrochen. Ein grauer Wolkenschleier verhüllte den Horizont und ein seiner Sprühregen floß sachte auf die Erde herab, so daß jeder der nichts im Freien zu thun hatte, sich freute, daß er zu Hause bleiben konnte.