Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 102 (31.12.1894)
- Date
- 1894-12-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1930 chen jener Artikel strotzt. Diese lassen sich nicht, so leicht controlliren. Wenn es da z. B. heißt, in Oesterreich wird noch heute allerorts diese und jene Geschichte erzählt, so kann man sich denken, was von diesem Geflunker zu halten ist. Es wäre Schade über dieses verlorene Gebühren auch nur ein Wort zu verlieren. Italien. (r>) Rom, 12. Dezember. Binnen wenigen Tagen wird der hiesige jüd. Friedhof, der schon mehrere hundert Jahre alt ist, geschlossen werden, und unsere Tobten werden dann auf dem gemeinsamen Friedhofe der Stadt, Campo Verano genannt, bestattet werden. Doch werden wir auf diesem Friedhofe eine besondere Abtheilung besitzen, ebenso ein eigenes Waschhaus für die Leichen, eigene Friedhofsdiener und auch unsere besonderen Todtenwagen. Es war ein Jrrthum von mir, als ich in meiner letzten Correspondenz meldete, daß die Königin Helene von Adtabene zwei goldene Bundestafeln für den heil. Temvel in Jerusalem gespendet habe. In Wirklichkeit stand auf den von dieser Königin gespendeten goldenen Tafeln nur das Capitel V aus Numeri (rivD nttr©) geschrieben, und die römischen Geschichtsschreiber, welche den Inhalt dieses Capitels nicht kannten, hielten die Tafeln für die Bundestafeln (man mmty. Diese Tafeln wurden jedoch, wie Suntonius meldet, vom Kaiser Bespastan im Colosseum als Schmuck angebracht, wo sie später ein Raub der Flammen wurden. Im Alter von achtzig Jabren ist hier der jüd. Senator San so ne (iw&tcr) D'Ancona gestorben, der mitgeholfen hatte, das geeinigte Königreich Italien schassen und der mit den hervorragendsten Staatsmännern unseres Vaterlandes die freundschaftlichsten Beziehungen unterhielt. Feuilleton. 4^ Nur eine Tochter. Erzählung von H. Berger. 6.) (Alle Rechte Vorbehalten. Willy war wie niedergeschmettert. Bon seiner sicheren Höhe des Reichthums fühlte er sich hinabgestürzt in die elende Tiefe der Armuth und der Abhängigkeit. Die, welche er seither nächst Gott am meisten verehrte, waren nicht seine Eltern, waren Fremde, mit denen ihn keine Bande des Blutes verband. Die Eltern hatte er nie gekannt, ihre Liebe nie empfunden. Wie ein Reif legte es sich aus sein Herz, als er hörte, daß der, welchen er seither Vater nannte, keinen Anspruch auf diesen Namen hatte; und diese Liebe dieses Mannes erschien ihm wie ein Almosen, das ihn bedrückte. Weßhalb hatte er ihn dem niederen Stande, in dem er geboren, entrissen und ihn in Verhältnissen erzogen, in denen er, wenn er auf sich allein angewiesen war, nur mit allergrößter Anstrengung weiterleben konnte? Weßhalb hatte man ihn auf die Höhe des Lebens geführt, um ihn, wenn er sich oben befand, sich allein zu lassen und ihm zu sagen: Steh, wie Du jetzt zurecht kommst! War es nicht die schnödeste Selbstsucht, die seinen Pflegevater dazu veranlaßt hatte? So lange er kein eigenes Kind hatte, mußte er die Stelle eines solchen einnehmen und jetzt, da diese Tochter, die sich seine Schwester und ihn Bruder nannte, da war, jetzt mochte der Lückenbüßer abgefunden werden. Vergessen war alle Liebe, die er genossen, die Sorgfalt, mit der man ihn erzogen, vergessen war die heitere, sorglose Kindheit, die man ihm bereitet, die hohe Bildung, mit der man ihn ausgestattet hatte, verflogen war jedes Fünkchen Liebe zu seinen Pflegeeltern aus seinem Herzen und der Wurm des Neides und der Selbstsucht, der darin lagerte, wuchs in diesem Augenblick riesengroß. Alle Lehren der Religion, die goldnen Worte des Talmuds, den er so gut kannte, die so gut gemeinten Lehren seines Lehrers und Freundes verdrängte er und Selbstsucht nahm sein ganzes Herz ein, schlug sein ganzes Sinnen und Denken in Fesseln. Wie ein verurrheilter Verbrecher hörte er den Ausführungen des Anwaltes zu, während sein Athem keuchend ging, seine Zunge trocken am Gaumen klebte. Und als dieser nun mit den Worten schloß: „So haben wir Elternpfltcht an Dir geübt bis zum heutigen Tage und Du wirst auch ferner unser lieber Sohn sein und die Rechte eines solchen genießen", und ihm die väterliche Rechte entgegenstreckte, da legte er zögernd die seine hinein. Sie war feucht und kalt, so daß der Anwalt ihn erschrocken fragte: „Mein Gott, Willy, was ist Dir, Du bist so bleich, Deine Hand ist so eiskalt, fühlst Du Dich nicht wohl?" „Es ist nichts," entgegnete er; „ein Stündchen Ruhe wird die begreifliche Aufregung, in welche mich diese Unterredung versetzt hat, Niederschlagen und mir die Fähigkeit des klaren Denkens wiedergeben. Darf ich mich jetzt auf mein Zimmer begeben?" Fremd und kalt kamen die Worte über seine bleichen Lippen und ohne erst die Antwort des Anwaltes abzuwarten, entfernte er sich. Erstaunt blickte dieser ihm nach. War das