Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 102 (31.12.1894)
- Date
- 1894-12-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Vaters wirklich so tief, wie ihn wohl niemand mehr nachfühlte,7 als derjenige, dem er galt, so.^lag es ja jederzeit in der Hand der Brüder ^denUVaterkzu sagen: Joseph lebt. Scheuten sie aber diese Selbstanklage, wie hätte Joseph zum Ankläger seiner Brüder durch die Mitteilung werden können, daß er noch am Leben sei? Auch als Herrscher Mizrajims das Vaterhaus selber aufzusuchen, um durch den Eindruck seines persönlichen Erscheinens alles Geschehene in Liebe zu begleichen, war bei der Lage der Dinge ausgeschlossen. Wir wissen, mit welchen Schwierigkeiten noch nach Jahrzehnten die Erlaubniß zur Uebersiedelung auch nur der Leiche Jakobs von Egypten nach Kenaan für Joseph zu erwirken war. War es schon eine ungewöhnliche Ausnahme, daß ein fremder, junger Mann von dem Gesängniß auf den ägyptischen Königsthron gelangt war, so mußte der neue fremde Herrscher gewiß alles vermeiden, was ihn noch meür als Fremder prononcirt hätte. Egypten zu verlassen und durch Aussuchen der alten Heimath demonstrativ die Anhänglichkeit au dieselbe zu bekunden, hätte gewiß nur dazu beigetragen, den Fremdlings-Charakter Josephs noch mehr hervortreten zu lassen, den vergessen zu machen, seine Stellung doch so dringend erforderte. Es ist uns ein deutscher, in einem außerdeutschen Staate residirender Fürst bekannt, der noch heute keine Reise in die deutsche Heimat unternehmen kann, ohne von dem Mißtrauen der Bevölkerung und einem Schwarm von Auspassern begleitet zu sein, die eifersüchtig über jeden Schritt wachen, welcher eine Vorliebe für die deutsche Heimath und eine Zurücksetzung des regierten Landes bekundete! Wenn so etwas heute noch möglich ist, so hat man einen Maßstab für die Rücksicht, welche man diesem Umstande im Alterthum entgegen brachte. Eine andere Erwägung dürste den Edelsinn Josephs ebenfalls, und gewiß nicht in letzter Reihe, zurückgehalten haben, als König das Vaterhaus aufzusuchen. Ein königlicher Aufzug im Jakobsbause hätte als Hohn und Triumph für die erlittene Unbill erschienen, und so aufgefaßt werden lönnen, als wolle Joseph nun ostentativ an der Stätte seiner Jugendträume ihre glänzende, ungeahnte Erfüllung conftatiren. Diese Mißdeutung seines edlen Herzens mag auch Joseph jetzt befürchtet haben, wo die Vorsehung die Jahrzehnte lang getrennten Brüder durch eine wunderbare Verkettung von Ereignissen in Egypten zusawmenführte. Die Brüder hatten Joseph jedenfalls verkannt, sonst wären sie der lieblosen Härte gegen ihn nicht fähig gewesen. Es geht dies aus den ersten Aeußerungcn hervor, mit welchen sie die Erzählung der Träume Josephs hinnehmen oder richtiger nicht htnnehmen. ns teon teo dn -j^on ^on. „Wenn Du auch unser König werden solltest, denkst Du schon jetzt über uns zu herrschen, indem Du uns zumutheft Deine Träume hören und glauben zu müssen? Die Realisirung dieser Träume durch den Verkauf des Bruders in ein fernes Land verhindert zu haben, rechneten sie sich gewissermaßen als eine Pflicht der Selbsterhaltung und keineswegs als ein Verbrechen an. Für ein solches galt ihnen nur die Hartherzigkeit, mit welcher sie dem Flehen des Bruders kein Gehör schenkten. (I B. M. 42, 21.) Die Auffassung der Sachlage seitens seiner Brüder war Joseph wohl bekannt. Wenn er jetzt vor seine Brüder treten und das erlösende Wort: „Ich bin Joseph" sprechen würde, so mußte er, besonders nach dem bisherigen, herrischen Auftreten gegen die fremden Kaufleute, fürchten, wieder verkannt zu werden. Zutreffender und imponirender konnte sich ja die Verwirklichung der einstigen Träume nicht vollziehen, als es hier geschah. Und diese Thatsacke, daß Joseph nun von Königsmajestät umflossen vor ihnen stand, hätte, wie nichts sonst, den alten Brudergroll wieder wacbrufen können, wenn er je einaeschlummert war. Das aber lag Joseph fern. Nicht um als König zu glänzen, sondern um als Bruder zu lieben, gab sich Joseph seinen Brüdern zu erkennen. Diese seine innere, edle Gesinnung konnte Joseph nicht besser manifestiren als durch die Thränen, die er deshalb aucht nicht nur unterdrückte, sondern denen er so ihren freien, ungehemmten Lauf ließ, daß sein Schluchzen bis zu den Egyptern und selbst bis zum Hause Pharaos drang. . pjhb n'3 ynm onso '333 i^p n« ]m Unsere großen Weisen, die wahren Erben dieses von Joseph bekundeten Gesinnungsadels, weisen daher auf diese Thränen, als auf die Garanten des edlen Brudersinns hin, mit dessen rückhaltloser, jeden Zweifel ausschließenden Bekundung Joseph die Brüder versöhnte. — Aber die diesem Hinweis folgende Bemerkung, daß auch die einstige Erlösung Israels sich ebenfalls unter Thränen vollziehen würde, wirkt ein überraschendes Schlaglicht auf das Geschick Josephs und Israels und zeigt uns eine bis in die kleinsten Einzelheiten übereinstimmende Aehnlichkeit beider. Wie Joseph so ist auch Israel von seinem himmlischen Vater ausgesandt, seine Brüder zu suchen. Es ist ein Traum, den Israel der Brudermenschheit entfremdet hat, wenigstens wird dieses jüdische Ideal von der großen Brudermenschheit für eine traumhafte Utrpie gehalten und wenn dieser Traum einst seine volle Verwirklichung gefunden hat, wenn Gott die Rückkehr Zijons wendet, dann werden wir uns selber als Träumer erscheinen. (Psalm 126, V. 1.) Dieser Traum sichert der jüdischen Wahrheit und