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Der Israelit · 1894-12-28 · Heft 101 (28.12.1894) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 101 (28.12.1894)
Date
1894-12-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1908 werthem Scharfsinn verstand er über eine schwierige Stelle des Talmud zu disputiren und er überwand in solchem Disput nicht selten seinen Vater und seinen Lehrer. Wo es sich nicht um ihn selbst handelte, war er der beste Mensch der Welt; sobald aber seine eigenen Jntereffen in Frage kamen, gab es keine Rücksichten für ihn. Mit Bedauern erkannten seine Pflegeeltern die Untugenden ihres Sohnes und gaben sich alle Mühe, dieselben zu vertreiben — Willy war und blieb ein ausgesprochener Egoist. Die beiden Kinder wuchsen zusammen aus wie Bruder und Schwester und keines von ihnen wußte etwas davon, daß sie gar nicht verwandt waren. Sie genoffen gemeinschaftlich den Unterricht des Lehrers und wetteiferten in ihren Leistungen, um deffen Zufriedenheit zu erwerben. Willy bereitete sich jetzt zum Maturitätsexamen vor und Anny erhielt eine Gouvernante, die den Abschluß ihrer Ausbildung übernehmen sollte. Anny war ein bildhübsches Mädchen von vierzehn Jahren. Sie hatte fast die Größe ihrer Mutter und war für ihr Alter körperlich wie geistig ziemlich weit entwickelt. Vom Vater hatte sie die Energie und den Scharfsinn und das weiche Kindergemüth, von der Mutter die Bedachtsamkett und die musikalische Brsähigung. Ihre Bildung war eine vorzügliche und besonders im Hebräischen hätte sie manchen Jüngling in ihrem Alter beschämen können. Dabei war sie gewissenhaft fromm und die Selbstlosigkeit selbst. Kein Wunder, wenn Willy ihre grenzenlose Güte in jeder Hinsicht für sich ausbeutete. Sie nahm ihm nichts übel, so lange er in den Grenzen des Schicklichen blieb; sie wußte aber auch selbst ihr Recht zu wahren, wenn es ihr zu bunt wurde und dann gab es stürmische Auftritte zwischen ihr und aus denen sie stets als Siegerin hervorging; Willy ballte dann wohl die Faust und knirschte mit den Zähnen, doch wagte er nicht die Autorität, des Vaters oder der Mutter auzurufen. Das Maturttätsexamen machte ihm keine Sorge; er bestand es glänzend und erhielt ein vorzügliches Zeuguiß. Er wollte sich dem Studium der Rechtswissenschaft widmen und sollte mit dem neuen Semester die Universität beziehen. Jetzt galt es Abschied nehmen von dem Lehrer, der ihn seit feinem dritten Lebensjahre unterrichtet hatte, Abschied nehmen von den Eltern, die er noch nie längere Zeit verlassen; jetzt hieß es hinaustreten in den Kampf des Lebens, um die Kenntnisse sich zu erwerben, die nöthtg sind, um sich sein Brot selbst zu verdienen. Noch eine schwere Aufgabe blieb dem Anwalt zu erfüllen übrig, ehe er ihn zur Universität entließ. Er hielt es für seine Pflicht ihm zu sagen, daß er, obschon er seinen Namen trage, nicht sein eigener Sohn sei und daß Willy, wenn er sterben würde, wohl ein Kapital erhalten werde, mit dem er seine Studien beendigen könne, auf sich selbst und seine Kenntnisse angewiesen sei, da er sein Vermögen dem eigenen Kinde nicht entziehen dürfe. So lange er lebe, wolle er für ihn sorgen und er habe eine sehr nette Summe als Monatswechsel während der Zeit seines Studiums für ihn bestimmt. Der Anwalt schob diese Unterredung immer wieder hinaus, bis endlich der Tag vor der Abreise Willy's nach der Universität jedem weiteren Htnausschieben ein Ende setzte. Nach dem Abendessen nahm er ihn mit in sein Arbeitszimmer und schonend theilte er ihm da alles mit. ("Fortsetzung folgt.) Der ,L « r a «l t t" erscheint wöchentlich zwei««!, Montag» und Donnerstag», jedeiimal in mindesten» gtoti fegen. Pret» de» Jahrgang» für Demschland und Oesterreich 1» Reichs-Mark, für'» Ausland 16 Reichs-Mark. Mo» abannirt ganzjährig, halbjährig »d« vierteljährig. Alle Buchhandlungen nnd Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch kt» Bnchtzandrl M bestehen bei C. /. DlrtoaMer« Lrtpstg. 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Inhalt der zweiten Beilage: Leitender Artikel: Kohelet, Hamlet und Faust. Inhalt der Pädagog. Beilage: Die Lebensversicherung israelitischer Lehrer. — Sprechsaal. Verantwortliche Redaction: OScar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellscha^t in Mainz. Hierzu drei Beilage«.

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