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Der Israelit · 1894-12-28 · Heft 101 (28.12.1894) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 101 (28.12.1894)
Date
1894-12-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1907 „Gott hat unser Gebet erhört und uns ein j prächtiges Kind geschenkt." „Preis und Dank sei ihm dafür," versetzte der Anwalt, „wenn es auch nur eine Tochter ist." „Nur eine Tochter?" entgegnete sie befremdet. „Ist es nicht einerlei." „Gewiß mein Kind," fiel er rasch ein, „wenn nur Du wohl bist und daS Kind ist gesund und kräftig." Da begann das Kind mit lauter Stimme zu schreien und lächelnd sagte die glückliche Mutter: „Der Stimme und dcm Ausschen nach ist es ein kräftiges Kind und es wird uns mit Gottes Hilfe ebenso viel Freude machen, als ob es ein Knabe wäre." Jetzt mahnte der Arzt den Anwalt, das Zimmer zu verlaffen und nachdem er das Kind sich angesehen und es gesegnet hatte, entfernte er sich mit einem innigen: „Gute Nacht!" Trotzdem der Anwalt den ganzen Tag gefastet hatte, fühlte er keinen Hunger und er genoß nur wenig von den Speisen, die ihm vorgesetzt wurden. Er war sehr glücklich, daß Gott seinen Herzenswunsch erfüllt hatte, und wenn er auch lieber einen Sohn gehabt hätte, so war er doch dem lieben Gotte dankbar auch für eine Tochter. Es ist eigenthümlich, daß die Freude bei der Geburt eines Sohnes größer ist, als bet der einer Tochter; woran das liegt ist schwer zu sagen, da man ja an Töchtern ebensoviel Freuden erleben kann wie an Söhnen, und der einzige Grund mag wohl der sein, daß durch Söhne der Name erhalten bleibt, während die Mädchen später den Namen ihres Mannes führen. Dr. Pretorius hatte sich bald in sein „Schicksal" gefunden und noch lange nachher wurde er vom Ärzte und von seiner Frau mit den Worte geneckt: Nur eine Tochter! Das Frühjahr war gekommen und die Natur war aus dem starren Schlafe eines eisigen Winters erwacht. Ueberall sproßte und grünte es und ein linder Wind, der aus dem Westen wehte, lockte selbst die ins Freie, die den ganzen Winter im Zimmer verbracht hatten. Auch den Anwalt sehen wir mit seiner Familie sich im Freien ergehen und die herrliche Frühlingsluft genießen. Er hat Willy an der einen Hand und unterhält sich mit ihm über eine Stelle im Pentateuch, die Willy's Lehrer ihm heute erklärt hat. Aufmerksam hört seine Frau, die neben ihm geht zu, und als Willy jetzt leuchtenden Auges sich an die Mutter wendet und sie fragt, ob sein Schwesterchen nicht auch bald mit auSgehen darf, erwiederte diese: „Doch; sobald die Luft etwas wärmer geworden ist, darf Anny auch mit spazieren gehen." „Da freueich mich sehr," entgegnete der kleine Kerl, „denn ich habe Anny sehr gern." Und wirklich war die Liebe, die Sorge und Aufmerksamkeit, die der Knabe für das Kind zeigte, auffallend. Oft führte er seinen Lehrer an die Wiege und fragte, nachdem er das Kind mit Entzücken betrachtet halte: „Ist sie nicht lieb und gut?" Und lieb war die kleine Anny, aus deren rundem Gesichtchen ein paar lebhafte, himmelblaue Augen heiter in die Welt blickten, deren kleiner, rosiger Mund fortwährend lachte, und Äderen'kleine Händchen in der Luft herum fuchtelten. So war das kinderlose Haus des Anwaltes nach langjähriger Ehe von zwei Kindern belebt, die ihren Eltern täglich mehr Freude und Vergnügen bereiteten. Die Zeit eilt rasch dahin. Aus Kindern werden Leute und die Eltern treten ab von der Bühne des Lebens und überlaffen es ihren Nachkommen, das Lust- und Schauspiel, die Tragödie genannt Leben, fortzusetzen. Zehn Jahre find in der kurzerfl'Zeitspanne unseres Lebens ein beträchtlicher Zeitabschnitt, in deffen Verlauf wir uns und unsere Ansichten oft wesentlich ändern. Willy war jetzi dreizehn Jahre alt. Er hat die Hoffnungen und Erwartungen, die man in ihn gesetzt hatte, übertroffen. Er war ein Wunderknabe hinsichtlich seines Wissens in den religiösen und den profanen Wissenschaften. Er war ein hochaufgeschossener Junge mit ernstem, verschlossenen Antlitz, auf dem die Kinderfröhlichkeit keinen Platz hatte. Noch nie hatten seine Eltern Veranlassung gehabt, ihn zu tadeln, nie hatte er einen übermüthigen Knabenstreich ausgeführt — er war das Muster eines wohlerzogenen Kindes. Und doch war er nicht, wie es der Anwalt gewünscht hatte. Er war geborsam, bescheiden, fleißig, liebevoll gegen seine Pflegeeltern und dieselben hätten sich kein besser erzogenes Kind wünschen können. Eine Eigenschaft jedoch besaß er, welche alle guten in den Schatten stellte — er war ein Egoist ohne Herz und Gefühl. Wenn es galt, seine Wünsche zu befriedigen, scheute er keine Mühe, griff er selbst zu Mitteln, die nicht zu billigen waren. Dabei hatte er eine seltene Energie und einen eisernen Willen. Es war eigenthümlich, daß dieser Wille noch niemals mit dem seiner Eltern collidtrt hatte, und ein Zeichen großer Selbstzucht, daß er ihn dem seiner Eltern und seines Lehrers unterordnete. Eine zärtliche Liebe hatte er für Anny und seine Ehrerbietung vor seinen Eltern und vor seinem Lehrer war ungekünstelt. Mit peinlicher Gewissenhaftigkeit erfüllte er alle Gebote der Religion, besuchte er den täglichen Gottesdienst und mit bewunderungs-

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