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Der Israelit · 1894-12-28 · Heft 101 (28.12.1894) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 101 (28.12.1894)
Date
1894-12-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1902 Haare geschnitten und seine Kleider gewechselt habe. Die Weisen im Midrasch fügen hinzu, Joseph habe dieses gethan, um dem König Ehre zu machen. . Ina rn^DBr Eine scheinbar ganz selbstverständliche und daher eigentlich überflüssige Bemerkung, die aber nichtsdestoweniger Raschi in seinen Commentar zur Stelle ausgenommen hat, wodurch sie allen jüdischen Bibellesern geläufig ist. In dem Thora Commentar nwn 'i3i des verstorbenen Pesiher Rabbiners Rabbi Chajim Sofer ^*sr wird diese Bemerkung unserer Weisen in folgender Weise erklärt: Versetzen wir uns in die Lage Josephs, in den Moment, in welchem er vor Pharao erscheinen sollte. Eine lange Reihe von Jahren unschuldig eingekerkert, hatte er schon seit zwei Jahren gehofft durch die Fürsprache des aus dem Gefängniß befreiten Mundschenks auch für sich endlich die Freiheit zu erhalten. Er hatte umsonst gehofft; der Höfling hat den einstigen Kerkergenossen vergessen. Jetzt soll der Vergessene. Jahre hindurch lebendig Begrabene vor den König treten und dessen Träume deuten. Es liegt nahe, daß Joseph eine so günstige Gelegenheit ergriff, um dem König das schwere Unrecht zu unterbreiten, das ihn schuldlos seit Jahren im Kerker schmachten läßt. Was wäre nun natürlicher gewesen, als daß Joseph das königliche Mitleid gerade dadurch rege macht, daß er in Sträflingskleidern und mit wildem Haarwuchs, kurz in einer Weise auftritt, die in jedem Zug die Spuren der unschuldigen Haft an sich trägt, um so das königliche Herz um so sicherer zu gewinnen? Aber die dem König schuldige Ehre stand Joseph höher als sein noch so dringendes persönliches Interesse. Er nahm seinen Haarwuchs ab und wechselte die Kleider, um dem König die schuldige Ehre zu erweisen, wenn er auch auf diese Weise Gefahr lief, nach menschlicher Berechnung seine Befreiung zu erschweren. Diese beispiellose Selbstverleugnung zu bewähren, vermag allerdings nur derjenige, der sie gleich Joseph in einem wechselvollen, erfahrungsreichen Leben bereits geübt und erprobt hat. Sie tritt uns in vielen Zügen gerade in dem Leben Josephs entgegen, aber cs gehört der wahlverwandte Sinn unserer großen Weisen dazu, diese Züge sofort zu erkennen und zu würdigen. Wir sehen übrigens, daß diese Selbstverleugnung viel leichter und sicherer die Ziele erreicht, die man sonst durch Aufdringlichkeit und Geltendmachung der eigenen Persönlichkeit zu erlangen trachtet. Joseph hat füglich seine Freiheit trotz der geübten Selbstlosigkeit erlangt, aber daß er neben dieser Freiheit auch die höchste Würde erhielt, war nach dem uns darüber belehrenden Gotteswort geradezu eine Folge dieser überall so ungesucht hervortretenden Selbstlosigkeit Josephs. Es brauchte Jemand nur einen, um einen einzigen Grad geringeren Gesinnungsadel besitzen, als derjenige, der aus dem Beispiel Josephs leuchtet, um unter solchen Umständen und Verhältnissen es geradezu für seine Pflicht zu halten, sein Licht nicht unter den Schcffel zu stellen. Joseph verschmäht es also durch ein unehrerbietiges, äußeres Auftreten auf das königliche Mitleid zu spekuliren. Um so mehr hätten andere in dieser Lage es für geboten erachtet, durch ihren Geist und ihre Wissenschaft zu glänzen und sich den König auf diese Weise geneigt zu machen. Und Joseph? Er thut das vollendete Gegentheil. Pharao legt es ihm geradezu in den Mund, durch ein bejahendes Wort, durch ein Zeichen der Zustimmung seinen Werth geltend zu machen. „Pharao sprach zu Joseph, ich habe einen Traum geträumt und es ist niemand da, der ihn deutet, und ich habe von dir sagen hören, daß du einen Traum zu deuten verstehst. Da antwortete Joseph dem Pharao, das steht nicht bei mir, Gott wird die Antwort zum Wohle Pharao's geben." (1. B. M. Cap. 41. V. 15. 16.) Joseph spricht sich keinerlei Weisheit zu, ja er weist sie weit von sich und erkennt sie demjenigen zu, der sie allein besitzt: Gott. i'tzp33 rfcnan nVn. Und doch gehört wenig Weisheit dazu, um zu begreifen, welche tiefe Weisheit sich in diesem bescheidenen, jeden Schein einer Anerkennung von sich abweisenden Verhalten Jasephs kund giebt. Die Weisen und Gelehrten Egyptens, welche Titel und Würde der Weisheit und Gelehrsamkeit führten, blickten nicht neidisch aus den schüchtern auftretenden jungen Mann, der so wenig verstand, etwas aus sich zu machen. Pharao selbst ist in dem Troß der ihn umgebenden Höflingsseelen wohl zum ersten Male auf die Gksinnung gestoßen, wie sie ihm hier in Joseph entgegen trat. Die Redlichkeit, Unetgennützigkeit, Gottergebenheit, welche nicht einmal den Schein einer Anerkennung für sich verlangt, welche die thatsächlichen, eigenen Leistungen Gott zuschreibt, sich jede Fähigkeit abspricht und sich nur als Werkzeug in Gottes Hand ausgiebt, das mußte Pharao imponiren. Einen solchen Mann suchte Pharao, ihm konnte er die Leitung seines Königreichs übergeben, ohne fürchten zu müssen, daß der so Ausgezeichnete diese Auszeichnung je gegen seinen Wohlthäter mißbrauchen werde. Einen solchen Charakter hatte Pharao noch nicht gefunden. Vielleicht wollen dies die Worte Pharaos sagen: Pharao sprach zu seinen Dienern: „Findet sich wohl noch ein solcher Mann, in dem der Geist Gottes ist?" Seiner Höflingsschaar ließ der König

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