Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 100 (24.12.1894)
- Date
- 1894-12-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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/ 1891 fletheilt sind, und in jeder Ecke wohnt eine solche jüdische Familie? Es ist das ein so herzzerreißendes Elend, wie es nicht schlimmer gedacht werden kann. Da mache ich der österreichischen Regierung den Vorwurf, daß sie in diese traurigen Verhältnisse nie mit der Fackel der Cultur hineingeleuchtet hat. daß sie dies Proletariat in so ungeheurer Zahl wachsen ließ, ohne daran zu denken, wie diesem Uebclstande abgeholfen werden könnte. Unter diesem Vroletariate leiden doch die wohlhabenden gebildeten Juden noch mehr als wir, denn an diese wenden sich die armen Leute, sobald sie irgendwie in die Nähe kommen. (Abg. Wannieck; Und die helfen auch!) Statt dessen werden diese Leute nur beschimpft und herabgesetzt, und der sociale Friede wird gestört. Also eine nützliche Thätigkett betreiben Sie nicht, und die Geschichte, namentlich die Geschichte Wiens und insbesondere die wirtschaftliche Geschichte Wiens wird einmal ein sehr übles Urtheil über Sie fällen. (Lebhafter Beifall links)." Auch Abg Dr. Bloch ließ sich dieserhalb folgendermaßen vernehmen: Der Abg. Schlesinger hat in seiner Rede behauptet, daß Adolph Cremieux einen Preis von einer Million Francs auf den Kopf des preußischen Königs und nachhertgen Kaiser Wilhelm gesetzt habe. Die Thatsache ist von den Antisemiten erfunden und fast hundertmal widerlegt worden. Ich selbst habe in der „Oesterrekchkschen Wochenschrift" nahezu vierzigmal über diese Lüge gesprochen und einen Brief der Tochter Cremieux citirt, in welchem es heißt: „Was die gegen meinen Vater erfundene gehässige Verleumdung betrifft, so wird sie Niemand, sei eS ein Deutscher oder Franzose, glauben. Mein Vater hat mit allen seinen Kräften, gemäß seiner Pflicht als Franzose und als Mitglied der Regierung, an dem Werke der nationalen Vertheidigung sich betheiligt, aber er würde stch und sein Vaterland zu entehren geglaubt haben, wenn er zu einem Meuchelmorde ermuthigt hätte. Eine solche Infamie lohnt nicht der Verfolgung, sie verdient Verachtung." Der Abg. Schlesinger hat weiters einen Aufruf der Alliance israelite, den angeblich Adolph Cremieux bet deren Gründung publicirt hätte, dem Hause vorgelesen. Ich constatire zunächst thatsächlich. daß Adolph Cremieux die „Israelitische Allianz" gar nicht gegründet hat. Diesen Aufruf habe ich gleichfalls in der „Oesterreichischen Wochenschrift" unter dem Titel: „Literarische Bübereien" publicirt und gebrandmarkt. In officiellen Actenstücken der „Israelitischen Allianz" in Parts wird jener Aufruf als ein antisemitisches Falsificat erklärt. Im Antisemiten-Spiegel des Abg. Rickert sind sämmtltche Acten über diesen Aufruf publicirt und der Nachweis erbracht worden, daß dieser Aufruf ein Falsificat ist. Es wurde behauptet, daß dieser Aufruf sich in dem Archiv des französischen Ministeriums befinde. Der damalige französische Minister des Innern hat jedoch auf eine Anfrage erklärt, daß dieses Actcnstück im Bureau des Ministeriums nicht vorkommt. Ich lege übrigens eine Broschüre des Sanitätsrathks Dr. Neumann, der den echten und den von den Antisemiten erfundenen Aufruf publicirt hat, auf den Tisch des Hauses. — Dek Abg. Schlesinger hat endlich behauptet, daß die „Israelitische Allianz" ein Geheimbund sei. Ich berichtige thatsächlich, daß die „Israelitische Allianz" ein WohlthäÜgkcits Institut ist, welches die Aufgabe hat, in armen israelitischen Gemeinden Schulen zu gründen und arme Israeliten zu unterstützen. Die Statuten derselben sind öffentlich und von der jeweiligen Regierung genehmigt. Im alten Rom gab es das famose Institut der Delatoren, die es ebenfalls nicht immer genau mit ihren Beschuldigungen nahmen (Unterbrechung seitens der Antisemiten), wenn es galt, ihre elenden Zwecke zu erreichen. Wurde aber Einer erwischt und der Lüge überwiesen, so brannte man ihm zur Strafe und Warnung ein C auf die Stirne. (Erneuerte lebhafte Unterbrechung seitens der Antisemiten.) Ich alaube, es wäre an der Zeit, angesichts solcher Vorgänge eine ähnliche Bestimmung unserer Geschäftsordnung anznfügen. Frankreich. Paris, im Kislew. Was soll aus unfern Kindern werden? Diese Frage erfüllt uns hier mit banger Sorge. In Frankreich ist der Abstand zwischen den religiösen Verhältniffen von einst und jetzt ein verhältnismäßig gröberer als in jedem andern Lande, dennoch können vergleichende Betrachtungen dieser eigentümlichen Erscheinung nicht ganz verstimmend wirken, weil diese immerhin noch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft aufkommen läßt. „Der Anblick der herzzerreißenden Verwüstung des Allerheiligsten p"p Dipo hatte unserm großen Märtyrer R. Akiba ein hoffnungsvolles Lächeln auf die Lippen gepreßt; er erblickte in diesem traurigen Bilde die erste Erfüllung des Prophetenwortes"*). Die in der jüdischen Geschichte sich wiederholende Thatsache, an der Stelle, wo einst Hohepriester ihres heiligen Amtes walteten, später Füchse onro o^ano oHpn? einher wandeln zu sehen, vermag uns daher auch nicht völlig zu betrüben, weil unsere heilige Lehre das Schicksal ihrer Bekenner theilend nicht stabil einen Theil des Erdenrundes erwählt, vielmehr die Worte unserer Weisen mw 'n aipoa min im buchstäblich bewährt. — ) yd nDD.