Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 100 (24.12.1894)
- Date
- 1894-12-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Glauben Sie mir, dieselben gehören zu Ew. K. Majestät getreuesten und ergebensten Unterthanen und ich denke, cs dürfte sich kein einziger Fall finden, wo sie gegen ihr Vaterland sich vergangen hätten. Was ist's, das gegen sie vorgebracht wird? Sie lieben das Geld, heißt es; ihr einziges Begehren sei, Reichthümer anzuhäufen. Aber welche andere Laufbahn, als die des Handels und des Gelderwerbs, ist ihnen offen gelassen worden? In welcher andern Weise konnten sie ihren Verstand, ihre Beharrlichkeit, ihre Thatkraft zur Geltung bringen? Bis ganz vor kurzem war ihnen nicht ein einziger Amtsberuf, sei es im Bereiche der Wissenschaft, sei es im Staatsdienst, zugänglich gewesen; Geschlecht auf Geschlecht ging dahin, und sie hatten immer nur eine Möglichkeit vor Augen: diejenige, sich ein Vermögen zu machen. Schon hatte dieser ungerechte Zustand sich glücklich zu beffern begonnen, aber ach! nun droht er, durch eine seltsame Rückkehr zur Härte und zum Vorurtheil, auf's Neue hervorzubrechen. Ew. K. Majestät ist zu gerecht, zu erleuchtet, um solche Behandlung eines Theiles Ihrer Un.erthanen zuzulaffen; Sie werden dem Antriebe Ihres eigenen Herzens, der Leuchte Ihres eigenen Geistes, dem Zuge dcr Gnade und der Gerechtigkeit folgen und der Engherzigkeit Derer kein Gehör geben, welche dem Geiste ihrer eigenen Religion zum Trotz, die das Erbarmen und Wohlwollen gegen all' unsere Nebenmenschen predigt, einen Thetl derUntertha-en Ew. K. Majestät, auf dessen Hingebung und Vaterlandsliebe Sie vertrauensvoll rechnen dürfen, verfolgen und mit grenzenloser Ungerechtigkeit behandeln möchten. II. Antwort. Seine Majestät der Kaiser und König haben Ew. Hochwohlgeboren Schreiben vom 29. v. Mts. empfangen. Allerhöchstdicselben vermochten nicht zu erkennen, welche Umstände gerade zur Zeit zum Ausdruck so lebhafter Besorgnisse in Betreff der Be» Handlung der jüdischen Unterthanen Seiner Majestät Anlaß geben können, wie solche in Ihren Darlegungen Ausdruck gefunden haben. Seine Majestät umfaßt alle ihre Unterthanen ohne Rücksicht auf Stand oder Religionsbekenntniß mit gleichem landesväterlichen Wohlwohlen, und die jüdischen Unterthanen dürfen aus den allerhöchsten Schutz um so sicherer vertrauen, je mehr dieselben nach Ihrer Versicherung bestrebt sein werden, keiner anderen Klasse der Bevölkerung in Bethättgung wahren Patriotismus' und echter Bürgertugend nachzustehen. Auf allerhöchsten Befehl habe ich die Ehre, Ew. Hochwohlgeboren hiervon ergebenst in Kenntnitz zu setzen. Der Geheime Kabinets-Rath: v. LucanuS. (Fr. Ztg.) Hamburg, 18 December. Die hier ansässigen Unterthanen mosaischer Confesston wurden gestern durch den Oberrabbiner Herrn Dr. Hirsch auf den neuen Czaren NicolauS II. vereidigt. Zu der damit verbundenen in der Synagoge auf den Kohlhöfen ftattgehabten Feierlichkeit hat>e sich auch der Kaiserlich russische Viceconsul v. Wiesel eingefunden. der von einer Deputation, bestehend aus den Herren Baron Günzburg, A. Melamerson (Vertreter der hiesigen Russischen Transportgesellschaft), Kaufmaann Bestmertny und Cantor Süßkind, empfangen wurde; Herr Melamerson sprach demselben im Namen der Anwesenden das innigste Beileid über den so frühen Tod des Kaisers Alexander und zugleich die Freude über die Thronbesteigung Kaiser Nicolaus II. aus. — Hierauf hielt Herr Oberrabbiner Dr Hirsch eine längere Rede, in welcher er betonte, datz schon die Bibel und die Propheten darauf hingewiesen, datz die Jsrae'iten verpflichtet waren, die Gesetze des Landes, in welchen sie wohnen, zu halten und treu zum Herrscher- Hause des Landes zu stehen und datz durch den Eid, den sie leisteten, diese Pflicht eine doppelte wäre. — Dann wandte sich Herr Melamerson als Sprecher der Deputation wieder an Herrn Vice Consul v. Wiesel und bat denselben, die Gefühle der unwandelbarsten Treue und Hochachtung der Anwesendeu für Kaiser Nikolaus zu Füßen des Thrones niederlegen wollen. Redner schloß mit dem Wunsche, daß Gott dem Kaiser eine lange segenbringende Regierung verleihen möge. Die Feierlichkeit währte ca. eine Stunde. Aus Bayer«. Unter denjenigen Talmudbefiiffenen und Gelehrten, welche die neue Wilnaer Prachtausgabe des Talmud (Herausgeber: Wittwe u. Gebrüder Romm in Wilna) benützen u. dabei auch den in dieser Ausgabe zum ersten Mal im Druck erschienenen Kommentar des R. Chananel aus Kairuan kennen u. schätzen gelernt haben, dürfte es nur Wenigen bekannt sein, daß wir das Erscheinen dieses ältesten u. äußerst werthvollen Kommentars indirekt dem Wohlwollen u. der FreundlichkeitZdes gegenwärtigen Reichskanzlers, Fürsten Hohenlohe, zu verdanken haben. Wer sich die Mühe..nimmt, das Nachwort dcr Herausgeber u. Verleger, nnrw ~im, am Ende des letzten Bandes dieser Ausgabe nachzulesen, der kann sich von dcr Richtigkeit dieser Thatsache überzeugen. Die einzige vorhandene Handschrift dieses Kommentars, nach der es in dieser Ausgabe abgedruckt wurde, befindet sich im Vatikan zu Rom. Die Bedingungen aber, unter denen es gestattet ist, in der Bibliothek des Vatikans zu arbeiten, enthalten so viele Beschränkungen, daß es nicht möglich gewesen wäre unter Ausrechthaltung derselben, noch rechtzeitig eine Abschrift zu nehmen, um den Kommentar dieser Ausgabe einzuverleiben. Rur zu Gunsten'dcs Herrn Rabbinowitz y'T, des berühmten Herausgebers der ons'D wurde eine Ausnahme gemacht. Er durfte zu allen Stunden des Tages, auch^an den kleineren, nicht hohen Festagen u. ebenso während der Sommermonate, da die Bibliothek für den allgemeinen Gebrauch geschlossen ist, daselbst arbeiten. Diese Vergünstigung verdankte er hauptsächlich einer Empfehlung des damaligen Gesandten