Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 99 (10.12.1894)
- Date
- 1894-12-10
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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1878 kommt Niemand her. Ich werde aber um acht Uhr wieder hier sein." Mit vielen Dankesworten entfernten sich die Kinder. Der Verwalter schloß sorgfältig die eiserne Thüre ab und ging in seine Wohnung. Auf dem Wege dahin kamen ihm die Waisenkinder nicht aus dem Sinn und mehr als einmal sagte er: „So ne Gören," und „diese Juden." Am andern Morgen ließ er sich bet seinem Herrn melden und wurde in dessen Arbeitszimmer geführt. „Guten Morgen Klas," empfing ihn dieser, „was führt Dich zu so ungewohnter Stunde zu mir? Willst Du wohl heirathen?" Das treue Gesicht des Mannes erglänzte vor Freude bet dieser Anrede. Sein breiter Mund verzog sich zu einem Lächeln und er entgegnete: „Na, Herr Arnhold, das wohl nicht. Sei und ick, wir bleiben tosammcn, as alte Junggesellen." „So ist's recht, Klas, aber was willst Du?" Nun begann Klas in seiner breiten Art von den Kindern zu erzählen. Herr Arnhold hörte ihm aufmerksam zu und schüttelte nur hie und da den Kopf. Endlich war er fertig und er schloß mit den Worten: „Und Dei Kinner sind Judenkinncr und sei sind ein Jude und ick mein, sei fallt den Kinner helpen." Herr Arnhold streckte seinem Verwalter die Hand entgegen und sagte: „Das war brav Klas; ich will sehen, was ich für die Kinder thun kann; wann kommen sie heute Abend?" „Um acht Uhr." „Gut. Ich werde auch da sein." Klas entfernte sich. Auf dem Nachhauseweg kehrte er in einer Wirthschaft ein und belohnte sich selbst mit einem guten Schoppen. Pünktlich zur festgesetzten Zeit waren die Kinder am folgenden Abend wieder da. Der Verwalter erwartete sie schon, und ohne viel zu sprechen begann Ella, die Lichter herzurichten. Sie merkte nicht, daß mit dem Verwalter noch ein Herr eingetreten war, der, im Dunkeln stehend, aufmerksam auf alles achtete, was sie that. Wie am vergangenen Abend wurden die Lichter entzündet, der Segensspruch gesprochen und alsdann die Chanukkah-Hymne gesungen. Herr Arnhold stand wie in einem Banne. Welches Gottvertrauen, welche Gläubigkeit mußte in diesen Kindern stecken, daß sie alles daran setzten, die Gebote ihrer Religion erfüllen zu können! Beschämten sie nicht manchen Erwachsenen, der ohne Scrupel sich über wichtigere Gebote hinwegsetzt? Wahrlich, ihrer Noth mußte er ein Ende machen, sie einer Umgebung entreißen, in welcher der edle Kern, der sich so eklatant in ihnen zeigte, zu Grunde gehen mußte. Er hatte keine näheren Anverwandte. Sein Vermögen fiel, wenn er einmal starb, entfernten, reichen Verwandten zu, d^ dessen nicht bedurften. Wie wäre es, wenn er die beiden Kinder, die ihm so gut gefielen, adoptirte und sich dankbare Pfleger für die Tage seines Alters erwarb? Der Gedanke hatte etwas Bestechendes für ihn und einem raschen Impulse folgend trat er zu den Kindern heran und fragte: „Wie heißt ihr?" Erschrocken blickten Ella und Otto den Fremden an. Sofort erkannten sie, daß sie einen Glaubensgenossen vor sich hatten, aus dessen Mienen das Wohlwollen sprach. Wie wohlerzogene Kinder beantworteten sie seine Fragen und als er alles, was er wissen wollte, erfahren hatte, da wurde er von Mitleid erfaßt und rief aus: „Arme Kinder! wer konnte Euch in solchen Kreisen unterbrtngen, wo das Edle, das Eure Eltern in Eure Herzen gepflanzt hatten, erstickt worden wäre! Wahrlich, der liebe Gott, dessen Gebot ihr so treulich erfüllt habt, hat auch wiederum ein Chanukkahwunder gethan. Er führt sein Volk, seine Kinder durch Nacht zum Lichte. Lob und Preis ihm, dem Herrn der Heerscharen. Heute geht ihr noch einmal zu Euren Pflegeeltern, aber s. G. will am morgenden Tage soll Eure Noth ein Ende haben, will ich die Sorge für Euch übernehmen." Ella standen vor Glück und Freude die Thränen in den Augen. Die Nacht des Unglücks sollte für sie und ihren Bruder vorüber sein! sie sollte vielleicht nicht mehr zu betteln brauchen! O, welch ein Glück, welch ein Glück! Sie sollte vielleicht wieder lernen dürfen wie zur Zeit, da die Eltern noch am Leben waren! O, welche Freude! Sie stürzte nieder auf die Kniee vor dem braven Manne und ihre Kinderlippen stammelten nur das eine Wort hervor: „Dank! Dank!" Herr Arnhold war auch gerührt über den Ausbruch der Dankbarkeit des Mädchens. Ec hob sie vom Boden auf und sagte leise tadelnd: „Steh auf, mein Kind, wir dürfen nur vor unserem Gotte, aber vor keinem Menschen niederknien." Und dann wandte er sich an Otto: „Nun, Du kleiner Mann, willst Du mit mir gehen, mein Sohn sein?" „Ja", sagte Otto, — „wenn Ella auch mitgeht und Du uns nicht schlagen willst wie die böse Tante." „Sieh einmal an, der kleine Kerl stellt feine Bedingungen. Nun, ich verspreche Euch, wenn Ihr