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Der Israelit · 1894-12-10 · Heft 99 (10.12.1894) · page 24

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 99 (10.12.1894)
Date
1894-12-10
Page
– (sequence 24)
Language
German
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1876 In diesem Augenblicke drehte sich die Pflegemutter um und erblickte die Geschwister. Wüthend sprang sie auf dieselben zu, riß Ella am Arme und schrie: „Was habt ihr jetzt hier zu thun? Weißt Du nicht, Du faules Mädchen, wo Du um diese Zeit sein sollst? Hast Du wohl schon genug Geld?" Ella schütttelte mit dem Kopfe und da fuhr die Hand des rohen Weibes mit derbem Schlage auf die Wange des Mädchens, daß dieses zu Boden gefallen wäre, wenn Otto sie nicht festgehalten hätte. „Du hast mein Schwesterchen nicht zu schlagen", schrie jetzt erbost der Knabe. „Wenn Du es wieder tbust, sag ich es der Polizei." Heuchlerisch grinsend streichelte sie jetzt, da die Vorübergehenden auf den Vorgang aufmerksam wurden, die Wange des Knaben und sagte laut: „Du frierst mein Kind? Komm mit mir nach Hause, dort will ich Dir warm machen." Und leise für sich murmelte sie: „Wart nur, Bürschchen, der Stock wird Dir schon die Polizei austreiben." Sie nahm jetzt Otto an der Hand und eilte mit raschen Schritten nach Hause. Dort angekommen befahl sie Ella, ihr das Geld zu geben, das sie am heutigen Abend erbettelt hatte. Ella leerte ihre Tasche. Ach, es war gar wenig darin. Die Herrlichkeit des Chanulkahlichtes hatte sie ihre Aufgabe ganz vergessen lassen, und stotternd sagte sie: „Ach, Tante, es ist heute Abend Chanukkah, da waren wir in der Synagoge, um die Entzündung des Chanulkahlichtes mit anzusehen. Verzeihe mir. —" „So, so! Nun, weißt Du, wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen. Marsch mit euch ins Beit. Ihr erhaltet heute kein Abendbrot und nur weil es Chanukkah ist, will ich von Schlägen absehen. Also gute Nacht!" Traurig schlichen die Kinder in den dunklen Schlafraum, den sie angewiesen bekommen hatten und der entfernt von der Kammer der Pflegeeltern war. Die Strafe, die sie erhalten hatten, kam ihnen erwünscht. Jetzt störte sie Niemand mehr; jetzt konnte Otto sein Chanukkahlicht entzünden. Aber wo? In dem Raum, in dem sie schliefen, durften sie es nicht wagen, Licht zu machen. Da k -m Ella ein Gedanke. In dem Magazin, welches bet Dunkelwerden geschlossen wurde, konnten sie ihr Lichtlein anzünden; da würden sie von Niemaud gesehen. Aber wie in das Magazin kommen? Ella sann und sann; es wollte ihr kein Weg einfallen. Trotzdem verließ sie nach einiger Zeit mit einem Säckchen, worin sich Sand befand und einem Gläschen mit Oel in der Tasche, den Bruder an der Hand führend, den Schlafraum und bald darauf das Hans. Sie umschlichen das Magazin und standen, nachdem sie sich noch einen zuvor zurecht gelegten Backstein geholt hatten, vor der eiserner^. Thüre des Magazins. Sie Wen verschlossen zu fein: Zaghaft versuchte Ella die Thüre zu öffnen': — sie gab nicht nach. Doch was war das? DeW Schlüssel steckte ja. Rasch hatte sie ihn umgedrehtD die Thüre geöffnet, den Bruder hineingeschoben, den Schlüssel abgezogen, die Thüre hinter sich zugeschlagen und von innen verschlossen. Jetzt standen sie lauschend und vor Kälte zitternd in dem großen Packraum. Es war stockfinster und Otto fürchtete sich sehr. Da ging Ella, mit den Händen vor sich hertastend nach der Mitte des Raumes zu. Bald hatte sie einen Tisch erreicht. Mit einem Zündhölzchen machte sie Licht, zündete den Stummel einer Kerze, den sie wer weiß woher hatte, an und begann ohne Zögern den Chanukkahleuchter für ihren Bruder zurecht zu machen. Aus dem Säckchen nahm sie weichen Sand und legte ihn auf den Stein. In diesen Sand drückte sie die Schale einer halben Nuß, legte ein Stückchen Bindfaden in dieselbe und füllte sie dann mit Oel. DaS Chanukkahlicht war fertig und Otto konnte seine Pflicht erfüllen. Wie stolz war sie aus ihr Werk! Fort war die Furcht und der Frost und leuchtenden Augs sah sie zu, wie der Bruder das Licht entzündete, hörte sie, wie er tadellos die Benedictionen sprach. Dann kauerten sie sich nieder und sangen mit halblauter Stimme: Noaus zur jescbuosi. Und die Engel im Himmel traten vor den Thron des Allmächtigen, als sie dieses sahen und sagten: „Vater, lasse enden die Noth dieser frommen Kleinen." — Leise, wie sie gekommen, schlichen sich die Kinder, nachdem sie sorgfältig jede Spur verwischt hatten, fort und nahmen den Schlüssel mit. Unentdeckt kamen sie wieder in ihrem Schlafraum an und waren überglücklich. Sie hatten ihr Chanukkahlicht gehabt und dabei ihre Noth und ihr Elend vergessen. Sie hatten in der Vergangenheit geschwärmt und in ihren Gedanken waren sie im Elternbause gewesen, hatten noch einmal jene glücklichen Tage der Kindheit genossen, die für sie jetzt ja für immer vorüber waren. Für immer? Verzagt nicht, ihr frommen Kinder! Wohl konnten Euch Euer Vater und Euer Mutter verlassen, aber unser Aller Vater im Himmel verläßt Euch nicht; er ist der Vater der Waisen; in Seine Hände legt vertrauensvoll Euer Geschick. Die Chanukkahtage waren harte Tage für die Geschwister, denn überall mußten sie Entdeckung und Strafe fürchten. Sie waren deshalb sehr vorsichtig und hüteten sorgfältig ihr Geheimnis.

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