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Der Israelit · 1894-12-10 · Heft 99 (10.12.1894) · page 23

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 99 (10.12.1894)
Date
1894-12-10
Page
– (sequence 23)
Language
German
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1875 in ihr elendes Bett krochen und sich mit ihren Lumpen zudeckten. Das war das Loos dieser armen Kinder; sie wurden des Tags über gepeinigt und vergaßen im Schlafe das Elend, das über sie hereingebrochen war. Ella' wurde als ein böses, verkommenes Mädchen von ihrer Pflegemutter dahingestellt und derart von der ganzen Nachbarschaft behandelt. Die Kinder mieden sie, die Erwachsenen verachteten sie. Aber je mehr sich die Fremden von ihr abwandten, um so enger schloffen sich die Geschwister an einander an und sie trösteten eines das andere. Das Chanukkahfest nahete heran. Die Pflegeeltern der beiden Geschwister waren Leute, die der Außenwelt gegenüber sich fromm zeigten, die aber, sobald es Niemand sah, nichts weniger als fromm waren. Sie befolgten das Gebot des Lichtanzündens, weil sie fürchteten, es könnte ihnen sonst ein Schaden entstehen. Ella hatte gebeten, daß ihr Bruder, wie er es auch alljährlich bei den Eltern gethan hatte, Lichter entzünden dürfe. Aber da war sie bei ihrer Pflegemutter schön angekommen! „Was, auch noch Geld soll ich für diesen Bengel ausgeben!" schrie sie das Mädchen an. „Wenn Dein Bruder entzünden soll, so kaufe Du Lichter für ihn." Ella erwiederte nichts. Aber von diesem Tage an begann sie den ihr von der Pflegemutter gezeigten Weg zu gehen. Sie fing an zu sparen. Von dem gebettelten Gelbe nahm sie täglich einige Pfennige und versteckte dieselben, um am Weihesesie dem Bruder die Gelegenheit bieten zu können, das Gebot des Lichtanzündens zu erfüllen. Sie lehrte ihn das dazu vorgeschriebene Gebet sprechen und lernte selbst die Hymne dloau8 2ur jeschuosi auswendig, um sie den Bruder zu lehren. Otto war ein gelehriger Schüler und bald sang er zur Zufriedenheit Ellas dies Lied, in welchem Gottes Lob erschallt für all die großen Wunderthaten, die Er im Lause der Geschichte Seinem Volke Israel erwiesen hat. Obschon sie den Sinn der Worte nicht verstanden, fanden sie Trost in dem Bewußtsein, einen Hüter zu haben, der eins ist mit dem Hüter Israels. In einem Loche an der Mauer eines benachbarten Magazins versteckte Ella die ersparten Pfennige und hütete dieselben mit Argusaugen. Acht Tage vor dem Weihefeste sah man das Geschwisterpaar auf dem Markte sich Herumtreiben und die fortgeworfenen Nußschalen aufsammeln. Sie brachten während dieser Zeit wenig Geld des Abends nach Hause und sie hatten deshalb schwer darunter zu leiden. Aber sie trugen ihr Geschick ohne Murren und nur die bleiche Gesichtsfarbe des Mädchens j zeugte von dem Gram, der an seinem jungen Herzen nagte. Endlich war der Tag des Weihefestes gekommen. In allen Wohnungen Israels erstrahlte der hehre Glanz des Chanukkahlichtes und sein milder Schein drang in die Herzen und stimmte dieselben freudig. Hatte der Allmächtige doch abermals ein Wunder an seinem Volke gethan! Ein Wink seiner mächtigen Hand — und der Würgengel hörte auf, seines schrecklichen Amtes zu walten, die Seuche, die Tausende hinweggerafft hatte, war verschwunden und alles atmete auf. Wohl hatte sie auch einzelne jüdische Familien in tiefste Trauer versetzt, aber im allgemeinen waren die Israeliten von der Krankheit fast verschont geblieben und mit unendlichem Jubel schwebte der Dank derselben für die erwiesene Rettung zu den Höhen empor. Das Weihefest wurde zum Dankesfest und gar mancher, der seit Jahren das Chanukkahltcht durch den Wethnachtsbaum ersetzt hatte, holte in diesem Jahre den Chanukkahleuchter wieder hervor, entzündete dessen heiliges Licht und stammelte bewegten Herzens und mit Thränen in den Augen 8eh6080 ui8im laawausenu bajomim hohem, baseman haseh. Die Synagoge war am ersten Abend fast so voller Andächtigen wie an den höchsten Feiertagen und manche Thräne fiel zur Erde, als der greise Rabbi an die silberne Menorah trat, mit zitternder Stimme den Segensspruch sprach und das erste Ltchtlein ausflammte. In einer dunklen Ecke nahe der Thüre der Synagoge kauerte das Geschwisterpaar Otto nnd Ella. Mit glänzenden Augen betrachteten sie die Menorah und das Ltchtlein, das daran brannte. „Sieh, wie es leuchtet, das heilige Licht", sagte Ella zu dem Bruder. „Ganz so glänzte das Chanukkahlicht in der Wohnung unserer seligen Eltern. Jetzt ruhen sie längst draußen in der kühlen Erde. Ach, lieber Vater, liebe Mutter, warum habt ihr Eure Kinder verlassen, daß sie einsam —" „Wann darf ich", unterbrach Otto die Schwester, „mein Chanukkahlicht entzünden?" „Sobald wir nach Hause kommen." „Aber wo? im Zimmer will es die böse Tante ja nicht haben." „Nun, wir werden schon ein Plätzchen finden, wo unser Lichtchen brennen kann." Ein Beamter kam nun und gebot den Kindern, stille zu sein. Es kam auch kein Wort mehr über ihre Lippen und selbst, als der Gottesdienst zu Ende war und die Kinder sich schon auf der Straße befanden, schwiegen sie noch, bis Otto die Schwester plötzlich am Kleid zupfte und sie zurückhielt. „Sieh, dort geht die Tante", flüsterte er leise, „wenn sie uns nur nicht sieht."

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