Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 99 (10.12.1894)
- Date
- 1894-12-10
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448502--39851-2488019- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1874 aus dem liebevollen Elternhaus in die kalte, fremde, harte Welt. Vor vier Monaten hatte noch das Mutterauge sorgend über sie gewacht, hatte noch das Vaterherz lübwoll für sie geschlagen und jetzt — das Mutterauge war längst gebrochen, das Vaterherz schlug lange schon nicht mehr und Vater und Mutter lagen mit so vielen tausend anderen stille und friedlich draußen in der kühlen Erde. Jäh, unvorbereitet hatte sie der unerbittliche Tod ereilt, sie fortgerisien von ihren Lieblingen und sie in jene Gefilde entführt, wo der Tod sie nicht mehr schrecken wird. Wie hatten sie gesorgt und geschafft, wie gestrebt und gerungen um die Sorge von den Kindern fernzuhalten — vergeblich! es blieb ihnen keine Zeit zu vollenden, was sie begonnen; sie mußten von hinnen, ihre Lieblinge dem Schicksal, dem Mitleid fremder Menschen überlassen. Als die Eltern zu Grabe getragen waren, standen die Kinder allein da. Niemand wagte es, aus Furcht vor Ansteckung die Aermsten ins Haus zu nehmen, bis endlich die Vorsteher der jüdischen Ncligionsgemeinde sich Der Waisen annahmen und dieselben bei armen Leuten unterbrachten. Otto und Ella hatten es schlecht getroffen. Die Pflegemutter, der sie anvertraut worden waren, war eine harte zänkische und unbarmherzige Frau, die den Schein wirklicher Gutmüthtgkcit nach Außen zu wahren wußte und durch ihre Härte die Kinder scheu und ängstlich machte. Bei der geringsten Veranlassang gab es unbarmherzige Strafen und Ella und Otto, die bei ihren Ellern nur Liebe geatmet hatten, mußten diese Sonne der Kindheit jetzt vollständig entbehren. Sie sahen zum Erbarmen aus und es läßt sich begreifen, daß der seelische Schmerz, die Sehnsucht nach den Eltern ihnen noch weher that als die Schläge, welche sie bei der geringsten Veranlassung erhielten. Jetzt waren sie aus der Nebenstraße, in der die Pflegeellern wohnten, herausgegangen und hatten eine der verkehrreichsten Straßen der Stadt erreicht. Vor einem großen und palastähnlichen Gebäude stellten sie sich aus und streckten ihre mageren Hand» chen aus, die Vorübergehenden um eine Gabe anflehend. Manches mitleidige Herz willfahrte ihrer Bitte, aber es gingen auch harte Menschen vorüber, die unwillig mit dem Kopfe schüttelten und ihnen anstatt eines Almosens Schimpfworte gaben. Dann liefen dem Mädchen stets von Neuem die Thränen aus den Augen und ihre Lippen murmelten: „O, Vater, o Mutter, warum habt ihr uns verlassen?" .... Es war schon längst Nacht geworden und die Laternen warfen ihr zitterndes Licht auf die weiße Decke, die der herabfallende Schnee über die S raßen und freien Plätze breitete. Wie Millionen glitzernde Edelsteine sahen die Schneeflocken aus, wenn si.', in der Luft umherwirbelnd, in den Bereich des Lichtes kamen, und sicher hätten sie das Auge des armen Mädchens entzück^ wenn cs die herrlichen Farben, in die sich das Licht brach, gesehen hätte. Aber es sah nichts von all dieser Pracht und Schönheit. Zitternd vor Frost und Angst ging es mit dem Bruder nach Hause. „Wo bleibst Da denn heute so lange, Du faules Ding! Hast Da wohl vornehme Bekanntschaft gefunden und die Zeit verplaudert? Zeig her, was Du gesammelt hast!" Mit diesen Worten wurden die Geschw.ster von der Pflegemutter empfangen und unter Schelten und Zanken griff sie tu die Tasche des Mädchens, holte bas darin befindliche Geld heraus und zählte dasselbe in ihre Hand. Dabei flog ein Strahl der Zufriedenheit über ihr Gesicht. Trotzdem schrie ste das Mädchen an und verlangte noch mehr Geld von demselben. Weinend sagte Ella, daß das alles sei, was sie erhalten habe. „Und Du hast nichts versteckt, nichts für Dich behalten? Schwöre mir's bet der Seligkeit Deiner toten Eltern!" Kaum hatte der Knabe diese Worte gehört, als er bitterlich ar.fing zu weinen. Da nahm die gereizte Frau eine» Rohrstock zur Hand und wollte aus die Kinder einhauen, als die Thüre geöffnet wurde und eine Nachbarin eintrat. „Ei, guten Abend, Frau Nachbarin," rief die Eintretende der Wütenden zu, „nun, was geht denn hier vor?" „Ach, man hat seine Last mit den Kindern; mit den fremden noch mehr als mit den eigenen. Was meinen Sie, dies große Mädchen läuft den ganzen Nachmittag mit ihrem Bruder in dcr Kälte umher. Ich habe auch nicht die geringste Hülfe von dem großen Mädchen; zum Essen ist es da und die übrige Zeit des Tages treibt es sich umher. Wenn ich es nicht der Mizwoh halber thäte, hätte ich die beiden längst der Gemeinde zurückgegeben." „Sie müssen auch nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten. Mit guten Worten erreicht man oft mehr als mit Strenge." „Ich habe schon Alles versucht; an Ella ist Hopfen und Malz verloren." Die Nachbarin wollte nun ihrerseits das Mädchen nochmals ermahnen, aber die Kinder waren htnausgegangen, ohne ein Wort der Rechtfertigung zu sagen. In der Küche fanden sie ein Stück hartes Brod, welches ste gemeinsam verzehrten, worauf ste, da.sie erbärmlich froren,