Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 99 (10.12.1894)
- Date
- 1894-12-10
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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für baseTt- WM •~~Ar Mrthodoxe MuderrthumÄ lo/w O SESv' lNr 18. 80. D«z. 1804 ] ’Qjä&fZSt w<m wm lJi u >© Die waimi. ©* Von H. Von dem Thurme ertönten drei schwere Schläge. Mit dem letzten Schlage öffnete sich die Thüre des kleinen, der Kirche gegenüberliegenden Häuschens, und ein Mädchen von ungefähr zwölf Jahren trat heraus. Sie führte einen kleinen Knaben an der Hand, dem man ansah, daß er soeben geweint hatte. Als sich die Thüre hinter den Kindern geschlossen hatte, entfuhr ein Seufzer den Lippen des Mädchens und sie ging raschen Schrittes, so daß der Knabe kaum folgen konnte, auf dem schmalen Trottoir dahin. Dabet perlten Thränen aus ihren schwarzen Augen, die, da eS bitterkalt war, zu kleinen Eiskügelchen erstarrten, wenn sie auf das dünne Kleid fielen, welches dem Mädchen unmöglich Schutz gegen die Unbilden des Wetters bieten konnte. Nach einigen Schritten blieb sie denn auch, vor Kälte erschauernd stehen und sich zu dem kleinen Knaben wendend, sagte sie: „Weine nicht mehr, mein Otto, die böse Tante soll Dich nicht mehr schlagen; wir sehen zu, daß wir gute Menschen finden, die Mitleid mit unserem Elend haben. Vielleicht —" „Ach, meine liebe Ella", sagte der Knabe zitternd vor Kälte und Angst, „wir wollen zu Mama gehen. Mama hat mich nie geschlagen und auch Papa nicht. Warum gehen wir nicht zu ihnen?" Dem Mädchen war bei dieser Klage des Bruders die Kehle wie zugeschnürt. Sie konnte kaum sprechen; doch sie zwang sich und erwiederte: „Papa und Mama find fort. Sie haben eine weite Reise angetreten und wenn wir recht brav Berger. (Alle Rechte Vorbehalten. sind, so werden sie, wenn sie wiederkommen, etwas recht Schönes für mein Brüderchen mitbringen." „Aber wann kommen sie denn wieder?" „Das kann lange dauern, mein Otto; vielleicht kommen sie auch gar nicht wieder, sondern lassen uns zu sich kommen." „O, das wäre schön, Ella, dann bekäme ich keine Schläge mehr und wir brauchten nicht zu frieren." „Frierst Du denn so sehr?" „Ja", sagte der Knabe und streckte dem Mädchen seine freie Hand hin, die eiskalt war. Ella bückte sich, nahm die Hand des Brüderchens zwischen ihre Hände und suchte dieselbe mit dem Hauche ihres Mundes zu erwärmen. Da schlang der Knabe seine Arme um ihren Hals und im Ausbruch leidenschaftlicher Zärtlichkeit rief er: „Ach, Ella, ich habe Dich ja so lieb!" Ella erwiederte die Liebkosung und sagte: „Auch ich habe Dich lieb, Du einziger Schatz. Doch jetzt laß uns weiter gehen und unseren Auftrag besorgen, sonst wird die Tante böse auf mich und ich bekomme Schläge." „Dann soll sie lieber mich schlagen", rief in aufwallendem Trotz der Knabe und stampfte mit dem Füßchen auf; „denn Du verdienst kerne Schläge; ich sage es der Mama, wenn sie Dich schlagen will." Ella erwiederte nichts, sondern setzte ihren Weg, den Knaben mit sich ziehend, fort. Es waren zwei unglückliche Kinder, die da in der Kälte des Winters auf das nothdürftigste bekleidet, dahin schritten. Die Cholera hatte sie an einem Tage Tage beider Eltern beraubt und hinausgegestoßen