Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 99 (10.12.1894)
- Date
- 1894-12-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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f$eniI(etott. 4<§ Uur eine Tochter. Erzählung von H. Berger. 3.) (Alle Rechte Vorbehalten Ehe sie sichs versahen, war die zur Erholung festgesetzte Zeit verfloffen und Dr. Pretorius und seine Frau mußten an die Heimreise denken. Man hatte viele 'Bekanntschaften gemacht, jedoch nur eine derselben war zur Freundschaft herangeretft und daS war die mit Herrn v. Gilsa, der sich ihnen innig angefchloffen hatte und dem es leid that, so rasch sich von den neugewonnenen Freunden trennen zu müssen. „Besuchen Sie uns diesen Winter," bat das Ehepaar. „Zur Faschingszeit werden Sie in unserer rheinischen Metropole Amüsements genug finden, wenn Ihnen unsere Gesellschaft langweilig, zu langweilig werden sollte." „Das Letztere wäre wohl nicht zu befürchten," erwiederte Herr v. Gilsa lächelnd, „aber der Vorschlag ist nicht übel, und ich werde vielleicht von Ihrer freundlichen Einladung Gebrauch machen." Recht herzlich gestaltete sich der Abschied von der Familie Apolant. Das Ehepaar hatte die Kinder derselben liebgcwonnen, und hätte Frau Apolant eingewilligt, so wäre ein Kind für eine Zeit lang mit nach der Stadt gerefft. „Ich kann keines von den Kindern entbehren," sagte sie, „und ich käme sicher am zweiten Tage schon es zu holen." „Dann mag es lieber hier bleiben," sagte der Anwalt, sich verabschiedend, „aber wir werden uns erlauben, ihrer am Purim zu gedenken." Jetzt trennte man sich und Frau Apolant traten die Thränen in die Augen, als sie sagte: „Behüt' Sie der liebe Gott und möge er ihren Herzenswunsch erfüllen!" Sie wandte sich nun der Küche zu und sagte: „Liebe Leute; der Abschied von ihnen fällt mir so schwer, als ob sie meine Geschwister wären, und wenn ich irgend Jemand ein Kind anvertrauen könnte, so wäre es dieses Ehepaar. Schade, daß diese Ehe kinderlos ist; aber sie sind ja beide noch jung, der liebe Gott kann ihren Wunsch immer erfüllen. Sollte dem Ewtgen^etwas unmöglich sein?" * * * Dr. Pretorius und seine Frau war-n in ihre Vaterstadt zurückgekehrt. Sie hatten in der Sommerfrische gefunden, was sie dort gesucht hatten: Ruhe und Erholung. Und als der kleine, dicke Anwalt wieder bei seinen Bekannten erschien, konnten diese mit Befriedigung tonstatiren, daß sein Bäuchlein, womöglich noch runder und sein Antlitz noch freundlicher geworden war. Auch sein Humor hatte nicht gelitten, denn schlagfertig und in liebenswürdigster Weise fertigte er alle neckenden Bemerkungen ab. Seine Berufsgeschäfte nahmen fast seine ganze Zeit in Anspruch, so daß er den geselligen Verkehr wenig pflegen konnte nnd sich die Zeit stehlen mußte, die er seiner Frau widmen wollte. Diese war nicht so besonders von der größtn Arbeitslast ihres Mannes entzückt und hätte gerne gesehen, daß er einen Compagnon genommen hätte. Aber Dr. Pretorius war nicht dazu zu bewegen. Er sagte: „Ich will, wenn ich einmal sterbe, meinem Sohne ein ganzes und kein halbes Geschäft hinterlassen, von dem ihm ein anderer das Beste wegnehmen könnte. Mein Compagnon könnte nur mein Sohn sein." „Und in Ermangelung eines solchen quälst Du Dich ab. Für wen? Für lachende Erben," sagte seine Frau. „Oho! wir beide sind noch jung und Gott wird ein Einsehen haben und den Storch auch einmal mit einem Jungen zu uns schicken." „Und wenn uns nun Kinder versagt bleiben, oder wenn uns Gott eine Tochter schenken würde?" „Ah, bah! an beides ist nicht zu denken. Dafür sind wir beide viel zu gute Menschen." „Du hast ja keine geringe Meinung von Dir." „Warum soll ich nicht das Beste von mir selbst denken? Mit Wissen und Willen vergehen wir uns beide nicht gegen die Gebote unseres Gottes und suchen durch unser ganzes Leben seinen göttlichen Namen zu heiligen; darf ich da nicht hoffen, daß Gott unser Gebet erhört, unseren Wunsch erfüllt?" , O ja; Du darfst es hoffen und ich würde am frohesten sein, wenn sich Deine Hoffnungen erfüllen würden." Die Tage vergingen in ihrem ewigen Wechsel und die Zeit, welche der Frau des Anwaltes in reichem Maße zu Gebote stand, widmete sie der Woülihätigkeit. Sie war Vorsteherin verschiedener wohlthätiger Vereine und suchte die Armuth und das Elend auf, und wartete nicht, bis sie Hilfe erheischend an ihre Thüre pochten. Ihre Hauptthätigkeit widmete sie dem Verein zur Unterstützung armer Wöchnerinnen und gar manche Gevatterschaft brachte sie ihrem Ehegemahl nach Hause, der mit Freude die große Mizwoh erfüllte und mit freigebiger Hand die in den Bund Abrahams neu Aufgenommenen beschenkte. Eines Tages kam sie weinend nach Hause und berichtete ihrem Gatten, daß eine junge Wittwe, deren Mann vor vierzehn Tagen verunglückt war, ein Knäblein geboren habe, bei der Geburt selbst aber gestorben sei, und daß dieses arme Kind jetzt, da es keinerlei Verwandte habe, der Armenverwal-