Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 99 (10.12.1894)
- Date
- 1894-12-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1854 Einzelnen die tiefen Wunden empfinden, die der erbitterte Mkhrjähriqe Kampf ihnen an Gut und Blut gebracht hatte. Und doch war jetzt diese vollendete Hingebung an die Zwecke und Ziele, für die ein ganzes Volk gekämpft und geblutet hatte, dringender denn je geboten. Aber dieser treue Pflichtenernst, aus dem allein diese Hingebung floß, war vielfach durch das verführerische Beispiel gelockert, das durch den langjährigen Verkehr mit den heidnischen Machthabern und noch mehr durch die jüdischen Griechlinge gegeben wurde. Angesichts des drohenden Feindes vollzog sich diese vollendete, beispiellose Hingebung eines ganzen Volkes von selbst. Gut und Blut für Gottes Ziele htnzugeben, diese Lehre von rwDD aran, das Leben und feine Güter Gott freudig zu opfern, das haben sie ja Iaht Hunderte symbolisch an dem Opferaltar des Heiligthums geübt. Für die Wiedererlangung dieser Stätte hatten sie doch ledtglich gekämpft und gelitten und die Wieder-Weihe ihres Opferaltares bildete ja den würdigen Schluß, das Siegel aller dieser Kämpfe und Siege. Das dem Feinde abgerungene Hetligthum stand nun vollendet und in neuer Weihe da. Es forderte die Opfer an Gut und Blut für das tägliche friedliche, in den gewöhnlichen Geleisen sich bewegende Leben, wie sie die entflammte Begeisterung des Volkes für den Krieg dahin gegeben hatte. Wie ist es möglich dieselbe O p f e r f r e u d i g k e it für den Frieden zu erlangen, die doch in Kriegszeiten als ganzselbstverständlich gilt? Diese Frage berührt wie wenig andere, die vitalsten Interessen unseres ganzen modernen Staatslebens. Wenn die Ehre, die Integrität oder welche höhere Jntereflen eines Staates sonst zum Kriege drängen, so erheben sich die Völker wie ein Mann und scheuen vor keinem Opfer zurück, um mit den Waffen ihr gefährdetes Recht zu sichern. Man zählt nicht die Millionen, nicht die vernichteten Existenzen, nicht den Schaden, den die Wohlfahrt der Einzelnen und Gesammtheit durch einen Krieg erleidet, sobald derselbe der Erhaltung unserer höchsten nationalen Güter gilt. Gilt es aber in Fricdenszeiten, in welchen die Existenz des Staates nur mittelbar bedroht ist, die Mittel für den eventuellen Krieg zu schaffen, so sind die Völker und ihre Vertreter nur schwer geneigt, diese M.ttel zu bewilligen, welche doch die Ehre des Staates erbettcht. Man mag die Belastung des Volkes, die Uebeibürdung durch Steuern und persönliche Leistungen noch so sehr empfinden und anerkennen, so wird doch Niemand behaupten, daß die höchste Inanspruchnahme der Steuerkräfte auch nur annähernd einen solchen Verlust repräsentire wie ein Krieg und gar ein unglücklicher Krieg. Dieser Widerspruch ist nur erklärlich durch den Umstand, daß man in Friedenszeiten leicht das Gedächtniß für die Greuel des Kriegs verliert. Jemand, der z. V. aus eigener Erfahrung die Zerrüttung, Verirrung, kurz den Jammer in all seinen Gestalten kennt, wie er sich in Deutschland am Anfänge dieses Jahrhunderts nach den Freiheitskriegen geltend machte, der wird gewiß leichter in die Opfer willigen, die zur Vermeidung eines solchen Elends bestimmt sind, als derjenige, dem diese Kehrseite der Medaille unbekannt ist, oder der sie nur vom Hörensagen kennt. Die Begeisterung des Kriegs auch in die Friedenszeit hinüberzuretten, dürfte sich demzufolge am leichtesten dadurch erreichen lasten, daß man die Momente, aus welchen die Begeisterung im Kriege floß, auch für den Frieden nicht aus dem Gedächtniß, ja womöglich nicht aus den Augen verliert. Die Wichtigkeit des Gegenstandes möge ein triviales, aus dem Leben gegriffenes Beispiel zu seiner Jllustrtrung gestatten. — In der soeben erschienenen Fortsetzung der „Beschreibung des Kreises Teltow" findet sich folgende Erinnerung an die Franzosenzeit: An der Kirche zu Zossen befindet sich über der Sakristeilhür ein großer Strohkranz mit der Inschrift: „Stroh, mit welchem im Jahre 18l3 auf Befehl des preußischen Kommandanten bei Annäherung der Franzosen diese Kirche angezündet werden sollte." — Als Erklärung wird hinzugefügt : Der Kommandant soll, wie die alten Leute erzählen, in die Kirche und in viele Häuser der Stadt Stroh habe legen lasien: sobald die Franzosen anrückten, sollte ganz Zoffen in Brand stehen, damit die Franzosen angeblich am Anrücken gehindert würden. Die Franzosen kamen nicht, das Stroh wurde wieder weggeschafft; ein Bund war zufällig bei der Kirche liegen geblieben und von diesem übrig gebliebenen Stroh ist zum Andenken der Strohkranz gemacht worden. Es ist anznnehmen, daß eine Handvoll von diesem Stroh und ein Hinweis aus seine Geschichte ein Parlament leichter geneigt macht, den Schrecken eines Kriegs durch Bewilligung der erforderlichen Geld-Mittel vorzubeugen, als die oratorischen und publicistischen Preistonsmittel, die zu diesem Zweck gewöhnlich angewendet werden. Man mag jedoch darüber denken, wie man immer wolle, die Hasmonäer scheinen die Opferwilligkeit des Volkes dadurch zu erhalten gesucht zu haben, daß sie die entweihten Steine des Altars, mit ihren Spuren des heidnischen Vandalismus nicht nur aufbewahrten, sondern sie gerade an der Stelle des neu geweihten Hetligthums ntederlegten, an welcher die „Opfer" von den Tempelbesuchern gefordert wurden. Das war eben die rotc^ mormn, die Marken Halle, an welcher der Preis der Opferobjekte zu entrichten war.