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Der Israelit · 1894-12-17 · Heft 98 (17.12.1894) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 98 (17.12.1894)
Date
1894-12-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1838 nicht einem Bedrücker seiner Religion die Hand reichen werde. Wir haben allen Grund zu der Annahme, daß die Herren von Rothschild, ehe sie in Unterhandlungen mit dem russischen Finanzminister traten, es fast zur conditio sine qua non machten, die Lage der bedrückten Juden in Erwägung zu ziehen. Niemand kann die dramatische Episode vergessen. welche das Pariser Haus Rothschild am Vorabend der letzten russischen Anleihe erfuhr. Wir verrathen kein Geheimniß, wenn wir sagen, daß die russische Regierung Versicherungen ertheilt hat, welche sie ehrenhalber binden, die Juden im russischen Reiche nicht weiter zu belästigen. Wir können erwarten, daß die Ausnahmegesetze allmählich gemildert und eine neue Ordnung der Dinge eingeführt wird, welche den Juden wenn nicht Wohlstand, so doch Ruhe sichert. Die Ersetzung des^Generals Gurko als Generalgouverneur von Polen durch den Grafen Schuwalow (einen Staatsmann mit erleuchteten westlichen Ideen) und die Gerüchte (welche man für begründet hält) über eine bevorstehende Ausdehnung des Niederlassungs-Rayons, sind Zeichen der Zeit, abgesehen selbst" von der ausdrücklichen Erklärung des Zaren Nckolai, daß"er alle seine Unterthanen ohne Unterschied des^Glaubens gleich behandeln will." Nach der „Polit. Corr." hat der Zar befohlen, daß alle neuerdings beifügten Ausweisungen von Juden unterbleiben sollen, auch wolle er das Gesetz, wonach nur 5 pCt. jüdischer Studenten an den russischen Universitäten immatrckulirt werden dürfen, aufheben. (Wie palästinensische Blätter berichten, fanden auch in Jerusalem gelegentlich der Eidesleistung russischer Unterthanen für den Czaren Sympathie- Kundgebungen der Elfteren für den neuen Herrscher statt. Der russische Konsul in Jerusalem hat infolgedessen den Veranstaltern dieser Kundgebungen den Dank des Czaren übermitteln lassen. Red.) eine Tochter. M Erzählung von H. Berger. 2.) (Alle Rechte Vorbehalten. Dr. Pretorias machte jetzt verschiedene Vorschläge, wie man den Tag verbringen wollte, aber keiner fand den Beifall seiner Frau, und so beschloß man, den Morgen iml Hause zu bleiben-und die Correspondenz zu erledigen und des Mittags sich einer..Gesellschaft anzuschließen. Der Postbote kam und brachte eine große Anzahl Briefe theils geschäftlichen, theils privaten Inhalts, deren Beantwortung den ganzen Morgen ausfüllte. Gegen Mittag ließ sich Herr v. Gilsa melden und er wurde äußerst freundlich von dem Ehepaar empfangen. Man unterhielt sich so gut, daß die Zeit wie im Fluge verstrich, und ehe man sich's versah, ertönte die Glocke des nahen Curhotels, welches die Gäste desselben zur tadle d’liote rief. „Schade," sagte Herr v. Gilsa, „daß Sie nicht an unserer Tafel speisen; bei angenehmer Unterhaltung schmeckt und bekömmt einem das Essen viel bcsser. Warum schließen Sie sich von unserer Tafel aus, da ja doch so viele Ihrer Glaubengenossen sich daran betheiligen?" „Unser Religtonsgesctz verbietet es uns, und Sie wissen, wir gehören zu denen, die noch nicht so weit von der Cultur beleckt find, um die Religion über Bord *u werfen," entgegnete der Anwalt. „Ich achte Sie deßhalb um so höher," berschte Herr v. Gilsa, „aber das sind ja doch nur Aentzerlichkeiten, Kleinigkeiten, wenn ich so sagen dai f, die mit dem wahren Wesen der Religion doch in keinem oder doch nur in losem Zusammenhänge stehen." „Sie irren, mein Herr; im Reiche des Sittlichen und der Religion gibt es keine Kleinigkeiten; da ist jedes Gebot gleich wichtig und die Uebertretung des einen zieht die Unterlassung des anderen nach sich. Wer es mit seinem Glauben und seiner Religion aufrichtig meint, hütet sich vor dem ersten Fehltritt. Zudem sind wir mit unserer Verpflegung recht zufrieden und (.önnen dem armen Glaubensgenossen den geringen Verdienst, der ihm aus unserer Beköstigung erwächst." „Sie haben Rechts ich sehe, Sie sind noch echte Juden, die ihre Religion mit den Herzen glauben. Heil Ihnen, denn Sie müssen sich dabet glücklich fühlen. Ich bewundere Sie, und kann nicht begreifen, wie Sie in Ihrer gesellschaftlichen Stellung Ihren Religionsgesetzen treu bleiben können. „Das ist ganz einfach," entgegnete lächelnd die Frau; „da wo wir gegen ein Religionsgesctz verstoßen würden, gehen wir nicht hin, und diejenigen Leute, die deßhalb keine Rücksicht auf uns nehmen, entbehren wir nicht." „Ein vernünftiger Grundsatz, dem man eine große Verbreitung wünschen sollte." Herr v. Gilsa verabschiedete sich jetzt und Dr. Pretorius und seine Frau machten sich bereit, ebenfalls zu Tisch zu gehen. Der Glaubensgenosse, bet dem das Ehepaar speiste, war arm, sehr arm. Trotzdem herrschte die peinlichste Reinlichkeit in Küche und Haus und die zahreiche Kinderschaar, die er besaß, war zwar ärmlich, aber sauber gekleidet. Die Frau war eine tüchtige Hausfrau und eine ansaezeichnete Köchin, welche es verstand das karge Einkommen ihres Mannes zusammenzuhalten und gut zu verwerten. Im kleinen Wohnzimmer war der Tisch für die Kurgäste gedeckt, wenn auch nicht so elegant wie im Hotel, so doch ebenso reinlich und appetitlich. Die Frau selbst stand mit glühenden Wangen und

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