Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 97 (13.12.1894)
- Date
- 1894-12-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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1814 Ziehung genossen haben mußten. Trotzdem mußte jeder lächeln, der Dr. Pretorias und seiner Frau zum ersten Male auf der Promenade begegnete. Der Grund dafür lag in den abnormen Größe- und Stärkeverhältntssen des genannten Paares. Herr Dr. Pretorius, ein angehender Vierziger, war ein kleines, feistes, kugelrundes Männchen, dessen Bäuchlein zu seiner Länge in keinem Verhältniß stand. Die Beine waren dünn und etwas nach außen gebogen, die Arme kurz und der kluge Kopf mit seinem, im hellsten Mondschein erglänzenden Schädel saß auf einem kurzen, dicken Hals. Sein Antlitz war die Gutmüthigkeit selbst und seine kleinen, klugen Augen blickten schelmisch in die Welt. Sein Temperament war lebhaft und er hatte Theilnahme und Interesse für Alles. Das Gegenstück bildete seine Frau, eine Dame von übernormaler Größe und beängstigender Magerkeit, die er scherzweise „meine Hopfenstange" nannte. Ihr Gesicht war schön, regelmäßig und ihre schwarzen Augen blitzten energisch, oft muthwillig auf. So ungleichartig dies Ehepaar in körperlicher Hinsicht war, so sehr harmonirten ihre Seelen und man kann sich keine glücklichere Ehe denken, als die, welche die beiden führten. Nur eines fehlte, um ihr Glück vollkommen zu machen: sie hatten keine Kinder, und hatten, da sie jetzt schon zehn Jahre verheirathet waren, die Hoffnung aufgegebrn, daß sie jemals mit Elternfreuden beglückt würden. In den ersten Jahren ihrer Ehe hatte dies manchmal verstimmend auf sie gewirkt, aber sie hatten sich in ihr Schicksal gefunden und sich noch enger an einander angeschlossen, als es im andern Falle hätte sein können, denn Kinder rauben einen Theil der Liebe, welche die Eltern für einander hegen und beanspruchen sie für sich selbst, während bei einem kinderlosen Ehepaar die gegenseitige Liebe ungetheilt jedem erhalten bleibt. Dr. Pretorius und seine Frau waren überall beliebt, und überall, wohin sie kamen, waren sie gerne gesehen. Er war ein vielbeschäftigter Anwalt, den das Vertrauen seiner Mitbürger sowohl in die Stadtals auch in die Landesvertretung erwählt hatte und der die höchsten Ehrenämter verwaltete. Dr. Pretorius war Jude, und obschon er sehr viel mit Nichtjuden verkehrte, war er ein Jude des alten Schlags, von echtem Schrot und Korn, der da nicht abweicht von dem Pfade des Rechts weder nach rechts, noch nach links. Auch seine Frau, welche einer der feinsten und frömmsten Familien der Residenz entstammte, hielt fest an den Geboten ihres väterlichen Glaubens nnd führte ein echt jüdisches Haus. Trotzdem sie die Speisegesetze strengstens befolgte, verkehrten die christlichen College» ihres Mannes mit ihren Familien gerne in ihrem Hause und diese nahmen wieder so viel Rücksicht auf ihre Religionsgesetze, daß auch Dr, Pretorius und seine F.au bll ihnen verkehren konnten. An dem kleinen Badcplatz hatten sie einen Glaubensgenossen gefunden, der ihnen gegen guten Entgelt rituell zubereitcte Speisen lieferte, so daß die Zeit, di? sie im Bad verbrachten, nicht aus einer Bade-, eine Hungerkur wurde. Wohl hatten sie anfangs unter dem Spott sog. aufgeklärter Glaubensgenossen zu leiden, welche es sich an der tadle d’höte des kleinen Kurhotels wohlschmecken ließen; als diese aber sahen, daß der Spott keine Wirkung hatte, daß das Ehepaar nach wie vor „rituell" lebte, hörte auch der Spott auf und mau fing au, die, welche man zuerst verspottet hatte, aufzusuchen. Bald hatte sich ein größerer Kreis um die beiden liebenswürdigen Leute gebildet, in welchem sowohl die Tagesfragen der Politik als auch Dinge aus dem Bereiche der Kunst und Lttteratur behandelt wurden. Sehr nahe schloß sich an das Ehepaar ein älterer Herr, ein pensionirter Ober-Regierungsrath, ein Herr von Gilsa, an. Er war ein alter Junggeselle, der viel in der Welt herumgekommen war und der zur Sommerzeit ein regelmäßiger Gast in dem kleinen Badtplatz war. Täglich nach Tische traf man sich und machte entweder Fußtouren in die reizende Umgebung, oder man erging sich im schattigen Buchenwalde, oder man musieirte. Frau Dr. Pretorius war eine Meisterin auf dem Clavier, und Herr von Gilsa durfte sich aus seinem Cello in jedem Concertsaal hören lassen. Obschon Dr. Pretorius nicht musikalisch war, liebte er trotzdem die Musik sehr, und als ihn einst Herr von Gilsa durch den künstlerischen Vortrag des Kol nidre von Max Bruch überraschte, fiel er ihm weinend um den Hals und nannte ihn seinen väterlichen Freund. „Die Musik ist doch die edelste Kunst," sagte er, „besonders die Musik im Dienste des Herrn; und erst unsere Musik, die gottesdienstlichen Gesänge der Juden, deren hohes Alter sie zum Eigenthum des jüdischen Volks gemacht hat, sie erfüllen in vollem Maße die Aufgabe der Kunst. Sie stimmen zur Andacht und führen unseren Sinn zu Gott, dem Inbegriff alles Edlen und Schönen hin." „Dies Urthetl möchte ich nicht so generell aussprechen", entgegnete Herr von Gilsa. „Die Wirkung der Musik ist eine subjective, auf jeden einzelnen Menschen verschiedene, und was Sie heute zu Thränen zu rühren vermag, geht an einem anderen wirkungslos vorüber." „Nicht doch; die Wirkung der gottdienstlichen