Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 97 (13.12.1894)
- Date
- 1894-12-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1815 Musik ist meiner Ansicht nach auf alle Menschen dieselbe, vorausgesetzt, sie haben schon als Kinder am Gottesdienste theilgenommen und die Melodien sind ihnen in Fleisch und Blut übergegangen." „Das möchte ich ebenfalls nicht so allgemein behaupten; freilich, die jüdischen religiösen Gesänge sind so originell, so ergreifend, so charaeteriftisch, daß sie dem Ohre unvergeßlich bleiben. Ewig werde ich an einen Vorabend des Versöhnungstages denken, an dem ich in Wien dem Gottesdienste beigewohnt und den Gesang des seligen Sulzer gehört habe. Ich bin kein Jude und verstehe kein Hebräisch, aber die Thronen traten mir in die Augen vor der Majestät des Gesanges." „Sie haben da aber auch den ersten und bedeutendsten unserer Cantoren gehört, dessen Gesang und dessen Vortragsweise unerreicht dasteht. Doch eine Bitte, Herr von Gilsa; spielen Sie die Piece noch einmal." „Sehr gerne." Und wiederum erklangen die unvergeßlichen Töne jener heiligen Melodie, die allüberall, wo ein jüdischer Gottesdienst statlfindet, den Versöhnungstag einleitkt, von dem meisterhaft gespielten Instrument wie aus tiefer Menschenbrust. Bald klagend, bald flehend, jetzt hochjauchzend versöhnend, beruhigend, dann kräftig wie der Sturmwind brauset, und zuletzt sanft wie das Säuseln des Zephyrs erklang es kn himmlischen Harmonien durch den Saal, die Herzen der Zuhörer packend und überwältigend. Der Vortrag hatte noch mehr Zuhörer herbeigelockt, und als Herr von Gilsa nach Beendigung des Kolnidre den Bogen weglegen wollte, lohnte lang anhaltender Beifall sein meisterhaftes Spiel. Die Damen und Herren machten ihm Complimente und es entspann sich eine animirte Unterhaltung über klassische Musik und die modernen Meister, die ihrem Vorbild Wagner nachbetend, Freunde der ewigen Melodie sind. „Ich kann ihnen keinen Geschmack abgewinnen", sagte Frau Dr. Pretorius; „Mozart, Beethoven, Weber, Meyerbeer sind meine Lieblinge." „Wie können Sie Meyerbeers Synagogenmusik mit Mozarts himmlischen Tonsötzen vergleichen", warf ein adeliges Fräulein ein, aber Herr von Gilsa erwiederte an Stelle der Frau Dr. Pretorius: „Haben Sie denn schon Synagogenmusik gehört, mein Fräulein, ja? Dann haben Sie sicher nichts davon verstanden und sprechen wie der Blinde von der Farbe. Hören Sie erst einmal jene uralten wunderbaren Melodieen aus dem Munde eines Meisters und Sie werden mit Entzücken und mit Andacht von der Synagogenmvsik sprechen und nicht gedankenlos das Urtheil eines Stümpers nachbeten." Ohne eine Antwort von Seiten der verblüfften Dame abzuwarten, entfernte sich Herr v. Gilsa und der Anwalt mit seiner Frau folgten ihm. Draußen traf man wieder zusammen, doch sprach man nicht weiter über den unerquicklichen Vorfall, sondern genoß mit ungetrübtem Behagen die balsamische Luft und die wunderbare Schönheit der Natur. Dr. Pretorius war ein Frühaufsteher, der am liebsten des Morgens das Aufgehen desTagesgeflirns im Walde erwartete; diese frühen Morgenstunden in Gottes freier Natur waren ihm zum Bedürfniß geworden; da es in W. eine Synagoge nicht gab, betrachtete er dieselben wie einen Gottesdienst und erst nachdem er seinem Gotte in der freien Natur gedient und sein Morgengebet verrichtet hatte, ging er nach Hause. War er mit seinem Gebete zu Ende, so erwartete ihn seine Frau zum Frühstück und gemüthltch plaudernd wurde dasselbe eingenommen. Regnete es, so daß der Spaziergang ausfallen mußte, so arbeitete der Anwalt in den Morgenstunden und er hatte oft schon sein Tagewerk vollbracht, ehe ein anderer den Tag begonnen hatte. Auch heute hatte ihn ein feiner Sprühregen nach Hause gejagt und er wollte sich gerade zur Arbeit niedersetzen, als seine Frau bei ihm eintrat. Rasch sprang er auf und bot ihr guten Morgen und fragte ängstlich, was sie so frühe vom Lager getrieben habe. „Ein böser Traum," entgegnete sie lächelnd, „schreckte mich auf und da mochte ich nicht weiter schlafen." „Und was hast Du denn so Schreckliches geträumt?" fragte er, ihre Hand zärtlich streichelnd. „Ach, Unsinn, natürlich Unsinn," versetzte sie. „So erzähle mir den Unsinn." Die Frau erröthete bis in die Schläfe und sagte: „Wozu soll ich den Unsinn erzählen; ist es nicht genug, daß ich mich im Traume darüber geängstigt habe?" „So laß mich die Ursache Deiner Angst wiffen." Er ließ nicht nach, sie bitten, bis sie seinen Wunsch erfüllte und leise begann: „Ich träumte, wir hatten ein Kind. —" „Das ist schön," unterbrach er sie, „es war doch rin Sohn?" „Nein," antwortete sie lächelnd, „es war kein Sohn; es war eine Tochter." Bittere Enttäuschung malte sich auf seinem Antlitz, und in langsam gedehntem Tone sagte er: „Nur eine Tochter, das thut mir leid." Jetzt war die Reihe, zu lachen, an der Frau, und ihr Lachen klang silberhell durch das Zimmer.