Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1894-12-13 · Heft 97 (13.12.1894) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 97 (13.12.1894)
Date
1894-12-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448412-2448500--39786-2487952
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1811 gegenüber müßten auch wir uns entgegenkommend und assimilationsfähig zeigen. Man kann zugeben, daß diese Anschauung auf den ersten Blick manches Plausible für sich hat, aber nur für den ersten Blick; wer der Sache tiefer auf den Grund geht, muß zu einem anderen Resultate kommen. Das historische, von den Vätern überlieferte Judenthum, welches man gewöhnlich zur Unterscheidung das orthodoxe nennt, hat durch Trennung von den Bekennern des Reformjudenthums seine Erhaltung und Erstarkung gesucht und G. s. Dank auch gefunden. Es ist dies nirgends aus Feindseligkeit oder gar persönlicher Gehässigkeit, sondern aus der bitteren Nothwendigkeit geschehen, weil dies der einzige Weg für Erreichung alles dessen ist, was gemeinsam mit den von dem gesetzestreuen Judenthum abgefallenen Brüdern nicht zu erreichen war. Diesem Prinzip der Lossagung und unabhängiger Entwickelung verdankt das orthodoxe Judenthum die Achtung gebietende Stellung, welche es sich errungen hat. Und Angesichts dieser Errungenschaften sollte es rathsam, sollte es statthaft sein, das Prinzip aufzugeben, dem man diese Errungenschaften verdankt? Man sollte wohl glauben, daß das Gegentheil geboten sei. So lange uns unsere Gegner feindlich gegenüber stehen, sorgen sie schon dafür, daß eine Annäherung an sie, welche das bereits Errungene gefährden könnte, ausgeschlossen ist. Wenn aber unsere Gegner, hinsichtlich ihrer Gesinnung, ihres praktischen Thuns und Lassens unsere Gegner geblieben sind, wie sie es immer waren, und nur äußerlich uns entgegen kommen, um durch Vereinigung alles in Frage zu stellen, was durch Trennung erreicht wurde, dann sollte man sich doch zweimal besinnen, ehe man dem Zuge des Herzens folgend, sich mit seinem eigenen Lebensprinzip in Widerspruch setzt. Auf Grund dieser Erwägung muß dieses Laviren und Fraterntsiren mit den ausgesprochenen Gegnern des orthodoxen Judenthums als eine große Gefahr erschemen. Diese Gefahr mag von unseren Gesinnungsgenossen leicht deßhalb unterschätzt werden, gerade weil sie sich bewußt sind, ihre eigene Charakterfestigkeit und Ueberzeugungstreue werde auch der Verkehr und die Gemeinschaft mit den Gegnern nicht berühren. Sie glauben gewiß dem orthodoxen Judenthum einen wesentlichen Dienst zu leisten, wenn sie es gerade im Verkehr mit solcher Umgebung unverkürzt zum Ausdruck bringen. Sie wähnen die Sache des orthodoxen JudenthumS da zu fördern, wo sie ihm, unserer innersten Ueberzeugung nach, so unsäglich schaden. Als die Jahre lang getrennten Brüder, von welchen unsere Stdra erzählt, sich wieder zusammenfanden, da küßte Esau den Jakob. Aber das Gotteswort unterläßt nicht diese» Kuß besonders zu markiren, um uns daran zu erinnern, welcher Werth solchen Küssen betzulegen ist. Hätte Vater Jakob diese zur Schau getragene Freundschaft erwiedert, so hätte sie für ihn schlimmere Folgen gehabt, als die offenen Fehde mit dem Bruder. Mit diesem Kuß will Esau Jakob für sich gewinnen, aber Jakob blieb kalt wie Marmor. wy ss9'2 na« bv nrrn t*b nab .(mn temo) vrv bv vwn» Wo bis jetzt unsere entfremdeten Brüder so geflissentlich ru^i hj/dj das gemeinschaftliche Zusammengehen betont haben, ist der Pferdefuß immer in Form eines twA roto« nachgefolgt, weil der Gegner unter diesen verbindlichen Form des guten Einvernehmens, seine Opposition viel erfolgreicher geltend machen kann und dabei leichter seine Rechnung findet. Wir aber hoffen, daß unsere einsichtigen Leser diesen unser» Standpunkt wie bisher so anch in Zukunft würdigen und theilen werden. Wir find auf die Einsicht und Nachsicht unserer Freunde und auf ihre thätigen Sympathien in dieser bewegten Zeit mehr als je angewiesen. Wo alle Ereigniffe und Begebenheiten darauf berechnet und jedenfalls dazu angethan sind, lockernd und zersetzend zu wirken, soll der „Israelit" auch fernerhin das einigende Band bleiben, welches die Bekenner des orthodoxen Judenthums in Freud und Leid verbindet. Dafür ist der „Israelit" von seinem unvergeßlichen, unersetzlichen Begründer vor 35 Jahren ins Leben gerufen worden. Der Gedanke an ihn, soll auch weiterhin der Leitstern sein, dessen lichten Spuren wir folgen. Dafür erbitten wir die Gnade Gottes und die Mitwirkung unserer geehrten Leser auch für den demnächst zu eröffnenden sechsunddreißigsten Jahrgang des „Israelit." Zeitnttgsnachrichten «ud Corresporrdeuzeu. Deutschland. Mainz, 11. Dez. Die Eingänge der Spenden für die Armen des heiligen Landes sind in den letzten Jahren leider in stetem Rückgänge begriffen. Mag nun die Ursache in der großen wtrthschastltchen Depression liegen, unter welcher namentlich unsere Glaubensgenossen infolge der wüsten Hetze leiden, die gegen sie seit Jahren systematisch betrieben wird und die sich, wie dies bei keinem anderen politischen Kampfe der Fall ist, hauptsächlich in der Untergrabung ihrer Existenzbedingung bekundet, mag der Grund in der vielfachen anderweiten Inanspruchnahme zu suchen sein, genug die Thatsache läßt sich nicht hinwegleugnen, während

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.