Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 97 (13.12.1894)
- Date
- 1894-12-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1810 Nummer registrtrt, unsere ganze Stellung gezeichnet, die wir zu den Kämpfen des Tages einnehmen! Wir Juden sind unter allen Culturvölkern das einzige Volk, welches seine Jahre nach Erschaffung dieser Welt zählt, in welcher wir leben. Und in dieser Welt zu leben, zu athmen und unsere Kräfte zu entfalten, möchten uns diejenigen erschweren und unmöglich machen, die sich selber dreimal jünger als uns erklären. Die neunzehnhundertjährigen erklären die siebenundfünfzighundertjährigen als Eindringlinge und als Fremde! Dieser Kampf, der uns von außen unter allen denkbaren und undenkbaren Vorwänden aufgedrungen wird, weiterzukämpfen, wird auch in der uns nun bevorstehenden Jahresspanne die angelegentlichste Aufgabe sein. Das Zünglein der Wage mag in diesem Kampfe sich auf die eine oder andere Seite neigen, ja es mag zu Zeiten tief zu Gunsten unserer Gegner sinken und deren materielles Uebergewicht ostentativ vor aller Welt bekunden, über den endlichen Ausgang dieses Kampfes können wir keinen Augenblick in Zweifel sein. Sich durch keine Mißerfolge im eigenen Lager und durch keine gegnerischen Errungenschaften den Blick auf die Zukunft trüben zu lassen, soll auch in der Folge die Tendenz des „JSraelit" sein. Hat sich doch diesen Ehrennamen Vater Jakob, wie unser Wochenabschnitt berichtet, eben in diesem Kampfe mit dem Genius Esau's errungen. Dieser Kampf hat keine Zukunft. Er dauert nur solange, als Wahn und Haß das Urtheil trüben und den Blick umnachten, aber mit dem heraufziehenden Morgenroth des anbrechenden Tages hat auch der Kampf ein Ende. So lange er dauert, ist Jakob der Fortschritt erschwert und die Mittel dazu wie dem Ahn in dem nächtlichen Ringkampfe verkümmert. Aber die Zeit wird kommen, wo die Hand, die sich heute drohend gegen Jakob erhoben hat, sich in die des Bruders zum treuen Handschlag legen, wo das verwünschende Wort auf der Bruderlippe zum Segen wird. Deshalb kann uns keine Unbill und keine Lieblosigkeit verbittern, weil wir wissen, daß einst dieser Bruderzwist in Bruderliebe enden und daß die so lange und so hartnäckig versagte, sorgende Anerkennung uns einst so sicher werden wird, wie sie dem Ahn geworden, als er für die Schrecken und Aengsten des nächtlichen Kampfes keine andere Entschädigung, als eben diese Anerkennung verlangte und sie auch erlangte, wie eben unser Wochenabschnitt berichtet: dn 'D noN’i "irwn rby ’d -MX"I npjp t*b noNM ppp' -jüN'i ,*pr no vbt* ids'i wd-q d’imn dvi oy nnr o ton»' on *d yav my -lox» „Er sprach, lasse mich, denn der Morgen ist angebrochen. Er aber sprach, ich lasse dich nicht, du hättest mich denn gesegnet. Er sprach zu ihm, wie ist dein Name? Er sprach: Jakob. Da sagte er: Nicht Jakob werde dein Name fernerhin genannt, sondern Israel, denn du hast mit göttlichen Wesen und mit Menschen gekämpft und hast obgesiegt." (I. B. M. Cap. 32, V. 27, 28, 29.) Bis diese Zeit gekommen sein wird, wird der „Israelit" jederzeit den Handschuh aufnehmen, den Vorurtheil, Neid und Haß dem Judenthum und seinen Bekennern hinwirft. Aber wir werden der Lieblosigkeit und Gehässigkeit, wie bisher nicht mit Groll und Verbitterung entgegen treten. Es fehlt dazu jeder vernünftige Grund. Abgesehen von den bereits oben betonten Erwägungen, läßt sich ja auch nicht in Abrede stellen, daß die judenfeindliche Strömung unserer Tage bet allem Herben und Trüben, das sie für uns im Gefolge hat, auch ihre nicht zu unterschätzenden Lichtseiten besitzt. Dazu rechnen wir vor allem den wohlthätigen Einfluß, welchen der von Außen auf uns geübte Druck, auf den festeren Anschluß ausübt, der sich von Tag zu Tag immer inniger zwischen den einzelnen Gliedern des zerstreuten Israel vollzieht. Allerdings birgt auch dieser Anschluß der verschiedenartigsten Elemente innerhalb der heutigen Judenheit seine ernsten Gefahren in sich, auf die hinzuweisen wir auch in Zukunft schon deshalb als unsere wesentlichste Pflicht erachten, weil wir hinsichtlich dieses Punktes oft mit nahe stehenden Gesinnungsgenossen nicht dieselben Wege wandeln können. Das orthodoxe Judenthum, seine Institutionen, seine Lehrer und Vertreter wurden von der gegnerischen Richtung zur Zeit der Gründung des „Israelit" mit Zurücksetzung und geradezu mit Verachtung behandelt. Man hielt seine Schöpfungen und Leistungen nicht concurrrenzfähig, nicht ebenbürtig mit denen des Reformjudenthums, wenigstens gaben sich die Wortführer des letzteren diesen Anschein. Dies hat sich heute geändert. Und vielleicht ist uns gestattet zu sagen, daß es auch dem „Israelit" unter der Leitung seines unvergeßlichen Begründers vergönnt war, sein Scherflein zu dieser Wendung zum Besseren beizutragen. Man rechnet heute mit dem orthodoxen Judenthum wie mit einem gleichwerthigen Faktor, man erkennt mehr oder weniger herablassend, jedenfalls aber notgedrungen an, daß das orthodoxe Judenthum, seine Gemeinden, Rabbinen, seine Vtldungsanstalten, seine Wissenschaft und deren Vertreter auch das Recht hätten, zu athmen und zu extstiren. Dieser veränderten Haltung gegenüber glauben manche unter uns, sei die zurückhaltende, ablehnende Haltung, die früher wohl ihre Berechtigung haben mochte, heute nicht mehr am Platze. Noblesse oblige; diesem offenkundigen, allseitigen Entgegenkommen