Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 96 (10.12.1894)
- Date
- 1894-12-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1802 Zar und Jüdin. Drama in 1 Akt von Karl Biesendahl. Stuttgart. Glaser und Sulz. Zar Peter der Große liebt die Judith, die Tochter des jüdischen Kaufmanns Isaak. Ihr Bruder, der Leibarzt Jakob glaubt, daß die Ehre seiner Schwester verletzt sei; er nimmt an der Verschwörung der aufständigen Bojaren theil und versucht den Kaiser zu vergiften. Peter aber hatte die Absicht, Judith zur Zarewna zu erheben. Judith entdeckt den Plan ihres Bruders und um den Kaiser vom Tode zu erretten, trinkt sie selbst den diesem gereichten Giftbecher. Dies der Inhalt des spannenden Dramas, das sich in kurzen, krassen Zügen vor unseren Augen abspielt. Schöne, reine Sprache in leichtflüssigen Versen, sowie einfache und scharfe Charakteristik empfehlen das Drama der Bühne, die es indessen leider, dem heutigen Geschmack entsprechend, nicht sehr herzlich bewillkommnen wird. Desto mehr können wir die Lektüre anrathen. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 23. November. In einer einfachen, anspruchslosen Feier wurde gestern Mittag der Grundstein zu einem Hause gelegt, in dem künftig die Menschenfreundlichkeit und das Erbarmen eine Werkstatt, das Elend eine Zuflucht finden soll. Auf dem Grundstück Gormannflraße 3, an der Ecke der Rosenthaler- und Weinmeisterstraße soll ein eigenes Haus der „israelitischen Volksküche" entstehen, ein Haus, in dem zugleich eine ganze Anzahl menschenfreundlicher Stiftungen ihren Sitz finden soll. Fortan braucht in unserer Millionenstadt kein Mensch zu hungern, geschweige denn zu verhungern. Zu den Anstalten, die diesem äußersten Elend kräftig wehren, gehört in erster Reihe die israelitische Volksküche. In noch nicht ganz drei Jahren ihres Bestehens hat sie nach ihren Rechenschaftsberichten 219,570 Portionen gratis vertheilt, das heißt weit über zweimalhunderttausend Menschen sind da hungrig eingetreten und haben, ohne einen Pfennig bezahlt zu haben, satt das Haus verlassen. Für je fünf Pfennig wurden 486,978 Menschen gespeist. Daß hier Niemand nach seinem Glauben gefragt wird, bedarf kaum ver Erwähnung — wer hungert, ist dort legitimirt und wohl ausgenommen. Und dieser Anstalt soll nun ein eigenes Heim errichtet werden. Auf dem einfach und würdig geschmückten Platz fand sich eine kleine Festversammlung zusammen. Gesang eröffnete die Feier, dann begrüßte der verdienstvolle Gründer dieser Volksküche, Herr Hermann Abraham, in einer herzlichen Ansprache die Gäste, erörterte den Zweck des Hauses, dem nun die erste Weihe gegeben werden sollte, und das bestimmt ist, der Menschenliebe zu dienen, eine Zuflucht der Trostbedürftigen zu sein. Eine herzliche Ansprache hielt auch Rabbiner Dr. Maybaum, welcher die Hoffnung aussprach, das neuerstehende Haus und das menschenfreundliche Walten, dem es bestimmt ist, werde dazu beitragen, die Gegensätze zu versöhnen und Frieden zu erzeugen da, wo zur Zeit Haß und Leidenschaften wüthen. Mit kräftigen und schönen Sprüchen schlossen sich viele andere Gäste im Vollzug des Hammerschlages an, und Gesang beendete die Feier der Grundsteinlegung. Am Tage zuvor wurde übrigens die achte Kinder Volksküche in der Lübeckerftraße 22 mit einer einfachen Feierlichkeit eröffnet. Eine kleine Anzahl von Gästen und eine große Anzahl von Tischgästen hatte sich eingefunden. Auf die Eröffnungsansprache des Herrn Abraham antwortete der Rector einer Schule, und dann begann die Bewirthung der kleinen Kostgänger. Die neue Volksküche, den armen Kindern von Moabit geweiht, wird unter Leitung der Frau Bürgermeister Ktrschner stehen. Berlin, 2. Dezember. In dem Berliner Antisem. Gen.-Anzeiger vom 25. v. Mts. war, wie der Ostsee-Ztg. ein Leser aus Gollnow schreibt, folgende Mtttheilung enthalten: „Stargard. Der in einer Streitsache als Zeuge erschienene jüdische Dr. med. Gottschalk aus Gollnow wurde wegen dringenden Verdachts des Doppelmeineides auf Antrag der königlichen Staatsanwaltschaft in Untersuchunghaft abgeführt." Das antisemitische Blatt hat, wie dies bei antisemitischen Organen so der Brauch ist, vermutlich aus dem Namen des Dr. Gottschalk auf dessen Abstammung und Religion geschlossen und auf diese bloße Annahme hin, aus dem Vorfall selbst für seine hetzerischen Zwecke Kapital geschlagen. Tatsächlich ist dem Gollnower Gewährsmann des B. T. zufolge der betreffende Dr. Gottschalk evangelisch und der Sohn eines königlichen Försters. An sich hat natürlich weder die christliche noch die jüdische Religion und Abstammung etwas mit dem Verbrechen des Meineides zu thun, das, ob von Christen oder Juden begangen, gleich verabscheuenswert bleibt. Berlin, 6. Dezember. Der von der deutschsozialen Reform-Partei (Antisemiten) eingebrachte Gesetzentwurf, betreffend die Einwanderung ausländischer Juden, hat nach dem „Berliner Lokal-Anzeiger" folgenden Wortlaut: „§ 1. Die Einwanderung von Juden, die nicht in Deutschland staatsangehörig sind, ist untersagt. § 2. Ausländische Juden, die sich bet Inkrafttreten dieses Gesetzes in Deutschland aufhalten, um sich dauernd niederzu-